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Wöchentliche Beilagen: KreiSblatt für He Kreise Mnrvnrg wt> Kirchhain. EZto222 Jllnstrirte- Ssnntng-Blntt.
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?rschrint täglich außer an SBtrftagtn nach Sonn- und snirtagrn - Quartal AbormemeMS-Preis bei der Frpe- dit^a *। SW, bei allen Postämtern 2 M. 25 Pfg. (Al. »»Madb) Insertionsgebühr für die gespaltene Zeil. »d«r deren Raum io Prg., Reklamen für di«Zeil« 25 Pfg.
Marburg,
Sonnabend, 21. November 1896.
Anzeigen nimmt entgegen bi« Expedition dieses Blatter, fr»i« bi« Annonceu-Bureaux von Haasenftrin u. Vogler in Frankfurt M., Cassel, Magbeburg unb Wien; Rudolf Moff« in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln, 6. L. Daube u. To. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Paris.
XXXI. Jahrg.
Das Duellwescu und der Fall Brüsewitz im Reichstage.
Vom Oberstaatsanwalt in Breslau ist ein Gesuch ein- ,«gangen um Genehmigung jur Einleitung eines ehrengerichtlichen Verfahrens gegen bin Abg. Rechtsanwalt R-dwanski. Das Gesuch geht an bie Geschäftsordnung» kowmission. Ging,gangen ist ferner die Novelle zum Un- fallgesetz. Das Hau» fährt in der Bespechung her Jnter- pellatwn Mnnckel und Genossen betr. da» Duellwesen und de« Fall Brüsewitz fort.
Bayerischer Geh. Rath v. Heller: Ich muß »ine Behauptung des Abg. Bebel als unbegründet zurückweisen, wonach ein Staatsanwalt als Vorsitzender eines Ehrengerichts in Würzburg einen Reserveoffizier zum Duell ge- nölhigt haben soll
Abg. Graf B-rnst orff. Lauenburg (Rp.): Ich bin dem Herrn Reichskanzler für sein« Erklärung bezüglich des Duells dankbar. Dem Herrn B-chem muß ich bemerken, daß die evangelische Kirch« dem Duell gerade so feindlich gegenübersteht wie die katholische. Ich glaube, daß «S auch evangelische Offiziere giebt, die eventuell lieber auf d«S Königs Rock verzichten als sich duelliren würden.
Abg. Rickert (fr. 8g.): Ich freue mich, daß der Herr Vorredner, obgleich er auf finer Seit« sitzt, solchen Standpunkt einnimmt. Ob das auch viele feiner Freunde thun, erscheint mir allerdings fraglich. Graf Stolberg jedenfalls erklärte die Bestitigung d«s Duells für unmöglich. Wieso? Ich halte sie für ebenso möglich wi« nölhig. Ueber den Fall Brüsewitz will ich nur wenige Bemerkungen machen. Ich gebe zu, daß der ungünstig« Eindruck, den di« Aeußerungen d«s Kriegsministers beim Hören auf mich gemacht haben, sich beim nachträglichen Lesen desielben etwas abgeschwächt hat. Namentlich konstatir« ich danach, daß auch das Offizierkorvs in der Verurtheilung des Brüsewitz einig sei. Leider hat der Kriegsminister, der uns ermahnt hat, das Urtheil abzuwarten, dies« Mahnung selber nicht befolgt, sondern ein ungünstiger Urtheil über den Charakter des Erschlagenen abgegeben. Nur dadurch ist überhaupt erst die Erregung in die Debatt« gekommen. Was da« Duellwesen angeht, so bedeutet die Erklärung des Reichskanzlers unoerkennbar einen Fortschritt, insofern die Ehrengerichte auch nicht einmal die Zulassung d-S Duells sollten aus- spreche ndürfen. Der Vertreter für Bayern hat in Abrede zu stellen versucht, daß in der Duellfrage wesentliche Unterschiede zwischen Preußen und Bayern beständen. Aber im Gegen- wtz zu Preußen bestehen doch thatsächlich n Bayern keine »tfitmmungen, won-ch Offiziersaspiranten, die grundsätzlich das Duell verwerfen, ausgeschlosien sind. DaS ist doch ein Unterschied und zwar zum Vortheil Bayer, S. Nicht erfreulich an der Erklärung des Reichskanzlers war nur, daß eist abgewartet werden soll, wi« die neuen ehrengerichtlich«« Vorschriften wirken, «he an eine Lenderung der Straf- nchtSbestimmnngen über das Dn«ll herangetreten wird, hur kann jede« Abwarten nur di« Erbitterung steigern R-thigenfallS muffen wir hier eingreifen. Es kann doch nicht so schwer sein, di- bezügl. gesetzlichen Bestimmungen zu andern. Ich werd« mir erlauben, den Vorstand zu er- suchen den Antrag Mnnckel betreffs Verschärfung der strafrechtlichen Folgen d«s Duell, gleich nach der ersten Lesung «8 Etats auf die Tagesordnung zu stellen. Es muß
(Nachdruck vrrboten) Waisenkind.
Von Mary Widder«.
(Fortsetzung.)
„Jetzt mach ein Ende mit so einfältigen Reden," sagte die Obristin zu Hildegard. „Denkst Du denn, K wäre mir angenehm, solchen absurden Ideen Worte geben zu hören? Was aber Herrn von »ardanek anbekifft/ fuhr sie fort und hob mit un- uachahmlicher Geberde den Kopf, daß er wie im Schraubstock steckend schien, „so würdest Du es jedenfalls auch als höchstes Glück ansehrn, wenn er stch herabließe, wirlich um Dich zu werben.
„Tante, da kennst Du mich schlecht, mich blenden Rcichthum und Name nicht. Herr von Bardanek tonnte aas den Knie en vor mir liegen — die Hand reichte ich ihm doch nicht."
„Hildegard, bist Du verrückt?!"
„Keineswegs, ich —"
„Du wirst jetzt schweigen und mir Deine Gegenwart entziehen," brauste die Obristin auf. „Für heute Abmd habe ich vollkommen genug von Dir. Aber das sage ich Dir noch, wage nicht, mir auch morgen zu trotzen, ich könnte mich doch sonst ge- »öthigt fühlen, einm Schritt zu thun, der sich mit Deinem Selbstgefühl durchaus nicht vertrüge " . Das Ehrgefühl empörte sich in der Brust deS Magen Mädchens. „Du könntest mich fortschicken, Laute, und das würde mich nur ttaurig machm — «araldS wegen."
„So — nun, was sollte aus Dir werden wenn ich fragen darf, dächte ich wirklich daran. Dir •« Thür zu weisen?"
Einen Moment preßtm sich die blühenden Lippen «8 jungen Mädchens fest aufeinander, dann sagte
str-ficchtlich festgelegt werden, daß da» Durll keine ehrenvolle Handlung ist. Was die Begnadigungen anlangt, so unterliegen dieselben unzweifelhaft der Verantwortlichkeit deS Miiisters. Die barbarische Mani« deS Duells wollte Friedrich der Große auf dem Wege eines internationalen Kongresses beseitigt w ffen. Heut« bedarf es dazu keine» KongreffeS, heute sind die Pailamente da. Keinetfall» bandelt es sich bei alledem um eine Verhetzung durch die Preffe. Die Bewegung ist vielmehr von innntn heraus gekommen.
Bayerischer Gen.- Maj. Reichlin v. Meldegg: Für das Lob, welches der Vorredner Baye n gespendet hat, bin ich dems«lben dankbar. Dieses Lob ist aber nur mit Vorsicht aufzunebmen. Der angebliche Gegensatz zwischen Bayern und Preußen besieht nicht, die ehrengerichtlichen Bestimmungen sind dort unb hier Dieselben.
,_.216g. ö. Hodenberg (Welfe.): Ich kann di« opti- mrstliche Auffassung des Grafen Bernstorfs nicht theileu. Wr« in Oesterreich darf man Duelle nur auf Säbel zu- lassen und außerdem muß man um politische Einflüsse in den Ehrengerichte« auSzuschließen, dieselben anders als bisher zusammenfitzen. Ich verspreche mir jedenfalls von dem nicht Mel, was der ReictSkanzler angekündigt hat. Tie Frechheit der Preffe ist nicht genug zu bekämpfen, die mit rhren Beleidigungen sogar di« Fürsttn nicht verschont, so z. B. den Fürsten Reuß S. L (Heiterkeit). Der Eiste, der das Beispiel gegeben hat, mit schwer beleidigenden An- gnffen auf seine Gegner lokzugchen unb sich hinterher auf seine Immunität zurückzuziehen, ist der Fürst Bismaick ge- wesen. Dabei hat gerade dieser sich gegen seine Beleidiger durch Strafantragsformulare geholfen. Wenn man vom Duell spricht, so dentt man auch an die Verleumdungssucht und bemüht sich, diese abzuschaffen. Ich erwarte wirkliche und ernstliche Abhilfe gegen das Duell ausschließlich von einem Machtwort des Kaisers.
Abg. Lenz mann (freis. Vp.): ES ist auf höheren Befehl ein illusirirtes Blatt koi.fiszirt worden, weil es sich mit dem Fall Brüsewitz beschäftigt hatte. Damit auch da- Komische nicht fehle, hat sich eine Stlidentenversammlung in Charlottenbnrg gegen die Abschaffung deS Duells erklärt, weil der Kaiser es billige und selber gepantt habe (Heiterkeit). So etwas geschieht in einem Augenblick, wo der Kaiser und die ersten Räthe seiner Kron« auf Mitt«! gegen das Duellunw-ftu sinnen. AuS ter Erklärung des Reichskanzlers geht wieder einmal hervor: wir sollen abwarten Das Begnadigungsrecht, bezw. seine Ausübung durchkreuzt schlechthin die Wirkung deS Gesetzes, und der Reichstag ist daher wohl berechtigt, daran Kritik zu üben. Den Räth n der Krone kann ich nur empfehlen, «ine Kabinetsordre zu veranlaffen, welche den Offizieren sagt: DaS Duell ist gefetz widrig; wer sich duellirt, wird bestraft und wer das Gesetz respektirt, erfährt dadurch kein« Schmälerung seiner Ehre. Bedauerlich ist die schroffe Zurückweisung dessen, waS da» Volk über den Fall Brüsewitz denkt, durch den KriegSminister. Mit Herrn v. Bronsatt war es ein Vergnügen hier zu kämpfen, aber mit dem jetzigen Kriegsminister! Wir sollen, so tagte derselbe, den Fall Brüsewitz niit verallgemeinern. Ja, wer denkt denn daran? Herr Bachem und auch Herr Baflermann meinten, der Offizier habe eine besondere Ehre Nr in, es giebt keine besondere Ehre, es giebt nur eine Ehre! jd; stelle den Offizier st and nicht unter, aber auch nicht über irgend einen anderen Stand. So etwas anznnehmen, ist eine Ueberhebung (Rufe: Sehr wahr!). Es giebt feinen
sie ruhig: „Ich käme nicht um, Tante Ulrike, so lange eine Ludowika von Solms-Hegendorf lebt."
„Mädchen!" Wie ein Schrei — wild, markerschütternd kam es über die Lippen der Obristin, aber Hildegard Winter achtete ihrer maßlosen Aufregung nicht, mit einer leichten Verbeugung verabschiedete sie sich von der erzürnten, namenlos erbitterten Frau, und ehe noch ein weiteres Wort gesprochen weiden konnte, hatte sie das Thürschloß und das Zimmer verlassen.
Acht Tage waren seit dem Tage vergangen, Herr von Bardanek war während ihres Verlaufes täglich in dem Hause der Obristin gewesen, wodurch sich unsere junge Heldin auf außergewöhnliche Weise beängsttgt fühlte, denn jetzt entging es auch ihr nicht, daß der junge elegante Mann, der mtt dem Golde um sich warf, als wären diese Friedrichs- unb Louisd'ors nur eitel Spielmarken, ein bedeutendes Interesse für sie hegte. Trotzdem sie nie irgend welche Freude über seine Aufmerksamketten verrieth, erneuerte er dieselben doch immer wieder, ja es verging kein Tag, an dem nicht schon früh Morgens ein Gärtnerbursche erschien, mü den kostbarsten »hinten buchstäblich be- laben. Unsere Hildegard liebte gewiß die duftenden lieblichen Kinder Floras, dennoch aber äußerte sie gegen die Tante ihren Unwillen über diese nie. enden wollenden Geschenke, sagte, daß eS ihr geradezu peinlich wäre, von ihm so Werthvoller hinzunehmen, ohne daß sie doch in irgend welchem Verhältniß, außer dem eines gleichgilttg verwandtschaftlichen zu ihm stände.
„Unsinn," erwiderte die Obristin, die sonderbarer Weise noch nicht mtt einer Silbe auf daS Endwort Hlldegards au jenem Abend, an dem Herr von Bardanek seinen ersten Besuch gemacht, zurückgekommen
ersttn Stand, der Offizierstand ist doch r.ur zum Schutze der anderen Stände da, die produktiv find! Leider ist nun aber die Aeußerung Baflennann'S nur der Niederschlag der Meinung in den „besseren" Ständen. Der Oberlehrer oder Kanfwann, der sein« „R«serveoffizierS-Eigenschast" über den Oberlehrer resp. Kaufmann stellt, degradirt damit seinen ganzen Stand. Neulich las ich sogar eine V«rlobungsanzeige, la stand nur angegeben: „Lieutenant ter Reserve". Ich frage mich, womit will der Mann sein« Frau ernähren. (Heiterkeit.) Daß — entgegen der Meinung des KriegS- ministerS — der Fall Brüsewitz eng zusammenhängt mit dem falschen Ehrgefühl, daS beweist der unwidersprochen gebliebene Ausruf be? Brüsewitz vor ber That: „Ich bin jetzt ein verlorener Mann, mein« Konifere ist zerstört!" Wie konnte man Brüsewitz noch zwei Tage Dienst thun unb frei umpergebjn lassen, so daß er sich mit bem Zeugen Jung- Sillling besprechen konnte. Von Nothwehr kann in biefem Falle gar keine Reb« sein, e» handelt sich dabei vielmehr um vorsätzliche überlegt« Tödtung, also um Mord. Ist Brüsewitz wirklich der Musterknabe, als den ihn der Minister schildert, dann ist die Institution um so gefährlicher, die ihn zwang, den Siepmann niederzustrecken. Letzterer ist nicht so schlecht, als ihn der Minister schildert-. Ich habe seine Zeugnisse telegraphisch eingefordert. (Redner verliest die sämmtlichen Zingniffe) Der Minister wird vielleicht sagen, las sind Zeugnisse von Civilisten. Aber auch sein mili torisches Zeugniß lautet vorzüglich. (Redner verliest es.) Das Alle» hier festzustellen, sind wir der Ehre deS Ge> tödteten schuldig! (Lebhafte BravoS!) Der Geist des Er mordetin wird die verbündeten Regierungen zu einer Reform der Militärstrafprozeff s zwingen. Es giebt nicht nur eine Königs Nothwehr, es giebt auch eine „Volks-Nothwehr"! Wenn wir jemals eine Revolution bekommen, was ich nicht wünsche, dann fragen die Verantwortung diejenigen, welch« dem Volke dringend« Forderungen versagen.
Kriegsminister v. Goßler: Ich habe nur geurtheilt nach Mittheilungin, die mir gemacht worden sind, ich kenne di- Akten nicht und auch nicht die Zeugniff« deS Todten. Wo« di« Militarstrafprozeßordnnng anlangt, so bringe ich denselben Entwurf ein, den ich von meinem Vorgänger überkommen habe. In den Zeitung n ist in der That gehetzt worden, so daß ich klagen muß wegen Beleidigung des Offizierkorvs. Ich habe nicht verletzen willen, an den Wortkämpfen hier liegt mir für meine Person garnichts 3a. möchte die Verhetzung nicht weiter treiben, aber Sie muffen doch rechnen mit einer steigenden Erbitterung in der Armee. Den Offizieren ist jede Ueberhebung untersagt Aber man soll auch den Reserveofsizierstand nicht lächerlich machen, es sind bai tüchtig« Männer, die wir in der Sinne« nicht missen können. Und was den Fall Brüsewitz betrifft, so sollt« man doch ein so traurig«? Drama nicht zum Geg«n- stande des Handels machen, wie das bereits durch den Verkauf von B üsewitz-Stöcken 2t. geschieht.
Justizminist-r Schönstedt: DaS„Abwarten" mt den Aendemngen des Strafrecht» bedeutet nichts weniger als eme wirkliche Verschleppung. Der angekündigte Antrag Mnnckel wird jedenfalls keine geeignete Grundlage für eine Abänderung fein. Zn meinem Reffort ist bereit« ein Entwurf auSgearbeitet; ich selber betrachte denselben jedoch nur ms . «wen eventuellen, da wohl schon da« geplante Vorgehen bezugl. der militärischen Ehrengerichte auf die Civilverhält- niff« von Wirkung sein wird. Was Brüsewitz anlangt, so wundere ich mich, wie ein Rechtsanwalt in solcher Weise war. „Er befrachtet Dich eben jetzt als das, was Du ihm binnen Kurzem sein wirst und —*
„Tante, ich bitte Dich, nur davon rede nicht — ich wiederhole," setzte sie mit ziemlicher Energie hinzu, „ich werde mich niemals herbeilassen, diesem Manne mehr zu sein, als ich jetzt bin, und wenn er noch zehnmal reicher wäre, so änderte das durchaus nichts an meinem Entschluß."
„So liebst Du schon — liebst einen anderen Mann — vielleicht einen Herrn Schmidt, Meyer oder Schulze aus dem Krähwinkel, in dem Du vorher gelebt, so Einen, dessen rothe, aufgedunsene Hände nach Häringen und grüner Seife riechen Das fteilich konnte ich nicht wissen," setzte sie ergrimmt hinzu und trommelte mit den knochigen Fingern auf der Tischplatte vor sich. Die Damen hatten soeben das Mittagessen, eine magere Kohlsuppe, eingenommen, einen Genuß gehabt, den Harald jedoch nicht mit ihnen getheilt hatte, der Knabe war seit jenem Abend, an dem er in der schneidend kalten Winterluft auf seine Tante gewartet, bettlägerig und ganz ohne allen Appetit.
Johann hatte sich mit den Speiseresten entfernt und die Damen saßen noch an der langen Tafel im Eßzimmer, das heute jedoch einen ungleich fteundlicheren Eindruck machte, als vor Herrn von Bardanek's Besuchen. Er war auch wirklich gar zu aufmerksam, dieser aus den Wolken gefallene Herr Vetter, und ließ eS nicht genug damtt fein, das junge Mädchen, dem er seine Huldigung auf die unverblümteste Weise zu Thell werden ließ, an- muthige Geschenke zu machen, sondern überschüttete auch die Obristin mit allerlei kostbaren Angebinden und hatte eS sich besonders angelegen sein lasten, die Zimmer der geizigen alten Verwandten zu dekorireu. Jeder Tag brachte ihr etwas Neues, der
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über eine Sach« aburtheilen kann, bie noch garnicht abgeschlossen ist. Eine Jahrhnnberte alte Sitte läßt sich schwer auf einmal abschaffen, aber bi« Regierungen werben sich bigrößte Mühe geben, auf V-rringernrg ber Duellhinzuwirken.
Graf Mirbach (kons.): Auch ich will bas Duell möglichst reprimiren, unter allen Umftänbtn beseitigen läßt üch baffelbe jedoch nicht. Es giebt Fälle, wo es absolut unmöglich ist, bie Gebote ber Religion zu befolgen. Di« That be8 Brüsewitz ist noch lang« nicht so verwerflich albte damit getriebene Agitation.
Abg. Lenzmann (fr. Vp.): Ich muß mich dagegen verwahren, al« hätte ich den Reserveosfizierstand lächerlich gemacht.
Kriegsminister v. Goßler: Die Urtheile ber Kriegs- Strichle sind et enfo gerecht, wie die ber ordentlichen Gerichte.
Abg. Conrab (fübb. Vp): So lange ber oberste Kriegsherr das Duell nicht verbietet, sind alle Paragraphen nutzlos.
Abg. Schnitze- Königsberg (Soz): Wenn einmal ein Arbeiter etwas begangen, bann wirb es gleich bem ganzen Stande zur Last gelegt, der Fall Brüsewitz dagegen soll nicht verallgemeinert werden.
Damit schließt die Debatte. Fre tag IlUjr: Fo tsetzung ber zweiten Lesung der Justiznovelle. Schluß 5’/, vhr.
Deutsches Reich.
* Berti«, 19. November. (Tagesbericht.) Die Kaiserlichen Majestäten wohnten am gestrigen Bußtag dem Gottesdienst in der Potsdamer Friedcnskirche bei. Heute Vormittag hörte der Kaiser die Vorträge des Kriegsmtnisters v. Goßler, sowie des Finanzministers Miquel, arbeitete mit dem stellvertretenden Chef des Milttärkabinets v. Villaume und empfing den in weimarische Dienste überge- tretenen Wirkl. Geh. Rath v. Pawel in Audienz. Nachmittags begab stch bei Kaiser zur Jagd nach Ptesdorf, von wo die Rückkehr morgen Abend erfolgt. — Ueber die nächsten Jagdausflüge des Kaisers sind folgende Dispositionen getroffen: Am 28. ds. Mts. begiebt sich der Monarch zum zweiten Mal in diesem Jahre zur Jagd nach Barby an der Elbe. Am 2. Dezember reist er nach Hannover, wo er eine Parade über die Truppen der dortigen Garnison abnehmen wird, am 4. zur Abhaltung einer zwei Tage währenden Hofjagd nach Springt. Ehe die Rückfahrt erfolgt, ist noch ein Besuch am Bückeburger Hofe geplant. — Dem Kieler Seemannshaus schenkte der Kaiser die Modelle zweier Orlogsschiffe, die zum Aufhängen an der Decke bestimmt sind. — Kaiserin Friedrich wird Ende der Woche in Windsor er- wartet. Sie beabsichtigt ihren 56. Geburtstag bei ihrer Muiter zu verleben. — Nach siebenjähriger
eine ein halbes Dutzend hochlehnige Stühle, der zweite einen Kronleuchter, der dritte sogar ein schönes Buffet und mit jedem der wirklich kostbaren Geschenke machte der liebenswürdige Geber noch einen Schritt vorwärts in der Gunst der alten Dame. Für ihn lagen all' ihre Geheimnisse offen da, was sie zu Niemanden sonst that.
Herr von Bardanek gegenüber sprach sie auch von ihren Verhältnissen, erzählte ihm, wie fie's nicht über sich gewinnen könnte, ihr Vermögen, — es «ar fteilich nur gering im Verhältniß zu dem seinen; wer fünf Millionen besitzt, kann nur verächtlich auf die Hunderttausend herabsehen, die sie heimlich in Gold und Papieren dort in dem alten Schreibtisch neben einem der Fenster in der Wohnstube aufbewahrte, neben den Kleinodien der Solms- Hegendorf, die einem Testament ihres Vaters zufolge auf sie übergegangen waren —, gegen Prozente aus dem Hause zu geben. Ja, die sonst so stolze Frau gab sich sogar die Blöße, dem ihr doch eigenllich noch ziemlich ftemden Manne zu verrathen, daß sie, um eben dies ihr Vermögen zu vergrößern, die Brillanten aus den Schmucksachen gebrochen und sie, veräußert habe. Er hörte das natürlich Alles mit einer gleichgiltigen Ueberlegenheit an, die der reiche Besitzer dem geringeren gegenüber stets zu haben pflegt, und meinte dann leichthin:
„Es hat so jeder Mensch seine Liebhabereien, ich treibe es eigentlich nicht viel deffer als Sie, verehrte Tante; wenn natürlich auch der größte Theil meines Vermögens in dem mir gehörenden Grund und Boden steckt, so habe auch ich gern immer ein gut Theil baar um mich, es werden doch mancherlei Ansprüche an Unsereinen gemacht, und da wäre ich dann unglücklich, hätte ich nicht immer genügende Mittel zur Stelle." (Fortsetzung folgt.)