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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für >te Kreise Marburg tm> Kirchhain.
Jllnstrirte- Sonntagsblatt.
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Marburg,
Sonntag, 4. Oktober 1896.
Anzeigen nimmt «ntgegru di« Expedition Mef«8 Blatt 8, sowie di« Annoncen-Bureanx von Haasenstri« u. Vogler in Frankfurt a. M., Caffel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfurt a. M., Berlin, München u. Köln, C. L. Daube u. Co. in Frankfurt a. M., Berlin, Hannover, Pari».
XXXI. Jahrg.
Erstes Blatt.
Die heutige Nummer umfaßt zwölf Seiten.
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Erntedankfest.
= Der heutige Tag giebt der Menschheit besonderen Anlaß zum Danke. Wir feiern das Erntedankfest des Jahres. ES ist dieses Fest, gerade weil's auch von Denen begangen wird, die fern von allen Feldern in den eng zusammengedrängten Städten wohnen, und deren Beschäftigung eine andere ist, als das Feld zu bebauen, eine Anerkennung für die Mühe und Arbeit des Landmanns. Ja, es ist mehr; es ist das Zugeständniß Aller, daß auf des Landmanns Schultern sich der Bau des ganzen Staates errichtet. Denn der Erfolg seiner Arbeit giebt daS Maß ab für den Lohn, den alle andere Arbeü trägt. Darum freuen sich am Erntedankfeste Alle mit dem Land- manne und senden ihren Dank mit ihm zum Herrn empor für den Lohn, den er seiner Arbeit gegeben, für den Segen, den er auf die Felder gelegt hat.
Aber freut sich heuer auch wirklich der Landmann über die Ernte? Ist eS nicht, als ob wir die Land- wirthe klagen hörten: „Die Ernte ist vergangen, der Sommer ist dahin, und uns ist keine Hilfe gekommen." Dir können es ja nicht ableugnen, daß es traurig um die Landwirthschaft bestellt ist. Die Kosten sind hoch, die Preise des Getreides gering — viele ernste Landwirthe sagen, daß die Kosten für die Gewinnung des Getreides höher seien als der Werth desselben.
(Nachdruck v«rbot«n.)
Ein Drama vom Meere.
Skizze von Sarah Bernhardt.
Les Poulains (Belle-Isle en Mer), im Juli.
Noch ganz erregt und tief erschüttert schreibe ich diese Zeilen.
Auf dieser Insel, die sich mit so viel Recht die „Schöne Insel" nennt, sind die Meerestragödien häufig und schrecklich. Die sanfte, liebenswürdige und höfliche Bevölkerung theilt sich in zwei scharf geschiednie Klassen: die Bauern und die Fischer. Die Bauern ernten Weizen, Mais, Hafer und Kartoffeln.
Die Fischer haben den Thunfisch, die Sardine »nd den Hummer. Reich werden die Einen so wenig wie die Anderen und Fleisch ist in den Haushaltungen der Fischer wie der Bauern fast unbekannt. So ist denn die Bevölkerung auch nicht sehr kräftig, besonders die Frauen sind zart und fein, mit gerader Nase, schlankem Halse, stolzem und langsamem Gange. Die Männer sind mittelgroß und wohlgebaut, aber sie besitzen nicht das kräftige Aussehen der normännischen Burschen.
Das Juselvolk ist stolz und bettelt nie. Was aber einem sorgfältigen Beobachter auffällt, das ist, daß in den zahlreichen Falten ihres Gesichtes das Lachen seinen Zug nicht eingeschrieben hat. Männer und Frauen find ernst und traurig und auf ihrer Stirn lastet eine Erinnerung oder eine Unruhe. Hat doch Jeder einen Vater, Brud-r oder Sohn auf diesem bösen blauen Meere, das da -draußen liegt, da draußen . . . überall rings um die Insel, überall, wohin der Blick schweift.
Hier leben sie seit undenklichen Zeiten, umgeben
Freilich klagt auch der Handwerker, daß er nicht mehr bestehen könne, daß er zu Grunde gehe vor der Macht des Kapitals, daß es dahin kommen werde, daß schließlich nur noch die großen Kapitalisten regieren würden und alle übrigen Knechte, ja Sklaven des Großkapitals seien?
Daß viel Wahrheit in dem Allen ist, ist bekannt; wieviel wollen wir heute nicht untersuchen; wir wollen heute unseren Dank nicht durch die Sorgen und das unzuftiedene Murren verkümmern, sondern uns der Gaben Gottes dankbaren Herzens freuen. Erst der Dank giebt Freude an der Gabe, erst die Freude an der Gabe macht reich. Wo in einem Hause der Friede Gottes herrscht und Genügsamkeit und Mäßigkeit als Engel ihm zur Seite stehen, da kommt man mit wenigem weiter als anderwärts mit viel mehr. Wenn Gott nur zur Arbeit Gesundheit und Gelegenheit schenkt, dann kommt man über manchen bösen Tag leichter hinweg, man vergißt die Sorge.
Der Landmann hat wieder gesäet und geerntet zugleich im Dienste für die Millionen der Städter, die wie die Vögel des Himmels nicht säen und nicht ernten, und unser Vater im Himmel ernähret sie doch. Unterdessen aber haben auch die Leute in der Stadt nicht gefeiert. Unzählige Hände haben rastlos sich bewegt, unzählige Maschinen haben gearbeitet, das ganze riesige Getriebe des städtischen Lebens, des städtischen Handels und Wandels ist in Thätigkeit gewesen, um wieder den Brüdern draußen auf dem Lande ihre tausendfachen Bedürfnisse zu erfüllen. Der Austausch geht das ganze Jahr hindurch. Die Ernte aber soll ihn aus's Neue uns recht in Erinnerung rufen, die Ernte, wo dieser Austausch auf's Neue beginnt, wo aus's Neue endlose Eisenbahnzüge die Früchte des Landes den Städten zuführen und die städtischen Magazine füllen, wo auf's Neue das Land Kredit und Anrecht sich schafft auf die Erzeugnisse der Werkstätten und Fabriken, auf die Maaren in den Läden und Kaufhallen. Die Ernte ruft auf's Neue uns zu: „Ihr allesammt aus Stadt und Land gehört zusammen! In tausendfacher Beziehung seit ihr aufeinander angewiesen ! Einer hängt mit seinem Glück und Leben vom Anderen ab! Gott will es, daß ihr zusammenhaltet, daß ihr als ein Volk von Brüdern euch fühlt! Gemeinsam sollt ihr tragen eure Last, gemeinsam kämpfen gegen Noth und Elend in eurer Mitte, gemeinsam euch fteuen an eures Gottes reichen, fteundlichen Gaben!"
von diesem beweglichen Kirchhofe, der so lockend lächelt und zugleich so wild ist, und wenn bisweilen das Lachen eines Kindes aus der Hütte dringt und dos Gesicht der Mutter erhellt, während sie auf dcn Feldern arbeitet, dann wendet sie sich bebend um, geängstigt von dem Schluchzen der Wogen.
Hier stand gestern auf seinen schlanken Beinchen ein kleines Mädchen von dreizehn Jahren und schützte seine Augen mit der Hand, um so lange als möglich den Bruder zu sehen, der fern auf der Straße, die zu dem kleinen Hafen von Bordery hinabführt, verschwand Ernst, wie eine kleine Matrone, rief sie ihm nach: „Gieb gut Achtung, daß Du Dich nicht erkältest! Auf Wiedersehen! Guten Fang!"
Nun war der Bruder verschwunden und sie ging zurück in die Hütte, um Alles für die Rückkehr der beiden Brüder vorzuberetten. Denn sie lebten da zu Dreien, drei Waisen, denen dcr Staat eine kleine Pension zahlte Das Mädchen ging ganz in Trauer, denn Vater und Mutter Gouenantin waren vor zwei Jahren in einer und derselben Woche gestorben: er im Hospital nach 12tägigem schweren Leiden an den Folgen des Stiches eines giftigen Fisches; die brustkranke Mutter Gouenantin war ihrem Manne binnen acht Tagen gefolgt. *
Ja, da lebten sie nun, die drei Waisen. Ter ältere Bruder, der achtzehn Jahre alt war, hatte sich mit dem Tagesgrauen auf den Sardinenfang begeben und der andere, ein Fünfzehnjähriger, ging nun eben mit seinem Vetter Pierre-Marie auf den Hummern- fang. Die drei Kameraden Pieire-Marie Gouenantin, Eugen Gouenantin, die Waise und Michel Samzun schifften sich auf dem kleinen Boote „L’Enfant du l'esert" ein; das blaßblaue Segel stieg auf und das Boot verschwand. Der Himmel war leicht nebelig und grau, der Wind wehte aus Westen, ich
Deutsches Reich.
~ * Berlin, 2. Oktober. (Tagesbericht.) St. Maj. der Kaiser reist morgen Vormittag von Rominten ab und trifft kurz nach 4 Uhr Nachmittags in Marienburg ein, wo er das Hochschloß besichfigt. Um 5 Uhr erfolgt die Weiterreise nach Langfuhr bei Danzig; dort dinirt der Monarch um 7 Uhr im Kreise des Offizierkorps des Leibhusarenregiments und reist noch an demselben Abend nach Eberswalde weiter, wo er am Sonntag Vormittag eintrifft. Ihre Majestät die Kaiserin, die heute Morgen aus Grünholz nach Potsdam zurückgekehrt ist, trifft lurg nach dem Kaiser ein. Beide Majestäten werden sodann gemeinsam die Reise nach Hubertusstock fortsetzen. — Zur Feier der Enthüllung des Kaiserin Augusta-Denkmals in Koblenz am 18. Oktober werden bestimmt erscheinen: Prinz Friedrich Leopold al? Vertreter des Kaisers, Prinzessin Friedrich Leopold als Vertreterin dcr Kaiserin, das badische Großherzogspaar und der Großherzog von Weimar. — Die Geschenke und Auszeichnungen desZaren hat das Kaiser Alexanderregiment, das bekanntlich in Breslau zum Ehrendienst kommandirt war, jetzt erhalten. Das Regiment bekam 5000 Rubel, die Ehrenkompagnie 1000 Mk, jeder der Ehrenposten 3 Dukaten, ferner wurden 23 Orden verliehen. — Der Erbgroßherzog von Oldenburg hat sich mit der Herzogin Elisabeth von Mecklenburg- Schwerin verlobt.
* (Prinz Heinrich von Preußen.) Mit seiner Ä-nennung zum Chef der zweiten Division des ersten Geschwader ist Prinz Heinrich von Preußen am Ende seiner Ausbildung als Seeoffizier angelangt; denn er war bisher in allen Dienstsunksionen an Bord der Kriegsfahrzeuge kom- mandirt.. Jetzt hat der Prinz zum ersten Mal eine ganze Division unter seinem Befehl. Er wird seine Flagge an Bord des ältesten Panzerschiffes unserer Flotte „König Wilhelm" setzen. Zu seinem Bef-hls- bereich gehören noch: Die beiden Panzerschiffe 3. Klaffe „Sachsen" und „Württemberg", sowie der Aviso „Wacht". Im Ganzen befehligt der Prinz in seiner neuen Stellung über 1300 Mann. Seine Schiffskommandanteu sind die Kapitäne z. S. Schmidt, Brmsing und Ascher und der Korvetten - Kapiiän Friedrich. Für ein späteres Bordkommando des Prinzen bleibt in Zukunft nur noch übrig, daß er zum Geschwaderchef eines ganzen Geschwaders ernannt wird, das sich dann aus zwei Panzerdivisionen zusammensetzen wird.
saß auf den Felsen, sah hinaus und träumte die unendlichen Träume, die das Meer bringt. Ferne Schreie ließen mich den Kopf wenden und mich umsehen.
Eine Schaar Seemöven flog laut schreiend über mir hin. Sie waren es, die ich gehört hatte. Ich wollte mich eben von meinem Felsen entfernen, da drangen neue Schreie an mein Ohr. Sie waren klagend, abgebrochen wie das Schluchzen eines Kindes. Ich erhob mich und auf der Insel, wo sich der Leuchtthurm von Poulains erbebt, sah ich die Mutter Le Pelleiier, die Frau des Leuchtthurmwärters, auf ihren Knien liegend, das Schnupftuch schwenken und weinend um Hilfe rufen. Arbeiter waren in der Nähe beschäftigt und wurden zugleich mit mir auf den Vorgang aufmerksam. In wenigen Minuten war Alles auf dem Inselchen. Welch' ein schreckliches und peinigendes Schauspiel! An der Spitze der Insel, dreihundert Meter vom Lande, war der „L’Enfant du Pesert" umgeschlagcn, die Segel waren unter Wasser, der Kiel ragte in die Luft und an diesen Kiel klammerte sich -der junge Eugen Gouenantin, die Waise. Sein Gesicht war bleich wie ein Laken, seine Augen geschloffen, sein Kopf war den Wellen preisgegeben und schwankte von rechts nach links. Mit meinem Fernrohr konnte ich die Entwickelung dieses Dramas genau beobachten. Das Kind konnte nicht mehr und war nahe daran, loszulassen. Dicht neben ihm lag Michael Samzun, seine Hände umklammerten krampfhaft den Rand des Kiels, während er Hilfeschreie ausstieß, raube Schreie des Todeskampfes, halb verschlungen von den Wellen, die wüthend über ihn wegrollten, als ob sie ihr Opfer nicht loslassen wollten. Hundert Meter von ihnen verschwand Pierre-Marie Gouenantin, die Ruder unter den Achseln, in den Wogen; aber
* (Lehrerbesoldungsgesetz.) Die „Nordd. Allgemeine Ztg." erklärt, daß die über das Lehrer- besoldungsgesetz gemachten Angabcu keinen Anspruch auf Richtigkeit machen können, sondern nur Fühler sind, vermittels deren man etwas über die Vorlage erfahren möchte. Der Wunsch, Kenntniß über die Pläne der Regierung bezüglich des Lehrerbesoldungsgesetzes zu erhalten, ist nach unserer Meinung vollständig berechtigt und wir dächten, es wäre nun endlich an der Zeit, daß authentische Angaben über das so sehnlich erwartete Gesetz gemacht würden.
* (P a r i s e r W e lt a u s st e l l u n g.) Der Reichskommiffar für die Pariser Weltausstellung Dr. Richter ist aus Süddeutschland nach Berlin zurück- gekehrt. Die Leiter der kunstgewerblichen Anstalten der besuchten Städte Sttaßburg, Karlsruhe, Stuttgart, München und Nürnberg haben ihre Mitwirkung für die Vorbereitung der Ausstellung zur Verfügung gestellt und sind der Auffassung, daß man in Paris keine Massengüter ausstellen dürfe, vielmehr Industrie und Kunst nur durch die hervorragendsten Leistungen vertteten werden dürfen, vollständig beigetreten. Auch in den Kreisen der Industriellen Süddeutschlands ist, soweit sich das bisher beuriheilen läßt, ein lebhaftes Interesse für die Ausstellung und volles Verständniß für die Bedeutung der Betheiligung Deutschlands vorhanden. Dr. Richter will demnächst Dresden besuchen und später sich mit den Interessenten der großen Mittelpuntte der Industrie und des Handels in Nord- und Westdeutschland in Verbindug setzen. Auch gedenkt er in verschiedenen größeren deutschen Jndusttiecentte» Vorträge zu halten, um die Interessenten mit seinen Ansichten über die denkbar vortheilhafteste Art der Betheiligung der deutschen Industrie an der Weltausstellung so verttaut wie möglich zu machen.
* (Jnvaliditätsversicherung.) Die im „Reichsanzeiger" veröffentlckte Denkschrift über die Novelle zum Alters- und Jnvaliditätsverstcherungs- gesetze giebt, wie belichtet, die vom Rechnungsbureau des Reichsversicherungsamtes zusammengestellten Geschäfts- und Rechnungsergebnisse der einzelnen Versicherungsanstalten wieder. Der erste Abschnitt be- handelt den Kapttalwerth der Renten, der zweite den V e r m ö g en s b e sta nd, der dritte die Vermögenslage der Versicherungsanstalten. ES ergiebt sich nach dieser Aufstellung ein Ueber- toiegen des Vermögensbestandes über den Kapital- werth der laufenden Renten für den 1. Januar 1895 um 171 Mill. Mk., für den 1. Januar 1896 um
kräftig und unverwüstlich hob er sich mit einem Freudenschrei wieder empor; er hatte den Vater Le Pelletier, den Leuchtthurmwärter, bemertt, der zuerst die Schreie gehört hatte und ohne Zeit zu verlieren, ohne seine Gehilfen zu rufen, fein Boot in's Wasser gelassen hatte.
Er mußte um die Spitze herum.
„Muth! Festgehaltln!" rief Michael Samzun dem kleinen Matrosen zu, der den Kiel fest umklammert hielt. „Muth! Der Vater Le Pelletter ist da, der brave Retter!"
Da kam eine Welle, eine senkrechte Wasserwand mit schäumendem Kamm, und begrub das gekenterte Boot unter sich . . . Als sie verrauscht war, hob Michael den Kopf und stützte sich auf seinen Fuß, um sich zu erheben; der Kiel war leer. In der Ferne rollte schon die Welle und in ihrem Schooße begrub sie das Kind; es verschwand im Wirbel, um ihn wälzten sich die Wogen und machten sich den Körper in einem wilden, schäumenden Tanze streitig. Die Sonne drang durch den Nebel und glänzte auf den tobenden Wellen.
Inzwischen hatte der Vater Le Pelletter Pierre- Marte Gonenanttn gerettet und war mit seinem Boot zur Stelle gekommen. Große Thränen rollten über die wettergebräunten Wangen des braven Leucht- khuimwärters. Mit unbeschreiblicher Zarthett löste er Michel Samzun's zusammengekrampstc Finger. Dreiviertel Stunde» hatten die drei Fischer im Wasser gegen den Strom und den Wind gekämpft, der seit zwanzig Minuten hcsttg blies. Als Michels Finger gelöst waren, zog er ihn in das Boot neben Pierre-Marie; er stellte fest, daß von dem kleinen Fischer nichts zu finden war und sie kehrten zum Leuchtthurm zurück. Schon hatte die Mutter Le Pelletier Wäsche und Strümpfe, Röcke und Schuhe