öchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«.
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Marburg,
Freitag, 24. Juli 1896.
f, Zllustrirtes Sonutagsblatt.
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Der heilige Säbel.
* Das Schwert hat in der Geschichte Frankreichs wiederholt eine entscheidende Rolle gespielt. Die Erinnerung daran scheint auf die ftanzösischen Offiziere eine so betäubende Wirkung zu üben, daß sie mehr md mehr der Versuchung unterliegen, sich politisch zu bethäfigen und sich zu Trägern der Revanchesucht zu machen. Früher tödtete die Lächerlichkeit unfehlbar in Frankreich. Seit den Tagen des Generals Bou- lmger hat sich das stanzösische Seelenleben auch in dieser Hinsicht geändert, und an den deutschen Grenzen spielen sich in gehäufter Zahl Scenen ab, in denen stanzösische Truppenbefehlshaber handelnd auftreten und in theatralischer Weise dem Rachegedanken gegen Deutschland Nahrung geben.
So erhielt das 19. stanzösische Jägerbataillon — wie schon in Nr. 163 d. Bl. nur kurz berichtet, da die detaillitten Nachrichten noch fehlten — von seinem Kommandeur am 7. Juli folgenden Tagesbefehl:
„Die Kompagniechefs werden heute Nachmittag den Mannschaften über den Krieg von 1870 und dessen Folgen Vortrag halten. Sie werden ihnen die vom Feinde erobetten und besetzten französischen Territorien Elsaß-Lothringen schildern; sie werden ihnen sagen, was die Provinzen Frankreich gegeben haben; sie werden ihre großen Leute zeichnen; sie werden die elsässisch-stanzösische Bewegung nach dem Kriege schildern, die Engagements in der Fremdenlegion; die Unterdrückung durch die Eroberer; sie werden ihnen schließlich das gegenwärtige Elsaß schildern, auch das zukünftige, wenn wir zu lange zögern. Morgen marschiert das Bataillon auf den Drumont. Militärische Pilger fahrt an die Grenze! Abfahrt 5'/2 Uhr. Feldausrüstung!"
(Nachdruck verboten.)
Die seltsame Heirath.
Roman nach dem Amerikanischen von August Leo
(Fortsetzung.)
35. Kapitel.
Demüthigung.
„Führe mich fort von hier — irgend wohin, wo ich mit Dir spreche» kann!" flüstette Regima dem Hauptmann Sever zu, während sie noch fast krampfhaft schluchzte.
Lady Dare blickte ihnen angstvoll nach, als sie das Zimmer verließen.
„Er hat das Kind so lieb," überlegte sie, indem ein seltsames Lächeln ihre Züge verzerrte. „Vielleicht schont er mich um ihretwillen."
Der Herzog befand sich an chrer Seste und erzählte ihr eilig und ernst, was er während der letzten Tage gtthan hatte — er sprach von ihrer haannaheuden Trauung und zuletzt von Hauptmann Sever.
„Er muß namenloses Leiden durchgemacht haben, während er sich so allein auf dieser öden Insel befand, ' sagte der Herzog, sich auf Sever beziehend. . Ich habe noch niemals einen Menschen so verändert gesehen. Er war sonst der heiterste unter meinen Bekannten; doch jetzt vermochte nicht einmal der Enthusiasmus des gongen Klubs über seine Auferstehung ihn aus seiner Kälte und Verdüsterung herauszureißen."
Mylady erbebte trotz ihres festen Wille»».
„Er suchte mich in der Stadt auf," fuhr der Herzog fort, „und gestand mir, daß er selbst es gewesen, der Dich in dem Elmeuwäldchen und am anderen Tage ans der Terrafle so erschreckt; doch er
Auf dem Drumont angekommen, ergreift der Kommandeur des Bataillons das Wort:
„Jäger! Das Schauspiel, das Ihr da vor Augen habt, ist beredter, als irgend eine mensch- licke Stimme es sein könnte. Zu unseren Füßen breitet sich unsere verlorene Provinz aus. Nur eine einfache Linie trennt uns von ihr. Hinter jener, um sie zu vertheidigen, steht eine Armee, die uns geschlagen, besiegt hat. Aus jedem Unglück löst sich eine große Lehre aus. Nach dem Unglück von 1870 hat man die Armee, die stanzösische Armee beschuldigt. Niemals ist die Armee heldenhafter gewesen. Sie war zehnmal so viel werth als die deutsche Armee. Schautum Euch, meßt den Weg, den wir zurückgelegt haben. Die ganze Nation ist bewaffnet und zum Kriege vorbereitet. Indem man den Säbel schleift, macht man seine Spitze schärfer. Wir haben den fran- zösischen Säbel geschliffen, wir haben ihn gehärtel; das Volk hat gelernt, sich des Säbels zu bedienen; das französische Volk wird sich seiner bedienen. Jäger! Die Bajonette aufgepflanzt! Wir sind hierher gekommen unter den Tönen eines kriegerischen Marsches, des Marsches des Besreiers: den Befreier — hier seht Ihr ihn!"
Der Kommandant zog seinen Degen und hob ihn in die Höhe:
„Ter Gewalt überlassen wir die Verthei- digung und Geltendmachung unserer Rechte. Der Säbel ist es, an den ich appellire, Säbel, heiliger Säbel, ich grüße dich. In dir Säbel grüße ich unsere Macht, in dir unsere Rechte zur gegenwärtigen Stunde. Säbel, ich grüße dich! Tu, du bist es allein, zu dem wir unsere Zuflucht nehmen, du bist es allein, in den wir unser Vertrauen setzen, weil wir es verstanden haben, unsere Herzen zu erheben, unsere Muskeln zu stärken, nnsern Muth auf den Krieg vorzubereiten und uns durch die Arbeit des Friedens im Kriege zu üben. Jäger! Unsere Stärke grüßt das Elsaß und ruft ihm zu: Auf Wiedersehen!"
Man wird den Aniheil der Hundstage an diesem Erguß keineswegs unterschätzen wollen, und wird doch zugeben, daß diese fortgesetzten Verstöße gegen den militärischen Takt etwas Bedenkliches haben. In Frankreich bringt manchmal ein Körnchen Sand eine Lawine zum Absturz. Der Revanchesucht in Frankreich gegenüber steht die Stimmung von Millionen und Millionen ruhiger Leute, welche austichtig den Ftteden wünschen und an den „heiligen Säbel" nicht
schien etwas verwirrt in der Erklärung dieses sonderbaren Benehmens und weigerte sich fest, mir den Grund zu nennen, weßhalb er mir jenes Billet schrieb. Ich hatte größte Mühe, ihn dazu zu bringen, sich den Bart stutzen und sein langes Haar schneiden zu lassen. Er sah entsetzlich aus. Dann überredete ich ihn, mit mir hierher zu kommen. Ich wußte ja, Theuerste" — fügte er unschuldig hinzu — „daß ich hierin nach Deinem Wunsche handle. Ich hoffe nur, daß er nicht ernstlich — gestört ist!"
„Und ich hoffe das Gegentheil," dachte sich Mylady in der Tiefe ihres Herzens, doch ohne zu glauben, daß dies wirklich der Fall wäre.
In dem Lesezimmer schüttelte Regima dem Hauptmann Sever ihr ganzes Herz aus und sprach von ihrer Angst und ihrem Kummer in Bezug auf Rupert.
In früheren Tagen, vor seinem geheimnißvollen Verschwinden, hatte zwischen diesen beiden daS innigste und zärtlichste Einvernehmen geherrscht, und statt zu ihrer Mutter, war sie mit all' ihrem kindlichen Kummer immer zu ihm gegangen.
So kam sie auch jetzt wieder zu ihm.
Und der Hauptmann, welcher sich der Liebe erinnerte, die er immer für das Kind empfunden hatte, bemerke, als er ihr zuhörte, daß diese süße uud heilige Zuneigung in der Zeit chrer Trennung sich von becheu Seiten, statt sich zn vermindern, noch inniger und tiefer befestigt habe.
Er fühlte da» tief und fragte sich, wie er die Mutter strafen und das Kind schonen könne?
„68 ist wohl wahrscheinlich, well sie die Tochter meines alten Frenndes FerguS ist," sagte er sich nachdenkend, „vielleicht auch, well ich all' der Meinigen beraubt Mn, daß ich sie so innig liebe, wie eS der Fall ist. Selbst der arme Junge, der
glauben. Nur schade, daß in erregten Zeiten, wie sie jenseit der Vogesen jeder kleine Zwischenfall Hervorrufen kann, nicht die Mehrzahl der ruhigen und friedliebenden Leute den Ton angiebt, sondern die Minderheit der Stürmer und Dränger!
Deutsches Reich.
* Berlin, 22. Juli. (Tagesbericht.) Ueber den Kaiserbesuch in Danzig wird berichtet, daß der Kaiser am 5. August Abends mit seiner Dacht dort einttifft. Am nächsten Morgen wohnt er den großen Seeschießübungen des 2. Fußartillerie - Regiments bei und besichtigt sodann die Küstenbefesttgungen. Hierauf begiebt sich der Monarch nach Langfuhr zur Theilnahme an dem Sttftungsfest des 1. Leibhusaren - Regiments, aus welchem Anlaß große Parade stattfindet, der ein Galaessen folgt. Abends erfolgt die Abfahrt nach Kiel. — Prinz Max von Sachsen, der augenblicklich zu Riva am Gardasee weilt, wird nicht in Eichstätt, sondern in Brescia in Italien die Priesterweihe erhalten. — Dr. Bum iller hat hierher gemeldet, daß er sich schon seit einiger Zeit in Mannheim befinde, also weder Athen, noch Kreta könnten sich vor einer Woche seiner Anwesenheit erfreuen. — Dr. Karl Peters hat sich nach London begeben, um in den dortigen Staatsarchiven Studien für ein historisches Werk: „Das Emporsteigen des englischen Weltreichs" zu machen. — Als Nachfolger für den Reichstagsabgeordneten Joest haben die Sozialdemokraten den Redakteur der in Mainz erscheinenden „Volkszeitung" Dr. David in Aussicht genommen. — DerKron- prinz von Italien soll sich mit der Prinzessin Helene von Montenegro verlobt haben. Die Prinzessin ist die dritte Tochter des Fürsten Nikolaus und am 8. Januar 1873 geboren. Der Prinz von Neapel, der einzige Sohn des Königs von Italien, steht im 27. Lebensjahre.
* (E i n K a i s e r h o ch v o m Bebe lsitz.) Ein Freund der „L. N. N." schreibt diesem Blatte aus Berlin: Ich wanderte am Montag, den 20. d. M., nach dem Reichstagsgebäude und schloß mich dort einem wohl mehrere Hundert Köpfe starken Menschen- sttome an, der unter Führung eines Dieners die Schönheiten des stolzen Baues in Augenschein nahm. Nachdem wir in den Sitzungssaal getreten waren, verteilten wir uns aus die einzelnen Plätze, um so besser die Erklärungen des Führers verstehen zu können. Als dieser geendet, erhob sich von einem der Sitze auf der äußersten Linken ein würdig aussehender
Rupert, ist mir nicht so theuer. Würde mir das süße Kind so innig verttauen, wenn es meine Gefühle gegen feine Mutter kannte? Und doch verhärtet jedes Wort, das sie erzählt, mein Herz noch mehr gegen dieses falsche, verräterische Weib! Armer Rnpert, ich möchte wiffen, was sie mit ihm gethan haben kann?"
Er versprach Regima, daß er, wenn möglich noch vor dem Schlafengehen, eine Unterredung mit Lady Dare haben wollte, und besänfttgte ihr bekümmertes junges Herz mit dem Versprechen einer befriedigenden Lösung des Räthsels.
„Niemand hat jemals auf Mama einen solchen Einfluß gehabt wie Du!" antwortete daS Mädchen enthusiastisch und umarmte ihn auf'S Neue. „O, Onkel Magnus," fügte sie hinzu, „ich glaube, nun Du da bist, wird Alles wieder gut werden!"
Regima ging in ihre Zimmer, ohne noch einmal in die Gesellschaftszimmer zurückzukehren.
Sie fühlte sich sehr getröstet und erleichtert; doch Hauptmann Sever hatte bemerk, daß sie ihn gar nicht nach sich selbst gefragt hatte.
»Das arme Kind fühlt, daß ein Geheimuiß dahinter steckt, und fürchtet sich, eS zu erfahren," dachte er.
Er ging wieder zu den anderen Gästen zurück. Mylady unterließ sich immer noch mit dem Herzoge; er näherte sich ihnen.
„Ich habe meinen alten Freund, Mr. Duvar, noch nicht gesehen," sagte er zn ihr mit einem höflichen, doch bedeutuugsvollen Lächeln, das sie nur zu gut verstand.
„Ich wundere mich schon selbst, wo er sein kann," erwiderte Lady Dare ruhig, „doch da auch MrS. St. Ulm nicht ht den Zimmern zu sei» scheint, so ist eS möglich, daß sie beisammen find."
älterer Mann und sprach mit sonorer Sttmme unter lautloser Stille der zuerst etwas verdutzt dreinblickenden Menge ungefähr Folgendes: „Ich habe soeben auf dem Platze Bebel's gesessen. Auch ich bin ein deutscher Arbeiter, aber ich bringe von dieser Stelle aus ein H o ch aus auf den Kaiser und auf das deutsche Reich." Diese ungekünstelten Worte des einfachen Mannes machten auf uns Alle einen tiefen Eindruck und jubelnd fielen wir in das dreifache Hoch, das von dieser Seite deS denffchen Reichstages noch nie ertönt ist, ein. WaS wird Herr Bebel zu dieser Verunglimpfung seines Platzes sagen?!
* (Herr v. Plötz.) Der „Vorwärts", der bei Anderen das Denunciren sehr unschön findet, selbst aber täglich in allen Spalten dies unschöne Handwerk mit Vorliebe und Eifer treibt, hatte Herrn v. Plötz vorgeworfen, er beziehe für seine agitatorische Thättgkeit eine ganz unverhälttiißmäßig hohe Vergütung vom Bunde der Landwirthe. Darauf hatte Herr v. Plötz die Höhe der Summe bestritten und hinzugefügt, die wahre Summe und das richttge Verhältniß aller Welt mitzutheilen, bestehe keine Veranlassung; er werde darüber nur Denen, die es angehe, d. h. Angehörigen seiner Partei, Rechenschaft ablegen. Das ist unseres Erachtens absolut korrett, und es ist nicht zu verstehen, warum sogar Organe der Konservativen ein anderes Verhalten und öffentliche Bekanntgabe der wirklich von Henn v. Plötz bezogenen Vergütung fordern. Zunächst ist es sicher, daß der „Vorwärts" wieder einmal die Unwahrheit gesagt hat; es muß aber entschieden dagegen pro- testirt werden, daß es in das Belieben des Hetzblattes gestellt werden müßte, durch irgend welche aus der Luft gegriffene Mittheilungen Angehörige and rer Parteien zu Angaben über ihre persönlichen Verhältnisse zu zwingen. Gesetzt aber, Herr v. Plötz bezöge wirklich eine so unverhältnißmoßig hohe Vergütung für seine Agitation, wie der „Vorwärts" mittheilt, so wäre doch immer noch nicht einzusehen, wie daraus eine Waffe gegen ihn ober gegen die von ihm ver- tretenen Grundsätze geschmiedet werden könnte. Das wäre nur dann der Fall, wenn nachgewiesen würde, daß der rührige Agitator gegen feine eigene lieber« Zeugung nur aus pekuniären Rücksichten seine poli- tische Thättgkeit entfaltet. Das ist nirgends behauptet worden. Bezahlt werden auch die sozial- demokratischen Polittker für ihre Thättgkeit in der Presse und in der Oeffentlichkeit, und zwar, wie sattsam bekannt, sehr gut bezahlt. Daraus leitet aber kein vernünftiger Mensch ein Argument
„Ah!" -
Lady Dare sah ihn scharf an, ohne unterscheiden zu können, ob dieser Ausruf eine Bedeutung habe oder nicht.
Da fand der Hauptmann Gelegevhett, ihr in's Ohr zu fiüstern:
„Um zwölf Uhr tti der Bibliolhek."
Sie verstand ihn und nickte mit niedergeschlagenen Augen leicht mit dem Kopfe.
„Wo kann sich dieser Schurke verstecken," fragte sich Sever.
Die Gäste zogen sich lange vor zwölf in ihre Zimmer zurück, und das Schloß war zu dieser Zett ganz ruhig.
Hauptmanu Sever fand Mylady schon auf ihn wartend, als er zu der Zusammenkunft kam.
Sie ging langsam hn Zimmer hin und her und wandte, als er ihr höflich einen Stuhl bot, diesem den Rücken.
„Ich setze mich nicht," sagte sie kalt, „ich wünsche nur zu wiffen, was Du zu thun beabsichttgst?"
Der Hauptmann zuckte leicht die Achseln und stellte sich an den Kamin, wo sich feine herrliche Gestalt prachtvoll abhob.
„Thun?" wiederholte er.
„O, Du weißt ja, was ich meine," rief Mylady ungeduldig.
Sie hatte ihr erste Idee, es zu versuche», ihn an ihre Unschuld in der ganze» Angelegenheit glaube» zu mache», vollständig aufgegeben.
»DaS ist es nicht, weßhalb ich Dich zn spreche» wünschte," antwortete er. „Wo ist Rupert?"
Sie hatte diese Frage früher oder später erwartet und sich darauf vorberettet.
(Kwtsetzung felgt)