Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«. »iMWon^Mb SiMbWn: Marti n Zllustrirtes Sonntagsblatt.
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Marburg, Dienstag, 31 März 1896
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fowl« di« Annoncen-Burraux von Haafenstrin n Vogler in
Frankfurt a. M., Eaffel, Magdeburg und Wien; Rudolf ITII Qflfirfl Dtolfe m Frankfurt a. M., Berlin, München u Köln; E. L. *
D<mb« u. Ko. in Frankfurt a M., Berlin Hannover Varis
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Die Charwoche.
±* Die Geschichte, die uns die Charwoche, in welcher wir jetzt leben, wieder so nahe rückt, ist zugleich weit mehr, — sie ist der Anfang einer neuen Menschheit gewesen. Vor ihrer herzerschütternden Hoheit ist alle Herrlichkeit des Alterthums dahingesunken; alle Weisheit der Denker und Dichter der alten Zeiten ist durch sie zu Nichte gemacht worden, Md ganz neue Antriebe sittlicher Bildung und Lebensgestaltung, neue Richtungen des Erkenntniß- strebens und der Wissenschaft haben sich an sie angeknüpft. Was die in der Kultur am meisten fortgeschrittenen Völker an auszcichnenden Vorzügen in langer geschichtlicher Arbeit seitdem errungen haben, das führt auf das Kreuz von Golgatha als auf seinen tiefsten Grund und seine erzeugende Kraft zurück. Am Kreuze des göttlichen Dulders hängt nicht weniger als die Gesammtheit aller Güter der idealen Kultur für die ganze Menschheit. Könnte jemals die Kunde vom Kreuze Christi auf Erden verdunkelt werden, so wäre aus dem Wachsthum der Menschheit das Herzblatt herausgerissen; die eigentliche Triebkraft aller idealen Weiterbildung im sittlichen, im künstlerischen, im intellekmellen Leben wäre abgebrochen, und der Rest wäre die Verkümmerung und das Verderben. i. Und doch, — mit dem Allen ist die eigentliche Bedeuttmg des Leidens und Sterbens unseres Heilandes mich noch nicht einmal von ferne angedeutet. Diese größte aller Geschichten stände so noch immer, wenn auch in überschwänglicher Hoheit, in gleicher Reihe mit Anderm, was auch auf Erden vorgefallen ist. Einzig und unvergleichbar ist sie erst dadurch, daß sie den Himmel auf die Erde gebracht und die Erde zum Himmel erhoben hat, indeni sie uns eine ewige Erlösung gebracht hat. Hier ist für jede einzelne Menschenfcele der Ausgangspunkt ihres wahren Lebens, der Quell ihrer Wiedergeburt, die Macht ihrer Heiligung, die Hoffnung ihres ewigen Bestandes. Das Räthsel unsers Daseins und das Geheimniß unserer Bestimmung — von hier aus empfängt es Licht; ohne Christi Kreuz wären wir in Nacht versenkt.
Die Geschichte, wie des Menschen Sohn vor der Menschen Gericht steht, wie er den schmachvollen Tod des Verbrechers erleidet, wie er am Kreuze seine göttliche Seele in seines Vaters Hände befiehlt, für seine Feinde bittet und mit brechendem Auge und Herzen das gewaltige Wort spricht: Es ist vollbracht! ist wohl einmal zu bestimmter Zeit, am bestimmten Ort,
(Nachdruck verboten.)
Aus rried'rem Stand.
Original-Roman von Irene v. Hellmuth.
(Fortsetzung.)
Der unglückliche Mann rauste sich in wahn- jhmlgem Schmerz die Haare, verzweiflungsvoll rief t das geliebte Wrib mit den zärtlichsten Namen, doch Alles dies konnte die Aermste nicht wieder zum i iebrn erwecken.
Kein Auge war trocken geblieben bei den furcht- daren Klagen der neben seinem tobten Weibe Hin- ßesunkenen. Schauerlich hallten die wilden Schmerzens- »nSbrüche durch die stille Nacht.
Der Direktor der Truppe trat jetzt herzu und faßte en verzweifelten Mann am Arme. „Steh' ans, Liberti," sagte er sanft, mit tief bewegter Stimme. „Deine Klagen können nichts ändern, wenn noch etwas zu retten ist, muß eS rasch geschehen."
Der Angerufene mochte wohl die Wahrheit der Worte einsehen, denn gehorsam wie ein Kind stand tr auf und machte dem herzugettetenen Arzt Platz. Doch dieser sah sofort, daß hier menschliche Hilfe nichts mehr auszurichten vermochte, die unglückliche Seiltänzerin hatte das Genick gebrochen.
Er versuchte dem armen Manne Trost zuzusprechen, doch dieser schien taub zu sein für jedes Wort, wenigstens gab er keine Antwort. —
Erloschen waren die hellen Flammen der Be-
dort auf dem Boden des heiligen Landes, im Angesichte der Stadt Jerusalem, auf der Anhöhe vor ihren Thoren vorgefallen. Aber es ist doch nicht blos eine einmalige Geschichte von blos zeitlicher, örtlicher Bedeutung: es ist eine ewige Geschichte von unvergänglichem Werthe, von immer gleicher Neuheit, die niemals veraltet, so lange es einen Himmel und eine Erde giebt. Gewiß ist es auch eine Thatsache, aber diese Thatsache umschließt einen Gehalt, der immer wieder durchlebt wird, und von dem unser zeitliches und unser ewiges Leben als von einem tiefsten Grunde getragen und ernährt wird. So viele hundert Jahre, ehe wir in dies zeitliche Dasein ein- getteten sind, ist das Alles geschehen: und doch ist das für uns geschehen.
Die hohe Kunde darf nicht untergehen; sie darf auch keine Trübung, keine Verdunkelung oder Entstellung erleiden. Es muß der Unwissenheit, es muß dem Zweifel und der Verkennung begegnet werden. Das neu Heranwachsende Geschlecht bedarf der Unterweisung, die Gemeinde der Erwachsenen der Stärkung, der Befesttgung, der tieferen Einführung in das wunderbare, das offenbare Geheimniß. Da ist nirgends bloßer Buchstabe, der als solcher rein äußerlich aufgefaßt und festgehalten sein will. Da ist ein unerschöpflicher geistiger Gehalt, bin ein jeder Christenmensch nach dem Maße der Gnade, die gerade ihm zu Theil geworden, zum Grunde seines Lebens in Gott zu machen berufen ist.
Deutsches Reich.
* Berlin, 28. März. (Tagesbericht.) Ueber das Befinden des Kaisers und der Kaiserin kommen aus Neapel gute Nachrichten. Tägich werden Ausflüge zu Wasser oder zu Lande unternommen, auch die Stadt ist schon besucht. Nachdem besonders noch Pompeji und die Insel Capri in Augenschein genommen sein werden, wird es nach Palermo gehen, auf der Reise dorthin werden noch Salerno und Amalfi besucht werden. — Für den Aufenthalt des Kaisers in Wien am 14. und 15. Apnl sind auf den speziellen Wunsch des Monarchen außer der großen Wiener Frühjahrs-Parade keinerlei sonstige Festlichkeiten in Aussicht genommen. — Der Kaiser hat, einer Meldung aus Genua zufolge, der italienischen Gesellschaft vom Rothen Kreuz den Bettag von 4000 Lire mit der besonderen Widmung für die in Afrika verwundeten Sol-
leuchtung, nur wenige gualmevde Oellampen verbreiteten ein schwaches Licht und erhöhten mit ihrem flackernden Schein noch das Schaurige der Scene. Einige von der Truppe, sowie ein paar herzhafte Männer hoben die Todte auf und trugen sie in den Wagen, der der Familie a 8 Wohn- und Schlafzimmer zugleich diente.
Außerordentlich sauber sah es in oem engen Raum aus. Eine kleine Lampe branute auf dem winzigen Tischchen, daneben stand eine Wiege mit blauen Vorhängen. Süß schlummerten die beiden Kleinen, mit rosigen Bäckchen lagen sie in den blüthenweißen Kissen, noch genau so, wie die sorgende Mutter sie hineingelegt hatte, ehe sie sich hinausbegab, sie, die man nun tobt unb kalt hereinttug und auf bas einzige Bett nieberlegte, baS fast bie Hälfte bes Wagens einnahm.
Die Mitglieber ber Truppe stauben, flüsternb beisammen, eben berachschlagend, was nun zu beginnen sei.
„Wir müssen weiter, es hilft Alles nichts, wer giebt uns zu effen, wenn wir nichts verdienen," sagte einer ber Clowns traurig, derselbe, der vorhin durch seine derben Witze das Publikum so vorttefflich unterhalten hatte.
Eine große Menschenmenge umstand noch immer die UnglücksstStte, als Liberti wieder aus dem Wagen trat und sich zu seinen Kollegen gesellte.
„Was werde ich nur ohne die Mutter mit meinen kleinen Würmchen anfangen," klagte er unter
daten gespendet.—Prinz und Prinzessin Albrecht sind heute früh aus England nach Braunschweig zurückgekehrt. — Der erste deutsche Samariterkougreß, zu welchem von hier aus die Anregung gegeben worden ist, findet Ende September d. Js. unter Leichng des Professors von Esmarch in Berlin statt. Auch die Vorkonferenz wird hier am 8. April abgehalten.
* (Huldigungsfahrt nach Friedrichsruh.) Die Fraktionen des preußischen Abgeordnetenhauses werden, mit Ausnahme des Centtums und der Freisinnigen, dem Fürsten B smarck zu seinem 81. Geburtstage am 1. April ihre Glückwünsche darbringen.
* (Von der Arbeiterversicherung.) Der deni Reichskanzler alljährlich einzureichende Geschäftsbericht des Reichsversicherungsamts liegt jetzt für das Jahr 1895 vor. Hiernach waren auf dem Gebiete der Unfallversicherung bei etwa 18 Millionen Versicherten 11133 Rekurse (worunter 3327 aus den Jahren 1893 und 94) gegen Urtheile der ausschließlich vom Reichsversicherungsamt ressvrttrenden 1266 Schiedsgerichte anhängig. Durch Urtheil wurden 7351, durch Beschluß (Verwerfung wegen Unzulässigkeit, oder verspäteter Einlegung, und auf andere Art (Zurücknahme, Vergleich re.) 1002 Rekurse erledigt. In 8060 Sachen haben mündliche Verhandlungen stattgesunden. Beweisaufnahme wurde in 1594 Fällen beschlossen, 20 Urtheile wurden ohne vorgängige mündliche Verhandlung gefällt. Auf dem Gebiete der Jnvaliditäts- und Altersversicherung wurden bei 11 Millionen versicherter Personen 2092 Revisionen in Invaliden-, 1493 Revisionen in Altersrenten- und 21 Revisionen in Beittagserstattungssachen, zusammen 3606 Revisionen anhängig. Unerledigt übernommen auS dem Jahre 1894 sind 500 Invaliden- und 401 Altersrentensachen. Erledigt wurden durch Urtheil nach mündlicher Verhandlung 2734, auf andere Weise (Zurückverweisung, Zurücknahme, Vergleich 2C.) 692, zusammen also 3426 Revisionen. Bei den 528 Schiedsgerichten wurden 18819 Berufungen anhängig, während 34847 Ansprüche auf Altersrente und 73 710 auf Invalidenrente erhoben wurden; hiervon sind 27 586 bezw. 54 424 anerkannt. An Alters- und Invalidenrenten bezogen im Jahre 1895 rund 347 000 Personen zusammen 42,1 Mill. Mk. Die seit dem 1. Januar 1891 festgesetzten Renten repräsentiren ein Deckungs
neuen Thränen, „ich weiß kaum, wie man mit so einem kleinen Kinde umgehen muß."
„Vielleicht könntest Du es hier bei guten, mild- thättgen Leuten unterbringen," rieth der Direktor.
„Gott, Gott, auch das Kind noch hergeben!" klang es trostlos aus dem Munde des Vaters.
„Am Ende stirbt es Dir unterwegs, wenn es gar keine Pflege hat; was verstehen denn wir Männer von der Behandlung solch' zarter Kinder, da ist es doch besser. Du folgst meinem Rath, die Madlon wird Dir ohnehin genug zu schaffen machen," meinte gntmüthig der Erstere wieder.
„Ja, ja, aber wo schnell einen hernehmen, der--" Thränen erstickten die Stimme.
Sinnend hatte der Gutsbesitzer Wolshardt dem Gespräch zugehört. „Wenn ich nur wüßte," wandte er sich an seinen Begleiter, „was meine Frau dazu meinte, ich würde mich von Herzen gern des Kindes annehmen; Du weißt, sie trauert noch immer um unser, vor Jahresfrist heimgegangenes Klärchen, wie wär's, wenn ich ihr einen Ersatz brächte, vielleicht wäre das im Stande, sie ein wenig zu zerstreuen, sie käme dadurch auf andere Gedanken und würde vielleicht wieder heiter, wie zuvor," —
Der Andere zuckte die Achseln. „Ja, mein lieber Fritz, in solchem Falle ist nicht gut rathen; besprechen kannst Du die Sache ja immerhin mit ihr."
„Ach was, wer lang fragt, geht lang irre, ich werde sie überraschen und das Kind gleich mitnehmen, vorausgesetzt, daß die Leute ehelich getränt waren."
material von rund 203,2 Mill, und mit Einschluß der Einlagen in den Reservefonds ein Kapital von rund 243,8 Mill. Mk.
* (Gegen den „Schutzverb and gegen agrarische Uebergriffe") nimmt auch die nationalliberale „Rhein.-Westf. Ztg." Stellung: „Der neugegründete „Schutzverband gegen agrarische Uebcr- griffe" dürfte es kaum zu einer derarttgen Anzahl von Mitgliedern bringen, daß er darauf rechnen könnte, von irgend einer Partei als ein Faktor des öffentlichen Lebens angefehen zu werden, der bei wirth- schaftlichen oder politi'chen Fragen, wie z. B. Wahl, ernstlich in Bettacht käme. Denn auf Uuterftütznng der rechtsstehenden Parteien scheint der Verband von vornherein verzichtet zu haben; das geht schon aus den Unterzeichnern des Aufrufes hervor, in dem zum Eintritt in den Verband aufgefordert wird. Der Zuzug von Seiten der Nationalliberalen zu dem neuen Verband dürfte gleichfalls gleich Null fein. Daß die Sozialdemokraten dem neuenSchntzverband ihre Unterstützung leihen werden, glauben wohl die Gründer desselben selbst nicht. Mithin bleiben von politischen Parteien, aus deren Reihen sich die Mitglieder des Verbandes rettutiren könnten, allein die beiden freisinnigen übrig. Aber selbst bei biefen finbet ber „Schutzverbanb gegen agrarische Uebergriffe" eine wenig freunbliche Ausnahme. So scheint es fast, als ob ber neue Bunb eine Mißgeburt ist, ber gleich bieser nur ein kurzes Dasein fristen kann."
* (Arbeiterstatistik.) Lebhafte Erregung herrscht in kaufmännischen Kreisen. Dieselbe ist hervorgerufen burch den zwangsweisen einheitlichen Schluß für die Ladengeschäfte um 8 Uhr und die anderen Vorschläge der Reichskommission für Ar- beiterstatistik über die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Ladenbesitzer. Der Vorstand des Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller beschloß, ungesäumt alle erforderlichen Schritte zur thatkräftigen Bekämpfung der Kommission zu thun. Es werden große Protestversammlungen statifinden, Eingaben an die Reichs- und Staatsbehörden, sowie an den Reichstag gerichtet werden.
* (Italien und England.) Im italienischen Senat wies der frühere Minister des Auswärtigen Baron Blanc auf das Büudniß zwischen Italien unb Euglanb als vollzogene Thatsache hin. Diese Allianz habe eine solibere
Das Letztere würbe im Eifer etwas lauter gesprochen, unb Liberti, der bie Worte vernommen hatte, fuhr jäh in bie Höhe.
Roch kurze Zeit überlegte Fritz Wolfharbt seinen Plan, bann trat er entschlossen auf bie Gruppe zu, wo Libertt staub, unb begann ohne Umschweife: „Ich bin ber Gutsbesitzer Fritz Wolshardt und möchte mich wohl Eures Kindes annehmen, sofern Ihr es mir anverttaut, es soll wohl aufgehoben sein bei mir; ich will's Euch behüten, wie mein eigenes." —
Erstaunt blickten Alle auf den hochherzigen Mann, der ohne viel Umstände sich dem Wagen zuwandte, um sich das Kind anzusehen.
Noch immer lagen die beiden Kleinen friedlich schlummernd in den Kissen, nicht ahnend, was Alles in der kurzen Zeit sich zugettagen, und welchen entsetzlichen Verlust sie heute erlitten, ©inen schaurigen Anblick bot die todte Frau neben den blühenden Kndern.
Ohne ein Wort zu sprechen, nur traurig mit dem Kopse nickend, trug jetzt der Vater ein Päckchen Papier herbei, das mit blauseidenem Band umwickelt war und breitete vor dem Gutsbesitzer den Trauschein, die Geburts- und Taufscheine der Kinder aus, und nachdem jener sie aufmerksam durchgesehen, sagte er aufathmend: „ES ist also in Ordnung, Ihr wollt mir das Kind geben?" was nur mit einer stummen Geberde des Andern bejaht wurde.
(Forffetznng folgt)