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öchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

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Verantwortlicher Redakteur: Friedrich Colbatzky in Marburg. Svrechsiunden der Redaktion: ’O—11 Ubr Vormittags

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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. - Quartal-Abonnements-Preis bei der Expe­dition 2 M., bei allen Postämtem 2 Mk. 26 Pfg (exkl. Bestellgeld). Jnsertionsgrbühr für di« gespalten« Zeil» »der deren Raum 10 Pfg. Reklamen für dir Zeile 25 Pfg.

Marburg,

Sonnabend, 28 März 1896

Anzeigen nimmt entgegen di» Expedition dieses Blattes.

sowie di« Anvoncen-Bureanx von Haasenstein u Vogler in

Frankfutt a. M.. Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf XXII c>abra Most« in Frankfutt a. M., Berlin, München u Köln; L. L. “

Daube u. Co. in Frankfutt a. M., Berlin Hannover Paris

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Zur ägyptischen Fruge.

. * Es scheint jetzt sicher, daß Rußland und Frank­reich, während Deutschland und Oesterreich zur eng­lischen Forderung, die Kosten für den neuen Sudan­feldzug aus dem Reservefonds der ägyptischen Schulden­kasse bestreiten zu lassen, Ja gesagt haben, Nein sagen. Allerdings wird aus Paris gemeldet, Frankreich und Rußland würden eine gleichlautende Note nach London richten, in der sie den Protest gegen den Dongolazug zwar aufrecht erhalten, jedoch der Entnahme der Kriegskostcn aus dem ägyptischen Reservefonds nicht weiter entgegentreten, doch verlautet mit großer Be­stimmtheit aus St. Petersburg, der russische Minister des Auswärtigen, Fürst Lobanow, habe den russischen Kommissar bei der ägyptischen Schuldenvcrwaltung angewiesen, gegen die englische Fordenmg zu stimmen, und die gleiche Anweisung habe auch der französische Kommissar von seiner Regierung erhalten. Der an­scheinende Widerspruch wird sich dahin erklären lassen, daß Frankreich und Rußland gegen die englische Forderung stimmen, aber sich mit dieser Abstimmung und einem diplomatischen Proteste begnügen, also aus dieser Meinungsverschiedenheit noch keinen Kriegsfall herleiten werden. Uebrigens enthalten die Vorschriften über die ägyptische Schuldenverwaltung keine Be- sttmmungen darüber, ob die Kommission ihre Ent­scheidungen über die Verwendung des Reservefonds einstimmig oder nur mit Stimmenmehrheit zu treffen hat, und so verlautet denn auch schon, daß in der auf jetzt angesetzten Berathung der Kommission diese vorweg über die Art der Abstimmung selbst sich schlüssig machen will. Von London aus wurde schon eifrig dafür eingetreten, daß die Kommissare diese Streitfrage unter sich allein zu schlichten haben und ihnen dabei keine vorgesetzte Regierung etwas darein zu reden hat. Diese englische Ansicht läßt vermuthen, daß in der Kommission eine Mehrheit für die Ge­nehmigung der englischen Forderung gesichert ist. Die ägypfischen Mitglieder hat ja die englische Re­gierung in der Tasche. Aber selbst wenn eine Mehr­heit nicht vorhanden sein sollte, würde England deß- halb den Kriegszug nicht aufgeben können und wollen.

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(Nachdruck verboten.)

Die Salon-Fee.

Roman von «. Marbh.

(Schluß.)

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Während die Damen mit der kleinen Gertrud im Hause verschwanden, blieben die Herren noch unter den Nußbäumen zurück, langsam auf- und abwandelnd. Die Erinnerung an ihr letztes Scheiden vor fünf Jahren ward übermäßig lebendig in ihnen. Hart­mann ergriff Kroner's Hand und sagte ernst:

.Albert, zu fragen, ob Du glücklich bist, ist über- flüssig "

„Ich bin es 1* antwortete der Profissor einfach, mit tiefer Empfindung — „und Du, Benno?" setzte er forschend hinzu.

„Darf dies auch behaupten," versicherte Benno mit auffallendem Eifer. „Ich hätte keine beffere Wahl treffen können! Ich sage Dir, die Heine Frau versteht es, mich in Athem zu erhalten, selbst in ihren Launen — welches schöne Weib wäre frei davon? — sie ist süß — bestrickend süß!" Der leichtlebige, sorglose Genußmensch war jetzt wieder in seinem alten Fahrwafler 1

»Aber jetzt, mein alter Junge" — unterbrach sich Hartmann — „erzähle mir von Dir und Deinem Leben! Ganz abgesehen, daß ein glücklicher Zufall uns hier zusammenfühit, muß ich meine Verwunderung gestehen über den heroischen Entschluß, Eueren Sommer-Wigwam in solchem weltverlorenen Dörfchen aufzuschlagen! Auf die Dauer doch sicher furchtbar langwellig?"

„Im Gegentheil, von Tag zu Tag anheimelnder, lleber Freund! Wir haben uns und die Natm, die Du kaum irgendwo herrlicher findest, und — was

Es müßte denn sein, daß ein türkisch-russisch-französischer Dreibund es um Aegyptens willen auf einen Krieg mit England ankommen lassen wollte. So weit aber wird Rußlands Freundschaft für Frankreich schwerlich gehen, das Zarenreich würde solchen großen Wurf nur wagen, wenn es sichere Aussicht hätte, sich in einem orientalischen Kriege in den Besitz Konstantinopels setzen zu können. Als Bundesgenosse der Türkei wäre solche That aber doch nicht gut angängig, auch würde bann der mitteleuropäische Dreibund, der auf neue sechs Jahre verlängert zu sein scheint, nicht in Unthättgkeit bleiben können.

Mehr, wie je, ist übrigens jetzt wieder die deutsche Politik die richtung- und ausschlag­gebende. Wie man in Berlin gegenwärtig dagegen Verwahnmg eingelegt hat, daß sich Deuffchland über Rom oder Wien ganz in's englische Schlepptau nehmen lasse, so dienen gerade die zweifellos führende Stellung, welche Deutschland im Dreibünde einnimmt, und seine freundliche, eine Verständigung von Fall zu Fall er­möglichende Haltung zu Rußland vereint dazu, unter den widerstreitenden Interessen der europäischen Mächte wenigstens so weit zu vermitteln, daß der Frieden gewahrt bleibt. Hierzu nützt einerseits verständiger, freundschaftlicher Rath, andererseits die nicht miß- zuverstehende Andeuttmg, daß das deutsche Schwert den Freunden Deutschlands zur Seite stehen wird. Natür­lich kann diese Politik nur Erfolg haben, wenn auch weiterhin dieses Schwert seine Schärfe behält, wenn es weiterhin ebenso geschätzt als gefürchtet wird. Auch in den zeitigen ägyptischen Wirren wird es zu­meist von der Weisheit der deutschen Regierung ab­hängen, ob sie auf ihren Herd beschränkt bleiben.

Deutsches Reich.

* v-rli«, 26. März. (Tagesbericht.) Von der Reise des Kaiserpaares wird berichtet: Nachdem die „Hohenzollern" gestern Abend in Neapel an der Mole vor Anker gegangen war, empfingen die Majestäten den Besuch des Prinzen Midder Prinz-ssin Heinrich von Preußen, welche be­

zuerst in Betracht kommt! die köstliche, reine Lust bekommt den Kindern und meiner Frau vortrefflich! Die Kleinen waren im Winter lange krank, meine arme Lolo durch viele Nachtwachen besorgnißerregend angegriffen. Gebirgsluft verordnete der A^t — ich "ahm, sobald es warm wurde, Urlaub und, Gott sei Dank! und dank der guten Pflege unserer Wirthe, blüht mein Schatz gleichsam neu auf!"

„Ich gratulire aufrichtig, Albert, zu Deiner Lebensgefährtin!" rief Hartmann lebhaft.

„Und welch' ein Herz sie hat" — unterbrach ihn der Profeffor in warmem Tone — „klar und echt wie Gold! Und nun komm! Jetzt sollst Du auch unseren Jüngftgeborenen und Stammhalter kennen lernen."

„Glücklicher!"

„Ein prächtiges Weib —diese Lolo!" sagte Benno Hartmann, — als er sich mit seiner Gattin allein befand. „Was meinst Du, Dora! wenn wir uns ebenfalls hier zur mehrwöchentlicheu Sommerfrische niederließen?"

Die schöne Frau starrte ihren Mann erschrocken au und brach daun im nächsten Augenblick in Helles Ge- lächter aus.

„Hier bleiben? o Benno, Benno! um in.dieser Einöde an Langeweile zu sterben!"

„Nun, nun, liebes Herz, man scheint doch hier wie in einem kleinen Eden zu leben! Und unsere Freunde, rechnest Du deren Gesellschaft für nichts!"

„Die aber brauchen die unsere nicht! Lasten wir ihnen ihr Paradies" — Frau Dora lachte wieder — „allein, mein Bester! Ich bitte Dich, was finge ch mit meinen neuen, reizenden Roben an? Sollen die Berge und die Bauern sie anstaunen? Die gute Frau Professor, fürchte ich, hat dafür kein Verstäud- uiß — geht nur in der Sorge für ihre Kinder auf.

kanntlich se t Januar schon in Neapel anwesend sind. Bei günstigem Wetter unternahm die Kaiserliche Familie mit der Funicolari, der Drahtseilbahn, eine Tour zum Gipfel des Vesuv, von dem sich eine prachtvolle Rundsicht bot. Auf dem Heimwege sprach der Kaiser auch im Obseivaiorium mit vor.. Die Bewohner der am Abhange des Vesuv gelegenen Dörfer bereiteten den hoyen Reisenden herzliche Ovationen. — Die „Hohenzollern" wird, wie bekannt, am 31. März Abends von Neapel nach Palermo in See gehen und doit am 1. April Vormittags cintreffen. Am ersten Ostertage Abends begeben sich der Kaiser und die Kallerin nach Girrenti, von hier nach Syrakus. — Prinz Heinrich besuchte gestern die in Afrika verwundeten Soldaten im Mililärhospital in Neapel. — Das sächsische Königspaar ist von Dresden nach Strehlen übergesicdelt. — Dem „Braunschw. Tageblatt" zufolge trifft der Rezent Prinz Albrecht am 29. dort ein, verlebt in Braunschweig das Osterfest und reist bann zur Kur nach Wiesdaben. — Kriegsminister Bronsart von Schellenborff hat sich heute mit vier- zehntägigem Urlaub zur Erholung nach Cannes begeben.

* (Gesetzentwurf betr. bie Hanbels- kamme.ru.) Nach der „Berl.• Korresp." -bezweckt der dem Abgeordnetenhaus zugegangene Gesetzentwurf über die Handelskammern, obligatorische, das ganze Staatsgebiet überspannende Handelskammern zu schaffen, denen vermehrte Ausgaben zufallen sollen. Die Errichtung und Bezirksbegrenzung erfolgt durch den Handelsminister. Bestehende leistungsfähige Handelskammern werden aufrechterhalten. Das Handwerk bleibt wie bisher ausgeschlossen. Das Wahlrecht und die Beitragspflicht bleiben von der Eintragung als Firmeninhaber in's Handels­register und von der Veranlagung zur Gewerbesteuer abhängig. Die Bestimmung de« Wahlsystems bleibt den einzelnen Handelskammern, vorbehaltlich der staatlichen Genehmigung, überlassen. Die Zuständig­keit wird dahin erweitert, daß die Kammern sich über Maßregeln der Gesetzgebung und Verwaltung zu äußern haben, welche die allgemeinen Interessen

von Handel und Gewerbe, und im Besonderen die Interessen der Handel- und Gewerbetteibenden be­rühren ; sie sind befugt, Anstalten, Anlagen und Ein­richtungen zur Förderung von Handel und Gewerbe und zur technischen, geschäftlichen und sittlichen Aus­bildung der Gehilfen und Lehrlinge zu begründen, zu unterhalten und zu unterstützen. Den Handels­kammem werden die Rechte einer juristischen Persön­lichkeit verliehen.

* (A r b e i t e r st a t i st i k.) Die Reichskommisston für Arbeiterstatistik hat nun auch Vorschläge über die Regelung der Verhältnisse der Angestellten in offenen Ladengeschäften gemacht. Damach sollen in der Regel offene Verkaufsstellen von 8 Uhr Abends bis 5 Uhr Morgens für den geschäftlichen Verkehr geschlossen sein. Ausnahmen sind in be­stimmten Fällen zulässig. Weiter sind noch Wohlfahrts­einrichtungen zu Gunsten des Personals in Aussicht genommen. _ Außerhalb der Zeit, während welcher die VerkaufsstelleZfür das Publikum geöffnet ist, dürfen Handelsgchilfen, Lehrlinge und Geschäftsdiener zur Arbeit für das Geschäft nicht heranzogen werden. Die beim Ladenschluß im Laden schon an­wesenden Shinben dürfen in der nächsten halben Stunde noch -bedient werden. Ebenso dürfen die Geschäfts­diener zu denjenigen Arbeiten herangezogen werden, die vor Oeffnung oder nach Schluß der Verkaufsstelle noch vorgenommen werde» müssen, um den regel­mäßigen Betrieb des Geschäfts zu ermöglichen. Jedoch muß ihnen eine ununterbrochene Ruhe von mindestens 3 Stunden verbleiben. Den Handlungs­gehilfen, Lehrlingen und Geschäftsdienern ist eine angemessene Pause von mindestens 1'/, Stunden zur Einnahme der Haupttnahlzeit zu gewähren. Ausnahmen sind statthaft bei Jnventuraufnahmen, Umzügen und Neueinrichtungen. Zum Besuch von Fortbildungs- oder Fachschulen ist den Handlungs­gehilfen und Lehrlingen unter 18 Jahren die zum regelmäßigen Besuche dieser Schule erforderliche Zeit zu gewähren. In den Laden-, Arbeit?- und Lager­räumen, bei den Betriebsvorrichtungen, Maschinen und Geräthschaften und am ganzen Bettieb ist das

Willst Du, mein Theurer — bleibe — ich — kehre zurück!"

Sie legte bei den letzten Worten die vollen weißen Arme um den Gatten und lächelte ihn so verführerisch en, daß er, das reizende Weib feurig an sich pressend, flüsterte: „Kleine, süße Hexe, was wäre mir ein Eden ohne Dich?!"---

Zur selben Zett standen der Profeffor und Char­lotte am offenen Fenster, die Herzen bewegt von mannigfachen Gedanken, und schauten schweigend hinaus in die zauberisch schöne Mondnacht. Be­rauschende Düste schwammen in der Luft, der sanfte Nachtwind strich kühlend über die heißen Schläfen.

„Fühlst Du Dich nicht wohl, Lolo? Du bist so still geworden."

Bei der besorgten Frage ihres Gatten zuckte die junge Frau leicht zusammen, lehnte dm Kopf gegen seine Schulter und erwiderte in verhaltenem Tone: „Ich konnte den Blick nicht von ihr wenden — sie ist so schön — und Du, Albert, verzeih — ich — mir schien — als--"

Sie verstummte, schwer athmend. Kroner hob sanft ihr Antlitz empor, sah lange in ihre feucht- schimmerndeu, bang fragenden Bugen — was wohl ihre Seele bewegte? Plötzlich flog ein Lächeln über fein Gesicht.

„Liebling, was fürchtest Dn? Die Zeit, in welcher eine Dora meiner Phantasie gefährlich wurde, liegt wie ein fchwüler Traum feit Langem glücklich hinter mir. Ich kenne eine theure Frau, für mich noch viel schöner und begehrenSwerther — keine Solonfee, sondern eine Bergfee — meine Lolo" — er umschlang sie fest und küßte ihnn Mund — „das Weib meines Herzens — die Mutter meiner Kinder."

(Nachdruck verboten.)

Frühlingsfeier.

Skizzen ans dem Volksleben von Heinrich Geller.

.Di« Fenster auf, di« Thüren auf Geschwind" ....

(Schluß.)

Eine ganz besondere Form hat die Frühlings- feier in Zürich angenommen. Hier läutet am Sonntag ßäfare bie Abenbglocke zum ersten Male um 6 Uhr, was sie fortab bis in den September hinein thut, und das ist hier das Symbol des Frühlingsanfangs geworben. Das „Sechfeläuten" hat sich zu einem grofjen Kinderfeste gestaltet. Berlarvt, in einem von vielen Bändern behangenen Hemde und mit einer hvhen spitzen Mütze auf dem Kopfe springen die Knabm schellenklingelnd von Haus zu Haus und heischen mit dem Rufe: „Uscheli, Batz, Batz!" die herkömmliche Gabe. Sie heißen „Böken" (böken- brüllen), die Mädchen aber, die weißgekleidet umher­ziehen und Maibäumchen ober geschmückte Kränze tragen, werden „Mareieli's" genannt und sie singen ein Lied, das beginnt:

Da» Sechfeläuten und das ist da, E« grünet hier Alles in Laub und Gras, In Laub und Gras der Blüthen so viel, Drum tanzet'» Mareieli im Saiteuspirl.

Unschwer erfennt man, daß die iölpisch ver­mummten Böken die Repräsentanten des Winters, die lichten Mareieli's die des Lenzes find, und wenn dann bie Glocke Abenbs um 6 zum ersten Male wieder ertönt, so wird der „Böke", der Strohmann, an einer langen Stange verbrannt. Daran schließt sich bann große Maskenlustbarkeit und ein feierliches Mahl der Zünfte.