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Wöchentliche Beilagen: Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«.

**** * aJiQr6lII,i Allustrirtes Sonntagsblatt. ""Sprechendes der Redaktion: 1011 Uhr Bormitt 1^ar6ar<u

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Erscheint täglich außer an Werktagen nach Sonn- und Feiertagen. Quartal- Abonnnnenrs-Preir bei der Expe­dition 2 Mk., bei allen Postämtern 2 Mk. 25 Vfg. (exksi Bestellgeld). Jnsert'onsgebühr für die gespaltene Zelle oder deren Raum 10 Pfg. Reklamen für die Zeile 25 Pfg.

Marburg,

Mittwoch, 18. März 1896.

Anzeigen nimmt entgegen die Expedition dieses Blattes, sowie die Annoncen - Bureaux von Haasenstein u. Vogler in Frankfutt a. M.. Cassel, Magdeburg und Wien; Rudolf Moste in Frankfutt a. M., Berlin, München u. Köln; E. L. Taub« u. Co. in Frankfutt a. M., Berlin Hannover, Pari.».

XUI. Jahrg.

Zweites Blatt.

(Nachdruck verboten.)

Berliner Brief.

Frühlingswehen verspürt der Bewohner der Reichs- hauptstadt schon, cs ist schon mehr ein resoluter Frühlingssturm, der sich alle Augenblicke auf märkischem Boden einstellt, aber von dem Schönerwcrden der Tage ist noch wenig zu bemerken. Ein Schneegestöber und ein kalter Regenschauer nach dem anderen. Das ist keine Temperatur, die zu Lenzgedichten und Veilchen-Reimen veranlaßt, und so langweilt sich Berlin zur Stunde etwas, denn die Mordgeschichten, an denen es in diesem Winter leider weniger ge­mangelt hat, als an Schnee, sind kein Gegenstand der Unterhaltung; mau steckt in einem Stadium, welches großen Dingen vorangeht: dem Frühling, Ostern und der Eröffnung der Gewerbeausstellung, und von allen Diesem verspricht sich Jeder viel. Zum Tanzen und Tafeln ist keine Luft mehr vorhanden; eine Musikstadt ist Berlin nicht mehr, und als zum Großstadtton gehörend, bleibt nur das Theater. Der deutsche Dichterhimmel ist nun aber momentan nicht gerade reich bevölkert. Ein einziges neues Stück ist es, welches im ganzen Winter einen wirk­lichen Erfolg erzielt hat, und das ist das Drama König Heinrich" von Ernst von Wildenbruch. Die Schauspieldirektoren sehnen sich nach vollen Kaffen, und so werden in den verschiedenen Theatern wohl ein halbes DutzendHeinriche" gemimt. Alle alten Stücke, in welchen irgend ein König Heinrich vor­kommt, sind ausgegrahen, von William Shakespeare au bis zu Gott weiß wem. Aber der Wilden- bruch'sche Heinrich ist doch Nr. 1 geblieben. Der Berliner aber fragt, warum andere Dichter nicht auch so etwas schreiben! Woran es liegt, daß nicht? Doch nur entweder am Können, oder daran, daß Geschmack vom Dichter und Publikum verschieden ist. Bei den Konfekttonsmädeln wird immer noch gesttchclt, nicht «los mit der Nadel, auch mit der Zunge. Denn mit den veränderten rühmlichen Lohntarifen ist es meistentheils noch immer schwach genug bestellt. Die ganze Angelegenheit, die im Publikum so viel Sympathie gefunden hat, ist keineswegs geregelt, und Behörden, wie Gesetzgebung haben alle Ursache, die eingeleiteten Erhebungen so gründlich wie möglich zu gestalten. Heute ist die Beffenmg so geringfügig, daß dabei für die Konfektionsarbeiterinnen selbst noch keine neue Frühjahrshülle abfällt.

Vermischtes.

Berliner Gewerbrausstellung. Zur deurschen Kolonialausstellung auf der Berliner Gewerbe­ausstellung werden auch afrikanische und australische Eingeborene erscheinen. Sie werden sich zusammen­setzen aus 30 Kamerunern, 5 Südwestafrikanern, 30 Ostafrikanern, 8 Neu-Guincanern und 24 Be­wohnern Togos.

Kein Kommißbrodzwang. Denjenigen Mann­schaften des preußischen Gardekorps, welche nach Befund des Arztes zu schwache Verdauungsorgane haben, um das schwere Kommißbrod ohne Schädigung ihrer Gesundheit genießen zu können, wird seit neuerer Zeit an Stelle des Brodes Geld verabreicht, um sich leichteres, ihrem Magen mehr zusagendes Brod kaufen zu können.

Ein Sohn des himmlischen Reiches wird wegen wiederholten Bettuges von der König­lichen Staatsanwaltschaft L Berlin steckbrieflich ver­folgt. Es ist dies der angeblich aus Hongkong ge- bürttge 30jährige Hokai alias Rock-Toill D. D. Lam alalis Ho Tschung Kai.

Benehmen eines Sozialdemokraten auf einem Friedhöfe. Das Dresdner Landgericht hat den Sozialdemokraten Glasmacher Carl Gustav Richter aus Hallendorf, der sich bei einer Beerdigung auf dem Ottendorfer Friedhof am 14. Januar in empörend gotteslästerlicher Weise benommen, zu einer Frei- hcitssttafe von 8 Monaten verurtheilt.

Verurtheilnnq einrS ungetreuen Feldwebels. Der Feldwebel Werner vom Königin - Augusta- Regiment in Spandau hatte die Spargelder der Avancirten seiner Kompagnie, ungefähr 500 Mark, welche er zinsbar anlegen sollte, nnterschlagen. Als sein Vergehen entdeckt wurde, wollte er sich erschießen, wurde hieran aber durch einen Vorgesetzten gehindert, worauf seine Verhaftung erfolgte. Er ist jetzt vom Militärgericht zu neun Monaten Gefängniß und Degradatiou zum Gemeinen venrrtheilt worden.

Von einem Bären getödtet. Im Dorf Wachow in Russisch-PoleU-Umrde daL-siebenjährige Töchterchen eines Bauern während der Schaustellung eines Bären- tteibers von dem Bären getödtet. Der Bärentreiber wurde verhaftet, der Bär auf Befehl des Bezirks­richters erschossen.

Eine vielbeschäftigte Familie befindet sich in einem Orte Oberhessens, Kreis Alsfeld. Der Vater, ein Fleischbeschauer a. D., versieht jetzt den Beruf als: Weber, Schafhirt, Flurschütz, Gemeinde-Baum- wart, Wiesenwärter, Metzger, Barbier, Heiraths- vermittler, Kanarienzüchter und Spazierstockfabrikant. Sein Sohn ist Weber, Landwirth, Polizeidiener, Briefttäger, Kuhhirt, Kirchendiener, Glöckner, Nacht­wächter und Metzger.

Kleine Nachrichten. Hermann Siemes, Prokurist und Direkior der Beiliner Werke der Firma Siemens und Halske, ist am 11. b M. in Luzern gestorben. Die Gclieb'e des Berliner Ex-Rechtsanwalts Fritz Friedmann sollte in einem bortiqen Spezialitäten­theater bekanntlich alsbüßende Magdalena" auf- tretcn Ihr Erscheinen auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, ist indessen vertagt, wahrscheinlich wohl infolge eines polizeilichen Winkes. Die beiden Einjährig-Freiwilligen, welche sich in Speyer einer zu erwartenden Strafe durch die Flucht ent­zogen, sind zurückgelehrt. Sie waren nach Nancy gefahren, von wo sie ihre Eltern um Geld ersuch en. Jdre Väter begaben sich darauf dorthin und ver­anlaßten sie zur Rückkehr Auf dem Militär-

bahnbof in Schoeneberg brach Feuer aus und ver­nichtete den Inhalt der Äontirungskammer. Der Gerichisassessor Borchert, der am 6. Februar den Premierlieutenant Seidensticker im Duell erschoß, wurde vom Schwurgericht in Königsberg in Pr. zu zwei Jahren Festung verurtheilt. Der Staatsanwalt hatte 3 Jahre Festung beantragt. Der dem Berliner Bankhause Bleichröder nach Unterschlagung von 105 000 Mk. durchgebrannte Buchhalter Götze ist in Philadelphia verhaftet. Die Pariser Depulirtenkammer hat die Vorlage über die Welt­ausstellung im Jahre 1900 genehmigt.

Ein Radikalmittel

für die Landwirthschast.

Das Gute kann nicht oft genug in Erinnerung gebracht werden. Das gilt besonders von einem Mittel, das in der Landwirthschast bezw. bei der Viehhaltung noch mehr zur Anwendung kommen sollte, nämlich M. Brockmann's Kresolin, das weder giftig ist, noch eine ätzende Wirkung äußert. Es dient zur Vertilgung der in Unzahl vorkommenden Parasiten, welche unsere Hausthiere arg belästigen. Die Anwendung ist die denkbar einfachste; es wird niemals unverdünnt, sondern stets nur in einer 1 bis 25 Prozent Lösung angewandt. Die Verdünnung geschieht am besten mit weichem Fluß- oder Regen- wasser. Eine Iprozentige Lösung erhält man, indem man einem Liter Wasser 10 Gramm Kresolin zusetzt. Mit großem Erfolg wird Kresolin als W o l l w a s ch - mittel benutzt, die Wolle wird blendend weiß, das Wollhaar selbst bleibt fest und mild. Unüberttefflich wirkt genanntes Mittel, nach den Erfahrungen zahl­reicher Schafherdenbesitzer, gegen die Zecken, die Blutsauger der Schafe; hier genügt ein einmaliges Bad in stark verdünntem Kresolin. Und in neuerer Zeit hat man mit Brockmann's Kresolin ganz vorzüg­liche Erfolge bei Vertilgung der Fliegen in den Viehställen erzielt; keine Jahreszeit eignet sich zur Vertilgung genannter Schmarotzer besser, als das Frühjahr beim Ausdüngen der Ställe. Wie uns bekannt, sind die erfolgreichen Beobachtungen speziell nach dieser Richtung hin nur mit dem Präparat von M. Brockmann in Leipzig-Eutritzsch ge­macht worden und weisen wir deßhalb besonders darauf hin.

Vom Büchermarkt

AIS vierter Band der fünften Jahrgangs der Ver­öffentlichungen derVerein» der Bücherfteunde, Berlin", erichien soeben: »Da« Sabinergut". Roman von Eduard Bertz (Verfasser des Roman»Glück und Gla»") 2 Tbeile in einem Bande. 31 Bogen. Preis: geheftet 5 Mk., gebunden 6 Mk. - In der Geschichte einer Jdeal- kolonie, deren lehrreicher Verlaus den Hintergrund des SabinergutS" bildet, hat der Verfasser einen Stoff von grober typischer Bedeutung zu gestalten versucht. Auf d «fern Boden entwickelt sich der Konflikt de» weltfremden Idealisten mit der gemeinen Wirklichkeit der Tinge, und ernste Zeitfragen, besonders dar Problem deS BildungS- vroletattats, tragen zum Ausbau der Handlung bei, die sich bi» zu tragischer Höhe steigert. Toch die Gegensätze finden

in einem milden Humor ihre Versöhnung. Der Held, ein allzu romantisch veranlagter deutscher Träumer, hat von früh auf den Wunsch gehegt, in freier Natur ein poetischer Stillleben zu führen, wie e» sein Leibdichter Horaz auf dem vielbesungenen Landgut in den Sabinerbergen genossen, und als ihn ein herber Schmerz aus seinem ruhigen G lehtten- berus in den Kampf de» Leben» hinauStreibt, will er den Jugendtraum in amerikanischer Waldeinsamkeit verwirklichen. Es kann nicht ausbleiben, daß er unter d n Aankee» ntanäjd'ei Abenteuer bestehen und, im Widerspruch mit dem praktischen Geist des Westens, eine harte Prüfungkz-it durchmachen muß Aber während die koloniale Utopie dem unvermeidlichen Loose aller Seifenblasen erliegt, hat sein eignes Schicksal sich allmählig mit dem einer ausge­wanderten deutschen Familie freundlich verwett, er ist sich feiner Stammespflichten bewußt geworden, und die Schule der Erfahrung hat ihm da» Maaß seiner Kräfte gegeben. Und da» Beste, feinen Glauben an die idealen Mächte im Menschheitsleben, hat er sich au» den Trümmern seiner Hoffnungen gerettet

Rogge, D. Beruh., Kgl. Hosvrediger in Potsdam, Fürst Bismarck, der erste Reichskanzler Deutsch­lands. Ein Lebensbild zu dessen Eebuttstag. Neue Auf­lage. Mit zahlreichen Abbildungen. Hannover 1896 Carl Meyer (Gustav Prior). 5o Pfg., in Patthien erheblich billiger. Das Rogge'sche Fest-Büchlein kommt zu Bis- marck's Geburtstag gerade zur rechten Zeit. Diese Fest­gabe, warm und innig geschrieben, verdient in allen VolkS- kreisen die weiteste Verbreitung. Die Ausstattung ist gut. Bei Bezug einer größeren Anzahl von Exemplaren zum vertheilen in Vereinen, Schulen, Fabriken, im Heere usw. stellt sich der ohnehin billige Preis noch viel billiger.

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