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mit -em Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«.
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Marburg
Dienstag, 10. Dezember 1901.
Ericheint täglich außer an Werktagen nach wann- uuv ö-turiaytn. Sonntagsbeilage: JllaftrirtrS Sonntagsblatt.
Druck und Verlag: Joh. Ang. So-, UniverfitätS-Buchdruckrrei
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
36. Iahrg.
Parlamentarisches Komödienspiel.
In der Reichstagsfitzung am Freitag ereignete i während der Rede des Abg. Bebel ein pischenfall, der von der Sozialdemokratie und •ttn Mitkämpfern zweifellos zur weiteren Äufnung der Massen benutzt werden wird, der iet im wesentlichen auf nichts weiter hinauS- sft, als auf eine gut gespielte parlamentarische „mödie. In seiner fast zweistündigen, Ueber- reibungen, Verdächtigungen und haltlosen An- Wen strotzenden Rede gegen den Zolltarif Mite der Abg. Bebel auch eine kleine Geschichte £ die unseres Wissens zuerst in der »Köln. Volkszeitung" gestanden hat. Ein Schüler war Mrgens beerdigt worden; der Lehrer erzählte M Kindern, daß ihr Kamerad in den Himmel Kommen sei und knüpfte daran die Frage: Mer von Euch möchte denn auch dahin? Auf iese Frage meldeten sich drei'Kinder, darunter in kleiner Junge, der schon seit längerer Zeit hlecht auSsah. Der Lehrer fragte den Kleinen, lanim er denn in den Himmel wolle, und er- ielt zur Antwort: „Da hätte ich keinen mger mehr."
An diese, gewiß recht rührende und zum Nachdenken veranlassende kleine Geschichte, von er man allerdings nicht weiß, wann, wo und ötet welchen Umständen sie sich zugetragen hat, köpfte der Abg. Bebel folgende Bemerkungen:
„Das find die Worte eines kleinen Kindes, irine Herren, dies Wurm sehnt sich nach dem unmel, um keinen Hunger mehr zu leiden, iebt es etwas Empörenderes, giebt es etwas Aufreizenderes gegen die heutige GesellschaftS- Lnung, als die Aeußerung dieses KindeS?"
Herr Bebel benutzt also jene Erzählung, eren Richtigkeit noch nicht bewiesen, deren Binn auch keineswegs klar ist, um daraus eine pmz allgemeine Anklage gegen die heutige Gesell- Wftsordnung und insbesondere gegen die Vorlage zu folgern. Und damit hat er zweifellos lnrecht. Es ist sicher richtig, daß in den Kroßstädten sich viel soziales und wirthschaft- liches, materielles und sittliches Elend zusammenhäuft , und es ist ebenso richtig, lej es nicht wenige Kinder gibt, die zu Hause mcht das Sattesten haben, die in der Schule mit eingefallenen Augen und hungrigen Magen fitzen, daß es einen jammern könnte. Geht man aber kn Gründen dieses Elends nach, so wird man neben Fällen unverschuldeter Noth gewiß auch diele finden, wo der Vater ein Sünderjahn ist, der nicht Lust hat zum Arbeiten, oder der das
M (Nachdruck verboten.)
Elfe.
Roman von Hanna «schenbach.
(Fortsetzung.)
„Ich kann und will mir nicht denken, daß diese Fingerchen beim Kochen rußig werden oder am heißen Plätteisen hart und rot. Thun Sie es nicht mehr, Fräulein Else, mir zu lieb, und harren Sie ruhig aus den Märchenprinzen, er wird schon kommen und Sie auf ein Schloß führen, wohin Sie gehören." Elfe^.bleibt stehen und fieht ihm dankbar in die Augen. „Ich will Äuen folgen und — warten. Hier find wir am Ziel. Adieu, Herr Leutnant."»
„Leben Sie Wohl, gnädiges Fräulein, ich danke Ihnen herzlichst sür den mir gewährten Spaziergang, den ich nie vergessen werde. Auf Widersehen am Sonntag, nicht wahr?"
Elfe zuckt die Achseln, aber ihr Auge strahlt ihn verheißungsvoll an. Mit dieser Antwort zufrieden, verneigt fich der Leutnant tief und schreitet sporrenklirrend davon. Im Hausflur steht das Mädchen und schaut ihm nach.
Da wendet er fich. Noch einmal haften die Elicke in einander, dann huscht die leichte Gestalt die Treppe hinauf.
Ich seh' verblühtes Antlitz gern, Wenn ich von seinen Zügen Nur Lieb' und Leben lese» kann, Und Lust, sich Gott zu fügen.
9. Kapitel.
Im 3. Stock angelangt, steht Elfe still und toefet die Hand aufs Herz. Wie sonderbar es heute pocht und hämmert, In diesem Tempo pflegt sie die Treppe doch heraufzustürmen, ohne
Verdiente, noch bevor er nach Hause kommt, vertrinkt, daß er also selbst Schuld ist an dem elend seiner Familie. Wenn Herr Bebel das »estreiten will, so möge er in den Berliner Schulen, bei den Rektoren und Lehrern, bei den Mitgliedern der Armenkommissionen, bei den Vorständen von humanitären Vereinen, die fichs i ur Aufgabe machen, in die Hütten der Aermsten z u gehen, dem Elend nachzusorschen und es zu mildern, nachfragen, und er wird das bestätigt inden. Die in seiner Erzählung, insbesondere n dem Tonfall liegende Behauptung, die wirth- chaftliche Gesetzgebung deS Reichs sei an dem Llend schuld, wie es jene Bemerkung des Kindes uns vor Augen führt, ist also eine haltlose, unbegründete und ungerechte Anklage. Wenn >er der Reichspartei angehörende Abg. Graf Intim, dessen WohlthätigkeitSfinn allgemein letannt ist, den bekannten Zwischenruf that, o war dieses in Ton und Form gewiß nicht i U billigen. Aber in anderer Weise hätte gewiß >arauf hingewiesen werden können, daß der Abg. Bebel auf dem Holzwege war, wenn er 'ne Erzählung gegen den Zolltarif auSbeuten wellte.
Zu der menschlichen Gesellschaft, die Bebel >er Schuld an jenem Elend anklagen will, gehören auch die Herren Sozialdemokraten. Und wenn wir nun nachfragen, wer mehr Wohl- thätigkeitsfinn und Opferwilligkeit zur Bekämpfung der Noth bekundet, die sozialdemokratischen Ankläger oder die bürgerliche Gesellschaft, so wird diese Antwort sür Herrn Bebel und seine Leute sicherlich nicht günstig ausfallen. Aus dem Gebiete der öffentlichen und der privaten Wohlthätigkeit geschieht heutzutage außerordentlich viel, und wenn eS heute in Berlin z. B. bekannt wird, daß ein Kind in Folge trauriger Verhältnisse zu Hause nicht das Sattessen hat, so wird für dasselbe auch gesorgt. Es wäre der Wahrheit entsprechender gewesen, wenn Herr Bebel dies anerkannt und nicht so allgemeine ungerechte Klagen in die Welt geschleudert hätte, um hinterher Ent- rüstungsscenen aufzuführen. Noch ungerechter aber ist es, wenn Herr Bebel die Schutzzollpolitik verantwortlich machen will für das soziale Elend in den Großstädten. Eine gesunde Schutzzollpolitik wirkt verbessernd aber nicht verschlechternd aus die sozialen Verhältnisse, die wahren Ursachen des großstädtischen Elends liegen auf ganz anderen Gebieten, die für die Sozialdemokraten das Blümchen Rührmichnichtan find.
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daß es die geringste Anstrengung kostete, und wer die leichte Gestalt dabei beobachtete, der glaubt das gern. Aber heute hat fie wirklich Herzklopfen. Furcht vor Miß Wilson wegen des Zuspätekommens ? Gewiß nicht, Miß Wilson ist das längst gewöhnt. Also er ist schuld. Was hatte er nur alles gesagt! Es klang fast wie eine Liebeserklärung. Und geküßt hätte er fie auch beinahe. Wie gut er war! Ein herrlicher Mensch! — „Schade, schade," seufzt Else, und es schimmert feucht in den blauen Sternen. Sie ist in Gedanken versunken vor der Flurthür stehen geblieben, die auf einfacher Visitenkarte die Aufschrift trägt: Miss Ellen Wilson, english lessons. Da wird die Thür aufgeriffen, und die hagere Gestalt der Engländer steht vor ihrer säumigen Schülerin. „Ah, Miß Elfh, da find Sie, very late, I dare say, very late. Seit einer Stunde gehe ich von Fenster zu Fenster und yeu d’ont ceme" — „Beg your pardon, dearMiss,“ versetzt das Mädchen und macht ein möglichst zerknirschtes Gesicht. „Ich hatte eine Abhaltung." Die Engländerin zieht die Augenbrauen in die Höhe: „Ah, Abhaltung? I guess you mean the young olficier, mit welchem Sie spazierten." Elfe lacht und wird roth. „0 that’« interesting, please Elfy, erzählen Sie mir."
Aber diese hat gar keine Lust, die Neugier ihrer Lehrerin zu befriedigen. Sie öffnet ihre Grammatik, und wohl oder übel muß Miß Wilson fich fügen. Nach einer halben Stunde unaufmerksamsten Lernens erhebt sich das Mädchen: „Ich habe heute keine Zeit, länger zu bleiben. Good bye, Mißchen."
„Aber Elfh!"
„Ich bleibe Dienstag länger." Sie setz ihren Hut aus, indes die Engländerin resignier;
Umschau.
Deutsche und amerikanische Schutzzölle.
Zur Vertheidigung der vorgeschlagenen »eutschen Zollerhöhungen schreibt die „Deutsche Volksw. Korr.":
In seiner Reichstagsrede über den Zolltarifentwurf hat der Staatssekretär Graf PosadowSky aus daS Verhältaiß der Zolleinnahme zum Berthe der Einfuhr in den einzelnen Staaten »ingewiesen. In den Vereinigten Staaten be- rägt die Zolleinnahme vom Gesammtwerthe rer Waareneinfuhr 27,50 pCt., in Frankreich 9,66 pCt. , in Italien 13,71 pCt. und im europäischen Rußland 32,61 pCt. Bei uns be- rug im vorigen Jahre der Werth der Einfuhr 6043 Millionen Mark, während fich der Zollertrag aus 621 Mill. Mark, das find also nur 8,6 pCt. des Einfuhrwerthes, berechnet. Wie ich dieser Procentsatz in Zukunft nach der Verabschiedung der Zolltarisvorlage und nach dem Abschluffe neuer Handelsverträge stellen wird, äßt fich zwar heute nicht mit Bestimmtheit an- jeben, so viel ist aber doch sicher, daß der etzige Procentsatz nur eine verhältnißmäßig geringe Erhöhung erfahren wird. Jedenfalls werden wir die hohen Durchschnittssätze, wie fie Italien, Amerika oder Rußland erheben, auch nicht annähernd erreichen. Wie wenig hochschutzzöllnerisch )er deutsche Tarifentwurf im Vergleich zu den in Amerika geltenden Zollsätzen ist, dürfte aus folgenden Vergleichen ersichtlich sein. Für Fleischextrakt ist in dem Entwurf ein Zoll von 30 Mk. pro 100 Kilogr. vorgesehen; der Zoll, den die Vereinigten Staaten auf Fleischextrakt erheben, beträgt 0,35 Dollars pro Pfund — 327 Mk. pro 100 Kilogr. ist also beinahe 106» Prozent höher als der unsrige. Von Nähmaschinen erheben die Vereinigten Staaten einen um 100 bis 200 Prozent höheren Zoll, als er in dem deutschen Tarifentwurf vorgesehen ist. Bei Fahrrädern ist der amerikanische Zoll noch um beinahe 400 Prozent höher als der bei uns vor geschlagene. Bei Schreib- und Rechenmaschinen ist er sogar um 2500 Prozent höher, bei Möbeln um durchschnittlich 250 Prozent, bei Schweineschmalz um 50 Prozent, bei Talg um 180 Prozent, bei Butter und Margarine um durchschnittlich 90 Prozent. Man wird bei einem genauen Vergleich zwischen dem neuen deutschen Zolltarif und dem Diuglehtarif nur wenige Positionen finden, bei denen der amerikanische Zollsatz hinter dem deutschen zurückbleibt.
schweigt, aber das alte, gute Gesicht blickt ties- betrübt drein — und Elfe, die das im Spiegel bemerkt, eilt zu ihr. „Nicht böse sein, Mißchen, nächstens gehen wir spazieren, und dann erzähle ich Ihnen auch von Herrn von Buchwald!" — Buchwald? Sagten Sie Buchwald?! ruft Miß Wilson, und freudigstes Erstaunen malt fich in den milden, verwelkten Zügen. Sie erhält keine Antwort, denn ihre Schülerin ist wie ein Wirbelwind zur Thür hinausgehuscht. — „Buchwald", welche Erinnerung weckt dieser Name, der ihr der liebste war, seit er zum erstenmale an ihr Ohr geklungen. Sie finnt und finnt. Alte Zeiten werden jung, und jene harmlose Begebenheit, die ihr einsames Herz, mit poesievollem Zauber erfüllt und ihr ganzes Leben durchleuchtet hat, ersteht aufs Reue vor ihrem inneren Auge. —
* *
Wie unter Schnee und 6i8 Des Mooses zarte Triebe. So grünt im Herzen leis Erinnerung fort der Liebe. Mag immer dann die Brust Ein frostig Heut' bedrücken, Ein Hauch der alten Lust Kann dir'» mit Blüten schmücken.
Miß Wilson war eine Doppelwaise und in ihrem achtzehnten Jahr als Erzieherin auf ein Landgut in der Nähe von London gekommen. Die Herrschaft war gütig, die Kinder folgsam, und so lebte Ellen Wilson zufrieden und stil dahin. Da kam eines Tages ein Verwandter zu Besuch, ein deutscher Offizier, Fritz von Buchwald. Der schöne Mann in der kleidsamen Uniform that es der unscheinbaren Gouvernante an. Sie sah nur noch seine stattliche Gestalt, seine gütigen Augen, hörte nur noch den Wohl-
Deutfches Reich
Berti«, 9 Dezbr
— DasBesinden desKr o n pri nzen,der bekanntlich an einem Darm- und Magenkatarrh erkrankt war und an leichter Gelbsucht leidet, hat fich noch nicht gebeffert. Das Leiden hält an, insolge dessen sagte der Kronprinz alle Besuche ab, besonders olche zu Jagden, u. a. auch beim Fürsten Salm.
— Wie dem ,Leipz. Tagebl." aus Dresden gemeldet wird, verlieh der König von Sachsen dem Sergeanten Mühlberg vom Pionierbataillon Nr. 12, der bei der Rettung des verschüttet gewesenen Brunnenbauers Thiele in Grimma wesentlich mitbetheiligt war, die silberne Rettungsmedaille.
— „Wolffs Telegraphenbüreau" berichtet: Nach hier vorliegenden amtlichen Berichten haben fich der Generalgouverneur von Warschau, sowre die Spitzen der dortigen Zivil- und Militärbehörden, darunter der Kurator des Warschauer Lehrbezirks, dem deutschen Generalkonsul in Warschau Besuche gemacht, um ihr B e d a u e r n wegen des Angriffs auf das deutsche Konsulatsgebäude auszudrücken. Die russische Regierung wird em neues Konsulatsschild anfertigen und in Gegenwart von Vertretern der Behörden wieder anbringen lasten. Auch ist das Strafverfahren gegen die Schuldigen bereits tm Gange.
— Marquis Ito der japanische Kanzler, weilt gegenwärtig in Berlin und ist auch vom Reichskanzler empfanden worden. In einer Petersburger Zuschrift der „Bert. Neuesten Nachr.' wird dem Petersburger Besuche des Marquis Ito große Bedeutung zugeschrieben im Hinblick auf eine russisch-japa- nifcheVerständigung inOstasien. Marquis Ito wird fich von Berlin wieder nach Paris begeben, um ein bereits gesichertes Anlehen von 25 Millionen. Den in Paris abzuschließen. Die Bemühungen des Marquis Ito, in Amerika eine Anleihe abzuschließen, sind daran gescheitert, daß die Morgan-Gruppe ihm unannehmbare Bedingungen stellte.
— In Kattowitz tagte eine Versammlung der Betriebsleiter sammtlicher Hüttenwerke Oberschlesiens unter dem Vorsitz des Generaldirektors Marx von der Bismarckhütte. Die Versammlung beschloß, angesichts der mißlichen Konjunktur die Arbeitslöhne allenthalben herabzusetzen. Die Höhe der Reduktion ist, dem „Königsb Tagebl." infolge noch nicht festgesetzt. — Solche Rückschlägen mahnen dringend, an einer Hebung und Stärkung des inneren Marktes zu arbeiten.
— Der Abgeordnete Bebel hat von der Tribüne des Reichstages h rab in seiner Rede gegen die Zolltarifvorlage u. A gesagt: „Im Eichs elde ist sestgestellt, daß 15 bis 20 Procent aller Schulkinder seit Monaten kein Mittagbrod bekommen! Sett Monaten! Entsetzlich!' Dazu wird nun dem „Cast. Tgbl." geschrieben: Wir auf dem Eichsselde haben von einer Hungersnoth unter Schulkindern noch nicht das Geringste gehört. Es wäre daher intereffant, zu erfahren, auf Grund welcher Feststellungen der Abgeordnete Bebel feine ungeheuerliche Behauptung stützte. Es kann und darf nicht geleugnet werden, daß in den Weberdörfern auf dem Obereichsfelde in Folge Arbeitsmangels in manchem Haufe die Noth eingekehrt ist und daß der beginnende Winter sehr trübe Aussichten für die Handweber, die
klang seiner Stimme. Wenn er nach London gefahren war — er gehörte zu der glänzenden Suite, die den nachmaligen Kaiser Friedrich III. nebst seinen Eltern zur Vermählungsfeier nach der englischen Hauptstadt begleitete — da ging die Gouvernante wie im Traum umher. Es war ein Glück, daß ihre Zöglinge während der Festlichkeiten, an denen fich das ganze Land beteiligte, schulfrei waren, fie hätte nicht unterrichten können.
Eines Tages war die ganze Familie nach London gefahren, es sollte im Hhde-Park ein riesiges Feuerwerk abgebrannt werden. Al» der Wagen ihren Blicken entschwunden war, eilte Miß Wilson in den Salon. Dort wußte sie in einem der Albums ein Bild des Vergötterten, er hatte es seiner Cousine am Vorabend geschenkt. Mit zitternden Händen schlug das Mädchen das Buch auf. Ja, da war er, so stolz und kühn und doch so gütig. Die Gouvernante sank in einen Sessel und zog das Album auf ihren Schoß.
Mit heißen Augen betrachtete fie das geliebte Antlitz. Sie war nicht so thöricht, fich die gfe* * ringste Hoffnung auf Gegenliebe zu machen, sie war ja so unansehnlich, fast häßlich, arm und in dienender Stellung. Ihr Loos war Entsagung, aber lieben durfte fie ihn, und fie wußte, daß dies herrliche Männerbildniß ewig in ihrem Herzen herrschen würde. Sie genoß seine Gegenwart mit allen Fasern ihres Seins, sie dantte ihrem Gott allabendlich, wenn fie ihn hatte sehen dürfen, den Liebling ihres unberührten Herzens. Niemand ahnte, welche Liebesfülle in dem unscheinbaren Frauenkörper wohnte, ein Gefühl so hehr und gewaltig, so selbstlos, rein und keusch. (Fortsetzung folgt.)