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Die sozialdemokratische Presse und Herr Chamberlain.
Man schreibt uns:
Daß die deutsche Sozialdemokratie, der jede Kundgebung nationaler Gesinnung verdrießlich ist, weil ihr dadurch der Wind aus den Segeln genommen wird, von sich aus die Ehamberlain'sche Siede beschönigen würde, war vorauszusehen. Sie begnügt sich aber nicht allein damit, sondern sie ruft noch englische Eideshelfer, also sozusagen den Gegner, zu Gunsten Chamberlains und gegen die nationalen deutschen Kundgebungen an.
Der sozialistische englische Führer Hhndman führt eine Reihe von Fällen an, in denen angeblich andere europäische Mächte nicht besser gehandelt hätten, als England im südafrikanischen Kriege; er stellt sich also vollkommen auf den Standpunkt Chamberlains. Diese Mittheilung versieht die „Sachs. Arbeiterztg." mit der Ueberschrift : „Für die alldeutschen Chamberlain- Protestler", und sie giebt ihrer Ueberzeugung Ausdruck, daß Hyndman „mit vollem Rechte" diese Fälle anführe. „Mit vollem Rechte" erklärt also Hhndeman u. a.: „Die Gewalt- thätigkeiten, die Deutschland sowohl wie Frankreich sich in China zu Schulden kommen ließen, sind bestimmt schlimmer, als die Englands in Südafrika."
Erst vor kurzem hat ein Prozeß in Stuttgart dargethan, in wie frivoler Weise die „Hunnenbriefe" fabrizirt wurden, um das deutsche Volk . gegen die Chinakämpfer und die Armee überhaupt einzunehmen. Es ist ferner festgestellt worden, daß Ausschreitungen und Grausamkeiten äußerst selten vorkamen und daß sie, wenn sie begangen wurden, aufs strengste geahndet wurden. Es steht schließlich fest, daß die Soldaten, wenigstens in der ersten Zeit der chinesischen Wirren aufs äußerste gereizt werden mußten durch die viehische Art, in der die Chinesen die
16 (Nachdruck verboten.)
Elfe.
Roman von Hanna Aschenbach. (Fortsetzung.)
। Elfe kommt die Ahnung, wie bitter das Leid geschmerzt haben mag, das ihre Familie getroffen hat. Sie freilich hat nie darauf geachtet , denn sie hörte solche Dinge nicht gern. Ernste Gespräche waren ihr immer unheimlich, und sie suchte solche durch Scherz und Lachen zu umgehen. Man hat wohl auch stets Rücksicht auf sie genommen. Hertha und die Mama sprachen so oft allein im Boudoir. Sie war stets froh darüber gewesen, jetzt aber ist sie alt genug, um mal einen genauen Einblick in i die Familienverhältnisse zu thun — — und \ das will sie. „Mama", bittet sie, „erzähle mir doch mal über Eure Scheidung, und wie es MeS kam, er ist wohl Zeit, daß ich es erfahre." Bei Elfes Anrede zuckt Frau Herwig heftig zusammen. Wie aus bösem Traume erwachend, seufzt sie erleichtert auf und fährt sich mit der schlanken Hand über die Stirn.
„Ach, Kind was habe ich da geredet, das ist ja nichts für Dich, vergiß es, mein Llfch-n, und sei wieder so lustig wie sonst, es find ja so alte Geschichten." „Das macht nichts, Mama," beharrt dar Mädchen, „ich habe ein Recht daran, etwas Näheres zu erfahren, und ich bitte Dich, erfülle meinen Wunsch. Thut es Dir denn weh, davon zu reden?" — „Nein, Elfe, Weh und Leid find längst überwunden, und mein Herz ist ganz ruhig geworden. Ich scheue mich nur, Deine unbefangene Jugend mit solch traurigen Geschichten zu belasten. Freilich
unglücklichen Opfer, die in ihre Hände fielen, ums Leben brachten, während die englischen Soldaten und Offiziere in Südafrika sich ganz und gar nicht auf diese Entschuldigung berufen könnten, weil die Buren während der ganzen Dauer deS Krieges fich einer geradezu übertriebenen Humanität gegen ihren Feind befleißigten.
Wenn ein Engländer eine derartige Behauptung aufstellt, die fich eine Mühe als unwahr feststellen läßt und wenn er Vergleiche zieht, die vollständig schief find, so hat er, wenn er nicht wie Chamberlain ein verantwortlicher Staatsmann ist, der kraft dieser Stellung zu besonderer Vorsicht verpflichtet wäre, die Entschuldigung seiner nationalen Gesinnung für fich. Wir muffen diese Gesinnung bei einem Manne wie Hyndmann umsomehr anerkennen, weil er als Sozialdemokrat ein Feind der englischen Regierung und des durch habgierige englische Kapitalisten hervorgerufenen Kriege? fein muß. Wenn er trotzdem die in diesem Kriege begangenen Greuelthaten dadurch zu beschönigen sucht, daß er sagt: „Andere haben es noch schlimmer gemacht," so gebührt ihm trotz der objektiven Unrichtigkeit seiner Behauptung Respekt für sein subjektives Empfinden. Im Uebrigen steht der Fall Hyndmans nicht allein; hat doch erst vor einiger Zeit, als der Boykott gegen die englischen Schiffe geplant wurde, ein englischer Arbeiterführer gedroht, daß dann das Tischtuch zwischen der englischen und der kontinentalen Sozialdemokratie zerschnitten sein würde.
Gebührt also den englischen Sozialdemokraten unsere volle Achtung, so gebührt dem Gebahren der sozialdemokratischen Presse die unbedingte Verachtung. Es zeigt fich wieder einmal der eklatante Unterschied zwischen der deutschen Sozialdemokratie und derjenigen aller anderen Länder. Die englische, französische, norwegische u. s. w. Sozialdemokratie steht unter allen Umständen zum Vaterlande, wenn dieses von außerhalb beleidigt oder bedroht wird; die deutsche Sozialdemokratie macht mit dem Gegner gemeinsame Front gegen das Vaterland. Vor einem Jahre nahm sie die Partei der Boxer, gegen die unsere Soldaten ihr Leben wagen mußten, heute hilft sie Herrn Chamberlain heraus, der jeden noch eine Spur von Vaterlandsliebe besitzenden Deutschen aufs tiefste zu verletzen verstanden hat.
Wir halten gewiß nicht viel von Joseph Chamberlain, aber daß er in seiner Weise ein national-empfindender Mann ist, glauben wir gern. Und deßhalb nehmen wir zu seiner Ehre an, daß er gegen solche Bundesgenossen ein ge=
wäre es auch wieder gut, wenn Du Klarheit bekämst." — O, Du liebe, gute Mama, und sorge Dich nicht, meine Munterkeit verliere ich nicht, und müßte ich heute noch ein Dutzend Taschentücher naß weinen. Morgen find die Thränen getrocknet und die Elfe Dein alter Kobold wieder." — — „Gut, mein Kind, und nun hänge diese Jacke in Curt's Zimmer und hole mir mein Strickzeug, dabei kann ich am besten plaudern. Aber ich bitte mir aus, daß auch D* fleißig die Hände regst."----
Mehr als das Scheiden im Tode Erdrückt deS Leidens Gewalt, Wenn zwei, die treu sich einst liebten, Begegnen einander so kalt.
Nicht löscht des Grabes Dunkel Die Flamme, die heilig loht; Doch kalt zu toiffen am Leben Was Du liebst — ist lebendiger Tod.
„Du weißt Elfe, daß ich Deinen Vater als Student kennen und lieben lernte. Er studierte in Jena, wo Deine Großeltern damals wohnten. Ich war einige Jahre älter als mein späterer Gatte, sah aber bedeutend jünger auS, vielleicht weil ich klein war und mein Haar in langen Locken — der damaligen Mode entsprechend — trug." — „Das muß Dich reizend gekleidet haben, Mamachen, weil Du so schwarzes Haar hast. AlS ich in Bürgel war, erzählte mir Großtante, Du seiest das schönste Mädchen von Jena und stets Ballkönigin gewesen." —
Frau Herwig lächelt wehmüthig. „Mau sagte es und vor allem Dein Vater. Es war sonderbar. Ich hatte schon viele Bewerber gehabt, darunter Männer in glänzender Lebensstellung, denn obgleich Deine Großeltern kein
höriges Maß von Verachtung besitzen wird. Friedrich der Große hat, als ihm die ersten Kosaken als Gefangene vorgeführt wurden, indignirt auSgerufen: „Und gegen solches Gesindel muß man kämpfen!" Mit solchem Gesindel wie der deutschen sozialdemokratischen Preffe gemeinsam zu kämpfen, muß jedenfalls noch viel fataler sein. Uns kann ja das Gebahren dieser Preffe nur angenehm sein, denn eS muß der Sozialdemokratie manchen Mitläufer entfremden. Wir sind überzeugt daß fich wegen der Chamberlainschen Frechheit viele deutsche Arbeiterfäuste geballt haben; den Männern von der „Sächs. Arbeiterzeitung" freilich ist dieses Empfinden völlig fremd. a.
Umschau.
3 Millionen 376 Tausend Unterschriften hat, wie der „Vorwärts" mit» theilt, der vom Freisinn unterstützte „Brod- wucher"-Protest im ganzen gefunden. Die Sozialdemokratie hofft, die Zahl von dreieinhalb Millionen Unterschriften noch vollmachen zu können. Wenn das sozialdemokratische Parteiorgan dieses Ergebniß als ein „überaus großes" bezeichnet, so ist das eine starke Überschätzung. Bekanntlich hat fich die Sammlung von Protestunterschriften auf Männer, Frauen und Kinder, soweit fie zur Unterzeichnung überredet werden konnten, erstreckt. Da aber bei den letzten Reichstagswahlen die freifinnig-demokratischen Parteien zusammen mit der Sozialdemokratie rund drei Millionen Stimmen abgaben, so ist es, wenn man von den Protestunterschristen die der Frauen und Jugendlichen ausscheidet, klar, daß nicht einmal alle wahlberechtigten Anhänger der rothen Phalanx die Protestlisten unterschrieben haben. Wenn daher der „Vorwärts" bombastisch schreibt, es wäre „verbrecherische Vermessenheit", wenn der Reichstag diesen „Millionen - Protest" nicht „in seiner vollen Größe" würdigen wollte, so kann ihm hieraus nur erwidert werden, daß es in der That Vermessenheit wäre, fich von den „Millionen" imponieren zu laffen. Der Reichstag wird den „Protest" nur nach seinem wirklichen Werthe würdigen und, soweit eS die Unmasse der-Protest- bogen zuläßt, auch der Qualität der Unterschriften einer Prüfung unterziehen. Bemerkenswerth ist es übrigens, daß allein der sechste Theil sämmtlicher Protestunterschriften in Berlin gewonnen worden ist. c.
Vermögen besaßen, galten wir Schwestern als gute Partien, da die hauswirthschaftliche Erziehung meiner Mutter berühmt war. Ich hatte alle abgewiesen und war dabei 28 Jahre alt geworden und fest entschlossen, überhaupt nicht zu heirathen, da mir der Mann meiner Träume, wie es schien, nicht begegnen wollte. — Da sah ich Deinen Vater und wußte sofort, daß er mein Schicksal bedeute, obgleich er das strikte Gegentheil meines Ideals genannt werden mußte. Es war auf einem Studentenball, ich tanzte mit einem himmellangen Mediziner, mit dem ich mich nicht unterhalten konnte, weil der Weg von meinem Munde bis zu feinem Ohr zu weit war. Mein Blick traf die Thür und neben derselben ei* Augenpaar, das mich starr ansah. Bei jeder Drehung begegneten fich unsere Augen von Neuem, ich war wie betäubt. Der Tanz war zu Ende, und ich wurde an meinen Platz geführt — gegenüber der Thür.
Als ich nach einigen Minuten zögernd aufschaute, sah ich wieder in die zwingenden Männeraugen. Aber jetzt hatte ich meine Ruhe wiedergefunden und hielt den Blick ruhig und fest auS. Da schritt der Fremde quer durch den Saal auf mich zu, verbeugte sich, nannte feinen Namen und bat mich um eine Extratour. Ich erhob mich verwirrt und ließ meine Hand auf feinen Arm legen. Wir promenirten durch den Saal, daS einzige Paar, denn die Musik schwieg noch. Aller Augen waren auf unS gerichtet.
Jetzt bemerkte ich mit Schrecken, daß mein Tänzer gar nicht in Gesellschaftstoilete war. Er hatte hohe Stulpstiefeln an, die auSsahen, als habe er damit einen knotigen Feldweg durchschritten, eine grüne Joppe, wie fie die
Deutsches Reich
Bern«, 29. Novbr
— Der Kultusminister soll die Errichtung bakteriologischer Institute in elf Regierungsbezirken deS preußischen Staates angeordnet haben.
— Die konservativeFraktion derzweiten sächsischen K a m m e r hat an die Staatsregierung folgende Interpellation gerichtet: .Wie steht die Königliche Staatsregierung zu dem von der Reichsregierung vorgelegten Gesetzentwürfe, die Revision der Zolltarifgesetzgebung betreffend? Gedenkt die Königliche Staatsregierung dafür einzutrelen, daß durch die Gestaltung des neuen Zolltarifs die inländische Produktion gleichmäßig und mehr, als seither, geschützt werde?"
— Der preußische Landtag soll »um 8. Januar berufen werden mit Rücksicht darauf, daß Ostern diesmal auf einen früheren Zeitpunkt fällt.
— Der Prozeß gegen den Leutnant Rasmussen, der den gefallene* Leutnant Blas» kowitz ebenfalls zum Duell gefordert hatte, findet nicht statt (Anwendung des § 204 des Strafgesetzbuches), da vor der Ausführung des Zweikampfes eine Aussöhnung aus dem Kampfplatz erfolgte, nachdem Leutnant Btaskowitz von seinem Gegner Hildebrand tödtlich verwundet worden war.
— Wie die.Nationalzeitung' berichtet, haben in ihren Redaktionsräumen und in der Wohnung ihres Chefredakteurs Durchsuchungen stattgefunden, die fich auf Artikel über den Gumbiner Mordprozeß bezogen und zu keinem Erfolge geführt haben. Die .Natronalzeitung" hat gegen den vom hiesigen Amtsgericht erlassenen, nach ihrer Ansicht gesetzwidrigen Durchsuchungsbeschluß Beschwerde erhoben.
— Am Sonnabend tagte in Berlin der Ausschuß des Verbandes deutscher Arbeitsnachweise. Er sörderte eine Fülle von Nachrichten zu Tage, die aus die gegenwärtig viel besprochene Lage des ArbeitSmarktes ein theilweise überraschendes Licht Wersen. Als das Hauptergebniß dieser Betrachtungen erschien der ungleichmäßige Verlauf der KrifiS und infolgedessen die ungleiche Vertheilung der Arbeitslosigkeit über die verschiedensten Theile Deutschlands. Münster ist ein Knotenpunkt für den Rückstrom Arbeitsloser aus dem ganzen Jnduftrie» bezirk. Trotzdem ist von einem Andrang entlassener Industriearbeiter nichts zu merken, wie dies durch eingehende Untersuchungen festgestellt worden ist. In Münster selbst ist der Arbeitsmarkt normal, der Handel hat durck den Ems»Dortmund - Kanal einen erheblichen Aufschwung genommen. Der allgemeine Eindruck aus den Düsseldorfer Bezirken ist kein ungünstiger; in einzelnen Bezirken ist man durchaus zufrieden, z. B. Krefeld, dagegen meldet M.-Gladbach 1000 Arbeitslose.
— Das Marburger nationalsoziale Blatt kann sich noch nicht beruhigen. Unsere Abwehr seiner beiden Angriffe veranlaßt es zu einem Artikel .Der Oberheffe auf dem Kriegspfad", der an Verdrehungen sich mancherlei leistet. So behauptet es, wir hätten erst .nach 48 Stunden" eine Antwort auf ihren Artikel gefunden; — das Blatt hatte aber sofort einen zweiten Artikel angekündigt, den wir selbstverständlich zunächst abwarten mußten —, es giebt ferner unsere Aeußerungen über Kötzschke entstellt wieder, es erzählt weiter seinen Lesern, wir hätten .versucht,
Jäger trogen, einen dito Hut, den er unterm Arm hielt, als einziges studentischer Abzeichen das weiß - roth - goldene Band auf der Brust. Wa8 er mit mir sprach, ich weiß e8 nicht, rch wußte eS Wohl damals kaum, denn ich befttnb mich in unbeschreiblicher Erregung. Die ärgerlichen Blicke seiner eigenen Leute, die wüthenden der übrigen Korpsstudenten schien mein Begleiter nicht zu bemerken, während ich fie durch die gesenkten Lider zu fühlen glaubte.
Mir schlug da? Herz zum Zerspringen, doch wagte ich nicht, meinen Tänzer zu verabschieden, ich fühlte dumpf, daß fein Wille stärker fei als der meine — damals und immer. Die Musik fetzte ein, und wir begannen zu tanzen — immer noch daS einzige Paar — einmal herum, dann sank ich erschöpft aus einen Stuhl, während sich mein Tänzer tief verneigte und zur Thür hinauSschritt. Ich sah, wie fich auS einer Gruppe heftig gestikulierender Studenten zwei Chargierte lösten und ihm folgten, dann begannen die anderen Paare zu tanzen.
Mich holte ein alter Germane, Karl Dix, der mir wie ein Bruder lieb war. Wir hatten als Kinder zusammen gespielt und verkehrten auch als Erwachsene noch sehr intim.
„LieSbeth", sagte er zu mir, „das war eine dumme Geschichte. Warum wiesest Du ihn nicht ab?" Ich erwiderte, daß ich so sehr verwirrt gewesen sei und erst beim Promenieren seinen Anzug bemerkt hätte. „Die Arminen find außer sich," fuhr Dix fort, „Herwig ist ihnen schon längst ein Dorn im Auge.
(Fortsetzung folgt.)