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Mittwoch 30 Oktober 1901.
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36. Jahrg.
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55 pCt., also über die Hälfte, mit Schmähungen über den Einsender herfielen. So wünschte einer dieser wahrhaft menschenfreundlichen und ihres Berufes würdigen Geistlichen, der Anragende möchte gelyncht und seine Redaktion in Trümmer geschlagen werden; ein anderer erklärt, die Anfrage sei von verrätherifchem Geiste eingegeben.
Man stelle sich einmal die Thatsachen vor: in den Konzentrationslagern ist jetzt mit dem Beginne des südafrikanischen Sommers die Kindersterblichkeit derart angewachsen, daß nach zuverlässigen Berechnungen in etwa zwei Jahren kein einziges der Tausende in den Lagern an- gehäusten Kinder mehr am Leben sein würde. Man bedenke ferner, daß diese dem Tode geweihten Kinder an allem Unglück, das die letzten Jahre über Südafrika gebracht haben, )och natürlich völlig schuldlos find und daß es deshalb dem Gedanken des Christenthums geradezu ins Gesicht schlägt, wenn einer der englischen Geistlichen erklärt, diese schuldlosen Kinder würden dafür gestraft, daß ihre Väter angeblich die farbige Bevölkerung schlecht behandelt hätten.
Wenn so den Geistlichen die christlichen Empfindungen fehlen, so darf man sich eigentlich kaum wundern, daß fich die im Felde stehenden Offiziere erst recht davon sreizuhalten wissen. Wenn aber glaubhaft berichtet wird, daß englische Offiziere bei einem Angriffe der Buren Weiber und Kinder vor die Front ujnb zwischen die Kanonen gestellt haben, damit die Buren am Schießen gehindert werden, während die englischen Soldaten zwischen den Weibern und Kindern hindurch auf die Buren schoffen, wenn man weiter hört, wie die Offiziere sich auch durch das wahnfinnige Angstgeschrei der unglücklichen Opfer nicht irre machen ließen, so wäre es unbillig zu sagen, ein solches Verfahren sei nur unchristlich. Darin läge eine Beleidigung nicht nur gegen die anderen monotheistischen Religionen, sondern selbst gegen das Heidenthum, denn so könnte nicht einmal der unwiffende Heide handeln, wofern auch nur eine Spur von Menschenthum in ihm steckte. Wir halten es aber nicht für ausgeschloffen, daß, wenn der „Morning Leader" die englischen Geistlichen über diesen Vorgang interpellirte, er mit ebenso rohen Antworten bedacht würde, wie wegen seiner Anfrage über den Kindermord in den Konzentrationslagern.
Zum Zolltarif-Entwurf.
Ter Ze«tralvorsta«d der «ationalliberale« Partei trat am Sonntag in Berlin zusammen und faßte nach lebhafter Debatte folgende Resolutionen:
Bestellungen
str die Monate November und Dezember auf die
^Vderhesfifche Zeit«««" nebst ihren Ablagen werden von unserer Expedition Atarkt 21) unseren Ausgabestellen in Kirchhain und Neustadt, sowie von allen Post- Mstalten und Landbriefträgern entgegen- gflw atmen. _________________
.Der Zentralvorstand der nationalliberalen Partei pricht die Erwartung aus, daß der z. Z. dem Bundes» :ath vorliegende Entwurf eines Zolltarif ge- e tz e s mit Zolltarif in der Weise verabschiedet rottb, >aß die Landwirthschast für ihre Erzeugniffe den nothwendigen höheren Schutz findet, daß aber bei Gewährung dieses Schutzes diejenigen Grenzen eingehalten werden, welche den Abschluß der für Deutschlands wirthschastliche Entwicklung in Industrie
Deutsches Reich
Berli«. 29. Oktbr
— Es schweben Verhandlungen, daß die theils in Belgien, theils in Preußen gelegene Gemeinde Moresnet, die heute neutral ist, ganz an Belgien abgetreten wird. Die Stadt Eupen will eine große Thalsperre in der Besdre anlegen und hat dafür mehrere hundert Morgen Bodens nothwendig, die in Belgien liegen. Wie nun ein belgisches Blatt mittheilt, schweben Verhandlungen zwischen den Regierungen Preußens und Belgiens, die dahin gehen, daß Belgien die von der Stadt Eupen geforderten Gebietstheile an Preußen abtreten soll, wofür Preußen dann jedes Anspruchs auf Neutral- Moresnet entsagen solle. — Eine derartige Lösung wäre im Jnterefie Deutschlands wie auch der circa 3000 Bewohner des neutralen Gebietes sehr zu bedauern. Die.Neutralen" sind säst sämmtlich deutsch, fie sühlen wenigstens deutsch und sprechen auch deutsch,
Englisches Christenthum.
Man schreibt unS:
Man erinnert fich vielleicht an eine kleine Geschichte, die Fürst Bismarck einmal zum Besten gab: wie er an einem Sonntage auf einem Dampfer an der englischen Küste entlang- ^hrend, vor fich hingepfiffen habe und von einem würdigen Herrn entrüstet daraus aufmerksam gemacht worden sei, in England dürfe man am Sonntag nicht pfeifen, worauf er denn schleunigst gemacht habe, aus dem eng- sischen Gebiete herauszukommen, weil ihm bei dieser Art von Frömmigkeit nicht recht geheuer gewesen wäre.
Ja, fie find fromme Leute, diese Engländer, und ihre Sonntagsheiligung und ihr Kirchenbesuch find mustergiltig. Und weil fie denn in äußerlicher Hinficht so ganz vortreffliche Christen sind, so halten fie es für um so überflüssiger, bas innerste Wesen beS Christenthums auf sich wirken zu lasten. Sie meinen, baß, wer am Sonntag nicht pfeift, bafür die ganze Woche auf die Gebote ber Menschenliebe pfeifen barf.
Für biese Auffassung vom Christenthum liefert ein lehrreiches Beispiel eine Erfahrung, die ein menschlich denkendes englisches Blatt, der „Morning Leader", an sich hat machen müssen. Die Rebaktion dieses Blattes hat an tausende von englischen Geistlichen ein Rundschreiben gesandt, worin sie um ihre Meinung über bie berüchtigten Konzentrationslager ersucht unb gleichzeitig barauf hingewiesen würbe, daß es doch eigentlich Pflicht ber Kirche sei, bie unschuldigen Kinder vor dem Untergange zu bewahren. Ein großer Theil der Geistlichen zog es vor, die Anfrage garnicht zu beantworten; von denen aber, die eine Antwort gaben, haben nur etwa 14 pCt., also kaum V?, sich mit der Auffastung des Anfragenden einverstanden er- Lärt, etwa ebenso viele drückten sich mit gewundenen Redensarten um die Unannehmlichkeit herum, sich zur Sache zu äußern, während
Ausland
Niederlande. Trotzdem einzelne holländische Blätter als entschiedene Gegner der geplanten Boykotts der englischen Schiffe auftreten, haben fich neue Organisations-Ausschüsse zu Harlingen, Tiel, Zaandam und Haarlem gebildet. An die Arbeiter der wichtigeren englischen Hafenplätze erging heute Aufruf um Unterstützung. Geistliche der verschiedenen christlichen Gemeinden erließen eine Aufforderung zu einem Protest gegen den südafrikanischen Krieg im Anschluß an die von den Burenvertretern dem Schiedsgericht eingereichte Berufung. Die Aufforderung soll in allen Ländern verbreitet werden. — Wir halten, wie wir schon des näheren ausgeführt haben, die Demonstration für einen Schlag ins Master, wenn wir uns auch der Energie freuen, mit der sich die holländischen Arbeiter den Buren anschließen.
Rußland. In Moskau hat fich die Bevölkerung zu antienglischen Kundgebungen hinreißen lasten. Der englische Konsul wurde beschimpft und auf der Straße verfolgt, bie Fenster des Konsulats eingeworfen unb burenfreunbliche Proklamationen in ben Straßen angeheftet. Man forbert die Regierung auf, gegen biese Kunbgebungen auf diplomatischem Wege zu protestiren.
Euglaud. Eine sensationelle Nachricht verbreitet ein Londoner Blatt: „Reynolds NewS- paper" erklärt auf Grund bester Informationen, daß König Eduard am Kehlkopfkrebs leide. Der König habe seit vielen Jahren in der Behandlung des Sir Sieveking, eines der bedeuten- sten Laryngologen, gestanden, und bei seiner Thronbesteigung sei der bekannte Kehlkopf-
während die französische Sprache dort der Bevölkerung im Allgemeinen vollständig fremd ist.
— Die .Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Die Behauptung des .Vorwärts", auf Verfügung des Ministers der öffentlichen Arbeiten seien aus Sparsam- keitsrücksichten bei den Staatsbahnrn Arbeiter-Entlassungen in größerem Umfange angeordnet, ist erfunden. Die Angriffe gegen die Staatsbahnverwaltung find um so haltloser, als fie fich gegen eine Verwaltung richten, die in schwieriger Zeit bemüht ist, den Rücksichten aus ihre Wirth- schastlichkeit, aber auch den Rücksichten aus die Industrie und namentlich aus ihre eigenen Arbeiter, gerecht zu werden. Die Fürsorge der StaatseisenbahnverwÄtung für ihre eigenen Arbeiter geht aus einer jüngst er- gar genen Verfügung des Eisenbahnministers an sämmtliche Eisenbahn-Direktionen hervor Hiernach sollen in Folge Verkehrsrückganges, insbesondere aus Rangierbahnhöfen, Zugbildungsstationen, Reparatur- Werkstätten entbehrlich gewordene Arbeiter unter keinen Umständen aus dem Eisenbahndienst enUaffen, sondern anderweit beschäftigt und überall verwendet werden, wo infolge natürlichen Ausscheidens ein Bedarf an Arbeitskräften eintritt.
und Landwirthschast, Handel und Gewerbe nothwendigen langfristigen Handelsverträge ermögliche n."
Die Metzer Handelskammer erklärte fich in ihrer letzten Sitzung im Prinzip mit dem Zoll» taris-Entwurs einverstanden. In der Frage der Lebensmrttelzölle erklärt fich die Handelskammer sür den vorgesehenen Zoll für Roggen, Weizen und Hafer, widerspricht dagegen der Zollerhöhung für Gerste, Malz und Hopfen.
Ba« freihäudlerischer Sette ist ein angebliches Kaiserwort in die Oeffentlichkcit gezerrt worden, das wie folgt gelautet haben soll: .Kommen keine Handelsverträge zu Stande, so schlagp ich alles kurz and klein." Da nicht weiter angegeben wurde, wo, zu wem und in welchem Zusammenhänge dieses Wort gefallen fei, so hielt man es im ersten Augenblick für eine Täuschung. Der Hamburgische Korrespondent, der gleichfalls zu den Organen des Handelsverttags- vereins gehört, giebt nun in seiner Wochenschau vom Sonntag näher an, daß dieses Kaiserwort vor einigen Wochtn in Königsberg im Hinblick auf die Möglichkeit gefallen fein fall, daß der neue Zolltarif das Zustandekommen neuer Handelsverttäge verhindern sollte. Dies kann nur in den Septembertagen geschehen fein, als der Kaiser fich aus Anlaß der Herbst- m anöver in Königsberg aufhielt. Der .Hamb. Korresp." erblickt in diefem .ungemein drastischen" Worte ein Anzeichen dafür, daß zwischen dem Kaiser und den sonstigen Organen der Reichsregierung ein Unterschied bestehe, will sagen, daß die wirthschastspolitischen Anschauungen des Kaisers fich nicht mit der in den beiden zollpolitischen Gesetzentwürfen niedergelegten Politik die Reichsregierung decken. Es bleibt abzuwarten, ob die Auffaffung des .Hamb. Korresp." zutrifft, oder ob fie ein Dementi erfährt. Wäre das erstere der Fall, so ständen wir allerdings vor inner» politischen Wirren, deren Folgen fich zur Zeit nicht absehen laflen.
44. Machdruck verboten.j
Das Glückskind.
Erzählung von Irene von Hellmuth.
(Fortsetzung.)
Als der Erzähler brunten fich zum Fortgehen «schickte unb Kathi bie Hand reichte, — da kam Leben in bie Gestalt, eilenb§ flog sie bie Treppe hinab unb stanb in ber nächsten Minute vor Lebrecht, ber erstaunt bas Mäbchen anblickte, bas mit fliegenben Haaren herzustürzte.
„Unb hat Ihr Herr keine Zeile — keinen einzigen Gruß für mich zurückgelassen?" fragte Röschen mit erstickter Stimme.
„Nichts, — gar nichts, Fräulein, er hat überhaupt nicht von Ihnen gesprochen," — antwortete Lebrecht finster unb grollend.
„DaS — bas ist unmöglich, — bas kann ja nicht sein, er kann nicht so, ohne Abschied flirt sein, sehen Sie, bitte, — doch noch einmal nach!"
„Das ist umsonst, Fräulein, er hat fich gar nicht niedergesetzt, als er heim kam, sondern ist sogleich abgereist."
Lebrecht sühlte beim Anblick dieses totenbleichen, wankenden Mädchens seinen Groll etwas schwinden, und fuhr in milderem Ton fort: Könnten Sie uns nicht sagen, was vor- gesallen ist, vielleicht ließe fich noch alles wieder zum Besten wenden."
Röschen schüttelte traurig den Kops. „Ich weiß von nichts, gewiß nicht."
„Das mag der Teufel glauben, brummte der Andere.
Rosi wankte ins Haus. Die bebenden Glieder schienen den Dienst versagen zu wollen, ihre Hanb suchte nach einer Stütze, fie griff in bie Lust und wie ein mübes Kind setzte fie sich am Fuße der Treppe nieder.
In dieser Verfassung traf sie Winter, der wohl erkannte, daß hier etwas ganz besonderes vorgesallen sein mußte.
Er versuchte, durch liebreiches Sprechen und Zureden sie zur Mittheilung zu bewegen, allein fie würdigte ihn gar keiner Antwort. Hätte fie nur eine Ahnung gehabt, wie dar alles zusammenhing, bann wäre ihr wohler gewesen, aber so, — umsonst war alles Grübeln, nichts, rein gar nichts wollte ihr einfallen, was biese plötzliche Abreise bebeuten mochte. Tage lang wartete sie nun auf Nachricht, bie doch kommen mußte, — aber nicht bas Geringste ließ ber vielleicht schon in weiter Ferne Weilenbe von sich hören. Da erwachte der Stolz, der unbändige, tief beleidigte Mädchenstolz, der ihr schon von jeher eigen gewesen.
„Welches Recht habe ich denn an diesen Mann, warum gräme ich mich denn eigentlich um einen, der mit mir gespielt, mein thörichtes Herz mit süßem Blick und Schmeichelwort umgarnt hat, und nun, weil es ihm vielleicht zu langweilig wurde, sich andere Kurzweil sucht. Wenn es ihm Ernst gewesen wäre mit seiner Liebe, hätte er dann nicht längst davon gesprochen und um mich geworben?"
So redete fich Röschen immer tiefer in ihren eingebildeten Zorn hinein, und versuchte, wieder heiter, wie ehedem, zu erscheinen. Doch »r ging nicht.
In solchen Momenten, wo fie sich das Bild deS ernsten Mannes vergegenwärtigte, wie seine Augen leuchteten, wenn er von ferne ihrer ansichtig wurde, wie er so gütig, und ihr gegenüber trotz seines Reichthums und trotz seines reichen Wissens stets bescheiden, fast demüthig erschien, und Niemanden fühlen ließ, daß er durch seine hohe Bildung und seinen Schatz an Kenntnissen allen weit überlegen war, wie auch sein ganzes Wesen eine hohe Begeisterung für alles Gute und Schöne ver- rieth, bann kehrte auch bie heiße Sehnsucht nach bem Fernen zurück, aber meistens würbe bas alles schnell wieber verbrängt durch anbere zornige Gebanken. Sie wollte nicht mehr an ihn benken, und zwang fich zur Heiterkeit, unb bann erschien fie hinreißend, unb Winter fand das Mädchen begehrenswerther denn je.
Er überhäufte es mit Aufmerksamkeiten und vermochte doch nichts damit auszurichten.
Nach vierzehntägigem Aufenthalte mußten bie Freunbe wieder an bie Heimkehr benken.
In all bieser Zeit hatte Röschen bie Sorge um den geliebten Bruber fast vergessen. Er schrieb einen recht traurigen Brief, wie seine Gläubiger ihn fast zum Wahnsinn brachten mit ihrem Drängen und Mahnen, unb wie bie Sorge ihm keine Stunbe ber Ruhe ließ.
Die ganze fürchterliche Lage kam bem armen, gequälten Mädchen nun wiederum zum Bewußtsein.
Waldemar, — freilich, was sollte aus dem werden, wenn alle Aussichten aus eine baldige Verheiratung ihrerseits schwand? Nur dadurch
konnte jener gerettet werde». Denn daß Böhler, der daraus brannte, sie mit seinem Freund Winter vermählt zu sehen, vorher keinen Pfennig heraus geben würde, war doch klar. Gleichwohl, der Versuch mußte noch einmal, zum letzte» Male gewagt werden.
Aber ob Röschen auch bat und flehte, Böhler lachte fie aus.
„Die Rettung Deines Bruders liegt einzig in Deiner Hand," sagte er, „Du kannst ihm helfen, indem Du Winter heirathest."
Er hatte wohl erkannt, daß auf diesem Wege am ehesten etwas bei bem störrischen Mädchen zu erreichen war, unb benützte diese Gelegenheit, um es möglichst zu zwingen, auf seine Pläne einzugehen. Doch hütete er fich wohl, gegen ben Freunb etwas laut werben zu lassen. Denn wenn derselbe ersuhr, baß Röschen fest unb sicher auf das versprochene Kapital rechnete, um damit bem Bruder aufzuhelfen, so zog er fich am Ende im entscheidenden Augenblick noch zurück. Waren die beiden erst verheiratet, bann mochten sie sehen, wie sie miteinmiber fertig würben.
So wie bie Sachen jetzt standen, hielt Böhler das Spiel sür gewonnen, und sprach dies^auch bem Freund gegenüber aus. Der letztere geriet darüber in eine solche unbändige Heiterkeit, daß er bereitwillig auf alles einging, was Böhler von ihm forderte, und dieser war "auch schlau genug seinen Vorteil im rechten Augenblick auszunützen.
(Fortsetzung folgt.)