MchsW MM
«tt lern Kreisblatt für die Kreise Marlmrs uud Kirchhai«.
.« 249
M «M Mtahl L»M, ;«L »MA S»ltf**eeo**e*: $* t**** W «rw tes ssa w W» »**«**■ W =Vfr « W-i
Msrdnrs
Mittwoch 23 Oktober 1901.
Arsch- sgi« tuger c«i Werliag«, nach Sonn- uns JeterUgwt.
Ww*te*»6»il*ae: Jlluftrirte»
Wgä Mb Bttiäj; Job Lag. s»ch, UuiverfitätA-Luchdruck»»
Marburg. Markt 91. — SCdebon SS
36. Jahrg.
Die fteihändlerische Agitation.
Es vergeht kein Tag, an dem nicht aus dem Bekannten Hexenkessel deS Handelsvertragsvereins freihändlerische Preßorgane mit neuen .Argumenten" gegen den größeren Schutz der nationalen Arbeit gespeist werden. Mögen diese „Argumente" auch noch so fadenscheinig noch so oft wiederlegt sein, man spekulirt auf die Urtheilslofigkeit der großen Menge, und «an reibt sich vergnügt die Hände, wenn es gelungen ist, die Masten zu verwirren und «rfzureizen.
So versichern heute freihändlerische Blätter, daß der letzte Zollkrieg mit Rußland manchen sächsischen Industriellen gezwungen hätte, seinen Betrieb ganz oder theilweise nach den angrenzenden Gegenden Rußlands, nach.Lodz, Warschau, SoSnowien u. s. w., zu verlegen und dort neue Fabriken zu errichten. Dasselbe hätten sächsische Industrielle auch in Nordamerika und Oesterreich gethan, als vor einer Reihe von Jahren ungünstige Zollverhältnifle bestanden. Gegenwärtig sei man in sächsischen Jndustriekreisen der Ueberzeugung, daß bei einer ungünstigen Wendung der deutschen Zollpolitik manche Unternehmer geradezu durch die Pflicht der Selbsterhaltung zur Verlegung ihrer Betriebe in das Ausland genöthigt sein würden.
„Viel Jrrthum und ein wenig Wahrheit!" heißt eS auch hier. Thatsächlich haben nicht nur sächsische, sondern auch niederrheinische Lextilindustrielle mehr oder minder große Fabriken 'im Auslande, hauptsächlich in Nordamerika, Rußland und Oesterreich-Ungarn, eingerichtet, als in diesen Staaten die Zölle erhöht wurden und die deutschen Fabrikanten befürchteten, ihren Absatz in Rußland, Nordamerika und Oesterreich-Ungarn zu verlieren. Es liegt auf der Hand, daß derartige industrielle Gründungen ganz überwiegend dem Auslande zu gute stimmen und besten industrielle Entwicklung wie teistungsfähigkett fördern müssen, während dem deutschen Unternehmer nur eine, wenn auch unter Umständen hohe Gewinnrente verbleibt.
Indessen läßt sich diese Erscheinung, die Gründung von konkurierendcn Fabriken im Auslande durch deutsche Unternehmer und mit Hülfe deutschen Geldes und deutscher Jntellegenz, nicht mit dem deutschen Zolltarifentwurf in Verbindung bringen. Auch der letzte Zollkrieg mit Rußland hat diese Erscheinung nicht hervorgerufen und es ist sehr zu bezweifeln, ob während dieses Zollkrieges auch nur eine einzige deutsche Fabrik auf russischem Gebiet errichtet
16. ^Nachdruck verboten.!
Das Glückskind.
Erzählung von JrenevonHellmuth.
(Fortsetzung.)
Winter fuhr fort: .Aberbitte, verstehe mich ja nicht falsch, Arthur — es soll niemand dadurch geschädigt werden; mir stehen in allernächster Zeit größere Einnahmen in Aussicht, — und da werde ich selbstverständlich das Fehlende sofort ersetzen. UeberdieS bin ich der alleinige Erbe eines schwer reichen, schon längere Zeit kränklichen Onkels. — Du siehst also, daß keinerlei Gefahr besteht, daß der Verein durch mich irgend welche Schädigung erleide. Nur jetzt, in den nächsten Tagen wird es mir unmöglich sein, die Kaste vollständig in Ordnung zu bringen, es handelt sich nur um einen Aufschub von einigen Wochen. Um Dich zu bitten, meiner Ehre, meinem geachteten Namen und meiner Stellung dar kleine Opfer zu bringen und nicht zu verrathen, daß nicht alles so ist, wie eS sein sollte, deshalb bin ich hier.
Ich gebe mich damit in Deine Hand, ich weiß eS wohl, aber — man würde Verschiedenes munkeln, über mich reden und mir vielleicht das bisher geschenkte Vertrauen entziehen — und Du kannst die- alles verhindern. Wenn Du bei einer Revision alles in Ordnung findest, wird keiner daran zweifeln, daß es so ist, um so weniger, als unS die Meisten ja für Feinde halten. Wirst Du mir diesen kleinen Dienst erweisen, so sol es Dein Schaden nicht sein."
Lief ausathmend hielt Winter inne und
wurde. Seit Ende der siebziger Jahre haben Oesterreich-Ungarn, mehr noch Rußland, am meisten aber Nordamerika ihre Zölle wiederholt und erheblich erhöht, die Einfuhr entsprechend erschwert und die deutschen Ausfuhrintereffenten vor die Wahl gestellt, entweder auf den fremden Absatzmarkt zu verzichten oder aber in dem zollgeschützten Auslande eigene Zweigfabriken einzurichten. Das haben besonders Krefelder und andere niederrheinische Seidenindustrielle, sowie Greiz- Geraer Stofffabrikanten in Nordamerika ge than, außerdem sächfische Fabrikanten verschiedener Industriezweige in Oesterreich und Rußland. Solche deutsche Fabrikgründungen im AuSlande erfolgten in Oesterreich-Ungarn, Rußland und Nordamerika vor und nach dem Abschluß der mitteleuropäischen Handelsverträge, sie find durch diese Verträge keineswegs beseitigt oder auch nur vermindert worden. Und wenn die Reichsregierung den Forderungen der deutschen Freihändler nachgiebt und auf Grund des bestehenden deutschen Tarifes neue Handelsverträge abschließt bezw. die alten einfach prolongirt, so werden die fremden Staaten auf ihren hohen Jndustrieschutzzöllen beharren, ja diese noch mehr heraufsetzen, da ihnen ja Deutschland nichts zu bieten hat. Und die deutschen Fabrikanten werden in noch größerer Zahl als bisher genöhtigt werden, im Auslande Zweigfabriken zu gründen und anstatt deutsche Er- zeugniffe fortan in noch stärkerem Maße deutsche Fabriken und deutsche Vorarbeiter auszuführen. Man sieht auch das neueste „Argument" des Handelsvertragsvereins gegen den größeren Schutz der nationalen Arbeit ist bei näherer Prüfung haltlos. ***
Umschau.
Ihre Majestät die Kaiserin und Königin
beginnt am heutigen Dienstag ein neues Lebensjahr. Für das deutsche Volk bedeutet die Wiederkehr des Geburtstages seiner Kaiserin alljährlich die Erneuerung des freudigen Bewußtseins, daß an des Kaisers Seite eine Frau steht und wirkt, die als Gattin, Mutter und Fürstin durch Tugenden ausgezeichnet ist, welche ihr die aufrichtigste und höchste Werthschätzung der ganzen Mitwelt sichern. Daß ihr diese gezollt wird, hat das nunmehr abgeschlossene Lebensjahr der hohen Frau in reichem Maße bewiesen. In Freud und Leid — auch an solchem war dies Jahr, das uns die Kaiserin Friedrich raubte, nicht arm — schlugen ihr die Herzen Aller entgegen. Außer der Liebe ihres kaiserlichen
wieder flog ein lauernder Blick über die, Züge des vor ihm fitzenden Freundes, der sich alle Mühe gab, möglichst harmlos auszusehen.
Winter war augenscheinlich sehr froh, daß er sich die bedrückende Last von der Seele geredet, denn ein um daS andere Mal hob ein befreiender Atemzug die breite Brust. Gespannt haftete sein Auge auf Böhlers Gesicht, der seinem Gaste herzlich die Hand schüttelte und heiter auf ihn einsprach: „Aber daS ist doch selbstverständlich Ehrensache, daß ein Freund den andern nicht verrät; wie konntest Du auch so etwas von mir denken, es beleidigt mich fast."
Ueber das volle runde Gesicht des Andern flog ein triumphierendes Lächeln, doch nur Sekunden lang; schon zeigte es wieder einen gleichgiltigen Ausdruck und gemessen, aber wie aus tiefster Brust heraus, klang es, als er entgegnete: „So habe ich mich in Dir nicht getäuscht, Arthur! Ich wußte es wohl, kannte ich doch Deine hochherzigen Gesinnungen von früher her, — laß mich Dir einstweilen danken, später sollst Du erkennen, daß ich — —"
„O bitte, bitte, nicht so viele Worte, Georg," — unterbrach Böhler den Redestrom. „Aber darf ich jetzt den Wein bringen lassen? Ich denke. Du wirst Durst haben."
„Jawohl, den habe ich wahrhaftig, Freund, — laß uns daS Glas erheben, auf treue, gute Freundschaft!"
Winter trocknete mit dem seidenen Taschentuch den Schweiß von seiner Stirn.
Als Böhler, der hinausgegangen war, um dem Dienstmädchen Auftrag wegen Herbei- schassung alles Röthigen zu ertheilen, wieder ins
Gemahls und ihrer Kinder, deren blühendem Kranze freilich das Gebot der Pflicht den Prinzen Adalbert zur Zeit fern hält, ist unserer Kaiserin die Gewißheit der tiefen Verehrung ihres Volkes sicherlich das Schönste und Theuerste, was ihr das Leben bieten mag. AuS dieser Verehrung heraus erhebt sich auch beute wieder der innigste Wunsch für die Kaiserin, daß ihr beschieden sein möge, noch viele, viele Jahre als Vorbild aller weiblichen Tugend den deutschen Kaiserthron zu zieren.
Zum Fall Kauffmann.
Auf sozialdemokratischen Antrag hat der zur Erörterung der Berliner Bürgermeister- srage von der Stadtverordnetenversammlung eingesetzte Ausschuß einstimmig beschlossen, der Stadtverordnetenversammlung vorzuschlagen, die Vornahme einer Neuwahl an Stelle des nichtbestätigten Stadtrats Kauffmann „bis zum Eingang einer Entscheidung des Königs über die Bestätigung" «bzulehnen. Zugleich soll über die Bescheidung des Oberpräfidenten beim Minister des Innern Beschwerde geführt werden. Es ist nicht anzunehmen, daß — sofern die Stadtverordnetenversammlung diese Beschlüsse acceptiert — dadurch etwas erreicht werden wird. Das Einzige, was dadurch bewirkt werden könnte, wäre die Einsetzung eines Staatskommissars. Charakteristisch ist aber dieser neue Beweis, daß die Sozialdemokratie in der Berliner Stadtverordnetenversammlung die führende Partei ist, für das Wesen des Berliner Kommunalfreisinns. c.
Für Schaffung eines Wohnungs- Inspektorats in Preußen sollen in dem nächsten Staatshaushaltsetat die erforderlichen Mittel eingestellt werden. Zunächst ist beabsichtigt, im Regierungsbezirk Düsseldorf, später aber auch in anderen stark bevölkerten Jndustriebezirken, wie Arnsberg, Oppeln u. a., staatliche Wohnungs-Inspektoren einzusetzen.
Zolltarif-Entwurf.
Die Seneralverfammlnng des Bundes der JndnVrielle« ist gestern in Berlin eröffnet worden. Auf Grund eines Vortrages deS Generalsekretärs Wendland fand eine längere Diskussion über die amerikanische Gefahr mit besonderer Berücksichtigung des deutschen Zolltarifentwurfs statt. Es wurde schließlich eine Resolution angenommen, in der es heißt: „Die Generalversammlung gibt der Erwartung Ausdruck, daß der vom wirthschastlichen Ausschuß
Zimmer trat, hielt der Freund die Photographie Röschens, welche in vergoldetem Rahmen aus dem Schreibtische gestanden-hatte, in der Hand, und schien so vertieft in den Anblick des Bildes, daß er wie aus tiefem Sinnen auffuhr, als Böhler ihm auf die Schulter klopfte.
„Apropos, lieber Arthur, wo hast Du denn Deine schöne Nichte versteckt, daß man sie gar nicht mehr zu Gesicht bekommt?" fragte Winter, nachdem er das gelungene Porträt wieder an seinen Platz gestellt.
Der Angeredete schnitt eine höhnische Grimasse.
„Sie ist bei meinem Onkel, wo sie hoffentlich noch recht lange bleibt. Doch warum fragst Du, interessirst Du Dich etwa für das Mädel?"
„Allerdings," war die rasche Antwort, „ich muß Dir gestehen, daß ich schon einmal rasend in die hübsche Kleine verliebt war, ja eS wahrscheinlich noch heute bin, nur habe ich sie vollständig auS den Augen verloren. Sprich, wo, — an welchem Ort befindet sie sich gegenwärtig?"
Arthur schien die Frage überhört zu haben. Da eben die Magd mit verschiedenen Gläsern, Tellern und Flaschen beladen, hereintrat, bot ihm dies eine willkommene Ablenkung. Er füllte hastig die Gläser, welche hell aneinander klangen und leerte daS feinige auf einen Zug, während der andere sehr bedächtig und langsam einen Schluck nahm, und dann mit eigenthürn- lichern forschenden Blick fortfuhr: „Du scheinst mir ausweichen zu wollen, weshalb? — Wäre ich Dir als Freier Deiner Nichte nicht willkommen?"
Böhler war sehr roth gewvrden, und stürzte
vorbereitete Zolltarif, unter gänzlicher Beseitigung des Doppeltarifs und mit den vom Bunde der industriellen vorgeschlagenen A b - änderungen, Gesetzeskraft erlangen werde, damit Deutschland vor allen Dingen eine neue Unterlage für sein wirthschaftliches Berhältniß zu den Bereinigten Staaten erlange." Ein Antrag des Dr. Kuutze- Dresden, der sich gegen jede Zollerhöhung auf landwirthschastliche Produkte erklärt, wurde mit allen gegen 5 Stimmen abgelehnt. Danach wurde die weitere Verhandlung auf Dienstag Vormittags 10 Uhr vertagt.
Äeee8 »em Haudelsvertragsverei». Auch der Präsident der Hannover'schen Handelskammer, Fabrikbesitzer August Werner, hat dagegen protestirt, daß unter den Unterschriften der vom HandelSdertrags- »erein veröffentlichten Ausrufs auch sein Name ausgenommen worden sei, ohne daß man seine Genehmigung dazu nachgesucht habe. Herr Werner hat dieses um so mehr bemängeln zu müssen geglaubt, als er weder mit der Form noch dem Inhalte des Schriftstückes in jeder Beziehung einverstanden ist.
Deutsches Reich
Berlin, 22. Oktbr
— Nach einer Meldung, die der .Franks. Ztg." aus New-Dork zugegangen ist, soll der Besuch des Deutschen Kronprinzen anläßlich des Stapellauss der für Kaiser Wilhelm gebauten Dacht für nächsten April in Aussicht gestellt sein.
— Das Befinden des Reichstagsabße- ordnetenDr. b.Siemens ist, wie das .Berliner Tageblatt" wissen will, leider derart, daß das Eintreten der Katastrophe in kurzem zu erwarten stehe; Dr. v. Siemens, dessen Krankheit sich als Magenkrebs herausgestellt habe, sei nicht mehr in der Lage, Nahrung aufzunehmen, und befinde sich heute Morgen auch nicht mehr bei voller Besinnung.
Ausland
Frankreich. Die Regierung befürchtet, baß der allgemeine Bergarbeiter-Ausstand thatsächlich am 1. November beginnen wird. Die beiden Arbeiterparteien in Montceau, die streiklustigen Roten und die zu den Unternehmern haltenden Gelben, find reichlich mit Waffen versehen. Nach dem Jndustriebezirk werden jetzt schleunigst Truppen gesendet. Daß die Lage thatsächlich recht ernst ist, geht aus einer Meldung aus Saint Etienne hervor, wonach der dortige Präfekt zwei Kisten mit Gewehren mit Beschlag belegt hat, die für Montceau-les- Mines bestimmt waren.
Belgier». Schwere Zeit ist für Belgien in Aussicht. Im sozialistischen Volksheim forderten die Abgeordneten Vandervelde und Smeets das Volk auf, bei den im November zu erwartenden Zusammenstößen der Truppen und GenSdarmen mit dem Volk die Schießwaffen zu ge-
rasch einige Gläser des schäumenden Weines hinunter, wie um Zeit zu gewinnen. Auch jetzt antwortete er nicht zugleich. Die Frage kam ihm so unerwartet, er hatte an alles eher gedacht, als an diese Wendung.
„Nun, so antworte doch," drängte Winter, durch dessen Stimme eine leise Ungeduld klang.
„Das Mädel, — ich, — ich glaube, — es heirathet überhaupt nicht." —
„So, das ist höchst merkwürdig und warum sollte so ein hübsches Ding nicht heirathen?"
Böhler sah sich derart in die Enge getrieben, daß er nicht wußte, wie er sich heraushelfen sollte, auch begann der reichlich genossene Wein bereits zu wirken und seine Gedanken zu verwirren, so daß es ihm sehr schwer fiel, einen einzigen sestzuhalten.
Doch der andere hatte bereits bemerkt, daß da etwas nicht stimmte; immer ungestümer drang er in den Freund, bis dieser sich nicht mehr zu retten wußte.
„Die Sache ist höchst einfach," platzte er endlich ärgerlich heraus. „Vor Dir, der mir ebenfalls volle Offenheit schenkte, brauche ich kein Geheimnis daraus zu machen. — Meine Fran gewann, ehe sie sich mit mir verheirathete, in einer Lotterie den Haupttreffer mit 60 000 Mk. und bestimmte, dem Mädel die Hälfte davon auszuzahlen, und zwar an dessen Hochzeitstage. Was daS für mich bedeutet, wirst Du ermessen können, wenn ich Dir sage, daß ich selbst nicht mehr im Besitze dieser Hälfte bin, und deshalb eine Heirath zu verhindern suchen muß, so lange e» geht, — da mir sonst —"
tr»»tsetzu», folgt.)