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*tt dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhai«.

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Sonntag 20. Oktober 1901

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36. Jahrg.

Blicke ins Ausland.

a. Die Parlamentariscken Weltferien nähern fich ihrem Ende. Der ReichSrath bet öster­reichischen Monarchie hat seine Wintersesfion begonnen. Die französische Deputirtenkammer tritt am 20 Oktober zusammen, und für den deutschen Reichstag werden auch gar bald die schönen Tage von Aranjuez vorüber sein; in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Spanien und England wird der Parlamentaris­mus auch demnächst von seinem sommerlichen Schlafe erwacht sein. DaS politische Interesse wendet sich naturgemäß einstweilen dem öster­reichischen ReichLrathe zu. Da er seit einer Reihe von Jahren in Folge der fortgesetzten Obstruktion»- und Sorachen - Kämpfe arbeits­unfähig war. Wird das österreichische Parla­ment sich in dem begonnenen Sesfionsabschnitte arbeitsfähig zeigen, oder wird die Regierung wiederum wie seit einer Reihe von Jahren ge­nötigt sein wegen fortgesetzter Obstruktion die parlamentarischen Pforten zu schließen? Das ist die große Frage, die heute alle Politiker in der Kaiserstadt an der schönen blauen Donau eröriern.

Das Ministerium hat diesmal nicht wie im vorigen Sessionsabschnitt 100 Millionen Ge­schenke zu offeriren, im Gegentheil, nachdem es in der vorigen Session mit weitgeöffneten Händen gegeben hat, wird es diesmal nur ver- llmgen müssen. Da wird sichs eben zu zeigen haben, ob das moralische Gleichgewicht im Ab­geordnetenhause wiedergekehrt ist und ob die Mitglieder deffelben wieder von einem Berant- wortlichkeitsgefühle erfüllt find, das stark genug ist, sie von parteipolitischen Ausschweifungen zurückzuhalten. Wie gesagt, zu geben hat das Ministerium so gut wie nichts. Der Staat verträgt kaum mehr irgend einen nennens- werthen finanziellen Aderlaß und nationale Concesfionen verbieten fich von selbst. Politische koncessionen aber haben stets einen sehr zweifel­haften Werth. Das gilt auch ganz speziell von der Reform des Preßrechtes, die man als eine Art Bestechung, die die Regierung gewährt, hinzustellen sucht. Helfen kann nur das Pflicht­gefühl der Abgeordneten; ob dieses in genügen­der Stärke vorhanden sein wird, wird sich schon in den nächsten Tagen zeigen. Der erste SitzungS- tag des österreichischen Parlaments brachte eine politisch hochbedeutsame Programmrede deS Ministerpräsidenten v. Körber. Er legte dar, daß die Parteien in dem Augenblick, in dem die handelspolitischen Beziehungen zu andeten Staaten aus neue Grundlagen gestellt werden

86. (Nachdruck verboten.)

Das Glückskind.

Erzählung von Irene von Hellmuth.

(Fortsetzung.)

Daran, daß man ihn zwingen konnte, an Röschen eine für seine Verhältnisse harrende Summe Geldes auszubezahlen, sobald das Mädchen sich verheirathen würde, dachte er nur mit einem verächtlichen Lächeln. Mochte sie sich doch das Geld holen, wo sie wollte; wo nichts ist, da hat selbst der Kaiser das Recht verloren.

Freilich würde es dann offenbar werden, wie eS um ihn stand. Hm, das war aller­dings unangenehm, sehr unangenehm, denn sowohl der Welt, als auch seiner Frau gegen­über hatte er es verstanden, den Schein der Wohlhabenheit aufrecht zu halten. Er ging stets sehr elegant gekleidet, trug goldene Uhr mit eben solcher Kette, feine Wäsche, Sonntags beim Frühschoppen weiße Weste und einen glänzenden, immer wieder aufgebügelten Ehlinder. So konnte eS nicht fehlen, baß die Menschen, die ja stets nur nach dem Schein urtheilen, ihn zu den Reichen zählten. In letzterer Zeit hatte Böhler fich auf das Kom- misfionsgeschäft verlegt und schon einige Male nicht unbedeutende Summen verdient.

Er war in der Stadt gut angesehen, wenn ud) hie und da einer munkelte, daß es mit ihm nicht so gut stand, wie er glauben machen wollte, diese Ansicht traf man ja doch nur ver­einzelt an.

sollen, den nationalen Zwist zurücktreten lassen mußten, die Regierung sei für die Pvlitik der Handelsverträge, selbstverständlich unter Wahrung der wirthschastlichen Interessen Oesterreichs. Die Regierung werde bei den bevorstehenden Handelsvertragsverhandlungen mit anderen Staaten die Rolle des geduldigen Lammes ablehnen und werde nur Verträge abschließen, die annehmbar erscheinen. Diese Ausführungen wurden mit lebhafter Zustimmung begleitet. Herr von Körber wird auch der deutschen Reichsregierung das Recht einräumen, daß sie beim Abschluß von Handelsverträgen in erster Linie die wirthschastlichen Interessen Deutschlands wahret und gleichfalls die Rolle des geduldigen Lammes ablehnt.

Wohl niemals hat das französische K ab inet dem Wiederzusammentritt des Parlament- mit größerer Ruhe und Zufrieden­heit entgegengesehen als in diesem Jahre. Das Kabinet Waldeck und Rousseau blickt bereits auf eine Existenz von 2% Jahren zurück; wilde Stürme find über dasselbe hinweggegangen, zur Zeit aber ist der politische Horizont für Waldeck Rousseau und seine Kollegen Aar und heiter. Der Besuch des Zaren, der reiche Ordensregen über die Minister und Würden­träger, hat dem gegenwärtigen Kabinet bei dem franzöfischen Volk und bei den politischen Parteien einen starken Rückhalt gegeben; der Minister des Auswärtigen Herr Delcaffe hat erhebliche Erfolge auf dem Gebiete der aus­wärtigen Politik zu verzeichnen. Wenn alle Anzeichen nicht trügen, so wird die bevorstehende Session des franzöfischen Parlaments einen friedlichen Verlauf nehmen.

Umschau.

Der Zolltarifentwurf im Bundesrath.

* Der Wiederaufnahme der Arbeiten des Bundesrathes ist besonders auf sreihändlerischer Seite mit großer Spannung entgegengesehen worden. Wie aber aus verschiedenen Preß- äußerungen hervorgeht, ist man dort jetzt stark enttäuscht. Sind auch die Bundesrathsverhand­lungen völlig geheim, so melden doch demo­kratische und liberale Blätter übereinstimmend, daß der Tarifentwurf mit geringen Abänder­ungen in der Form Annahme finben werde, in welcher er veröffentlicht worden ist. Obwohl diese Meldungen augenscheinlich auf Kombi­nationen beruhen, da sie wohl kaum einer In­diskretion aus Bundesrathskreisen entsprungen sein können, sind sie doch sehr beachten swerth.

Böhler rechnete eben, nach, was er gestern gewonnen hatte, als ihn ein leises Klopfen in dieser Arbeit störte. Auf sein in unwilligem Tone gerufenesHerein", trat ein Dienstmann inS Zimmer, der einen schweren Korb trug, aus dem ein Dutzend Champagnerslaschen ihre silbernen Hälse streckten. Der Angekommene ließ den Korb langsam auf den Boden gleiten.

Verwundert blickte Böhler den Mann in blauer Blouse an, der jetzt ein weißes Couvert hervorzog und dieses hinüberreichend, mit der anderen Hand auf den Korb deutete:Das hier soll ich mit sammt dem Briefe hier abgeben," sagte er, und blieb in Erwartung eines guten Trinkgeldes an der Thüre stehen.

Böhlers Stirn verfinsterte fich. Er hatte zwar eine bedeutende Vorliebe für Sekt, allein schon längere Zeit mußte er fich diesen Genuß aus Rücksicht für seinen Geldbeutel versagen.

Nehmen Sie den Korb gefälligst wieder mit," grollte er finster,ich habe weder Sekt bestellt, noch Lust, solchen zu bezahlen; es muß hier ein Jrrthum vorliegen."

Das kann nicht gut möglich fein," meinte der andere trocken.Sie find doch Herr Arthur Böhler, Marktstraßte 14. Bitte, lesen Sie selbst, hier ist die Adresse."

Damit reichte er einen abgerissenen Fetzen hin, auf dem allerdings genau Straße und Hausnummer verzeichnet war.

Dennoch müssen Sie den Korb wieder fort- nehmen, ich bestehe daraus," fuhr Böhler heftig den Mann an.

Aber s» lesen Sie doch erst den Brief, die Sache muß fich ja aufklären, Herr Böhler."

Man ersieht eben daraus, daß der Zweck deS Brotwuchergeschreis oder wie die Frankfurter Zeitung" schrieb: desGebrülls" verfehlt, daß man wahrgenommen hat, wie unverändert die Stellungnahme der haupt­sächlichsten Bundesstaaten in der Frage der Tarifreform geblieben ist. Die Freihändler hatten geglaubt, dm Reichskanzlermürbe" machen und zur Verleugnung deS Entwurfs be­wegen zu können; die Thatsache aber, daß Graf Bülow an den BundesrathSfitzungen bis jetzt nicht theilgmommen hat, läßt darauf schließen, daß er fich nicht veranlaßt fühlt, an der Vor­lage grundsätzliche Amderungen vorzunehmen. Die enttäuschten Freihändler legen fich nun einen Schlachtplan für die Reichstagskampagne zurecht und fassen besonders die Obstruftion ins Auge.Im Rahmen der Geschäftsordnung" und mitlegitimen Mitteln" fall für Ver­schleppung der Tarifteform bis Ende nächsten Jahres gesorgt werden, um die Kündigung der bestehenden Handelsverträge zu verhindern.

c. Neue russische Drohungen.

DieNowoze Wremja" brachte jüngst nach langer Pause, während welcher fie fich durch Liebenswürdigkeiten gegen Deutschland ausge­zeichnet hat, wieder einen scharfen Artikel gegen den Zolltarifentwurf. Ebenso malt die Nosfija" wieder den russischen Zollkrieg an die Wand und wärmt gleichzeitig die von der Presse der internationalen Großfinanz verbreitete Legende, daß der Zolltarif den Bestand des Dreibundes in Frage stelle, aus. Da Graf Bülow ausdrücklich erklärt hatte, daß er derartige Drohungm mit großem Gleichmuth betrachte und an der Praxis festhalte, aus­wärtige Differenzen nicht in der Presse, sondern auf diplomatischem Wege zu erledigen, ist es ausgeschlossen, daß die russischen Blätter die Hoffnung oder auch nur die Absicht haben, mit ihren Drohungen auf die maßgebenden Kreise Deutschlands Eindruck zu machen.

Streik-Elend.

* Bei dem Maurer - Ausstand in Halle ist den Streikenden die Summe von einer Viertel Million Mark zugefloffen, trotzdem haben die Familien der Ausständigen gedarbt und ist schließlich der Streik verloren gegangen. Nun ist das Elend groß; denn die Arbeitsgelegenheit fehlt. Theils ist die Bauthätigkeit eingeschränkt, theils find fremde Arbeiter zugezogen worden. Als Kontrast zu diesem Elend fei darauf hin­gewiesen, daß der Berbandstag der Maurer

Es wird nichts als die Rechnung sein; doch warten Sie einen Augenblick."

Er riß das Couvert ab und las:

Mein lieber alter Freund!

Du wirst allerdings über meine Sendung, mit deren Annahme Du mir eine herzliche Freude bereiten würdest, etwas erstaunt fein. Doch vor allem möchte ich die Bitte an Dich richten: Laß den alten Streit, der uns Jahre lang trennte, endlich ruhen, und laß uns wieder werden, was wir ehemals waren: treue Freunde.

Ich habe Wichtiges mit Dir zu besprechen, und werde mir, wenn Du gestattest, erlauben, Dich heute oder morgen, oder wann Du Zeit hast, zu besuchen. Ich denke mir, daß eS sich bei einem Glase Deiner ehemaligenLieblings- Marke" angenehmer plaudern läßt und harre Deiner Antwort als Dein auftichtiger Freund

Georg Winter, Bergstraße 8."

AlS Böhler zu Ende gelesen, hatten fich die Falten seiner Stirn merklich geglättet; er griff in die Tasche, reichte dem noch immer unbe­weglich dastehenden Manne ein kleines Geld­stück mit den Worten:Es ist richtig, der Brief klärt alles aus; das konnte ich allerdings nicht wiffen."

Halt!" rief er dem fich Entfernenden nach, Sie können gleich eine Antwort mitnehmen."

Dann schrieb er rasch ein paar Zeilen, adressierte daS Couvert und reichte es dem Dienstmann hin, der unter höflichen DankeS- worten die Thür leise in» Schloß drückte.

Als Böhler fich allein sah, brach er in ein schallendes Gelächter «uS.

der Fachorganisation über 20 000 Mark ge­kostet hat.

Auch in Folge des gleichSfalls verlorenen Flaschenarbeiterstreiks ist in den beteiligten Familien großes Elend eingetiffen. Jetzt find zusammen 3000 Mk. Miethe fällig, für die das Streikcomitä einzutreten fich verpflichtet hat, aber die Mittel fehlen und somit droht 50 Familien die Exmission. Schon die letzten drei Wochen deS Streiks hat das Streikcomitä den Verheiratheten pro Woche nur 4 Mark, den Ledigen 3 Mk. geben können, zum Verhungern zu viel, zumSattessen zu wenig. Und für diese Woche ist überhaupt noch nichts da.Keine Miethe, nichts zu beißen, nichts, um nur nothdürstig eine warme Stube zu machen. Rein zum Ver­zweifeln .. . !" So schreibt dieSächs. Arbeiter- Ztg." und fügt hinzu:Es wäre traurig, wenn die Flaschenmacher jetzt, wo fie unter­legen find, nicht nur von den Glasbaronen ge­peinigt, sondern auch von ihren eigenen Klaffen­genossen, den Arbeitern im Stich gelassen würden." Nun sollen die Arbeiter wieder in die Lücke springen, nachdem die Streikhetzer «uf's Trockne gerathen find. Die Arbeiter sollten endlich erkennen, daß die gewerbsmäßigen Agitatoren, die fie ins Elend hineintreiben, ihre ärgsten Feinde find, und fich von ihnen ab­wenden.

Deutsches Reich

»erlitt, 19. Oktbr

Am Freitag, dem 70. Geburtstage des Kaisers Friedrich erschien der Kaiser um 8-j» Uhr ftüh in dem Mausoleum der Friedenskirche, legte am Fußende des Marmorfarkophages einen kostbaren und mächtigen, ganz aus herrlich duftenden Veilchen gewundenen Kranz nieder, auf befftn langer weißer Atlasfchleife in Golddruck die Jniiialen des Kaiser- Paares prangten. In der Mittagsstunde kamen die Prinzen Eitel Fritz, August Wilhelm und Oskar, um ebenfalls Kränze zu überbringen.

Ueber den Nutzen der Maschinen­gewehre, welche der Kavallerie-Diviston A während der diesjährigen Kaisermanöver in Westpreußen zu getheilt waren, äußert fich das .Militär-Wochenbl." in einem längeren diesen Manövern gewidmeten Be­richt folgendermaßen: .Sowohl am 17 wie am 19. September hatte ihre Mitwirkung wesentlichen Ein­fluß auf die Erfolge der Divifion. Wählend ihr Feuer am ersten Tage für den Sieg der Division mit ausschlaggebend war, setzte es sie bei Czechlau in die Lage, längere Zeit feindlicher Infanterie und Artillerie Widerstand zu leisten und gleich darauf noch einen Kavallerie-Angriff abzuwehren. Durch ihre Feuer­kraft ersetzten diese beiden Maschinengewehr-Ab- theilungen fehlende Infanterie, gaben der Kavallerie- Division den erwünschten Rückhalt und waren ver­möge ihrer Beweglichkeit jeder Zeit in der Lage, der Kavallerie überallhin zu folgen.

Also Georg Winter, Du kommst zu mir!" sagte er ganz laut zu fich selbst.Alle Wetter, hat der sich gut eingeführt, das laß ich gelten, schön sehr schön habe lang genug keinen Sekt mehr getrunken, ha, ha, der soll mir köstlich munden. Aber was mag er nur wollen, der gute Freund, ich kann mir gar nicht denken, wie daS alles zusammen­hängt."

Der Korb wurde einer genauen Prüfung unterzogen, und es ergab fich, daß er außer dem Sekt noch ein paar Dutzend Austern, Caviar und verschiedene Leckerbissen enthielt.

BöhlerS Gesicht strahlte. Er schielte immer wieder nach dem Korb und dessen verlockendem Inhalt. Endlich klingelte er nach dem Dienst­mädchen und befahl, die Flaschen kalt zu stellen. Eine davon behielt er sich zurück; der Versuch­ung zu widerstehen dünkte ihm unmöglich. Knallend flog der Pfropfen zur Decke empor, und Böhler schlürfte mit Behagen das perlende Naß.

Prost. Freund Winter, Du sollst leben!" rief er dabei.Er hat Geschmack, mein alter Kamerad, will nur sehen, was der auf dem Herzen hat."

Georg Winter,Direktor und Kassierer be» Leih- und Sparkassen-Vereins Gewerbetreibender" hatte als solcher eine gut bezahlte Vertrauens­stelle inne, und zählte mit zu den angesehensten Persönlichkeiten der Stadt. Er wußte fich das Zutrauen seiner Mitbürger in hohem Maße zu erringen und zu erhalten.

(Kavtsetzmiß felgt.)