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Mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg «ad Kirchhain.

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Donnerstag 17. Oktober 1901.

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36. Jahrg.

Mdflucht und städttsche Wohnungs- Frage.

a. Der diesjährige Kongreß für Eozial- vlitik hatte auf seine Tagesordnung auch die ^hnungsirage gesetzt. Nicht weniger als vier znde wissenschaftlichen und praktischen Ma- sialS aller Art waren den Mitgliedern zu- «gangen und nicht weniger als drei Referenten Professor Dr. Fuchs-Freiberg, Landesrath randts-Düsseldorf, Profeffor v. Philoppowich- lien) berichteten mündlich über die wichtige tage. Alle drei wußten des Rühmens nicht mug zu machen von dem verstorbenen Finanz- limster von Miquel, der 1886 als damaliger )berbürgermeister von Frankfurt a. M. auf em Kongreß über die Wohnungsfrage berichtet atte, jedoch keiner der Referenten ging igendwie genauer auf eine der wichtigsten leiten der Frage ein, die ein Mann wie Miquel pH der Entwickelung der Sache sicherlich nicht »berücksichtigt gelassen hätte, nämlich auf . m Zusammenhang zwischen städtischer Wohnungsfrage und Landflucht. Und in er That fitzt hierin der Kern unserer ganzen Malen und wirthschaftlichen Entwickelung und ukunst. Um so dankbarer ist es daher zu egrüßen, wenn einer der Redner in derDebatre kchtsanwalt E s ch e n b a ch, diese bedauerliche Ecke berührte und in der ihm stets eigenen, oar durchaus ruhigen und gemäßigten, nicht mnder aber auch sachkundigen und tiefgehenden Leise diese Seite der Frage beleuchtete. Ta die sieitungSberichte bei dem Umfang der Derhand- ungen nur Auszüge auS denselben brachten, alten wir eine, der hohen Bedeutung der Sache ntsprechende, ausführliche und authentische Siedergabe der betreffenden Ausführungen für eboten.

Nach der Anficht des Redners ist die städtische Wohnungsfrage, soweit sie besonders dringlich

d. h. unter dem Gesichtspunkt der Arberter- oohnungen selbst, vielfach eine völlige Parallel- rscheinung der Landflucht der ungelernten Irdarbeiter, welch letztere ja auch der Referent steffor Dr. Fuchs so außerordentlich bedauert

Es sei deshalb, so führte Herr Eschenbach , die Frage, ob nicht, wie auf die eigentliche stift der Roth, noch mehr Gewicht darauf legen sei, inwiefern dieser so beklagens- then Erscheinung vorgebeugt werden könne, könne keinem Zweifel unterliegen, daß hier, bei richtiger Betrachtung auch auf so en anderen Gebieten nicht ein Antagonismus, lern eine völlige Jnteressengemeinschast

zwischen Stadt und Land vorliegt. So ost man Gelegenheit nehme, mit den Leitern von großen Kommunen sich einschlägig zu unter­halten, töne die Klage laut wieder über die Anhäufung von Arbeitermaffen ohne das Fundament einer dauernden wirthschaftlichen Existenz, der damit ferner verknüpften fast un­erschwinglichen Schullasten und Armenpflege, während das flache Land eben durch den Fortzug dieser selben Bevölkerungskreise auf daS schwerste geschädigt werde.

Damit sei die Frage in gewiffer Beziehung eine solche der Bevölkerungs -Politik und er­heische demgemäß auch eine Betrachtung unter diesem Weitergreisenden Gefichtspunfte. Sie sei die Folge der Eigenartigkeit unserer industriellen und verwandten, aber der großindustriellen Entwickelung, von dem alle einsichtsvollen Voltz- wirthe so außerordentlich beklagen, daß es nicht ständig und regelmäßig, sondern in Sprüngen sich vorwärts bewege, welche dann entsprechende Rückschläge und Krisen zur Folge Hütten. Dazu komme weiter, daß gerade das moderne in­dustrielle Leben und zwar im Gegensatz zu noch weiten Gegenden der vaterländischen Landwirth- schaft so gut wie jede Fühlung zwischen Arbeit­geber und Arbeitnehmer, namentlich durch das Aktienwesen, verloren habe, eine Erscheinung, die schon von Oechelhäuser vor mehr wie 20 Jahren tief beklagt sei.

Es sei aber auch weiter zu beachten, daß die Entvölkerung des platten Landes derartig fortschreite, daß dasselbe seine Hauptaufgabe, Jungbrunnen für alle anderen Erwerbskreise und Stände zu fein, in wenigen Generationen kaum noch gerecht werden könne. Redner habe im verflossenen Winter mehrfach Gelegenheit gehabt, durch Referate in wissenschaftlichen und praktischen Kreisen die Debatten über die Land­arbeiterfrage einzuleiten, und sei das Ergebniß der Debatten in erster Linie mit stets das gewesen, daß der Zuzug in die Städte sich viel­fach als ein völlig unbedachter darstelle, hervorgerufen durch die glänzende Schilderung einer vorübergehenden Konjunktur mit eben solchen vorübergehenden Barlöhnen, während die Arbeiter wegen Mangel an Einsicht die Ständigkeit der ländlichen Beschäftigung und die Bedeutung der Naturallöhne absolut nicht würdigten; namentlich gelte dies auch von den jugendlichen Arbeitern, welche oft in geradezu frivoler Weise sich au8 dem Eltern­hause entfernen.

ES fei deshalb so fuhr Herr Eschenbach in seiner Rede fort die Frage, ob nicht gegen derartige Hhperindustriealisationen, die

Profeffor Dr. Fuchs ebenfalls beklagt habe, und allzu weit gehenden Centralisation in den großen Hauptstädten Front gemacht werden solle. Um den gewollten Zweck zu erreichen, stehen zwei Möglichkeiten offen, einmal die Gesetzgebung und sodann Maßnahmen der Verwaltung. WaS die erstere anlange, so könne selbstverständlich von einer Aufhebung der Freizügigkeit nicht gesprochen werden. In dieser Beziehung könne vielmehr einzig und allein nur erwogen werden, ob vielleicht den Kommunen daS Recht gegeben werden könne, ihrerseits in Umkehrung der Beweislast des § 4 des FreizügigkeitsgesetzeS von dem neuen An­kömmling gewisse Nachweise dafür zu verlangen, daß er nicht sofort in diejenigen Kreise deS Proletariats herabfinke, welche nicht einmal ein in sanitärer und sittlicher Beziehung genügende! Unterkommen für einen gewissen Zeitraum nach­weisen können.

Nebenhergehend sei eine starke Besteuerung der Grundrente und der Baustellen-Spekulation ins Auge zu saffen. Was aber die Anhäufung von existenzlosen, ungelernten Arbeitermaffen in den Städten anlangt, so sei in dieser Beziehung wohl zu beachten, daß auch selbst große, sonst durchaus nur Stadtintereffen vertretende Preß- Organe speziell bei die allgemeine Aufmerksam­keit auf sich ziehende Verbrechen, sofern diese in den subfistenzlosen Proletariermassen ihre Wurzeln haben, selbst ihrerseits die Frage aus- würsen, ob nicht etwa den Arbeitgebern weitergehende Verpflichtungen für die von ihnen beschäftigten Arbeiter aufzuerlegen seien, was die Dauer der Beschäftigung, Wohnung, Unterkunft u. s. w. anlangt, als wie es bisher unter dem Gesichtspunkte einer völlig schrankenlosen Freiheit, richtiger Unfreiheit der Fall gewesen ist.

Wenn Magistrate, wozu zweifellos sich die direkten Handhaben schaffen lasten würden, namentlich unter den letzteren Gesichtspunkten vorgehen würden, so wäre damit zweifellos auch dem unbedachten Zuzuge in die Stadt ein wirksamer Riegel vorgeschoben und gleichzeitig auch der fernere Zweck erreicht, daß die Schaffung von industriellen Neuanlagen, oder die Er­weiterung von solchen ungleich ständiger und ruhiger vor sich gehen würde, als wie es jetzt der Fall sei. Mit anderen Worten: daß unsere gesammte wirthschastliche Entwickelung in Stadt und Land in ständigere und ruhigere Bahnen einlenken, und die einschlägigen an­scheinenden Gegensätze zwischen Stadt und Land, wie Redner im Eingang erwähnt habe, sich im großen Umfange würden vereinigen lassen.

Es komme hier nur auf den guten Willen und die wirthschastliche und sozialpolitische Einsicht der Magistrate an, auf welchen um so mehr zu hoffen fei, als auch unter allgemein witth- schaftlichen Gesichtspunkten die Anhäufung von Beschäftigungs- und sogar WohnungSsosen- Maffen in den Städten die bedenklichsten Folgen nach den verfchiedmsten Richtungen hin haben muffen. Hier nicht sowohl unmittelbar abzu­helfen, sondern vielmehr weitblickend vor- zubeugeu fei ebenfalls eine wesentliche Auf­gabe wahrhaft segensreicher Wohnungs-Politik.

Soweit die Rede des Herrn Rechtsanwalt Eschenbach, der wohl jeder einsichtsvolle Sozial­politiker und Nationalökonom voll zustimmen dürste.

Umschau.

Eine sensationelle Nachricht bringt die »Rh. Wests. Ztg". Ihr wird aus Berlin gemeldet, der Kaiser habe bestimmt, die Kanalvorlage dem nächsten Landtage vorzulegen. Wir können einstweilen nicht an die Richtigkeit dieser Nachricht glauben, denn die jetzige politische Lage hat sich wohl kaum zu einem günstigen Boden für die Durchdring­ung der Kanalvorlage entwickelt. Inzwischen ist der neue Zolltarif enthüllt worden, der in so ausgedehntem Maße von Freunden und Feinden mit der Kanalvorlage verknüpft worden war. Aus bündlerischer Seite war betont worden, daß eine durch die neuen Zollschutzschätzegenügend" geschützteLandwitthschaft Wohl eher bereit sein würde, die Kanalvorlage, in der man eineZu­wendung an die Industrie sähe", zu unterstützen. Nun hat sich bei den kundgewordenen Ström­ungen im Bundesrath und in der Industrie, die gegen eine gesetzliche Festlegung für die Minimalzölle für Getreide finb, gewiß nicht eine freundlichere Stellungnahme herausgebildet. Auch das Centrum hat inzwischen nichts von einer Stellungänderung wiffen lasten. Man kann gespannt sein, auf Grund welcher Ansichten diesmal die Regierung auf ein Durchbringen der Kanalvorlagen rechnet.

Zolltarif-Entwurf.

lieber die Nothweudigkeit des Schatze» »er tzeatsche» Ziakiavaftrie schreibt die .Rh. W. Ztg". Die Lage der heimischen Zinkindustrie wird von Jahr zu Jahr durch die amerikanische Konkurrenz gefahr- drohender. Es hat sich in Amerika bereits eine Ver­einigung von Erzproduzenten gebildet, welche den Ueberschuß von Zinkerz auf dem amerikanischen Markt, etwa 50000 tons, jährlich zum Londoner Preise nach

88. sNachdrack verboten.)

Das Glückskind.

Erzählung von Irene von Hellmuth.

(Fortfetzung.)

Welches Recht hatte sie an den Mann, der ihr wohl freundlich gesinnt zu fein schien, der auch ohne Zweifel ein weiches mitleidiges Herz und einen ausgezeichneten Charakter besaß, aber nichtsdestoweniger konnte sie, gerade sie ihn um Hilft für den Bruder ansprechen? Was sollte er von ihr denken, er, än besten guter Meinung ihr so unendlich viel gelegen war! Wenn sie vor den Mann hintrat und sagte: mein Bruder hat Schulden gemacht, viel Schulden, würde er glauben, daß jener so vollständig unschuldig an der Sache war? Röschen schüttelte heftig den Kopf.

Waldemar bemerkte es mit trübem Lächeln, doch sprach er kein Wort. Auch «15 die beiden endlich im Forsthause anlangten, sank der junge Mann wie kraftlos in den nächsten Stuhl und legte schweigend den Kopf in die Hände.

Das Unglück hatte den lebensfrohen, heiteren Menschen ganz stumpfsinnig gemacht.

Röschen berichtete dem Ehepaar, waS ge­schehen. Dem alten Förster schwebte ein scharfer Tadel aus den Lippen. Wie konnte man so -- unüberlegt, so leichtsinnig handeln '. Ms er f aber in das trostlose, totenblaste Gesicht des sonst so lustigen Neffen und in die bittend auf ihn gerichteten Augen Röschens sah, da blieben ihm die Worte im Munde stecken.

Um seines Lieblings willen hätte er gerne ; geholfen, das arme Mädel grämte sich offenbar

um den Bruder ganz entsetzlich, und das schnitt ihm in? Herz.

Die verschiedensten Pläne wurden gemacht, aber alle ebenso schnell wieder verworfen. Auch dem Förster kam der Gedanke an den offenbar wohlhabenden Besitzer des SeeschlößchenS, aber als er diese Idee Röschen gegenüber ausfprach, wehrte sie sich tieferröthend und hesttg gegen ein solcher Ansinnen, und seufzend mußte der Alte einsehen, daß an deS Mädchens Stolz der schöne Plan scheiterte.

Plötzlich schlug sich Rofi vor die Stirn. Daß ich daran noch nicht gedacht habest rief sie, lebhaft aufspringend, und eilte hinaus, die Treppe hinaus in ihr Stübchen, kramte in der alten Kommode, nicht achtend der Unordnung, die dadurch unter den, mit peinlichster Sorgfalt geordneten Sachen entstand; sie nahm sich nicht einmal Zeit, die herausfallenden Gegenstände vom Boden aufzuheben. Endlich riß sie aui der dunkelsten Ecke, wo er so lange Zeit gestanden, den einst von der Mutter erhaltenen, silberbe­schlagenen Kasten hervor. Derselbe hatte das Mädchen hierher begleitet, weil es Röschen dünkte, daß er hier sicherer geborgen war, als in dem Hause des Vormundes in der großen Stadt, wo er schon einmal nahe daran war, einem Diebe in die Hände zu fallen. Rasch schloß Röschen den Deckel auf, und nahm ein zusammengefaltetes Papier heraus. Mit diesem kehrte sie eiligst in das Wohnzimmer zurück und breitete das Schriftstück vor Waldemar aus.

Das wird Deinen Gläubigern genügende Sicherheit fein," sagte sie, dem Bruder lächelnd in das erstaunte Gesicht sehend, bann wandte sie sich an den Onkel.

Du weißt doch, daß mir Tante Aurelie einst diesen Schein gab, der mir bei meiner Berheirathung die Hälfte des damals gewonnenen Geldes zusichert. Wenn nun Waldemar dieses Papier vorlegt, bann kann es ihm boch gar nicht fehlen. Daraufhin wirb er erhalten, was er haben muß, und er ist gerettet."

Du bist ein gutes, liebe! Kinb," meinte Tante Therese gerührt.

Unb wenn ich daraus hin daS Geld be­komme," entgegnete Waldemar, in besten Blicken sich die Hoffnung kundgab,glaubst Du, daß ich eine solche Summe Dir je zurückzahlen kann?"

Aber Brüderchen, wer spricht davon! Still, ich will gar nichts hören," fuhr Röschen fort, als Waldemar mit neuen Einwendungen kommen wollte,die Hauptsache ist, daß Dir geholfen wird, was kümmert mich das Andere."

Um den Mund des Försters zuckte schon wieder ein Lächeln; neckend faßte er das Mädchen am Arm, und raunte diesem zu:Waldemar kann ja seinen Gläubigern sagen, daß die Hoch­zeit, wo Dir das Geld ausbezahlt wird, nicht mehr allzu lange auf sich Watten lasten wird; der Bräutigam fei bereit« gesunden, gelt, Roseichen?"

Die Angeredete glühte wie in Fieberröthe; über das süße Gesicht huschte momentan ein Ausdruck unbeschreiblichen Glückes hin, doch suchte sie sich zu befreien. Es gelang ihr aber nicht.

»Erst sage mir, ob ich recht habe, Rofi?" Ich ich weiß nicht Onkel."

Der Alte schlang den Arm um die zarte Gestalt des Mädchens, und sah heiter in das

rosige, lächelnde Gesicht, in die glänzenden Augen. Es wird schon so fein, Du Glückskind!"

Waldemars betrübtes Gesicht hatte sich ein wenig aufgehellt, er wandte sich fragend an den Onkel:

Glaubst Du, daß dieser Schein nöthigen- fallS vor Gericht Gilügkeit haben wirb?"

Der Förster nahm prüfend das Papier und sagte zuversichtlich:Ohne Zweifel, mein Junge! Es trägt die Unterschriften von zwei Zeugen, daS genügt allenfalls."

»Nun, und daß Röschen sich verheirathen, wird, ist sicher vorauszusetzen," fuhr Waldemar fort.

»Ja, und zwar in nicht allzuferner Zeit," fügte der Förster mit schalkhaftem Augenblinzeln und einem Blick auf Röschen bei.

Sie drohte scherzend mit dem Finger; aber gleich daraus ernster werdend, meinte sie: Vielleicht, wenn ich an den Herrn Vormund schreibe, daß er mir auf Grund des von Tante Aurelie unterzeichneten Scheines jetzt einstweilen eine bestimmte Summe, etwa die Hälfte auSbe- bezahlt, und das Andere später; damit wäre schon viel geholfen."

Ja, wenn er will," entgegnete der Bruder, gezwungen kann er nicht werden, weil hier ganz genau stehtam Tage der Hochzeit."

Nun den Versuch kann ich ja immerhin machen."

Thue daS, mein Kind," fiel Frau Therese ein,hilft's nichts, so schadet'- nichts. Du kannst ja beifügen, daß Du ohnehin bald Hoch­zeit halten wirst, und dann so wie so Anspruch auf das Dir zukommende Theil machen kannst.

(Kottsetzung felgt.)