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Marburg

Sonntag 13 Oktober 1901.

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36. Jahrg.

Deutschlands Ansehen in China und der deutsche Handel.

Pariikularistische Blätter drucken mit Be­hagen einen Artikel derKolonialen Zeitschrift" ab, in dem eingenauer Kenner der chinesischen Verhältnisse" eS ist merkwürdig, wie viele genaue Kenner der chinesischen Verhältnisse im letzten Jahre erstanden sind der Regierung die bittersten Vorwürfe macht, weil sie durch die Art der Führung des Krieges in China das Ansehen Deutschlands herabgedrückt und dadurch die Aussichten des deutschen Handels mit China in Grund und Boden verdorben habe.

Der deutschen Kriegführung mit China wird »orgeworfen, daß trotz der verhältnißmäßig großen Zahl von Soldaten auf militärischem Gebiete so gut wie nichts erreicht worden sei und daß dadurch Deutschland den Nimbus, den e8 gerade durch sein mächtiges Heer bei den Chinesen gehabt, eingebüßt habe. Wir wollen ganz davon absehen, daß die Behauptung, es sei auf militärischem Gebiete nichts erreicht worden, eine gröbliche Uebertreibung enthält, und wir wollen zugeben, daß Schlachten von dauernder historischer Erinnerung wie König- grätz oder Wörth oder Sedan auf chinesischem Gebiete nicht geschlagen worden find. Wir dürfen den Mann, der über seinergenauen Kenntniß der chinesischen Verhältnisse" möglicher­weise etwas in seiner Kenntniß der preußisch- deutschen Geschichte gelitten hat, auf ein historisches Beispiel Hinweisen. Friedrich der Große wird wohl selbst von ihm als ein immer­hin leidlich begabter Feldherr anerkannt werden. Nun, .derselbe ruhmgekrönte Monarch, der im fiebeniährigen Kriege eine glorreiche Schlacht nach der anderen geschlagen und die Welt mit seinen Thaten erfüllt hatte, kam im bayerischen Erbfolgekriege, in den er persönlich gezogen war, nicht dazu, auch nur einmal vom Leder zu ziehen und irgend ein bedeutenderes Gefecht z« liefern. Die Verhältnisse ließen dies eben nicht zu ebenso wie bei den chinesischen Wirre». Niemand wird aber behaupten wollen, daß dadurch der Nimbus Friedrichs und des friederizianischen Heeres bei den Zeitgenoffen verringert worden wäre.

Man wird also sicherlich nicht in einem ver­minderten Respekt vor Deutschland den Grund zu einer Verschlechterung der deutschen Handels­beziehungen zu China zu sehen haben. Im Aebrigen hat sich gerade im Jahre der Wirren der Aufschwung des deutschen Handels mit China herausgestellt. Während im Jahre 1890

10. Nachdruck verboten !

Des Glückskind.

Erzählung von Irene vonHellmuth.

(Fortsetzung.)

Es war Röschen, die freundlich herüber grüßte.

Malljar kam rasch auf daS Mädchen zu und nach kurzer Zeit saß ei, vom Förster herz­lich eingeladen, mitten unter der fröhlichen Ge­sellschaft, er, der sonst die Menschen förmlich floh, und nur, um keinem begegnen zu müssen, bas Seeschlößchen als zukünftigen Aufenthalts­ort gewählt hatte.

Und wie wußte der stille Träumer zu er­zählen von den Reisen, die er gemacht, von fremden Ländern und Völkern, deren Sitten und Gebräuche er kennen gelernt! Er hatte auch manches Werthvolle und Kostbare von dort mit­gebracht, das in einem Zimmer des Schlößchens mrfbewahrt wurde.

Dann kam er auf das Schlößchen selbst zu sprechen und auf den unglücklichen Gatten der schönen Adeline. Derselbe war ein wortkarger, verschlossener Mensch geblieben bis an sein Lebensende und hatte letzwillig bestimmt, daß der Schauplatz seines Unglücks hundert Jahre unverändert in demselben Zustand bleibe, wie er ihn verlassen habe, und daß während dieser Zeit niemand daS Schlößchen betreten dürfe. Der letzte Wille beS unglücklichen Mannes sei auch respektiert worden, und erst ihm, Dr. Malljar, sei eS nun beschicken gewesen, das kleine, reizende Schlößchen wieder zu betreten, es vor dem gänzlichen Verfall zu bewahren und wieder wohnlich einzirichten.

Deutschland nur 5 pCt. des Tonnengehalts der Einfuhr stellte, Großbritannien aber 65 pCt., stieg Deutschland im Jahre 1900 auf 10 pCt., während Großbritannien auf 56 pCt. herabging. Dabei ist noch zu bemerken, daß, weil daS chinesische Seezollamt in englischen Händen ist, die Statistik für England günstig und für Deutschland ungünstig gefärbt ist. Was den chinesischen Handel im laufenden Jahre anbe­trifft, so ergab sich für daS erste Quartal ein Rückgang, wie er durch die Folgen des Krieges bedingt war, lediglich in Shanghai. Der sonst ganz und gar nicht optimistische Mitarbeiter derWelt - Korrespondenz" in Shanghai be­merkte hierzu, daß aus dem Resultate sich schließen laffe, daß, wenn die Unruhen erst einmal wirklich ihr Ende erreicht hätten, ein erheblicher Aufschwung im Handel mit China zu erwarten wäre. Er fügte allerdings vor­sichtig hinzu, daß man abwarten müsse, ob die Unruhen tatsächlich schon zu Ende wären; in dieser Hinsicht könne er nicht optimistisch sein. Die letzten Nachrichten auS China zeigen ja, daß diese Vorsicht wohlbegründet war.

Sollten die gemeldeten, einstweilen noch lokalen gegenwärtigen Unruhen einen größeren Umfang annehmen, so würde der Handel mit China natürlich nachtheilig beeinflußt werden, aber dieser Nachtheil würde sich den anderen Nationen mindestens in demselben Maße fühlbar machen, wie Deutschland, vielleicht sogar in noch höherem Maße, da es sich einstweilen um süd­chinesische Gegenden handelt, in denen Deutsch­land weniger engagirt ist, als Frankreich oder England.

In keinem Falle aber wird man den Respekt der Chinesen vor dem Auslande im Allgemeinen und vor Deutschland im Speziellen steigern, wenn man ihnen suggerirt, sie hätten diesen Respekt verloren. Auch wir haben aus unserem Mißfallen über ungeschicktes Vorgehen in ein­zelnen Phasen der Wirren kein Hehl gemacht; alles in allem aber hat die deutsche Regierung nicht anders gehandelt, als sie konnte und mußte, und der deutsche Kaufmannsstand hat am aller­wenigsten Anlaß, mit ihrem Vorgehen in China unzufrieden zu sein. Im Uebrigen hat der Kaufmannsstand auch daran zu denken, daß es nicht allein Sache der Regierung ist, ihm Respekt zu verschaffen, sondern daß er selbst sich auch Respekt zu verschaffen hat, vor Allem durch eine energische Inangriffnahme groß angelegter Unternehmungen. In diesem Punkte find ihm, wofür wir mancherlei Beispiele anführen könnten, gerade in der letzten Zeit die Franzosen und Engländer vielfach überlegen gewesen. Die

Der Förster machte im Laufe des Nach­mittags die Bemerkung, daß die Blicke des Er zählers immer verstohlen zu dem Gesicht Röschen hinüberglitten.

DaS Mädchen lauschte mit gespannter Auf­merksamkeit den Schilderungen des auf allen Gebieten bewanderten Mannes. So verging der Nachmittag nur allzurasch und ob Lebrecht auch vom Thurm des Schlößchens aus immer nach seinem Herrn spähte, ob die Haus­hälterin auch um ihre längst fertigen Rahm­strudeln jammerte, daß dieselben, so schön ge- rathen, nun verderben mußten, der Haus­herr kam erst mit dem anbrechenden Abend zurück, klopfte der höchst erstaunten, rundlichen Frau auf die Schulter und tröstete sie wegen der vergeblichen Mühe, die sie sich seinetwegen gemacht.

IX.

Der unvergleichlich schöne Pfingstsonntag blieb allen in angenehmer Erinnerung, und wie viele noch schönere Tage hatte er im Ge­folge !

So ost Rösche» auch ihr Lieblingsplätzchen im Walde aufsuchen mochte, immer gesellte sich Doktor Malljar zu ihr. Im Anfang hielt sie es für Zufall, daß er gerade immer zu der Zeit in den Wald ging, wo sie träumend auf der alten, moosbewachsenen Bank saß. Denn daß der Mann Stunden lang, ohne ungeduldig zu werden, hinter dem Vor­hang stand, uni nach ihr ausspähte, wußte sie ja nicht, wie sie auch nichts davon wußte, daß die Flamme verzehrender Leidenschaft in dem Herzen des stillen Gelehrten mächtig empor- loderte. Doch nach und nach begann ihr eine

Regierung kann doch nur die Interessen des Kaufmanns schützen, aber sie kann nicht selber Handel treiben oder dem Kaufmanne Garantien gegen jedes Risiko geben. a.

Umschau.

Die Herbfttagnng der Deutsch en Landwirthschafts-Gesellschaft ist gestern mit der Sitzung des GesammtauS- schuffes geschloffen worden. Dem Bericht über die Ausstellung dieses Jahres in Halle war zu entnehmen, daß die Ausstellung der Gesellschaft den verhältnißmäßig geringen Zuschuß von 13 000 Mk. gekostet hat; der Jahresabschluß wird infolge dessen günstig ausfallen. Bezüg­lich der nächstjährigen Ausstellung in Mannheim wurde mitgetheilt, daß sich der vorläufige Plan auf eine Beschickung mit 350 Pferden, 1250 Rindern, 300 Schafen, 450 Schweinen, sowie Ziegen, Geflügel und Fischen gründet. Die Ausstellung der landwirtschaftlichen Felderzeug niffe wird bei der großen Bedeutung der Handelsgewächse in Süddeutschland sehr um­fangreich werden, während man in der Ge- rätheabtheilung eine mittlere Beschickung er­wartet. Es wurde hierauf über die weitere Ausstellungen berichtet. 1903 soll eine Aus­stellung in Danzig, 1904 eine solchem Hannover, 1905 eine solche in Bayern veranstaltet werden. Aus den Sitzungen der EinzelauSschüffe sei noch der Thatsache gedacht, daß den Berath- ungen des Sonderausschusses für Abfallstoffe als Regierungsvertreter der Geh. Ober-Reg.- Rath Schmidtmann beiwohnte, der die Ver­sicherung abgab, daß die königl. Prüfungsan­stalt für Wasserversorgung und Abwäffer- beseitigung auch im Interesse der Landwirth- schaft arbeiten würde. Im Sonderausschuß für Bodenbakteriologie erstattete Dr. Hiltner Bericht über die an der biologischen Abtheilung des Gesundheitsamtes in Angriff genommenen bakteriologischen Arbeiten. Die Vorsteher von Versuchsstationen traten außerdem auf Veranlassung der Deutschen Landwirthschafts- gesellschast zu einer Besprechung über einheit­liche Verfahren bei Feldversuchen zusammen.

Die Stiefel des armen Mannes.

c. Der Freisinn hat eine neue Schattenseite des Zolltarifs endeckt. Neben den Lebensmitteln des armen Mannes sollen durch die Zölle auf Leder andere zur Schuh- und Lederfabrikation nothwendigen Materialien auch die Stiefel des

Ahnung kommenden, unsagbaren Glückes auf­zusteigen, die sich ihrem ganzen Wesen mitheilte.

Die kluge Försterin hatte längst, ehe Röschen selbst es wußte, wahrgenommen, wie es um ihren Liebling stand. Sie freute sich im stillen, daß es so gekommen, denn nun brauchte man den Gedanken an eine Trennung, der immer von Zeit zu Zeit wie ein Schreckgespenst aufge­taucht war, nicht mehr zu fürchten.

Einige Male schon war Röschen in Be­gleitung des Onkels und der Tante Therese im Seeschlößchen gewesen. Wie hatte sich das­selbe heraus geputzt, und noch immer war es dem Besitzer nicht schön genug. Die Zimmer, welche die unglückliche Adeline einst bewohnte, waren freilich fast unverändert geblieben, aber dafür prangten die übrigen Gemächer in einer fast blendenden Pracht. Alles, was Reichthum und Luxus zu ersinne» vermag, war hier ausgestapelt worden, liebet den kleinen See führte an Stelle der hölzernen, wackeligen Brücke, eine eiserne, und jenseits derselben hatte Dr. Malljar noch ein großes Stück Land angekauft, das zu einem herrlichen großen Garten umgewandelt worden war.

Er ließ ein Gewächshaus bauen, in dem fremdländische Pflanzen gezogen wurden, die dem eigens dazu angestellten Gärtner zur Besorgung oblagen.

Derselbe erlebte freilich wenig Freude an seinen Pfleglingen, die man sür schweres Geld von überall Herkommen ließ. Denn kaum, daß eine zarte Blüthe sich erschloß, wurde fic auch schon abgeschnitten, und nach dem Forsthause geschickt.

armen Mannes verteuert werden! Es ist rührend, wie daS Wohl desarmen ManneS" dem Freisinn, dem Vertreter der Großfinanz, am Herzen liegt wenn nämlich derartige Wohlthaten nicht aus seiner und seiner Klienten Taschen fließen. Daß der Freisinn für Er­mäßigung der Auffichtsrathstantiemen und Divi­denden einzutreten bereit sei; um dem armen Manne beispielsweise das Bier zu verbilligen davon ist selbst bei dem großen Sozialpoliker und Brauereidirektor Roeficke keine Rede, und das Ausschußmitglied des Kommerzienrathver- eins, Arnhold, den Gedanken haben könnte, dem armen Manne unter theilweisen Verzicht auf einen Millionenverdienst die Kohlen zu ver­billigen, wäre eine ganz absurde Annahme. Allein auch daran, daß der Kommunalfreifinn, der sich so energisch desarmen Mannes" heut­zutage annimmt, ihm die Wohnung zu ver­billigen und der Grundstücksspekulation entgegen­zutreten beabsichtige ist nicht zu denken. SolcheWohlthaten" würden ja das Großfinanz- und Spekulantenthum belasten. Aus der Tasche der Produzenten kaffen sich viel leichter und wohlfeiler derartige Verbilligungen veranstalten, obgleich diese Produzenten wahrlich nicht so gestellt find, daß fie etwas verschenken könnten. Aber was ficht das dem Freifin an? Er hält es mit dem Worte: Wohlthun auf anderer Leute Kosten bringt dem Großhandel und der Großfinanz nicht nur bare sondern auch politische Zinse».

Zum Kapitel derHunnenbriefe".

Die Ausbeutung der sogenannten Hunnen - briefe" durch die sozialdemokratische Presse er­fährt eine neue Zurückweisung durch die amt­liche Feststellung eines Falles. Ein Amtsblatt, dieFränkischen Nachrichten", hatte den Brief eines bayerischen Unteroffiziers veröffentlicht, der in der Nacht vom 23. zum 24. November vier Stunden von Peking mit 32 Mann seiner Kompagnie einen Angriff der Chinesen aus­zuhalten hatte, in dem es hieß:Wir hatten 13 Boxer tobt und 32 schwer und leicht ver­wundet. Diese wurden alle in den Peiho ge­worfen." DieKirchlich-sozialen Blätter" übermittelten dieses Blatt dem preußischen Kriegsministerium mit der Bitte um Unter­suchung und erhielten hierauf folgenden vom 5. September datirten Bescheid:Auf das Schreiben vom 22. April 1901 wird ergebenst mitgetheilt, daß der Schreiber des Briefes, nach welchem 32 Verwundete in den sPeiho geworfen sein sollen, ermittelt worden ist und zugestanden hat, den Inhalt des Briefes zum großen Th eil

Mit merkwürdiger Bereitwilligkeit erbot sich Lebrecht stets, den Gang dorthin zu machen; freilich kam dadurch manche Blume an die falsche Adresse. Röschen hatte ja auch wirklich so viel, daß es nichts schadete, wenn Kathi auch hie und da mal etwas erhielt.

Die beiden, Lebrecht und Kathi, waren über­haupt längst einig miteinander. Lebrecht hatte gar bald vergessen, daß es einmal eine Zeit gegeben, wo er die Weiber gehaßt, und sie unnütze Geschöpfe" gescholten, denn Kathi, ja das war allerdings eine Ausnahme.

Nur darüber war Lebrecht sich nicht klar, wie er eS seinem Herrn beibringen sollte, mm ja, daß die Kathi und er zusammen heirathen wollten. Aber einmal rückte er doch mit der Sprache heraus. Als sein Herr mit dem ver­gnügten Gesicht, das er jetzt immer zeigte, eines Tages nach Haufe kam, und, feinem treuen Diener lebhaft zunickend, sagte:Schelte mich Lebrecht, nenn mich einen Thoren, meinetwegen, was Du willst, ich ich bin verliebt! O niemals seit jener fürchterlichen Stunde, wo ich meine Braut in den Armen jenes Freunder dem ich mein ganzes Vertrauen geschenkt, er­blicken mußte, habe ich geglaubt, daß eS für mich noch ein Glück auf dieser Erde geben könnte, und nun lächelt es mir in seiner holdesten Ge­stalt. O wie schön, wie schön ist doch die Welt, Lebrecht, nun mußt Du Dich auch bekehren lasten. Ich glaube, Du hast Talent und wirst einen ganz respektablen Ehemann abgeben.

Da hielt der Angeredete den richtigen Zeit­punkt für gekommen.

(Fortsetzung folgt.)