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Btt lern Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
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Marburch Donnerstag 10 Oktober 1901.
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Dr- e«k Bnitf: 3-h Äug. Sich, UstotrfttätS.»ii4krx<t««-. Krrbora, Markt 31. — XeUefcen 66.
36 Jahrg
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In parlamentarischer Behandlung.
Die Ausschüsse des Bundesraths sind am Dienstag zur Vorberathung der beiden zoll- politischen Gesetzentwürfe, des neuen Zolltarifs und Zolltarifgesetzes, zusammengetreten. Die Vorlagen find damit dem öden Preßgezänk entrückt und auf daS fruchtbarere Gebiet der parlamentarischen Behandlung hinübergeleitet worden. Vorerst haben die BundesrathSaus- schüsse das Wort, mit Spannung sehen die be- theiligten Kreise, das in diesem Falle die gesummte Nation, den nunmehr beginnenden Be- ratbungen entgegen.
Daß derartige Gesetzentwürfe zunächst den ständigen Ausschüssen zur Vorberathung überwiesen werden, bevor fie ans Plenum des BundesrathS gelangen, ist an sich nichts ungewöhnliches, es geschieht dies bei allen größeren Gesetzentwürfen regelmäßig. Ungewöhnlich würde eS vielleicht erscheinen, wollte der Bundesrath in diesem Falle eine Ausnahme machen und sofort im Plenum zur Entscheidung schreiten. In freihändlerischen Kreisen hofft man, daß bei diesen kommissarischen Berathungen möglicherweise die manchesterliche Richtung den Sieg davonträgt, bezw. daß die Berathungen sich derart hinschleppen, daß eine rechtzeitige Fertigstellung der beiden Entwürfe verhindert wird. Wir halten daS für ausgeschloffen, weil darin eine schwere Verletzung der Lebensintereffen der Ration liege. Es ist ja allerdings vorgekommen, daß ein Ausschuß deS Bundesraths eine Vorlage von Grund aus umgearbeitet und etwas ganz anderes dem Plenum vorgelegt hat, als er von ihm übernommen hatte. Es war dies z. B. der Fall beim Entwurf eines Gesetzes oetr. die Handwerksorganisation. Die an den Bundesrath gelangte Vorlage enthielt zur Grundlage die obligatorische Zwangsinnung. Die manchesterliche» Geheimräthe im Bundesrathsausschuß machten daraus die sogenannte
27. ^Nachdruck verboten !
Das Glückskind.
Erzählung von JrenetionHellmuth.
(Fortsetzung.)
Und wie sollte es ihr gelingen, sich jenem Manne gegenüber zu rechtfertigen? Was mußte er von ihr denken? Und wenn es, wie fie leicht vermuthen konnte, der neue Besitzer des Seeschlößchens war, so wurde die Sache dadurch nicht besser, im Gegentheil, denn er hatte doch offenbar nicht nur ihre Aeußerungen, die sie vorhin gegen den Onkel ausgesprochen, mit angehört, sondern auch gesehen, wie fie die Seerosen einfach wegnahm, als wären dieselben ihr Eigenthum. Der Kranz lag noch immer in ihren Haaren, die Locken hielten ihn fest.
Plötzlich gewahrte Röschen mit jähem Schreck, daß der neue Hut bei der eiligen Flucht auf der Bank liegen geblieben war. Hastig eilte sie zurück, doch peinlich berührt stand das junge Mädchen still, als eS wieder an den Ort kam, zu dem es wie von einer unsichtbaren Gewalt gezogen wurde.
Auf der Bank saß der Fremde, vor dem Rofi vorhin geflohen. Er hielt ihren Hut in der Hand, fast zärtlich strichen die Finger über die Blüthen hin. Schon wollte fie umkehren, da — schaut er auf und gewahrte ihr Zögern. In diesem Blick lag so viel Trauer, so viel Wehmuth, daß Röschen unwillkürlich etwas wie Mitleid mit dem einsamen Manne dort em- p>fand, und fich zur Freundlichkeit zwingend, ihre Scheu muthig bekämpfte und rasch näher kam.
fakultative Zwangsinnung, die sich nicht bewährt hat und die Lage des Handwerks verschlechterte, statt fie zu tierbeff ent.
Diesen Vorlagen gegenüber muß jedoch ein derartiges Verfahren der Bundesrathsausschüfse als ausgeschlossen erachtet werden, und zwar schon aus dem Grunde, weil der Reichskanzler sich in der Frage der zollpolitischen Konferenz im Juni dieses Jahres mit den größeren Bundesstaaten ins Einvernehmen gesetzt und dabei ein einstimmiges Votum zu Gunsten der grundlegenden Bestimmungen der in Frage stehenden Entwürfe erzielt hat. Wir glauben sonach, daß die Frage spruchreif ist und daß es mehr nur ksie technische Frage sein kann, die die BundesrathsauSschüffe zu beschäftigen hat. Will die Regierung gerüstet fein für die bevorstehenden Handelsvertragstierhandlungen, so wird der Bundesrath sehr bald mit der Durckberath- ung der Vorlagen fertig fein, sodaß sie dem Reichstag, sogleich nach seinem Wiederzusammentritt Ende November Dorgelegt werden können. Aus dem Gang der Verhandlungen im BundeS- rath wird man sonach Rückschlüsse auf das wirthschaftspolitische Programm der Regierung machen können. △
Deutsches Reich
»erlitt, 9. Oktbr
— Ein Dankgottesdienst für Kaiser Wilhelm und den Zaren wurde, wie Königsberger Blätter melden, am Freitag in der evangelischen Kirche zur Wystiten abgehalten. Für die römisch- katholische Gemeinde ist bereits am Dienstag ein Dankgottesdienst für beide Kaiser abgehalten worden. Von der christlichen wie von der jüdischen Gemeinde in Wystiten ist die Bestimmung getroffen worden, alljährlich am 10. September russischen Stils — als dem Tage der Anwesenheit Kaiser Wilhelms in Wystiten — ein Dankgebet abzuhalten.
— In Berlin ist das Ereigniß des Tages der Empfang des Oberbürgermeisters Kirschner durch den Kaiser nn Jagdschloß Hubertusstock. Das Geheimniß dieser Audienz ist vortrefflich gewahrt worden. Kein Blatt weiß bis jetzt darüber zu berichten. Die Nachricht ist nur durch eine amtliche Mittheilung des .Reichsanzeigers' bekannt geworden. Der Umstand, daß Stadtbaurath Hoffmann gleichzeitig mit Herrn Kirschner empfangen worden ist, legt den Schluß nahe, daß es sich bei dieser Audienz in erster Linie um die Märcheubrunnen» Angelegenheit gehandelt hat. Es ist aber anzunehmen, daß bei der Aussprache zwischen Kaiser und Oberbürgermeister die gelammten Berliner Fragen zur Erörterung gelangt find.
— Die Chinamedaille soll der Kaiser, wie der ,Berl. Lokal-Anz.' erfahren haben will, dem Zaren und dem Präfidenten Loubet verliehen haben. Die Verleihung an Loubet foll von einem sehr warmen Schreiben begleitet gewesen fein. Dem Zaren habe
Die Auge» voll zu ihm aufschlagend, redete sie den fremden Mann an, der verwundert dem bestrickenden Klong ihrer Stimme lauschte: „Ich muß um Entschuldigung bitten, mein Herr, wegen meines — ungeschickten Benehmens von vorhin, das ich aufrichtig bebau» und wenn--*
„O bitte, bitte," unterbrach fie der Ange- rebete, mit einer Stimme, wie fie Röschen noch selten gehört zu haben glaubte, „ich bin es, ber um Entschuldigung zu bitten hat. Ich habe Sie gestört und verspreche Ihnen, baß es nie toieber geschehen soll, ich bin ungeschickt gewesen, — nicht Sie!"
Um den Mund spielte nun doch ein Lächeln, welches das Geficht ungemein verschönte, so daß Röschen jetzt schon gar nicht mehr begriff, warum fie vorhin davon gelaufen.
„Wenn Sie, woran ich nicht mehr zweifle, der neue Besitzer jenes Schlößchens sind," begann sie nach kurzer Pause, „so habe ich mir noch obendrein etwas an geeignet, waS Ihnen gehörte, — und bann habe ich vorhin — —,' sie stockte verlegen,--„meinem Onkel gegen
über auch noch Andeutungen über Sie gemacht, — die Sie wohl gehört haben, — und die ich zu — verzeihen bitte. —
Nun streckte die Sprecherin die Hand aus, die jener hastig ergriff und mit leisem Drucke wieder losließ. Rosi wußte nicht, wie es geschah, aber plötzlich saß sie auf der Bank neben dem Manne und plauderte mit ihm, wie mit einem alten Bekannten.
Sie erzählte von dem geliebten Onkel, von Tante Therese, von allen möglichen Dingen. Er lauschte wie ein wißbegieriges Kind, nur
ber Kaiser bte Chinamedaille währenb besten Anwesenheit in Danzig persönlich überreicht. Auch bie übrigen Souveräne ber an bem Feldzüge gegen China beseitigten Mächte haben das beutfdje Erinnerungszeichen an biefe Zeit gemeinsamer Waffenbrüderschaft erhalten. — Der Ausdruck .verleihen' dürste in diesem Falle nicht angebracht fein Es handelt sich tiermuthlich um die einfache Ueberfendung eines Exemplars der Chinamedaille zur Ansicht.
— Die S ch i f f s k a s f e des Torpedoboots 2, welche feit Ende August verschwunden war, ist in einem Versteck auf dem Torpedo-Exerzierplatz wieder aufgefunden worden. Von dem 10000 Mk.be- tragenden Inhalt fehlten nur wenige Mark.
— Die Generalversammlung deS evangelisch en Bundes zur Wahrung der Protestar tischen Inter- effen wurde am Dienstag in Breslau mit einer Be- grüßungsversammlung in ter neuen Börse eingeleitet.
Ausland
Ettglattd. Dr. Krause erschien am Dienstag wiederum vor dem Bowstreet-Polizei- gericht in London. Er wird des HochverrathS und der Aufreizung zum Morde bezichtigt. Der öffentliche Kläger führte aus: Bei der Uebergabe Johannesburgs erhielt Krause, ber damalige Burenkommandant der Stadt, von Lord Roberts einen vierundzwanzigstündigen Waffenstillstand aus die Angabe hin zugebilligt, daß dadurch ein Straßenkampf vermieden würde. Krause aber benutzte die Zeit, um die Machtmittel der Republik zu stärken, indem er 180000 Pfund Sterling von Johannesburg nach Pretoria schaffen ließ. Die Anklage brachte sodann Material bei, welches geeignet ist, darzuthun, daß Krause mit dem vor wenigen Tagen wegen HochverrathS Hingerichteten BroeckSmer in Verbindung gestanden habe. Krause soll dann in englische und holländische Blätter bestimmte Auslassungen lancirt und diese als wahre Aeußerung der öffentlichen Meinung nach Südafrika gesandt haben, um den Widerstand der Buren zu beleben, in der Hoffnung, eine fremde Macht werde sich einmischen. Die Anklage bemüht sich ferner, nachzuweisen, der Angeklagte hätte in Briefen an BroeckSmer diesen aufgefordert, den dem Stabe Lord Roberts zugetheilten Rechtsanwalt DouglaS Forster, dem Krause grollte, zu erschießen. Krause soll ferner Flugblätter geschrieben haben, worin er die Buren aufforderte, ihren Eid zu brechen und Verräther zu erschießen. Die Prozeßverhandlung gegen Dr. Krause ist schließlich auf eine Woche vertagt worden, um daS Eintreffen weiterer Schriftstücke abzuwarten. Wie England auf die Angaben des öffentlichen Anklägers hier einen Hochver- rath konstruiren will, ist unerfindlich.
selten unterbrach er die Erzählerin durch eine Frage.
Doch mit einem Mal wurde das liebliche Gesicht ganz blaß, den Waldweg daher kam der Förster-Onkel und da fiel Röschen ein, es mußte ja längst Mittag vorüber sein. O, wie hatte sie das nur vergeffen können! Nun fürchtete sie, Tante Therese, die nichts so sehr haßte, als Unpünktlichkeit, würde wohl sehr böse sein und schelten.
„Ja, Du Wettermädel, wo bleibst Du denn eigentlich?" hob der Alte denn auch schon von ferne an, „wir warten mit dem Effen — Suppe und Braten, alles wird falt, und die Tante brummt, so daß ich fort gelaufen bin, Dich zu holen und Du fitzest richtig noch da."
„Ich, — ich wußte gar nicht, daß — es bereits so spät ist," — stotterte Röschen, indes die Männer fich mit einander bekannt machten.
Es verging fast noch eine Viertelstunde, ehe man fich trennte. Das junge Mädchen schritt schweigend neben dem Onkel hin, den Hut in der Hand tragend.
Es that Röschen ordentlich leid, die gute Tante ernstlich erzürnt zu haben und doch war dies nicht ihre Schuld.
Onkel Franz schien indeffen sehr heiter, hin und wieder streifte ein lächelnder Blick seine stille Begleiterin, um den Mund zuckte es wie Schelmerei.
„Run kannst Du effen, was übrig ist," sagte ber Alte in scheinbar ernstem Ton, „und Tante Therese, — na, die wird Dir eine Strafpredigt halten," — — er graute fich hinter den Ohren — „und erst, wenn ich ihr sage, daß Du mit dem, — — mit einem ganz fremden Manne
Afghattistatt. Der Emir von Afganistan ist am 3. Oktober im Alter von 56 Jahren nach einer Regierung von 21 Jahren gestorben. Abdurrhaman verstand es, in seinem" Verhält- mß zwischen Rußland und England dos System „der zwei Eisen im Feuer" bis zur Virtuosuät auszubilden. Eine Konzession, die er Rußland bewilligte, hatte stets auch die Ertheilung einer anderen an England zur Folge, und wenn einer dieser Nachbarn zu viel forderte, versteckte ber Emir fich hinter den Röcken des Konkurrenten. Dennoch muß beachtet werden, daß Rußland in den letzten Jahren seine Positionen in Mittel- Asien bedeutend verstärkt hat. In Turkestan hat es zwei Armee-Korps gebildet und gleichzeitig alle Aufmerksamkeit dem Ausbau der Eisenbahnlinien zugewavdt. Nicht unbemerkt ist and) seine jüngste Demonsircuwn geblieben, als es, während England in Südafrika in bedrängter Lage war, mehrere tausend Mann in Eilmärschen nach Kuschk sandte uud so zeigte, daß es binnen kürzester Zeit mit allem Nachdruck in Afghanistan aufzutreten recht wohl im Staude sei. Der Tod des Emirs bedeutet für England im gegenwärtigen Augenblick eine neue Verlegenheit, da es in Folge seines Engagements in Südafrika nicht in der Lage ist. gegenüber dem neuen Emir von Afghanistan mit demjenigen Nachdruck aufzutreten, der nothwendig ist, um der englischen Politik in Afganistan das Gleichgewicht zu halten gegenüber den russischen Bestrebungen.
Bei den eigenartigen Verhältnissen Afghanistans find jetzt nach dem Ableben des Emirs Unruhen zu erwarten, die Rußland den erwünschten Anlaß zu einem Eingreifen geben könnten. Ein Privattelegramm der „Dt. W." meldet auch bereits, daß andere Söhne beS Emirs angeblich die Thronfolge Habib Uflah- Khars aufs Schärfste bekämpfen wollen; Rußlands Intervention werde als sicher erachtet. Bestätigt fich diese Nachricht, bann steht für England viel auf dem Spiel.
Südafrika Lord Kitchener telegraphirte unterm 7. Oktober: Die Operationen an der Grenze von Natal haben an Bedeutung verloren. Die dott stehenden britischen Heeres- theile und andere Truppen tödteten m der vorigen Woche 50 Buren, 26 wurden verwundet, 244 gefangen, 60 ergaben fich. Am 6. Oktober waren Kitcheners Truppen 15 Meilen nordöstlich von Drhheid im Kampf. Der Feind suchte nach Norden auszuweichen. In den Halazatebergen kämpft Hamilton mit den Buren. Die Generäle Methuen und Fetherstonehaugh wandten fich gegen Delareh und Kemp, bereu
im Walde saßest, paß mal auf, — bie wird Augen machen, — schickt fich übrigens auch gar nicht für ein junges Mädel."
Röschen traten die Thränen in die Augen, während der Förster nur mühsam das Lachen verbiß.
„Ach, Onkel," stammelte Röschen, völlig verschüchtert, — „ich, — ich kann »irÜich nichts dafür, — die Zeit verging so schnell, und der Mann that mir leid, er sah so traurig aus und außerdem--*
„Schon gut, schon gut, kleine Hexe," platzte der Förster heraus, "was habt Ihr denn auch so Wichtiges verhandelt, daß Du das Heim- gehen darüber vergessen hast?"
„Er sprach nicht viel, aber ich um so mehr; ich habe Dich auch tüchtig bei ihm an geschwärzt, Onkel. Herr Malljar hält Dich jetzt für das, was Du in Wirklichkeit bist, — für einen ganz großen Bösewicht, der feine arme, kleine Rofi gar nicht mehr lieb hat."
„Mädel —, Du, — Du -"
Weiter kam der Alte nicht. Rasch hatte Röschen die Arme um seinen Hals geschlungen; dabei mußte fie fich auf bie Zehenspitzen stellen, weil fie dem stattlichen Mann nicht einmal bis an die Schulter reichte.
Er hob das leichte Ding wie eine Feder empor, und küßte den kleinen Mund, dann sagte er in neckendem Ton: „'s ist auch Besuch gekommen heute."
„Besuch?" fragte Rofi verwundert, „und welcher, — Onkel?
„Wird nichts verraten, Kleine, denn Strafe muß fein."
(Kortsetzung folgt.)