Jti 235
v«.r»<cV»rNch,r ««»**•*<<»: t* » »tu
M «Im Mitti» Ml Ä (ed
3sSi eß« !**$; *w 1» Wg.
SMmmn ; ich, A» » «,
Marvrrrg
Sonntag, 6. Oktober 1901,
■»njB.u. taeiue «ugtr an ^mauert nach teonn- uno 6tuuu*tu •eeetaeStrtlaae: JlluKrirteS Seewteaeltett.
»kJ Hk BetUg: 3-h. Sag. «och, UriwrftttiMh^taufcta MardLiL. Markt 21. — tdtohon *5
36 Iahrg.
Bestellungen
für das vierte Quartal auf die
Ltertzefsische Zeit««g" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (IRffrft 21) unseren Ausgabestellen in Kirchhain und Neustadt, sowie von allen Post- «istalten und Landbriefträgern entgegen- zenommen.
Mckblicke.
Nach den Aufregungen der letzten Wochen auf dem weiten Gebiete der Weltpolitik ist eine gewiste Ruhe eingetreten. Unser Kaiser findet in den Jagden in der Rominter Forst, denen sich die von Hubertusstock anschließen werden, Erholung von den Anstrengungen der Herbstmanöver; die Franzosen zehren von der Erinnerung an die schönen Tage von Dünkirchen, Rheims und Compiegne und denken darüber nach, ob ihr Markt auch fernerhin für russische Anleihen aufnahmefähig sein wird; Herr Witte, der allgewaltige und kluge Finanzminister Rußlands ist in Nöthen, der Milliardenpump ist ja in Frankreich gelungen, aber schon droht neue Ebbe den russischen Staatskassen, sintemalen der Goldschatz während des Krieges in der Manschurei arg zusammengeschrumpft ist; in Amerika herrscht eine Art Gottesfrieden, man trauert noch um den ermordeten Präsidenten und gewährt seinem Nachfolger freundlichst Schonzeit. So würde die Umschau am Schluß der Woche kaum einen Anhaltspunkt bieten, wenn nicht neuerdings im Orient einzelne Mächte in Folge eines Jntereffentenkonflikts aneinander zu geraden drohten.
Der arabische Hafen El Kuweit oder Koweit in der Nordwestecke des Persischen Golfs lenkt seit einiger Zeit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Vor einigen Monaten waren dort zwischen dem Scheik Mubarek von Koweit und seinem alten Feinde, dem Emir Abdul Aziz von Neschd aufs neue Streitigkeiten ausgebrochen. Mubarek erlitt eine schwere Niederlage. Diese Gelegenheit glaubte man in Konstantinopel benutzen zu können, um den die Oberhoheit des Sultans zwar nominell anerkennenden, aber in voller Unabhängigkeit lebenden Scheik dem Gouverneur von Bassova zu unterstellen. Nun aber mischte sich England in die Angelegenheit ein, das schon längst ein Auge auf Koweit gerichtet hat und ohnehin nach neuen Stützpunkten im persischen Golf strebt, seitdem die Gefahr
24. ^Nachdruck verboten.!
Das Glückskind.
Erzählung von Irene von Hellmuth.
(Fortsetzung.)'
„Nun, und Euer Gebieter, der kann doch auch mit schuld sein." —
Das Gesicht des jungen Mädchens war sehr bleich, die Erinnerung an das Leid, welches Einer ihr zugefügt, kam mächtig über sie, indes der leidenschaftliche kleine Mann drüben eine so heftige Bewegung machte, daß die Reisetasche die er noch immer über der Achsel trug, zu Boden fiel.
„Mein Herr, — — sollte schuld sein, — oh — Sie wissen nicht, was Sie da sprechen. — — Er mit dem warmen, edlen Herzen, ich sagte es schon, es giebt keinen befferen."
In diesem Augenblick trat der Förster aus dem Hause, Gewehr und Jagdtasche um die schultern gehängt; er pfiff seinem Hunde, der surrend und brummend um den Fremden her- umschnüffelte.
„Na, Gott sei Dank, endlich ein Mann," athmete der letztere auf und einen giftigen Blick du Kathi hinüberwerfend, wandte er sich in den Förster: „Jetzt stehe ich da, und ver- töble meine schöne Zeit, und was ich wiffen »ollte, hab' ich bis jetzt noch nicht erfahren innen, nämlich, wo die Straße nach dem See- hlößchen geht."
Mein Weg führt dort vorbei, Herr. Wenn
näher gerückt ist, daß Rußland sich der wichtigsten Punkte auf der persischen Seite dieses Meerbusens bemächtigt.
England trat daher angeblich gestützt auf ein geheimes Abkommen mit dem Scheik Mubarek, den türkischen Absichten auf Koweit entgegen. Der Gouverneur von Baffora kehrte mit seinen Truppen um, als er erfuhr, daß zwei englische Kriegsschiffe im Hafen vor Anker lägen. Als dann am 24. August ein türkisches Kriegsschiff mit 500 Mann Soldaten vor Koweit ankam, wehrte ihm der Kommandant des englischen Kriegsschiffs „Perseus" die Einfahrt in den Hafen. Die Türkei scheint aber doch nicht zurückweichen zu wollen. Wenigstens behauptet eine Meldung des „Daily Expreß" aus Bombay, daß 30 000 Mann türkischer Truppen in Baffora zusammengezogen würden, die unter dem Oberbefehl des Marschalls Edhem Pascha nach Koweit gesandt werden sollen. Inzwischen ist auch Rußland auf dem Plane erschienen. Es liegt ja auch auf der Hand, daß Rußland, das selbst nach der Festsetzung am Persischen Meerbusen strebt, wenigstens diplomatisch alles aufbieten wird, um England an der Verstärkung seiner Stellung in diesen Gewäffern zu hindern. Ob Frankreich hierbei mit Rußland Hand in Hand geht, läßt sich ja nicht als sicher hinstellen, doch ist es sehr wahrscheinlich. Daraus würde sich dann die Entschlossenheit der Türkei leicht erklären.
Voraussetzung hierbei ist natürlich, daß Rußland seinen Rücken frei weiß, das heißt, daß das gegenwärtige gute Verhältniß zwischen Berlin und Petersburg nicht getrübt wird. Selbstverständlich legen eß die Engländer daher darauf an, dieses Verhältniß zu stören. Wie üblich, suchen sie diese Absicht durch Verdächtigungen Deutschlands zu erreichen. Sie sprengen jetzt aus, daß der Widerstand de8 Sultans auf deutsche Jntriguen bei der Pforte zurückgehe. Deutschland dränge den Sultan, Howeit durch Truppen zu besetzen, um es dann an Deutschland abzutreten.
Das Manöver ist zu plump, um zu glücken. Auch in Petersburg weiß man jetzt Wohl, daß Deutschland kein Bedürfniß nach Festsetzung im Golf von Persien hat. Wir werden dort weder Rußland noch England in den Weg treten, wir werden aber auch für keine der beiden Mächte dort eintreten, auf welchem Punkt sich auch ihre Jntereffen kreuzen mögen. Am allerwenigsten jedoch werden wir es England zu Liebe zu Reibungen mit anderen Mächten kommen laffen.
* ♦ *
es Euch recht ist, gehen wir zusammen," erwiderte der Angeredete.
„Das ist vernünftig, — ich sag's ja immer, mit den Weibern ist eben gar nichts ausgerichtet."
„Aber ohne dieselben kommen wir halt auch nicht durch, meinte der Förster, und strich liebkosend über Röschens lockigen Scheitel. Indem er ihr die Hand zum Abschied reichte, fragte er: „Kommst Du mir ein Stückchen entgegen heute Abend?"
„Ich warte auf Dich, bei meinem Lieblings Plätzchen, der alten Steinbank, Onkel." — —
Als die beiden Männer sich entfernt hatten, erging sich die etwas neugierige Kathi in Vsr- muthungen, wer wohl der neue Besitzer des spuckhaften Schlößchens sein könnte.
„Ich möchte ganz gewiß nicht drinnen wohnen, mir gruselt schon, wenn ich da vorbei gehe, puh" — sagte sie, sich schüttelnd.
„Dummes, abergläubisches Ding Du," schalt die Försterin, während die drei in das Haus traten.
Kaum eine Stunde später befand sich Röschen, ein Buch in der Hand tragend, auf dem Wege nach dem moosbewachsenen Ruheort. Sie ging langsam dahin auf dem weichen Waldboden, die Sonne stand hoch am blauen Himmel, und ehe sie sich zum Untergang neigte, pflegte Onkel Franz nicht zurückzukehren.
DaS junge Mädchen dachte daran, daß die süßtraumhafte Stille, die hier immer herrschte, nun wohl bald einem geräuschvollen Leben und Treiben weichen mußte, und das that ihr von Herzen leid.
Umschau.
Die Plenarversammlung des deutschen Handelstages.
Als am 2. September d. I. der Ausschuß des deutschen Handelstages — anwesend waren 33 Mitglieder — einstimmig sich gegen eine Erhöhung der Getreidezölle erklärt Hrtte, da herrschte bekanntlich eitel Freude in der freihändlerischen Presse. Dieser Beschluß sollte allen Kombinationen, welche an die in der Plenarversammlung des Handelstages vom 8. Januar zu Tage getretenen Meinungsverschiedenheiten geknüpft worden waren, ein jähes Ende bereitet und die sichere Aussicht eröffnet haben, daß die vom Ausschuß bekundete Einmüthigkeit auch in der auf den 30. September einberufenen Plenarversammlung des Handelstages glänzend in die Erscheinung treten werde.
Wir erlaubten uns damals, diese freihändlerische Freude verfrüht zu nennen, indem wir es als wahrscheinlich bezeichneten, daß jene zahlreichen Mitglieder des Handelstages, die nicht sowohl an dem Exporthandel in erster Linie interesfirt find, sondern ihre Rechnungen am besten bei möglichst reger Handelsthätigkeit auf dem inneren Markt finden, sich nach wie vor weigern würden, gegen die berechtigten Forderungen der Landwirthe, ihrer besten Abnehmer, rücksichtslos Stellung zu nehmen und den internationalen Großhandel und Großkapital dabei die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
Nun hat jene Plenarversammlung deS Handelstages stattgefunden und ihr Verlauf hat unsere Voraussage durchaus bestätigt. Fand am 8 Januar die gegen eine Erhöhunn der Getreidezölle beantragte Resolution nur eine Mehrheit von 4 Stimmen, so ist am 30. September der dieselbe Tendenz verfolgende Antrag des Getreidegroßhändler Commerzienrath von Pfisten-München nur mit 151 gegen 146 Stimmen, also trotz einer energischen Einpatscherei nur mit der kleinen Mehrheit von 5 Stimmen angenommen worden.
Die Hauptschreier der freihändlerischen Richtung haben es sehr wohl gefühlt, daß diese Abstimmung für Sie eine schwere Niederlage bedeutet Sie haben deshalb unter Führung von Sartoria-Kiel versucht durch eine geschäftsordnungswidrige Ueberrumpelung nachträglich noch eine Abstimmung über jenen am 2. Sept, vom Ausschuß gefaßten Beschluß zu bewirken. Es ist ihnen zwar auch gelungen aber eine beträchtliche Anzahl der anwesenden Mitglieder hat gegen eine solche Vergewaltigung offen Protest erhoben und vor der Abstimmung den Saal verlaffen. Die von den Freihändlern
Wie oft hatte sie hier ungestört oeseffen, lesend, oder mit einer Handarbeit beschäftigt, oder auf den Onkel wartend, die Hände müßig im Schoß gefaltet; dann stellte sie sich im Geiste das Bild der schönen Adeline vor, die drüben im Schlößchen neben ihrem alten, eifersüchtigen Gemahl ein unglückliches Leben geführt hatte, krank vor Sehnsucht nach den Zerstreuungen der Welt, die ihr verschlossen waren, und die sie doch so sehr geliebt haben sollte.
Vor der lebhaften Phantasie der stillen Träumerin erschien ein verzweifelndes Weib, das sich in die hochaufspritzende Flut stürzte, das Kind im Arme, — und darnach ein Mann' der wie gehetzt den breiten Waldweg dahinfioh, alles zurücklaflend, was das Schlößchen enthielt.
Zu gern hätte Röschen einen Blick hineingeworfen in das stille Haus am See, in das seit Mtnschengedenken niemand den Fuß gesetzt. Wie es wohl da auch ausschauen mochte?
lieber die wankende Holzbrücke kam eben ein Mann; es war der weiberfeindliche Fremde, der sich vor einigen Stunden nach dem Weg erkundigt hatte. Kurz entschlossen trat das ;unge Mädchen ihm entgegen, und die blauen Augen bittend zu ihm aufschlagend, sagte es mit einschmeichelnder Stimme: „Würden Sie mir vielleicht gestatten, verehrter Herr, daß ich mich drüben ein wenig umsehe? Ich hegte schon längst diesen Wunsch, und ich hoffe, Sie schlagen mir die bescheidene Bitte nicht ab."
Allein so rasch, als Rofi geglaubt, ging das nicht; der Mann legte die Stirn in finstere
beabsichtigte Wirkung ist also völlig vereitelt, ihr Manöver hat vielmehr nur dazu gedient, ihr eigenes Bewußtsein von einer erlittenen moralischen Niederlage aller Welt erkennbar zu machen.
Angesichts dieser Vorgänge auf dem deutschen Handelstage wird man sich nunmehr auch an maßgebender Stelle nicht länger der Ueber- zeugung verschließen können, daß die Forderung nach erhöhtem Zollschutz für die agrarischen Produkte keineswegs eingegeben ist, wie die Gegner behaupten, vom einseitigsten Klaffen- intereffe der Junker und Bauern, sondern daß weite Kreise des Allgemeinwohls dieselbe als berechtigt anerkennen.
Auf gegnerischer Seite sucht man sich über die erlittene Niederlage damit zu trösten, daß diejenigen Mitglieder des Handelstages, welche den Antrag Pfister abqelehnt haben, dennoch sich gegen den Mindesttarif für Getreide erklärten. Jndeffen das ist bei weiterer Prüfung ein magerer Trost, denn man kann eS sehr wohl v.estehen, daß auf Seiten der Vertreter der Industrie in der Aufstellung eines Mmdest- tarifs allein für Getreide eine Benachtheiligun g ihrer Jntereffen erblickt wird. Sie verlangen eben, und das mit Recht, daß auch für ihre Produkte Mindestsätze festgelegt, mit einem Worte ein lückenloser Doppeltarif aufgestellt werde. In diesem ihrem Verlangen liegt aber nicht der geringste Gegensatz gegen die Agrarier, denn diese haben stets selbst einen solchen Doppeltarif gefordert und werden zweifellos im Reichstage bereit sein, die Industriellen in dieser Richtung kräftig zu unterstützen, wenn diese ihrerseits für Mindestagrarzölle in der erforderlichen Höhe eintreten werden. a.
* Die Vertheidigung im Gumbinner Militärprozeß
beschäftsgt die Oeffentlichkeit mit einer „forensischen" Ueberraschung. Wie die „Tägl. Rdsch." mittheilt, hat ein „Verwandlungskünstler" in Hadersleben angekündigt, Personen aus- dem Gumbinner Prozesse vorzuführen und dabei auch den Dertheidiger, Rechtsanwalt Horn, darzustellen. Auf Wunsch deS VerwandlungSkünstlerß hat Herr Horn ihm fein photographisches Porträt zu diesem Zwecke zur Verfügung gestellt und dazu folgendes geschrieben:
„Anbei die gewünschte Photographie. Haar dunkelblond. Senden Sie mir, bitte, einige Zeitungsausschnitte über ihr Auftreten in dieser RoUe. Zch würde Ihnen dafür sehr dankbar sein." f
Auf privates Anrathen hat der Verwandlungskünstler von seiner Vorführung auSH dem Gumbinner Prozeß korrekterweise Abstand ge- nommen. Herr Horn ist also um dem.Genuß"
Falten und entgegnete in seiner mürrischen Art: „Ich habe hier nichts zu erlauben und nichts zu verbieten, warten Sie, bis «ein Herr kommt, dann wenden Sie sich an ihn."
Er wollte rasch weitergehen, doch Röschen vertrat ihm den Weg: „Ach bis dahin' wird alles verändert sein, die Kunst der Dekorateure und Maler wird das Schlößchen neu einrichten; dann hat die ganze Sache ein anderes, modernes Aussehen und ist für mich nicht mehr interessant und außerdem, wenn Ihr Herr so bärbeißig ist, wie Sie, mag ich ihn darum nicht bitten."
Mein Herr gedenkt alles soweit als möglich zu laffen wie es ist," fiel der Angeredete um vieles milbet ein. Es mußte etwas in ben noch bittenb auf ihn gerichteten Augen liegen, was ihn zum Nachgeben zwang; beim plötzlich sagte er ganz freundlich: So kommen Sie, ich will sie führen."
Er ging voraus; bei bet Brücke machte er Halt: „Vorsichtig, Fräulein," mahnte er; dieses alte wackelnde Holzgestell ist das erste, was fällt und einem neuen eisernen Platz macht."
„Bis wann trifft denn der Besitzer hier ein?" fragte Röschen.
„Sobald aller einigermaßen in Ordnung sein wird, etwa an Pfingsten."
Röschen und der Verwalter traten durch ein schweres eisernes Thor, das sich kreischend in den Angeln drehte, in eine Art Vorhof, wo dichtes Gestrüpp wucherte, und von da in ben schön gewölbten, mit Steinfließen belegten Flur,