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Smmabend 5. Ottober 1901. “ "

36 Zahrg.

; Bestellungen

für das vierte Quartal

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„Lbrrhessifche 3eit««g" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch­hain und Neustadt, sowie von allen Post- onll alten und Landbriesträgern entgegen« -genommen.

Die Kriegslage in Südafrika.

Daß die Buren bei dem vergeblichen An­griffe auf Fort Jtala eine Schlappe erlitten haben, wird man jetzt trotz einiger optimistischer Meldungen annehmen müssen. Mehr als frag­lich ist es freilich, ob die phantastischen Ziffern, die englische Berichte über die Verluste der Buren angaben, zutreffend find. Die Buren haben selbst in den großen Kämpfen im ersten Halbjahre des Krieges nicht so große Verluste gehabt, und sie haben seither sicherlich nichts von der Vorsicht und Behutsamkeit, durch die sie sich ungeachtet aller Tapferkeit auszeichnen, eingebüßt. Auch die moralische Wirkung der Schlappe dars man nicht überschätzen. Man darf vielleicht annehmen, daß die Buren den kecken Versuch überhaupt nur gemacht haben, um vor aller Welt zu beweisen, daß sie sich durch alle Proklamationen des britischen Ober­kommandos nicht ins Bockshorn jagen lassen. Nachdem sie diesen Beweis geführt Haden, dürften sie wieder zu ihrer alten Taktik zurück- kehren und nur im freien Felde befindliche englische Abtheilungen angreifen, wie sie dies ja im vergangenen Monat wiederholt mit so großem Erfolge gethan haben.

Das sicherste Zeichen aber dafür, daß es trotz der Schlappe um die Burensache nicht schlimm stehen kann, ist die Meldung der dem englischen Hofe nahestehenden „St. James Gazette", daß beträchtliche Verstärkungen nach Süafrika geschickt und mehrere Miliz­regimenter wieder neu gebildet werden sollten; auch solle eine Anzahl von Truppen, welche in Indien stehen, nach Südafrika gesandt werden. Nähme man eine Demoralisirung der Buren durch die Niederlage bei Fort Jtala an, so könnte man sich ja gewiß mit der gegenwärtig bereits in Südafrika befindlichen, höchst statt­lichen englischen Truppenmacht begnügen. Da man aber neue beträchtliche Truppenmengen

23 (Nachdruck verboten.)

Das Glückskind.

Erzählung von Irene von Hellmuth.

(Fortsetzung.)

„Ich gäbe was darum, wenn ich einmal in dem alten Hause nach Herzenslust herumstreisen könnte," begann Waldemar, der bisherschweigend dageseffen hatte. „Wenn sich die Sache wirklich so verhält, wie Du sagst, Onkel, so müßte ja da drinnen alles noch liegen und stehen, wie die schöne Adeline es verlaffen hat!"

„So ist es auch, falls nicht diebische Dienst­botenhände sich die Sachen angeeignet und gründlich ausgeräumt haben."

Der Abend war inzwischen angebrochen, eine milde, weiche Lust wehte durch den Wald. Am blauen Himmel zog Stern um Stern auf.

Leise, leise kam ein sanfter Wind geflogen und strich kosend durch die Blätter; spielend schlugen leichte Wellchen an das Ufer des kleinen Sees drüben, so daß die ungezählten Seerosen, die ihre zarten Blüthenköpfchen auf der Oberfläche des Waffers wiegten , in leise schaukelnde Bewegung geriethen. Hier und da klang noch vereinzelt das Lied eines Vögelchens, sonst herrschte tiefe, traumhafte Stille.

VII.

Schon mehr als ein Jahr weilte Rvsi in dem traulichen Forsthause. Zum zweiten Mal zog jetzt der Frühling ins Land.

Immer fester, immer fester schloffen sich die alten Förstersleute an ihr „liebes Kind" an, das des Hauses Sonnenschein geworden war.

„Ich kann mir gar nicht denken," sagte der Förster öfters zu seiner Frau, „wie wir »or-

nach Süda'rika bringen will, so fürchtet man doch offenbar, daß sich der Krieg noch sehr in die Länge ziehen wird.

Die Frage ist nun, ob es möglich sein wird, neue Truppenmaffen aufzubringen. Wenn die „St. James Gaz." von neuen Milizregimentern spricht, so sei daran erinnert, daß die bisher im südafrikanischen Kriege thätig gewesenen Miliztruppen derart ungünstige Erfahrungen hinsichtlich der Besoldung und Ernährung ge­macht haben, daß man es neuen Milizen nicht verdenken kann, wenn sie keine Lust haben, sich anwerben zu laffen. Tatsächlich gehen denn auch die wieder seit geraumer Zeit angestellten Werbungsversuche ganz elend von statten, ob­wohl erfahrungsmäßig der herannahende Winter das Heer der Arbeitslosen vermehrt. Die Leute aber wollen eben noch immer lieber in England hungern, als in Südafrika ihren Magen blos mit blauen Bohnen beköstigen laffen.

Etwas verdächtig klingt die Meldung der „St. James Gaz." bezüglich der Entsendung indischer Truppen. Das Blatt spricht von „in Indien stehenden" Truppen. Sind damit europäische Soldaten ob er Eingeborenenregimenter gemeint? Die Zahl der europäischen indischen Truppen ist bereits durch die Vorgänge der letzten Jahre um ein Fünftel vermindert und die anglo-indische Regierung wird kaum eine weitere Verminderung eintreten laffen wollen. Es werden wohl also eingeborene indische Soldaten nach Südastika gehen. Wenn nun ein deutsches Blatt mit Rücksicht auf die notorische Grausamkeit dieser Truppen Vor­würfe gegen die indische Regierung wegen deren Verwendung erhebt, so können wir dem nicht beistimmen. Die englischen Soldaten, die ver­wundete Buren mit ihren Lanzen „abstacher.", und die Nylstroom, Petersburg und andere Städte, die sich ohne Widerstand ergeben hatten, aus purer Zerstörungswuth total niederbrannten und zum Theil mit Dynamit in die Luft sprengten, können von ihren braunhäutigen Kameraden beim besten Willen nicht übertroffen werden. Braucht sich die englische Regierung nicht durch Humanitätsrücksichten von der Ver­wendung indischer Truppen abschrecken zu laffen, so sollte sie ein realpolitisches Bedenken hegen. Leisten die indischen Truppen in Südafrika nichts, so könnte man sich ihre Ueberfahrt er­sparen; erzielen sie aber Erfolge, fo wird das Selbstbewußtsein der eingeborenen indischen Be­völkerung in einer Weise gesteigert, die im ge­gebenen Falle für die Sicherheit der englischen Herrschaft in Indien gefährlich werden kann.

her ohne unser Mädel gelebt haben, und was wir thäten, wenn sie wieder fortginge."

Frau Therese nickte lächelnd: „O, die denkt gar nicht daran, täglich wiederholt sie, daß es ihr niemals einfallen würde, nach der Stadt zurück- zukehren, oder uns zu verlaffen."

»Ja, ja, so lange bis einmal der Rechte kommt, und uns das Mädel entführt."

„O, und wo sollte der wohl Herkommen?" „Das weiß ich vorläufig selbst nicht." „Na also, darüber mache Dir keine Sorgen." Der Alte trat an das Fenster, und be­obachtete Röschen, die eben die Hühner fütterte. Das Mädchen bot in dem Hellen leichten Sommerkleide einen herzerfreuenden Anblick. Von allen Seiten kam das gackernde Hühner­volk gelaufen, und pickte eifrig die Körner auf.

In diesem Augenblick trat Kathi, die Magd, aus dem Hause, und rief, lachend nach der Straße deutend! „Ja was kommt denn da für einer daher, der ist auch nicht auS unserer Gegend!" —

Röschen schaute nach der angegebenen Richtung und erblickte einen Mann, der auf das Forsthaus zuschritt. Er mochte etwa vierzig Jahre alt sein, das Geficht war dunkel gebräunt, auf dem gelblichen Haar saß ein großmächtiger Filzhut mit breitem Rand. Die Kleidung war nicht eben elegant, doch modisch, über der Achsel hing an einem Stock eine an­scheinend schwere Reisetasche.

„Sie entschuldigen," begann der Fremde, näherkommend, „hier herum muß doch ein Schlößchen liegen, ist's noch weit bis dahin? Ich bin in der Irre gelaufen, sollte schon längst dort sein."

Aber gleichviel, ob es der englischen Re­gierung nochmals gelingt, größere Truppen­maffen nach Südafrika zu bringen, der ent­scheidende Punkt liegt ganz wo anders: bei der Disziplin. Nicht die Maffe einer Truppe verschafft den Sieg, sondern die Manneszucht. Und da muß man mit dem Kapuziner in „Wallensteins Lager" ausrufen: „Kommt doch das Aergerniß von oben." Für das militärische Empfinden der englischen Offiziere ist es be­zeichnend, was ein englischer Oberst zu dem Mitarbeiter der „Welt-Korrespondenz" im Juli d. I. über das Auskneisen des Generals Pole- Carew sagte: „eS sei Alles versucht worden, diesen tüchtigen Führer in Südafrika zu halten, aber der General habe ein jährliches Einkommen von 10 000 Pfund und so sei es erklärlich, daß er fortgegangen sei." In demselben Berichte wurde gemeldet, daß die Hotels von Zeit zu Zeit nach Offizieren abgesucht werden mußten, die ihre Truppentheile verließen, um sich in den Städten ein bischen zu amüfiren. Wenn es mit der Disziplin der Offiziere so bestellt ist, wo soll dann der Respekt bei den Mann­schaften Herkommen?

Deutsches Reich

Berlin, 4. Oktbr

— Der Bundesrath überwies in feiner Sitzung am Donnerstag dem zuständigen Ausschuh den Antrag Baierns wegen Einführung des Gym­nasialreifezeugnisses als Vorbedingung des thierärztlichen Studiums.

— Im bayerischenLaudtaHwurdeüberdie Interpellation des Zentrums über die Stellung der bayerischen Staatsregierung zum Zolltarif verhandelt. Ministerpi äsident Graf Crailsheim führte dabei an, die bayerische Regierung fei stets bestrebt, der Landwirthschaft in ihrer schwieri­gen Lage zu helfen; dazu gehöre auch die Gewährung verstärkten Zollschuhes. Die Erhöhung der landwirth- schaftlichen Zölle finde jedoch ihre Grenze in der Rücksichtnahme auf die Gesammtheit der Konsumenten, sowie aus die Möglichkeit des Abschlusses langfristiger Handelsverträge. Der neue Zolltarif Entwurf sehe einen namhaft erhöhten Zollschutz für land- wirthfchaftliche Erzeugnisse vor. Für solchenZoll- s ch u tz werde die bayerische Regierung eintreten. Der Minister legt sodann die Gründe dar, welche gegen die Forderung eines gleichen Zollsatzes für alle Ge­treidearten sprechen. Redner betont, daß eine allzu grohe Erhöhung des Hopfenzolles eine gewisse Gefahr für den bayerischen Hopfenexport mit sich bringe, und warnt im Interesse der Bierbrauindustrie, speziell auch der kleinen Bierbrauer, vor einer übermäßigen Er. Höhung des Gerstenzolles. Finanzminister Frhr. von Riedel äußert sich in gleichem Sinne. In der Be- sprechung der Interpellation fordern alle Redner des Zentrums und des Bauernbundes höhere Hopfen- und Gerstenzölle.

„Sie meinen doch nicht etwa das „Erlen- grünber Seeschlößchen?" fiel die Magd ver­wundert ein.

„In, baSselbe."

„Um aller Heiligen willen, was wollen Sie denn dort machen?"

Der Fremde kraute fich hinter dem Ohr. „Ja, das Schlößchen wird in Zukunft wieder bewohnt sein, es find schon Arbeiter bestellt, die eS wieder in Stand setzen sollen und ich muß die Aufficht über dieselben führen."

In mürrischem unfreundlichem Ton wurde diese Auskunft ertheilt, während Kathi in namenloser Verwunderung die Hände zusammen­schlug :

„Sie, — Sie flunkern wohl; das glaube wer mag," sagte fie endlich.

„Ich flunkere nie, am allerwenigsten mit einem Frauenzimmer," klang es erbost.

„So, Sie mögen die Frauenzimmer Wohl nicht leiden? rief Kathi dagegen.

„Rein, — das sag' ich offen einem jeden ins Geficht. — ich weiß nicht, wozu so viele herumlaufen auf Gottes weiter Welt; überall, wohin man nur den Fuß fetzt, muß man gleich auf ein Frauenzimmer stoßen, die taugen mit­einander nicht viel, ich mach' immer drei Kreuze, wenn mir eins begegnet." —

„Da schau mir einer den Grobian an. — Na, hören Sie, so etwas giebt's Gott fei Dank nicht oft. Was haben Ihnen denn die Frauen­zimmer gethan, daß Sie so erbost find, — eS hat Sie wohl noch keine haben wollen!" —

„Kathi, Du Naseweis," mahnte die Försterin, die eben au§ dem Hause trat, und die letzten Worte gehört hatte, indes der Fremde, ehrlich

— Bei den Verhandlungen des Gustav Adolf. Vereins in Köln wurde bekannt gegeben, haß 142880 Mark an Liebesgaben eingegangen seien, wovon laut Bestimmung der Geber ein großer Theil für die Los von Rom-Bewegung in Oesterreich be­stimmt ist. Die Geistlichkeit der Rheinprovinz hat 2550 Mk. gespendet, die Lehrer 2900 Mk., die Synode Köln 4600 Mk., die evangelische Gemeinde in Köln 44000 Mk., die evangelischen Bewohner der Rhein» Provinz 88830 Mk. In der öffentlichen Versammlung am Donnerstag hielt Pastor Meyer einen Vortrag über die evangelische Diaspora in Belgien. Pastor Bourrier-Paris machte Mittheilungen über die evan­gelische Bewegung in Frankreich, wo 500 Geistliche aus der katholischen Kirche ausgetreten seien. Die große Liebesgabe, für welche Barcelona Bentschen (Posen) und Erle (Westfalen) vorgeschlagen waren, wurde in namentlicher Abstimmung der Gemeinde in Bentschen zuerkannt. Als Ort der nächsten Versamm­lung wurde Cassel gewählt.

Zum Zolltarif-Entwurf.

Im Haudelsvertragsverei« hat der Abgeordnete von Siemens den Vorsitz niedergel-gt, angeblich wegen jKrcmkheii"; an seine Stelle wurde der Geh. Kommer- zienrath Hertz gewählt. Sollte die Art und Weise, wie der Kommerzienrathsverein agitiert, Herrn v. Siemens nicht passen?

Die Hauptversammlnug des Vereins »entscher Eise«' ««V Stahlindnftrieller, die am Donnerstag in Berlin stattfand, beschloß einstimmig, sich hinsicht­lich des Entwurfs eines Zolltnrifgefetzes der am 1. Oktober d. Js. gefaßten Resolution des Central­verbandes deutscher Industrieller anzuschließen, die dahin geht, daß 1. nach wie vor die Nothwendigkeit des Abschlusses langfristiger Handelsverträge betont wirb; 2. nach wie vor das Einverständniß des Der- eins ausgedrückt wird mit einer Erhöhung der Getreidezölle, und insbesondere damit, daß unter die im Absatz 2 des 8 1 des Zolltarifgesetz- entwurss genannten Sätze nicht heruntergegangen werde; daß 3. der Verein den Standpunkt einnimmt, daß ein Minimalsatz für die im 8 1 des Gesetzentwurfs benannten Getrerdearten im Gesetz überhaupt nicht festgestellt werden darf und Absatz 2 des 8 1 dem­gemäß zu streichen ist, und daß 4. wenn Absatz 2 des 8 1 des Gesetzentwurfs durch die gesetzgebenden Körperschaften zur Annahme gelangen sollte, der Verein sich vorbehält, mit entsprechenden Anträgen an die Reichsregierung heranzutreten.

Ausland

England. Englands Kriegsschiffe scheinen znrn Theil merkwürdiger Art zu sein. Das Verdikt des Leichenschaugerichts hinsichtlich der bei dem Untergang der „Cobra" ums Leben ge­kommenen Mannschaften besagt, die Mann­schaften seien ertrunken, weil die „Cobra" aus unbekannter Ursache entzweibrach,' Der Gerichtshof wies darauf hin, daß nach feiner Ansicht die „Cobra" zu leicht gebaut ge­wesen sei und sprach die Hoffnung aus, daß die Regierung stärkereTorpedobootsjäger bauen werde.

erschrocken, einen Schritt zurückwich, und in komischem Entsetzen die Hand gegen den Himmel reckte: „Gott steh' mir bei, nun noch eine Weibs­person! — Ha, wie viele Frauenzimmer sind denn eigentlich noch ba drinnen?"

Kathi stemmte die runden Arme kampflustig in die Hüsten, indem fie fich an ihre Herrin wandte, lachte fie höhnisch: „Da ist einer, der die Weiber nicht leiden kann, weil ihn noch keine gemocht hat."

„Ha, ha — ha, — gemocht hat —, ich sage Ihnen, zehn an jedem Finger hält' ich haben können, — und noch mchr, — aber wer nicht wollte, war ich, — — ich." — —

Das Gesicht des erzürnten Mannes hatte eine dunkelrothe Färbung angenommen, die Stimme klang trotzig und feindselig.

Aber plötzlich änderte sich sein Ton, fast wehmüthig begann er von neuem: „Ich hab'» mit erlebt und durchgemacht, wie eine Eures Geschlechts meinen guten, sanften Herrn, den besten der Menschen, fast zu Grunde richtete durch ihre Falschheit und Untreue, wie fie ihn hinaustrieb, fort von der Heimath, vom Aater- lande, wie er lange Jahre krankte an der Herzenswunde, die nimmer heilen wollte, und darum Haffe ich fie alle, — alle, — wie er, mein Gebieter fie haßt." —

„Ihr habt kein Recht, wegen einer Einzigen das ganze Geschlecht zu verachten," — mischte fich Röschen, die bisher belustigt dem Beinen Streit gefolgt war, sehr ernst in das Gespräch.

Ueberrascht wandte der Fremde Mn gebräun­tes Gesicht der Sprecherin zu: „Daö, was jene Eine gethan, ist wohl hinreichend, und Gründ genug, alle Andern zu Haffen." — (Forts, f.)