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Marburq
Mittwoch 2. Oktober 1901.
Sirsümm ta-Itch «utzer au Werktagen nach Sonn- unö Feierkegcu.
•exsteesitilage: JllaftrirteS ®e*ntag6Wett.
Br-S M» Bttke: J«h. «ig. Koch, UniverfitätS-Buchdruck.re Marburg, Mord 31. — Televbon 55.
Zahl». 36.
Bestellungen
für das vierte Quartal auf die
„Oberhessische Zeituag" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirchhain und Neustadt, sowie von allen Post anstalten und Landbriesträgern entgegengenommen.
Nachklänge des Zarenbesuchs.
Man schreibt uns:
Wir haben vor Jahren im theätre des Varietes zu Paris ein kleines Stück gesehen, in dem die stanzöfische Neigung, für jedes Miß' geschick einen Sündenbock zu suchen, verspottet wurde. Bei jedem großen oder kleinen Unheil, das pasfirte, hieß es „c’est la kaute au ministere" (daran ist das Ministerium schuld.)
Cest la kaute au ministere tönt es jetzt wieder an allen Ecken und Enden in Frankreich wegen jeder Enttäuschung, die der Zarenbesuch gebracht hat. Wenn der Zar nicht nach Paris kam, wenn Persönlichkeiten, die sich aus einen hohen Orden gespitzt hatten, nur eine geringere Dekoration oder gar keine bekamen, wenn das Schiff, das die kostbaren Persönlichkeiten der Deputirten bei der Dünkirchner Entrevue trug, sich als alter Kasten herauöstellte, der seine Jn- saffen mit allen Schrecken der Seekrankheit vertraut machte, wenn Dsroul^de nicht begnadigt, wenn Boisdreffre nicht wieder angestellt wurde, wenn der sozialistische Maire von Reims sich in der Unterhaltung mit dem Zaren einer rüden Sprache bediente, — immer wieder schallt es: c’est la kaute au ministäre. Und da sich so ziemlich ein Jeder über irgend etwas geärgert hat, so wird das Ministerium bei dem bald erfolgenden Wiederzusammentritt der Kammer keinen leichten Stand haben.
Was wollen aber all' diese kleinen Enttäuschungen sagen gegenüber der großen allgemeinen Enttäuschung: daß nämlich die stille Hoffnung, mit der ganz Frankreich das Bündniß vor Jahren begrüßt hat, durch den Kaiserbesuch ihrer Erfüllung eher ferner als näher gerückt ist; denn das Verhalten des Zaren bei seinem Besuche in Frankreich, seine Trinksprüche, sein kurz vorher stattgehabter Besuch in Danzig mit dem mannigfachen Austausch von Liebens-
20. INachdruck verboten !
Das Glückskind.
Erzählung von Irene von Hellmuth.
(Fortsetzung.)
Dor den Schlitten war ein anscheinend sehr widerspenstiges Pferd gespannt, denn von Zeit zu Zeit blieb es stehen und war weder durch Hiebe noch durch Zureden zum Weitergehen zu bewegen.
Das Gefährt wurde von einem älteren Herrn in grüner Waidmannsjoppe gelenkt, Haar und Bart waren leicht ergraut, aber aus den Augen leuchtete es fast jugendlich, und aus den Zurufen, die er gelegentlich an das eigensinnige Pferd richtete, konnte man schließen, daß der Mann sehr viel Geduld besaß.
„Na, nun noch ein Stückchen, alter Hans, dann find wir da," klang es ermunternd in gutmütigem Ton. Er ließ die Peitsche spielend auf dem glänzenden Rücken des Tieres tanzen: „Geh' doch, mein Brauner, geh' doch, wir kommen sonst nicht vorwärts! rief er wiederum, doch der Braune stand wie angewachsen und rührte fich nicht vom Fecke. ,
„Na, das kann gut werden heute. Wenns so weiter geht, versäume ich noch die Ankunft des Zuges", brummte der Insassen des Schlittens.
Zwei Bauern, die eilig die Straße entlang schritten, zogen freundlich grüßend die Hüte.
„Ach, Sie find's, Herr Förster, ja, wo wollen Sie denn heute noch hin?" fragte der eine.
„Zur Station will ich; das ForsthauS bekommt längeren Besuch, und nun spielt mir der Malefiz - Gaul den Streich und will mcht weiter."
Würdigkeiten zwischen den beiden Kaisern — all' dies hat dargethan, daß Kaiser Nikolaus gar nicht daran denkt, die traditionelle Freundschaft mit Deutschland um des Zweibundes willen aus's Spiel zu setzen. Nun würde dies auch nicht um ein Haar anders fein, wenn statt des Herrn Waldeck Rouffeau der intrigante Herr Meline an der Spitze des Ministeriums stände, aber die franzöftschen Nationalisten wissen es bester. Dem Zaren ist das radikalsozialistische Ministerium ein Gräuel, dadurch sind seine Sympathien für Frankreich abgeschwächt, deßhalb also muß zunächst einmal das Ministerium gestürzt werden, wenn man Aussicht auf ein bischen Revanche haben will.
Es hat auch in Deutschland eine Zeit gegeben — und sie liegt nicht allzu fern zurück, wo auch in Deutschland die auswärtigen Beziehungen vom Standpunkte der Partei aus betrachtet wurden. Es sei nur daran erinnert, daß der Liberalismus wie hypnotisirt auf England hinblickte, das als Vorbild parlamentarisch liberalen Regiments galt. Man ist in Deutschland mehr und mehr davon zurückgekommen, die auswärtigen Staaten und die Beziehungen zu ihnen „von Parteiwegen" zu betrachten, und wir stehen nicht an, darin einen großen Fortschritt zu erblicken, einmal weil in der Zurückweisung des Gedankens der Beeinflustung der inneren Politik des eigenen Staats durch die Beziehungen zu einem auswärtigen Staate ein erfreulicher Beweis erstarkten Selbstgefühls liegt, zweitens weil es für eine starke eigene auswärtige Politik von größtem Vortheile ist, wenn das Volk einem fremden Staate nicht nach Parteien gesondert gegenüber steht, sondern sich nur von der Erwägung leiten läßt, welchen Nutzen gute Beziehungen zu diesem Staate der eigenen auswärtigen Politik bringen können.
Wäre die Verquickung der innerpolitischen Strömungen mit den auswärtigen Beziehungen für Deutschland ein Nachtheil, so ist sie für Frankreich geradezu eine Gefahr. Schon wenn das Ministerium Waldeck-Rouffeau wegen der franko-rus fischen Beziehungen über die Klinge springen müßte, wäre diese Störung der leidlichen Stabilität, deren fich die innere französische Politik seit zwei Jahren erfreut, bedauerlich. Indessen, ob Waldeck oder Möline oder sonst einer, das ist noch nicht das Entscheidende. Wer aber könnte dafür garantiren, daß die Sucht Rußland um jeden Preis zu gefallen, sobald man ihm einmal Einfluß auf die Gestaltung der inneren Politik einräumt, nicht schließlich auch die Staatsform d. h. die Repblik gefährdet? Schon krebsen die
Die Beiden nahmen das Pferd am Zügel und führten es eine Strecke weit, dabei mit dem Förster plaudernd.
„Wie kommt es denn, daß Sie jetzt, mitten im Winter, Besuch kriegen, Herr Förster?"
„Im Sommer da ist's wohl schön bei uns, aber um diese Zeit, mein ich, wär's in der Stadt schöner", fiel der andere ein.,A<
„Es ist ein krankes Mädel", erwiderte der Förster, dem nichts noth thut, als Ruhe und frische, gute Lust, wie mir mein Neffe schreibt. Na, beides ist ja hier in reichlichem Maße zu haben", fügte er lachend bei.
Der Zug brauste eben heran, als der Förster vom Schlitten sprang und die durch das lange Sitzen steif gewordene» Glieder dehnte.
Nur ein einziger Fahrgast stieg an der kleinen Station aus und blickte suchend umher.
Der Förster schwenkte grüßend den grünen, mit einer Auerhahnfeder geschmückten Hut und kam schnell herzugelaufen.
„Grüß Gott zum Willkommen!" rief er heiter der Angekommenen entgegen, „Sie find doch wohl Fräulein Mahler, die ich erwarte?"
Kopfnickend bejahte das Mädchen und legte müde die behandschuhte Rechte in die dargebotene Hand des Försters, indem es leise sagte: „Guten Abend, Herr Bernsdorfer, habe ich Ihnen Ungelegenheit bereitet durch mein Kommen?"
„Ach was," lachte der freundlich blickende Alte, „gefreut haben wir uns wie die Kinder, ich und meine Theres. Ich sage Ihnen, die wußte gar nicht, was sie alles kochen sollte, unserm lieben Gast zu Ehren, na ich darf nichts verrathen, es ist mir bei Strafe verboten worden, aber Sie werden fchauen."
Bonapartisten mit der angeblichen Vorliebe des Zaren für den in rusfischen Diensten befindlichen Prinzen Ludwig Napoleon. Wenn man dem französischen Volke die Empfindung beibringen kann, daß der Zar für die Revanche zu haben sein wird, wenn er nicht mehr einem schlichtbürgerlichen früheren Gerber oder Advokaten die Hand zu drücken braucht, sondern einen leibhaftigen König oder gar Kaiser der Franzosen als „eher cousin et frere“ anreden kann, wer weiß, ob dann nicht der ohnehin nicht sonderlich feste Republikanismus in seinen Grundvesten erschüttert werden mag. Jedenfalls übernehmen Diejenigen, die das gegenwärtige Ministerium um der Allianz willen stürzen möchten, die schwere Verantwortung des „ersten Schrittes". a.
Umschau.
Die Erkrankung des Grafen Waldersee.
Der Nachricht, daß der aus China wohlbehalten in die Heimath zurückgekehrte Feld- marschall Graf Waldersee neuerdings von einem schmerzhaften Seinleiben betroffen worden ist, muß leider eine ernstere Bedeutung beigemeffen werden, als bisher allgemein angenommen wurde. Es scheint, daß der Feldmarschall jetzt mit einer üblen Nachwirkung seines überseeischen Aufenthaltes zu kämpfen hat, der auch sein Allgemeinbefinden ungünstig beeinflußt. Graf Waldersee blieb den Manövern fern, weil fein Beinleiden thatsächlich sehr schmerzhaft ist. Um mit Telegrammen und Anfragen nicht belästigt zu werden, wurde die Krankheit des Feldmarschalls im Hause der Schwägerin, aus dem Gute derselben bei Neckarsulm, möglichst geheim gehalten, sodaß selbst der Familie Waldersee näherstehende Personen nicht davon in Kenntniß gesetzt wurden. Die Krankheit überkam den Grafen auf dem Gute seines Neffen in Schleswig- Holstein, und ist auch hierauf der längere Aufenthalt daselbst zurückzuführen. Es handelt sich um ein Blutgeschwür am Schienbeine, das nach der Aussage des Profeffors der Kieler Universität durch den Aufenthalt in China entstanden fein soll, vielleicht bei der Seereife durch die anhaltende Hitze und eine vorübergehende Blutstockung. Als Graf Waldersee Neversdorf in Holstein verließ, war die Krankheit bereits gehoben, kam aber dann auf der Reise von Berchtesgaden nach Neckarsulm aufs Neue zum Ausbruch. Die wiederholt angesetzte Abreise von dem Gute bei Neckarsulm nach Hannover mußte
Er schnalzte leicht mit der Zunge: „Fein, sag' ich Ihnen, sehr fein, Fräuleinchen, denn das versteht meine Alte, wie keine: 's ist auch nicht zu wundern, war ja fünf Jahre Herrschafts- köchin."
In dem Auge des lebhaft Sprechenden leuchtete es auf wie Schelmerei; sorgsam half er seinem schweigsamen Gast in den Schlitten, und fort flog derselbe auf der glatten Bahn, daß der Förster hellauflachend rief: „Schau, schau, wie der Racker, dieser heillose Gaul, jetzt laufen kann, hätt's ihm wirklich nicht zugetraut, der merft wohl, daß es heimwärts geht."
Immerzu plauderte Bernsdorfer und schien es nicht zu bemerken, daß er keine Antwort bekam.
„Eine wundervolle Winternacht," begann er eben wieder, „o es wird Ihnen schon gefallen bei uns, Fräulein Röschen, wenn Sie erst den herrlichen Wald lieben gelernt, haben, so wie ich ihn liebe. Ich sage Ihnen, mit feinem Fürsten möchte ich tauschen. Und erst im Sommer, wenn alles grünt und blüht und duftet rings um das liebe, alte Forsthaus, da giebt es nichts Schöneres in der ganzen weiten Welt."
„Wie lange haben wir noch zu fahren?" fragte Röschen.
„Wenn's so weiter geht, höchstens eine halbe Stunde. Sie frieren wohl sehr?"
„Nein, o nein." —
„Ich habe hier Decken mitgebracht, wickeln Sie fich nur fest hinein, es ist eine Bärenkälte."
Endlich war das Ziel erreicht. Freundlich schimmerten die erleuchteten Fenster des Forsthauses durch die stille Winternacht.
stets wieder aufgehoben werden, da der Feldmarschall noch immer bettlägerig ist. Natürlich wirkt dieser Zustand auch sonst ungünstig auf das Befinden des Grafen; so ist zum Beispiel eine starke Appetitlosigkeit seit mehreren Tagen zu verzeichnen. Da der Feldmarschall gern den Geburtstag seiner Gemahlin am 3. Oktober d. I. in seiner Villa zu Hannover begehen wollte, so war dieser Termin neuerdings für die Abreise nach dort festgesetzt, doch wird es auch dieses Mal kaum dazu kommen. Wir hoffen und wünschen, daß Graf Waldersee die Krankheit siegreich überstehen wird.
Beunruhigende Nachrichten setzt das „Berliner Tageblatt" in die Welt. Die von unserm Kaiser ausgesprochene Ueber- zeugung, daß für lange Zeiten der Friede gesichert sei, scheint dem Freisinnigen Organ nicht gefallen zu haben, es bemüht sich darum, den großen Eindruck, welchen das Kaiserwort allenthalben hervorgerufen hat, abzuschwäihen. So macht das Blatt vor einem angeblichen Plan des Zaren, eine neue strategische Eisenbahn nach der rusfischen Westgrenze mit fran- zösischem (Selbe unb zwar „im französischen Interesse" zu bauen, bange. Wir meinen, die Sorge über bieses Projekt könne ruhig unseren Militärbehörden überlaffen werden; jedenfalls aber hatte unser Kaiser, als er die erwähnte Ueberzeugung aussprach, auch die vollste Gewähr von der Friedensliebe des Zaren. Solche Alarmnachrichten sind also wahrlich heutzutage nicht angebracht, wofern man nicht etwa beab- fichtigt, dadurch den Franzosen eine Freude zu bereiten und deren Chauvinismus anzufeuern.
Eine andere Alarmnachricht verbreitet das „Berliner Tageblatt" aus Budapest. Danach soll ein „deutscher Politiker" von einem dortigen Blatte ausgefragt worden sein und erzählt haben, daß der Ministerpräsident v. Szeü der deutschen Regierung auf diplomatischem Wege auf das unzweideutigste erklärt habe, falls Deutschland an dem deutschen Zolltarif festhalte, keinen Handelsvertrag abschließen zu wollen. Endlich soll der „deutsche Politiker" geäußert haben, „die Erklärung Szells besage, der deutsche Tarif- Entwurf bedrohe den europäischen Frieden". Diese beiden Alarmnachrichten scheinen einander zu ergänzen. Man scheint auf freisinniger Seite den internationalen „Beunruhigungsbazillus" züchten zu wollen, um die parteipolitischen Geschäfte zu fördern. Zufall ist es also wohl nicht, daß fich kürzlich auch ein amerikanisches Blatt hatte melden lasten, der Kaiser hätte zu Danzig Aeußerungen gethan, wonach die politische Lage
Unter der Hausthüre, die ein mächtiger Kranz von Tannenreisern schmückte, stand eine rundliche, kleine Frau, eine Laterne in der Hend haltend, und rief mit wohllautender Stimme den Ankommenden entgegen: „Ei, da seid Ihr ja schon, das freut mich aber!"
„Hier Alte, bringe ich Dir unfern lieben Gast," sagte bet Förster, Röschen seiner Frau zuführend.
„Willkommen, mein liebes Kind, möge Ihr Eintritt bei uns gesegnet fein!" —
Sie traten ins Haus. Aus der blitzblanken Küche, wo eine junge Magd emsig hantirte, strömte gar lieblicher Duft.
Man konnte wohl nicht leicht etwas Anheimelnderes und Behaglicheres finden, als das gleich neben der Küche liegende Wohnzimmer. Rings um die Wand lief eine braune Holzvertäfelung, der große, grüne Kachelofen verbreitete wohlige Wärme, die mächtige Hängelampe inmitten der nicht sehr großen Stube spiegelte fich förmlich in dem glänzenden, weißen Tischtuch, und den darauf befindlichen Gläsern und Tellern. Wahre Prachtexemplare von Hirschgeweihen schmückten die helle Wand.
Nahe dem Ofen, dicht bei dem lederbezogenen Lehnstuhl, lag ein schöner langhaariger Jagdhund der beim Eintritt Röschens ein leises Knurren hören ließ.
„Still, Waldmann, schämst Du Dich nicht," wehrte der Förster.
Die klugen Augen deS Hundes richteten fich auf den Gebieter, der ihm liebkosend über das weiche Fell strich.
Fortsetzung folgt.