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Btt -em Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.

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Sonntag, 29. September 1901.

6rf<tinm täzltch euiet an XBtrttagen nach Sonn- uns ötienagto TanntaGskeUage: JllustrirteS So«»ta«sdlatt.

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Zahrg. Äß

In einigen Tagen

m das dritte Quartal dieses Jahres zu Ende. Mit ihm läuft das Abonnement aus dieOberhesfische Aettrmg" ab. Wir dürfen uns daher wohl an »nsere Lefer mit der Bitte wenden, fo bald als mög­lich, die Bestell««, r« erneuern, damit in dem Weiterbezug der gewohnten Lektüre keine Unter« »rechnng entsteht. Die MerteljahrSwende bietet uns aber nicht nur Anlaß zu der Bitte an alle unsere Seser, uns auch künfttghin ihr Wohlwollen ,« er- halten, sondern auch zu dem Ersuchen, unsere Blatt in ihren Bekanntenkreisen zu empfehle» «nd ggg dadurch in dem Bestreben zu unterstützen, unsere Aeitnng mehr und mehr auszubauen.

Im neuen Vierteljahr, das uns die Erössnung her Parlamente bringt, wird für jeden die Aothwendigkeit fchärfer heroortreten lassen sich aus einer g*t «nterrichtete« und schnell bedientenZeitung pl orienttren. Die bewährten Verbindungen der ^Oherhesfische« Zeit«««" bürgen dafür, daß sie diesen Anforderungen entspricht und rasch und zu- verlässig ihre Leser auf dem Lausenden erhalten wird.

Nach wie vor werden wir auch dem lokale« und provinzielle« Theile volle Aufmerksamkeit und be­sondere Pstege schenken; wir werden bestrebt sein, den «reis unserer Mitarbeiter mehr und mehr zu er­weitern »nd bitten unsere Freunde, uns in diesen Bestrebungen zu unterstützen. Anerbietungen nach dieser Richtung hin sind uns stets an- Genehm.

Redaktion »nd Verlag der .Oberhessischen Zeitung".

Rückblicke.

Auf dem Gebiete der äußeren Politik ist die herbstliche Stille eingetreten. Kaisermanöver, Flottenparaden und Herrscherzusammenkünfte find vorüber, und es ist darüber so viel ge­schrieben worden, daß auch für den fieißigsten und findigsten Konfektoralpolitiker zu thun fast gar nichts mehr übrig bleibt. Die Danziger Tage haben daS gute Einvernehmen zwischen dem Zaren und unserem Kaiser auf das un­zweideutigste bekundet, und der darauf folgende Besuch des rusfischen Kaiserpaares in Frankreich hat erneut bewiesen, daß das Bündniß dieser beiden Mächte kein Revanche-, sondern ein Friedensbündniß ist.

Eine Hoffnung, die weite Kreise bei der Nachricht von der Reise des Zaren nach Frank­reich erfüllte, hat fich leider nicht bestätigt. Wohl hat der Zar den Vertreter Frankreichs

18, jNachdruck verboten.!

Das Glückskind.

Erzählung von Irene vonHellmuth.

(Fortsetzung.)

Endlich griffen die bebenden Hände wieder darnach, allein, was ihr so unglaublich dünkte, war doch erschütternde Wahrheit. Halblaut las fie:

Geehrtes Fräulein!

Es war ein großer, tiefbedauerlicher Jrrthum, der mich glauben ließ, in Ihnen eine paffende Lebensgefährtin gefunden zu haben. Es thut mir unendlich leid, in Ihrem Herzen vielleicht Wünsche und Hoffnungen erweckt zu haben, die fich nie im Leben erfüllen können. Unsere Wege müffen von heute ab auseinandergehen. Sie werden fich vielleicht selbst sagen können, weshalb, so daß ich mir nähere Erklärungen sparen kann.

Dr. Hermann Pächtner."

Das also war daS Ende des seligen Traumes. Eie lachte schrill auf, es klang, wie wenn eine Saite springt, schneidend und mißtönend.

.Das Glückskind nennen fie mich. Was ist denn eigentlich Glück? Etwa der goldene Mammon, der mir zufallen foll, der mir nicht die geringste Befriedigung gewährt? Es ist der reine Hohn, ich, ein Glückskind, ha __ ha es macht mich wirklich lachen!"

Dann raffte fie fich auf, um an Hermann zu schreiben, Aufklärung foll er ihr geben, Rechenschaft für das ftevle Spiel, das er ge­trieben. Doch da erwachte der Stolz, der

auf der Haager Friedenskonferenz, Herrn Bour­geois, empfangen und fich mit ihm eingehend unterhalten. Die Burendelegirten haben ge­glaubt, die günstige Gelegenheit sei zur An­rufung des ständigen Derwaltungsroths des Haager Schiedsgerichts gekommen. Wie fich jetzt jedoch herausstellt, ist in jener Unterredung die Burenftage nur rein akademisch gestreift worden. Der Zar hat es abgelehnt, auf die Frage des Schiedsgerichts einzugehen; wie aus dem Haag gemeldet wird, beabsichtigt der stän­dige Verwaltungsrath, sich für unzuständig zu erklären, weil das Schiedsgericht nicht einseitig von einer, sondern von beiden Parteien ange- rusen werden müffe, damit der Spruch des Schiedsgerichts nicht den Charafter einer Inter­vention erhalte.

Vor Tische las mans anders. Auf der Haager Friedenskonfererenz waren es gerade die Engländer, die die Einsetzung eines obli­gatorischen Schiedsgericht forderten, das von Amtswegen in jedem Falle einzugreifen habe und dem fich jeder der betheiligten Staaten zu unterwerfen habe. ES waren jerade die Eng­länder, die Deutschland der falschen Friedens­liebe beschuldigten, weil unser militärischer Vertreter der in China auf so tragische Weise ums Leben gekommene Oberst von Schwarzhos, ein obligatorisches Schiedsgericht bekämpfte. Heute wollen diese lieben englische Friedens­engel nichts von dem Schiedsgericht wiffen und wollen ein solches nur dann zulaffen, wenn fie es anrufen. Wenn irgend wo, so wäre hier eine Vermittelung des Schiedsgerichts am Platze, denn der ruchlose Räuberfeldzug der Engländer in Südafrika entbehrt jeder sittlichen Grundlage, er ist ein Denkmal der Schande für unser Zeitalter. Und es ist schmerzlich, mit der Thatsache rechnen zu müffen, daß möglicherweise noch auf Jahre hinaus dieser ruchlose Vernichtungsfeldzug in Südafrika währt. Man spricht von einer Nemesis der Weltge­schichte. Hier wäre diese Nemesis am Platze, hier wäre es dringend zu wünschen, daß das Weltgericht über jene englischen Beutepolitiker vom Schlage der Chamberlain und Cecil Rhodes hereinbräche, die die Civilisation wohl im Munde führen, die aber nicht davor zurück­schrecken, aus Habsucht ein glückliches, blühendes Land zu vernichten und hunderttausende von Menschen dahin zu schlachten.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika hat sich die Auftegung über den Präfidentenmord etwas gelegt, zumal der Schuldige gefaßt und dem Strafrichter über­mittelt worden ist. Das durch jene schändliche

unbändige Mädchenstolz in ihr. Was wollte fie denn eigentlich thun? etwa um Liebe betteln? Die Lippen kräuselten fich verächtlich, wahrlich, das fehlt noch!--Ihm wollte sie

schreiben? nein, er wahr keines Feder­zuges von ihrer Hand wert, er, der zuerst mit süßem Wort und Blick um sie warb, und dann, als fie ihm aus einem unscheinbaren Grunde nicht mehr paßte, fie einfach bei Seite fchob, wie ein abgetragenes Kleid. Nein, dazu düntte fie fich wirklich zu gut!

Zwar hatte sie selbst einen Fehler begangen; es war gewiß nicht recht, daß fie ihm gestern keinen Aufschluß gegeben. Doch ist dies die wahre Liebe, die wegen eines kleinen Versehens gleich alle Beziehungen abbricht?

Ein tiefer, unbezähmbarer Haß begann in dem jungen Mädchen aufzusteigen. O, fie wollte jenem Erbärmlichen zeigen, daß fie fich nichts, nichts aus ihm machte, nicht ahnen durste er, wie furchtbar der Streich getroffen, den er gegen fie geführt.

Verachtung, das war das beste für diesen diesen Feigling, o Schmach über chn!--

Röschen preßte die Hände gegen die schmerzende Stirn. In ihrem Herzen rangen tiefbeleidigter Stolz, Haß und Liebe um die Herrschaft. O, nur keinen Menschen merken laffen, was man ihr gethan hatte, also Fassung Ruhe! Die Lust im Zimmer erschien ihr heiß und drückend, hastig riß fie das Fenster auf, und ließ fich von der kÄten Morgenluft die wie im Fieber glühende Stirn kühlen; das erfrischte und that ungemein wohl.

Thal verletzte Gewiffen der Nation ist beruhigt in dem Gedanken, daß die That demnächst ihre Sühne finden wird. Der Anarchist Czolgosz ist zum Tode verurtheilt worden, das Todes urteil dürste in einigen Wochen an ihm voll­streckt werden. Roosevelt, der Imperialist und Jingoist hat die Regierung angetreten, einst­weilen aber find noch keine Regierungshand­ungen von ihm zu verzeichnen, die einen Schluß auf sein Regierungsprogramm zulaffen.

Don dem Kriege zwischen Venezuela und Columbien laufen zur Zeit nur spärliche Nach­richten ein, weil die telegraphische Verbindung zur Küste unterbrochen ist. Es scheint aber schlimm genug mit Venezuela zu stehen. Dazu kommt noch, daß Venezuela eine Finanzkrifis durchzumachen hat. Präsident Castro bemüht sich vergeblich dieBank von Venezuela" zur Hergabe der nöthigen Gelder zu veranlaffen, und dieweil zum Kriegführen Geld, Geld und nochmals Geld gehört, so dürste Venezuela in eine schwierige Lage gerathen.

Aus China liegen zur Zeit keine Nach­richten von Belang vor. Die chinesischen Macht­haber find anscheinend ernstlich gewillt, das Friedensprogramm und die ihnen auferlegten Pflichten zu erfüllen. Man ist gespannt darauf, welches Ergebniß der Reisebericht des Sühne­prinzen haben wird, der in den nächsten Tagen die Rückreise nach dem himmlischen Reiche antritt. ***

Umschau.

* Eine scharfe Kritik

an den Zuständen im Reichstage hat der demo­kratische Abgeordnete Payer auf dem Partei­tage der süddeutschen Volkspartei geübt. Er äußerte u. A., den Reichstagsverhandlungen könne eigentlich nur noch beiwohnen, wer 1. ein Junggeselle sei, 2. wer kein Geschäft habe oder aus dem Parlamentarismus selbst ein Geschäft mache und 3. dazu weder Nerven noch ein Organ für Ueberdruß und Langeweile besitze. Dazu komme die Machtlosigkeit des Reichstags. Positives zu schaffen vermöge der Reichstag nicht. Das Zusammenwirken all dieser Faktoren müffe die Räume des Reichstags leeren, und es sei eitel Heuchelei, jeder Gruppe, die behaupten will, fie sei regelmäßig in beschlußfähiger Zahl auf dem Platz, nein, wir find allzumal Sünder und werden und müssen bleiben, so lange die Verhältnisse fich nicht ändern.

Der Abgeordnete Payer giebt zwar, gemäß den programmatischen Forderungen der Demo-

kratte vor, durch Einführung der Diäten würden diese Zustände gebessert werden; allein nach dem vorstehenden Ergüsse wird man daran zweifeln dürfen, daß diese Erwartung von den demo­kratischen Führern ernsthaft gehegt werde. Je- mehr aber aus der demokratischen ßinlen die Erkenntniß von der Unhaltbarkeit der jetzigen parlamentarischen Zustände jener Seite, die allein Schuld an der Langweiligkeft und Aus­dehnung der Debatten und damit an der Leistun gsunfä higkeit des Reichstags trägt, Zeichen der Besserung eintreten werden.

Zum Zolltarif-Entwurf.

Die Handelskammer WieSbade« hat fich gegen die Erhöhung der Getreidezölle erklärt.

Das Ausland «ad »Bitte Industrie. Was vom Auslande für die deutsche Ausfuhrindufirie zu erwarten steht, erweist eine Verfügung, die jüngst von der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika erlassen worden ist. Sie lautet nach den .Mittheil, des Reichsamtes des Innern": Feder­halter mit Feder und Bleistift find nach ihren Be- standtheilen, und zwar die Feder mit 12 Cent für dqs Groß, die Bleistifte mit 45 Cent für das Groß und 25 pCt. vom Werth und die Hülse zur Ausnahme der Feder und des Bleistifts als Metallware mit 45 PCt. vom Werth zu verzollen. Wenn also ein Federhalter einen Fakturenwerth von 60 Psg. hat so find an Zoll zu bezahlen: 1. für die Feder '/» Cent, 2. für den Bleistift */« Cent und 25 pCt vom Werth, 3. für die Hülse 45 pCt. Jnsgesammt find mithin nicht weniger als 44 Pf. für einen Federhalter zu leisten.

A«s Amerika. Es kann nicht ost genug darauf hinaewiesen werden, wie energisch das Ausland be- müht ist, seinen Bedarf an Jndustrieartikeln selbst herzustellen und wie bedenklich es deshalb wäre, wenn Deutschland unter Hintenansetzung seines heimischen Marktes dir Neuordnung der wirthschaftlichen Ver­hältnisse nur unter dem Gesichtspunkte des Exports regeln wollte. So entnehmen wir einem im .Reichs­anzeiger' mitgetheilten Berichte des Kaiserlichen Con- sulats in Chicago einige allgemeine Anmerkungen über Einfuhr und Ausfuhr der Vereinigten Staaten. Es heißt dort u. A.:

.Die Aussichten für den Absatz von Maschinen und Eisenwaaren nach den Vereinigten Staaten ver­schlechtern sich vonJahr zuJahr. Während der Werth der Einfuhr derartiger Artikel im Rech­nungsjahr 1890/91 noch rund 53«/» Millionen Dollar betrug, war derselbe im Rechnungsjahr 1899/1900 auf etwa 20«/- Millionen Dollar gefallen.....Die Eisen-

und Stahl-Industrie hat in der neueren Zeit in den Vereinigten Staaten gewaltige Fortschritte gemacht; ihr Bestreben geht mit mehr oder minder gutem Er- solg dahin, sich nicht nur vom Auslande unabhängig zu machen, sondern auch im Export von Rohmaterial und Fabrikaten im Auslande festen Fuß zu fassen'.

Unten auf der Straße hatte bereits das Leben begonnen. Der fest gefrorene Schnee knirschte unter den Tritten eiliger Fußgänger, die alle bis zur Nasenspitze eingemummt, hastig ihren Weg verfolgten, um so schnell als möglich wieder in den Bereich eines wärmenden Ofens zu kommen. Eine Schar hungriger Spatzen balgte sich piepsend um daS karge Futter und einige übermüthige Jungen eröffneten ein scharfes Bombardement mit Schneebällen.

Das bleiche Mädchen am Fenster sah das alles wie ein Traum, Es fühlte fich so über- flüsfig, so unnütz auf der Wett. Jedes hatte doch einen Beruf, hatte zu sorgen und zu schaffen für seine Lieben, nur fie nicht; ihr blieb nichts zu thun, fie kannte keinen einzigen Menschen, der fie lieb hatte.

Mecke erschien eben mit dem Kaffeebrett in der Hand.

Um Gott, Fräulein, wie sehen Sie denn aus!" rief die Dienerin erschrocken,was ist denn pasfiett?"

Schreie nicht so, Mecke, ein wenig Kopfschmerz, das ist alles. Deinen Kaffee nimm nur wieder mit, ich will erst einen kleinen Spaziergang machen, um frische Lust zu schöpfen. Sage der Tante, daß ich bald zurück sein werde."

Aber Fräulein Röschen, bei der Kälte einen Spaziergang?"

Kopfschüttelnd nahm Mecke das auf den Tisch gestellte Kaffeegeschirr wieder an fich.

Ein anderer Mensch ist froh, wenn er hübsch daheim bleiben kann, und Sie wollen ausgehen! Na, erkälten fie fich nur nicht,"

sagte fie dabei, wandte aber im Hinausgehen noch besorgt einen Biick nach dem jungen Mädchen, das fo starr und unbeweglich am Fenster stand, und ein Stück Papier in Atome zerpflückte. Etwas mußte da doch nicht in Ordnung sein.

Endlich raffte fich Röschen auf, kleidete fich rasch an und verließ das Haus, um den Weg nach dem Friedhof einzufchlagen. Hier war eS still, totensftll; kein Mensch ließ fich sehen weit und breit. Der weiche, weiße Schnee lag wie eine schützende Decke auf allen Gräbern, auf den dunklen Chpreffen und den kahlen Sträuchern.

Aber selbst an dem Grabe der Mutter wollten die erlösenden Thränen nicht kommen. Eine fast neidische Ewpfindnng beschlich das ge­quälte Herz. O, wer doch da unten liegen könnte und den Frieden hätte, den man aus Erden nicht findet, dann wäre es vorbei mit Schmerz und Leid, vorbei für immer.

Langsam kehrte Röschen nach Hause zurück. Im Flur begegnete fie ihrem Vormund, über dessen unangenehme Züge beim Erblicken deS bleichen Mädchens ein triumphierendes Lächeln huschte.

Aha, mir scheint, das ist schon die Wirkung meines gestrigen Versuches," murmelte er für fich. Es kostete ihm einige Mühe, seine Freude zu verbergen und unbefangen zu er­scheinen. Etwas wie leises Frohlocken klang doch noch in seiner Stimme mit. Äs er ver­wundert fragte:Du warst heute schon aus, wie ich sehe, ich glaubte Dich noch in den Federn."

Fortsetzung folgt.