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Freitag 27 September 1901.
Jn einigen Tagen
ist das dritte Quartal dieses Jahres zu Ende. Mit ihm läuft das Abonnement auf die „Obethesflsche Aett««g" ab. Mr dürfen un8 daher wohl an gnfere Leser mit der Bitte wenden, so bald als möglich, die Bestell«»« r« eruener», damit in dem Weiterbezug der gewohnten Lektüre keime tttttet« tzrechuug entsteht. Die Vierteljahrswende bietet uns »brr nicht nur Anlaß zu der Bitte an alle unsere Leser, uns auch künstighin ihr Wohlwollen zu er- halten, sondern auch zu dem Ersuchen, unser, Blatr in ihren Bekanntenkreisen zu empfehlen und nns dadurch in dem Bestreben zu unterstützen, unsere Zeitung mehr und mehr auszubauen.
Im neuen Merteljahr, das uns die Eröffnung der Parlamente bringt, wird für jeden die Rothwendigkeit schärfer hervortreten lassen sich aus einer g«t unterrichtete« und schnell bediente«Zeitung zu orientiren. Die bewährten Verbindungen der »Oberhesstsche« Zeit«««" bürgen dasür, daß sie diesen Anforderungen entspricht und rasch und zuverlässig chre Leser auf dem Laufenden erhalten wird.
Nach wie vor werden wir auch dem lokale« und proviuzitlle« Theile volle Aufmerksamkeit und besondere Pflege schenken; wir werden bestrebt sein, den Kreis unserer Mitarbeiter mehr und mehr zu erweitern und bitten unsere Freunde, uns in diesen Bestrebungen zu unterstützen. Anerbietungen nach dieser Richtung hin sind uns stetsangenehm.
Redaktion und Verlag der .Oberhessischen Zeitung'.
Eine neue Wendung?
Die durch die letzten Operationen der Buren auf dem Kriegsschauplätze in Südafrika geschaffene neue Lage beginnt sich allmählich an der Hand der sehr späÄich einlaufenden glaubwürdigen Nachrichten zu klären, und es wird immer mehr ersichtlich, daß es keinenfalls übertrieben ist, wenn dieselbe als für die Engländer äußerst ungünstig und bedrohlich hingestellt wird. Generalkommandant Louis Botha hat im Verein mit seinen Untergeneralen Dewet, Kruitzinger, Lukas Meyer, sowie mit dem Präsidenten Steijn, der sich jetzt im Botha'schen Hauptquartier befindet, einen großen sorgfältig angelegten und vorbereiteten neuen Kriegsplan ausgearbeitet, welcher dahin geht, eine gleichzeitige ßroße Invasion in die Kopkolonie und Natal m Szene zu setzen, nach der Durchführung der letzteren und nach den ersten größeren Erfolgen
16 (Nachdruck verboten.)
. Das Glückskind.
Erzählung von Irene von Hellmuth.
(Fortsetzung.)
Endlich öffnete sich der kleine, trotzige Mund: .Verzeihe, Hermann, ich — ich habe Eile, da mein Vormund nicht wiffen darf, daß ich noch ausging und ich infolgedessen vor ihm wieder zu Hause sein muß."
Wohl ahnte sie, daß diese Worte sein einmal rege gewordenes Mißtrauen noch steigern mußten, doch was thats? Im Gefühle ihrer Unschuld ging alles andere unter. Außerdem fehlte zu längeren Erörterungen wirklich die Zeit und die frierenden Kinder thaten ihr leid. Sie durften nicht noch länger warten.
Er hielt sie auch nicht auf, als sie mit einem kurzen: Gute Nacht, Hermann, werde ich bald etwas von Dir hören?" an ihm vorbeihuschte.
Fast zornig klang sein Gruß, so däuchte es ihr. Einen Augenblick schien es, als wolle er ihr folgen, unschlüssig stand er eine Weile in dem niederwallenden Schnee, dann drehte er sich kurz um und eilte weiter.
Röschen verfolgte indes in entgegengesetzter Richtung den Weg. Noch eine Straße und sie stand vor einem großen, massiven Hause mit verschiedenen Thüren, deren jede eine Aufschrift trug.
An einer derselben stand in großen schwarzen Buchstaben auf weißem Grunde: „Städtisches Versatzamt I." Doch sie war verschlossen und alles Rütteln hals nichts.
der Buren ganz offiziell die Annexion der okkupirten Distrikte, wenn nicht der ganzen britischen Kolonien zu proklamiren und unter dem Schutze dieser den Engländern nachgeahmten und ebenso wie die Annexion des Transvaals und des Freistaates berechtigten Maßregel dem allgemeinen Aufstande der Kapholländer und der Natalburen eine solide und gesunde Grundlage zu geben.
Dieser Plan hat durchaus nichts Phantastisches an sich, so schwierig und weit ausgreifend er auch erscheinen mag, und wenn die Buren sich das Ziel gesetzt haben, den ganzen Krieg nach britischem Territorium zu verlegen und, wenigstens bildlich geredet, die Engländer doch noch ins Meer zu jagen, so hat diese großartige Idee augenblicklich bessere Chancen, als dies seit Anbeginn des Feldzuges der Fall gewesen ist. Sogar einzelne Stimmen in der Londoner Jingopreffe geben neuerdings an Hand der betreffenden Meldungen der Spezialberichterstatter unumwunden zu, daß es um die britische Sache südlich vom Oranjeflnß zur Zeit sehr ernst und gefährlich bestellt ist, und daß die Thatsach e nicht länger geleugnet werden kann, daß die StreiscorpS der Buren sich der westlichen und südlichen Meeresküste ebenso wie der östlichen mit unheimlicher Rapidität nähern. Die äußersten Vorposten der eingedrungenen Burghers befinden sich heute in gerader Luftlinie nur noch ungefähr 40 engl. Meilen von Kapstadt, und andererseits ist es Thatsache, daß die Moffel-Bai seit mehr als 14 Tagen unter den Schutz der Kanonen britischer Kriegsschiffe gestellt worden ist, ein Beweis, daß man an jenem Theile der Küste schon mit dem Eintreffen der seindlichen Reiter- schaaren rechnet.
Alle diese unangenehmen Fakta werden vom britischen Hauptquartier und vom Londoner Kriegsamt so geheim als nur eben möglich gehalten, ebenso wie die annähernd bekannten Ziffern der kolonialen Rebellen, welche in den letzten Wochen zu den Waffen gegriffen und sich den eingedrungenen Burenkorps angeschloffen haben. Die Anzahl dieser rebellischen Kap- Holländer wird in den letzten brieflichen Nachrichten von Kaptstadt als bedeutend größer hingestellt, als bisher auf britischer Seite offiziell zugegeben worden ist, und man macht sich am Kap der guten Hoffnung heute keine Illusionen mehr darüber, daß es nur eines entsprechenden und längst erwarteten Anlasses, wie des jetzt gemeldeten gemeinsamen Vormarsches nach Süden der Transvaaler und Freistaatler, be-
„Umsonst," murmelte Röschen betrübt, „es ist für heute zu spät geworden, ich dachte es mir. Arme Kinder, nun habt Ihr den ganzen Weg vergebens gemacht," wandte sie sich an die vor Kälte zitternden Mädchen, „wir muffen nun wieder umkehren und morgen nochmals vorfprechen."
Eilends wurde derselbe Weg wieder zurück- gelegt.
Röschen zürnte sich bereits selbst, daß sie Herman vorhin nicht Auskunft gegeben, sie bereute ihr Benehmen schon wieder, und nahm sich vor, gleich morgen an den Geliebten zu schreiben.
Der Zorn war vollständig verflogen, sie hoffte im Stillen, Hermann noch zu treffen, dann wollte sie ihm alles sagen.
Doch öder als vorher lag die Straße, keine Menschenseele war zu sehen weit und breit. Mißmuthig und unzufrieden langte das junge Mädchen zu Hause an. Schwer lag die letzte Begegnung auf dem gequälten Herzen, das in bangem Widerstreit der Gefühle nicht wußte, wo Recht und Unrecht war. Lange floh der Schlaf die brennenden Augen, die Stunden dehnten sich endlos hin.
In tiefer Ruhe lag das Haus. Nur hin wieder drang das ferne Bellen eines Hundes, oder das Knirschen von Rädern durch die Stille der Nacht.
Gegen drei Uhr morgens klang der Schritt des heimkehrenden Hausherrn aus den hallenden Fließen des Korridors.
Röschen wühlte sich in die Kiffen des Lagers, unruhig hin und her werfend. Wollte denn diese Nacht kein Ende nehmen? Der Mond
darf, um den großen Holländer-Aufstand mit einem Schlage ins Leben zu rufen.
Die Streitkräfte, welche Botha, Dewet und Kruitzinger für ihre neuen Operationen zur Verfügung haben, müssen sich alles in allem auf 11,000 bis 13,000 Mann belaufen, und da die Buren inzwischen viele Geschütze nebst der nöthigen Munition wieder aus ihren Verstecken hervorgeholt und ausgegraben haben, so werden sie auch mit einer ganz stattlichen Artillerie versehen sein, wozu dann noch die verschiedenen, den Engländern in den letzten 8 Tagen fortgenommenen Kanonen zu rechnen wären. An sonstigem Kriegsmaterial, an Lebensmitteln und Pferden scheint überdies auf Seiten der Buren absolut kein Mangel zu herrschen, und so dürste der neue FeldzugSplan der tapferen Burghers viel mehr Erfolg versprechen, als es den Engländern lieb ist, zuzugestehen. Daran können auch die vielen Bemühungen der britischen Preffe, dieser neuen Phase des Krieges jede Bedeutung und Gefahr abzusprechen, nicht ändern."
Zum Zolltarif-Entwurf.
Die Handelskammer »acht« nahm eine Erklärung für erhöhten Zollschutz für Getreide, aber gegen eine gesetzliche Festlegung von Mindestsätzen für Getreide an.
Deutsches Reich
Berli«, 26. Septbr
— Der Kaiser beabsichtigt die Errichtung eines Marmordenkmals sür die Kaiserin Friedrich in Berlin. Dos Standbild ist bereits tn Auftrag gegeben. Es soll seinen Standort haben am Anfang der Charlottenburger Chaussee gegenüber dem bereits in Arbeit befindlichen Denkmals des Kaisers Friedrich.
— Prinz Tschun wird voraussichtlich am nächsten Sonntag Mittag Berlin verlaflen. Das Schiff, das ihn direkt nach China führen soll, geht bereits am Dienstag von Chenua ab. Donnerstag oder Freitag wird der Prinz aus Saarbrücken in Berlin zurückerwartet um dann den Rest der Woche in Berlin zu verbringen. Es wird auch hohe Zeit, daß der Sühneprinz sich zurckbegiebt.
— Der Mar ine e tat für 1902 wird außer den Forderungen sür Schiffsneubauten auch zwei Titel für Ersatzbauten enthalten, nämlich jene für je einen großen und einen kleinen Kreuzer; diese Forderungen werden sich auch im Etatsjahre 1903 wiederholen. Ferner wird der neue Marineetat eine Ersatz- sorderung für das im Dezember v. Js bei Malaga gefunkene Schulschiff „Gneisenau" enthalten, wenn diese auch nicht zum Bau eines noch aus Stapel zu legenden Schiffes benutzt werden soll, sondern zum Umbau bereits vorhandener, älterer Kreuzer sür Schulschiffszwecke.
brach siegreich durch die Wolken und strahlte in ungetrübter Klarheit hernieder. Dort oben war Friede, — hier unten Kampf und Mühsal.
Bleich und überwacht erhob sich das ge= gequälte Mädchen am anderen Morgen von dem Lager. Traurig und niedergeschlagen schlich es umher, so daß Tante Aurelia mehrmals fragte:
„Ist Dir nicht wohl? Du siehst so schlecht aus."
„Mir fehlt nichts, Tante, es liegt mir nur wie Blei in allen Gliedern."
Röschen wollte an Hermann schreiben; aber Trotz und Stolz ließen eS doch wieder nicht zu.
Auch Böhler erkundigte sich theilnehmend nach ihrem Befinden und fragte sogar, zur großen Verwunderung deS Mädchens, wie es der alten Marthe gehe, und ob sie heute beabsichtige, dieselbe zu besuchen. Da sie nur stumm mit dem Kopfe nickte, scheuste er ihr eine Mark für ihren Schützling.
Als Rofi aber gegen Abend wiederum den Weg nach dem Leihhause antrat, da ahnte sie freilich nicht, daß Hermann Pächtner vorsichtig im Schatten der Häuser schleichend, ihr von ferne folgte, um sich von der Wahrheit dessen, was seine Mutter ihm heute gesagt, und was er trotz allem nicht glauben wollte, zu überzeugen.
Es konnte nicht möglich sein und doch war es ihm jetzt zur Gewißheit geworden, daß Röschen seiner unwürdig, daß er sie nie und nimmer zu seiner Frau machen konnte, ein leichtsinniges Mädchen, das heimliche Geschäfte mit dem Versatzamt machte, paßte nicht für ihn.
— Ueber einen Exzeß auf dem Kreuzer „Gazelle" erhält das .Bcrl. Tagebl." aus Danzig eine Nachricht, über die anderweit eine Bestätigung nicht vorliegt. Danach sollen, während das Schiff auf der Danziger Rhede lag, die Mannschaften Unbotmäßigkeiten begangen haben, die gegen das Kommando gerichtet waren. Die an dem Exzeß Be- theiligten warfen Verschlußstücke der Geschütze und Schiffsinventarstücke über Bord. Fünfzehn Mann wurden bereits in Untersuchung genommen; die Reservisten des genannten Kreuzers find bisher nicht zur Entlassung gelangt.
— Im Anschluß an die städtischerseits geplante Umwandlung der St>aße „Unter den Linden" und des Pariser Platzes in Berlin soll das Brandenburger Th--r und feine nächste Umgebung eine durch» 8reifende Aenderung erfahren. Es besteht, wie es eißt, die Absicht, das Thor frei zu legen, um es nicht nur als Bauwerk architektonisch mehr hervortreten zu lasten, sondern auch um von der Straße „Unter den Linden" aus einen freien Blick in den Thiergarten zu gewinnen.
— Vom sozialdemokratischen Parteitag ist zu berichten, daß in dem Streite gegen Bernstein die Gegner Bernsteins die Oberhand behalten haben. Mit großer Mehrheit — 203 gegen 31 Stimmen — wurde eine Resolution Bebels angenommen, die folgenden Wortlaut hat: „Der Parteitag erkennt rückhaltlos die Rothwendigkeit der Selbstkritik über die geistige Fortentwickelung unserer Partei an. Aber die durchaus einseitige Art, wie der Genoste Bernstein diese Kritik in den letzten Jahren betrieb, unter Außerachtlastung der Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft und ihren Trägern, hat ihn in eine zweideutige Position gebracht und die Mißstimmung eines großen Theils der Parteigenossen erregt. In der Er- Wartung, daß der Genoste sich dieser Erkenntniß nicht verschließt und darnach handelt, geht der Parteitag über die Anträge zur Tagesordnung über." Bernstein unterwars sich diesem Votum.
— p. Die erste Hauptversammlung des 31 Kongresses sürJnnereMission wurde am Dienstag mit Chorgesang, Schriftverlesung (Jes. 61) und Gebet eröffnet. Professor S e e b e r g hielt dann seinen Vortrag über Luthers Stellung zu den sittlichen und sozialen Röthen seiner Zeit und ihre vorbildliche Bedeutung für die evangelische Kirche. Mit bewunderungswürdiger Sachkenntniß, mit warmen Herzen, dem man den idealen Flug der Begeisterung absühlt, wies Redner die sittlichen und sozialen Rothstände der Zeit Luthers und unserer Zeit nach. Sie wurzeln im Luxus und Geiz, im Pauperismus und Materialis- mus. Eine andächtige, weihevolle Stimmung lag während des Vortrages über der Versammlung, rauschender, langanhaltender Beifall folgte ihm. Von einer Diskussion wurde aus allgemeine Zustimmung abgesehen. Rach einigen geschäftlichen Bemerkungen des Vorsitzenden stimmte der Kongreß das Lied „Lobe den Herrn" an, und Superintendent Dr. Kiefer - Eisenach sprach das Schlußgebet. Vom herrlichsten Wetter begünstigt sand Nachmittags 4 Uhr die Festversammlung aus der Wartburg statt. Diese große Erinnerungen die sich an diese Stätte knüpfen, zugleich eine mahnende Frage an die Gegenwart, ließ den Festredner, Senior Dr. Behrmann aus Hamburg, von der Freitreppe des Landgrafenhauses aus das Thema behandeln: „Die Lutherbibel und das deutsche Volk". In dem Abendgottesdienst, welcher mit dem Lied „Allein Gott in der Höh sei
Zu Haufe angekommen, warf er sich unmuthig auf einen Stuhl und stützte den Kopf in die Hand. Seine Mutter, die auf ihn gewartet haben mochte, klopfte ihm auf die Schulter.
„Nun, was ist's, bist Du jetzt überzeugt, Hermann?"
„Vollkommen, Mutter."
Der Ton klang gereizt, eine große Bitterkeit lag darin.
Aus dem Auge der Frau brach ein triumphierender Strahl und freundlich fuhr sie mit der großen, weißen Hand über das Haar des Sohnes hin.
„Laß Dich dadurch nicht anfechten, Hermann, trage es wie ein Mann. Solche Frau paßt nun einmal nicht für Dich; es ist ein großes Glück, daß es noch nicht zu spät ist. Nun mußt Du aber rasch der Sache ein Ende machen. Noch heute fchreibst Du jenem — leichtsinnigen Mädchen ab, und zwar kurz und bündig, wie fich's gehört, sie möchte Dich sonst noch einmal umgarnen."
„Wenn ich mich nicht selbst überzeugt hätte Mutter, ich möchte es nimmer glauben, daß sie so ist, wie Du sie schilderst," gestand Hermann seufzend, „aber so — muß ich wohl. Ich sah sie ganz deutlich in das Haus eintreten, — wollte dann warten, sbis sie wieder herauskam, aber es dauerte mir zu lange. Vermuthlich wurde sie drinnen auf gehalten."
Den gestrigen Vorfall mochte er der Mutter gar nicht erzählen, wozu auch? Sie würde sich in neuen Schmähungen über das Mädchen ergehen und dies that feinem Herzen unendlich wehe.
Fortsetzung folgt.