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Mittwoch 18 September 1901. •"* "*
Jahrg. 36.
Deutschland, Rußland und der Dreibund.
Man schreibt uns:
Als Fürst Bismarck aus seinem Amte schied, rief ihm ein demokratisches Berliner Blatt nach, seine innere Politik hätte von jedem mittelmäßigen Schutzmann ebenso gut versehen werden können; die gewaltigen Leistungen der äußeren Bismarckschen Politik aber wurden selbst von radikaler Seite anerkannt. Jetzt scheint aber auch daran gezweifelt werden zu sollen, denn ein anderes demokratisches Blatt der Reichshauptstadt spricht höhnisch von dem „einst als Offenbarung der höchsten staatsmännischen Genialität bewunderten Dreibund!" Dar Blatt meint, daß der Dreibund voraussichtlich nicht erneuert werden würde und daß an die Stelle dieses antiquirten Gebildes ein deutsch-russisch- französisches Einvernehmen treten werde.
Don diesen Auslastungen brauchte kaum Notiz genommen zu werden, wenn nicht ein so hervorragendes Blatt wie die „Köln. Dolksztg." sie wiedergäbe, zwar „mit allem Vorbehalt", aber doch zugleich noch mit der Bemerkung, daß „diese Anschauungmehrfach Wiederkehre". Mag diese Anschauung auch noch so oft wiederkehren, sie wird immer falsch sein, sowohl vom deutschen Standpunkte wie von dem der Verbündeten Deutschlands. Es ist ein Zeichen ebenso unerhörter Leichtfertigkeit wie Unwissenheit, wenn man gleichwerthig mit dem Dreibunde hinstellt und meint, leichten Herzen aus das Bündniß mit Oesterreich und Italien verzichten zu können. Man sollte doch daran denken, daß Deutschland bei einem solchen Einvernehmen Rußland und Frankreich gegenüber im Nachtheil ist. Denn zwischen diesen beiden Staaten besteht ein festes Bündniß, während zwischen jedem dieser Staaten und Deutschland nur ein freundschaftliches Ver- hältniß obwalten würde. Die Folge davon würde sein, daß bei allen eintretenden Meinungsverschiedenheiten Deutschland regelmäßig majo- tifttt werden würde. Mangels eines Rückhaltes am Dreibunde würde dann Deutschland immer nachgeben wüsten, was weder seinem Ansehen noch seiner materiellen Machtstellung sonderlich förderlich sein könnte.
Nichts wäre aber verkehrter, als aus dem gegenwärtigen guten Einvernehmen zwischen den drei Mächten schließen zu wollen, daß derartige Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschland und seinen beiden Nachbarn im Westen und Osten nicht eintreten könnten. Ein russisches Blatt stellt zwar die Beziehungen zwischen
8 «Nachdruck verboten.)
Das Glückskind.
Erzählung von Irene von Hellmuth.
«Fortsetzung.)
Der junge Doktor drückte ihr immer so warm und herzlich die Hand, — seine Augen, die sich so tief in die ihrigen fenften, redeten eine Sprache, die dem unerfahrenen Mädchen so süß dünkte, wie nichts anderes in der Welt.
Weiter hatte sie keine Beweise seiner Zuneigung, und doch wußte und fühlte fie deutlich, daß er ihr eines Tages etwas sagen würde was das Herz mit ungeahnter Wonne und Seligkeit erfüllen mußte.
Einmal, als der junge Mann sich verabschiedete, drückte er Röschen einen Zettel in die Hand, den sie, ungesehen von der Mutter, in der Tasche ihres Hauskleides barg. Als der Schritt des sich Entfernenden auf der Treppe verklungen war, eilte das ahnungslose Mädchen in ihr Zimmer, holte das knisternde Papier hervor und las unter heftigem Herzklopfen die wenigen Worte:
,O, dürst ich einmal Dir nur sagen,
Wie Du unendlich lieb mir bist,
Wie Dick, so lang mein Herz wird schlagen, Auch meine Seele nicht vergißt."
Jubelnd in seligem, nie gekanntem Glück zog sie den Seinen Zettel an die Lippen, ihn dann wieder in der Tasche bergend, kehrte sie zur Mutter zurück, die ihr heute so stilles Töchterchen aufmerksam beobachtete.
Röschen konnte es kaum erwarten, bis der Geliebtte wieder kam, die Stunden dehnten sich
Deutschland und Rußland als dauernd gesichert hin, weil die „ausgezeichneten dynastischen Beziehungen" eine Gewähr seien für ein gutes, aufrichtiges, nachbarliches Verhältniß; das persönliche Element sei in der Politik stets von großer Bedeutung gewesen.
Nun, wir wollen gewiß nicht leugnen, daß dynastische Beziehungen von Werth find, aber man wird zur richtigen Würdigung dieses Werthes kommen, wenn man fich daran erinnert, daß Nikolaus I. zu Friedrich Wilhelm IV. und Alexander IT. zu dem alten Kaiser in viel engeren verwandtschaftlichen Beziehungen standen, als der gegenwärtige russische Kaiser zn Kaiser Wilhelm II. Die Verwandtschaft hat aber den Kaiser Nikolaus I. nicht gehindert, seinen königlichen Schwager auf das Rücksichtsloseste zu behandeln, und auch Kaiser Alexander II. konnte es nicht verhindern, daß sein von ihm persönlich verehrter Onkel, Kaiser Wilhelm I., und das Deutsche Reich von der russischen Presse verunglimpft wurden. Selbst der russische Selbstherrscher kann sich eben nicht mächtigen Strömungen, wie es die ausgesprochen antideutsche Strömung in Rußland Ende der 70er Jahre war, entgegenstemmen.
In jener kritischen Zeit begründete bekanntlich Fürst Bismarck das Bundesverhältniß mit Oesterreich, dem nach kurzer Zeit Italien beitrat. Und diesem meisterhaften Schachzuge des Staatsmannes war es in erster Reihe zu verdanken, daß fich die erwähnte antideutsche Strömung in Rußland nicht in die That umsetzte. Wenn nun aber Deutschland leichten Herzens den Dreibund in die Brüche gehen ließe und wenn dann die antideutsche Strömung von 1878/79 in Rußland wieder die Oberhand bekäme — und wer könnte diese Möglichkeit in Abrede stellen? —, dann wäre Deutschland gezwungen entweder alle Beschimpfungen über fich ergehen zu lasten oder zum Schwerte zu greifen, sei es angriffs-, sei es vertheidigungsweise. Es würde dann den Krieg nach zwei Fronten hin ganz allein zu führen haben, denn Österreich und Italien hätten mangels eines Vertrags - Verhältnisies natürlich keinerlei Verpflichtung, Deutschland beizuspringen.
Noch ungünstiger aber als Deutschland wären Oesterreich und Italien bei einem deutsch- rnsfisch-französischen Einvernehmen unter gleichzeitiger Auflösung des Dreibundes daran. Oesterreich wäre dem ihm zweifellos überlegenen Rußland au§ geliefert und müßte fich vor allen Dingen vom Balkan gänzlich zurückziehen, Italien wäre Frankreich gegenüber in derselben Lage. Deutschland hätte ja kein Interesse
ihr zu einer kleinen Ewigkeit aus. Horch, — Schritte, — er ist es, — — dem ihr Herz in stürmischem Sehnen entgegenschlägt. — — Ob er ihr heute wieder etwas zustecken wird? —
Wie seine Augen blitzten hinter den funkelnden Brillengläsern! Um den Mund, den ein keck aufwärtsgedrehter Schnurrbart ziert, liegt ein Lächeln, so daß die schönen, schimmernden Zähne sichtbar werden. Einen Moment schien er zu vergeffen, daß außer Röschen auch die Mutter sich im Zimmer befindet. Ungestüm erfaßt der junge Doktor die Hände des heiß erröthenten Mädchens, und zieht sie hastig an seine Lippen dann besinnt er sich und wendet fich Frau Mathilden zu, die lächelnd die beiden jungen Menschenkinder beobachtet hat.
O glückliche Jugendzeit, mit Deinem goldenen Schimmer, wie bist Du so schön! —
Die Mntter bedeckte daS Gesicht mit den Händen. Mächtig quoll die Erinnerung an ihre eigene Liebe empor.
Einst war auch sie ein schönes, vielbegehrtes Mädchen gewesen, verwöhnt, verhätschelt, auf Händen getragen von ihren Angehörigen. Bald würde nun auch Röschen sie verlosten, Waldemar, der Bruder, weilte seit kurzem auf der Universität, und dann war sie allein und vergeffen. —
Ganz vertieft in ihre traurigen Gedanken, konnte sie nicht sehen, wie Röschen abermals ein Briefblatt in Empfang nahm. Doch entging ihr der rerständnisinnige Blick nicht, den die Beiden mit einander tauschten.
Diesmal war es ein richtiger Brief, den der Doktor in die Hände des süß erschauernden Mädchens legte, er lautete:
daran, die Großmachtstellung Oesterreichs und Italiens zu wahren.
Das deutsch-rusfisch-französische Einvernehmen wird um so gesicherter sein, je fester der Dreibund bestehen bleibt. Ja, man kann wohl sagen, erst unter der Voraussetzung des Fortbestehens des Dreibundes ist ein Einvernehmen mit Deutschland und Frankreich von positivem Werthe, weil Deutschland dann als der völlig Gleichberechtigte erscheint. Kein deutscher Staatsmann wird je daran denken wollen, seinerseits die Hand zur Auflösung des Dreibundes zu bieten. a.
Umschau.
Die Danziger Kaiserrede.
* Dor dem Artushofe zu Danzig hat unser Kaiser am Sonnabend in Erwiderung einer Ansprache des Oberbürgermeisters Delbrück eine Rede gehalten, die in mehr als einer Beziehung weit über die Grenzen Westpreußens hinaus ein lautes freudiges Echo finden wird. Wohl war schon bisher der Eindruck ein allgemeiner, daß die Zweikaiserzusammenkunft ein wichtiges Ereigniß und zwar ein der Erhaltung des Friedens dienendes Ereigniß gewesen sei. Die letzten Kaiserworte aber machen diese Ver- muthung zur Gewißheit.
„Ich komme soeben von der hochbedeutsamen Begegnung mit meinem Freunde, dem Kaiser von Rußland, welche zu unserer beider vollsten Zufriedenheit verlaufen ist und durch welche hinwiederum die Ueberzeugung unerschütterlich befestigt wird, daß für lange Zeiten der europäische Frieden für die Völker erhalten wird." So sprach der Kaiser unter der Nachwirkung des, wie man fieht, höchst befriedigenden Eindruckes, den seine Besprechungen mit dem Zaren aus ihn ausgeübt haben.
Nicht nur im Deutschen Reiche, sondern in der ganzen Welt wird man dieses Ergebniß der Danziger Kaiserbegegnung freudig begrüßen. Hat man nunmehr allseitig das friedfertige Walten unseres Kaisers auch im Auslande anerkannt, hat man die Ueberzeugnng gehabt, daß unser Monarch unter Einsetzung seiner starken Thatkraft Friedensstörungen zu verhindern wiffen werde, so ist doch mit solcher Bestimmtheit die Aufrechterhaltung des europäischen Friedens für lange Jahre nicht zugefichert worden, wie durch die Danziger Kaiferworte, aus denen hervorgeht, daß die beiden mächtigen Herrscher von Deutschland und Rußland in den in den herzlichsten Beziehungen zueinander stehen
„Geehrtes Fräulein!
Zürnen Sie mir nicht, daß ich diesen Weg gewählt, mich Ihnen verständlich zu machen. Nicht schreiben, nein, — sagen möchte ich Ihnen, was mir das Herz bewegt, um dann die beglückende Antwort aus Ihren schönen Augen zu lesen, von Ihren Lippen zu hören. Sollte es Ihnen möglich fein, fich frei zu machen, so kommen Sie gegen 3 Uhr zur alten Kapelle. Schenken Sie mir nur eine einzige Viertelstunde.
In glücklicher Erwartung
Ihr ergebenster
Dr. Hermann Pächtner."
* *
Die alte Kapelle lag frei auf einer Heinen Anhöhe ganz nahe der Stadt und bot einen malerischen Anblick dar. Der Ort war von Spaziergängern viel besucht, weil man von da aus einen hübschen Ueberblick genoß. Deshalb hatte ein unternehmender Mann in der richtigen Voraussetzung, daß man beim Spazierengehen stets Hunger und Durst bekommt, links von der Kapelle ein Restaurant modernsten Stils mit großem, schattigem Garten errichtet, welches fich auch ganz gut rentierte.
Heute war es zwar ausnahmsweise still und nnsam hier oben. Dr. Pächtner saß als einziger Gast in dem geräumigen Garten und spähte den sanft emprsteigenden Weg hinab. Jetzt fuhr er wie elektrisiert von feinem Sitze auf, doch er hatte sich getäuscht, es war nicht die Erwartete. Ungeduldig zog er die Uhr, schon halb vier, — seufzend trank er den Rest seines Glases aus, bezahlte den Kellner, und verließ des Lokal.
Draußen empfing ihn ein schneidender Wind.
und in dem Bestreben, den Frieden zu erhalten einig sind.
Ein gleich befriedigendes Ergebniß wie die Unterredungen der beiden Kaiser dürfte sonach auch die Besprechung gehabt haben, welche die beiden leitenden Staatsmänner der nachbarlichen Kaiserreiche miteinander gepflogen. Daß auch hierbei ein Einvernehmen erzielt worden sein müsse, dürfte keinem Zweifel unterliegen. Es wäre allerdings müßig, sich in Vermutungen über den Inhalt der Unterredungen zu ergehen; allein man wird gleichwohl zu der Annahme berechtigt fein, daß nicht nur Fragen der hohen Polik, sondern auch der künftigen Gestaltung der handelspolitischen Beziehungen zur Sprache gebracht worden seien und daß es auch hierüber zu einem Einverständniß gekommen fei. c.
Die Dringlichkeit einer Reform des Aktienrechts
ist durch die fenfationeCen Vorgänge in Heilbronn und Breslau aufs neue dargelegt worden. Hier wie dort haben die Direktoren, hier der Gewerbebank, dort der Rhederei Vereinigter Schiffer, sich in wahnsinnige Spekulationen eingelassen und, um die dabei erlittenen Verluste zu decken, schwere Betrügereien verübt, die den Zusammenbruch beider Gesellschaften zur Folge haben dürsten. In beiden Fällen handelt es sich um Millionen, durch welche die Aktionäre geschädigt werden und in beiden Fällen ist es nicht die Hochfinanz, die den Schaden zu trägen haben wird. Die Reform des Aktienrechts nach der Richtung, vor den Eingriffen unredlicher Direktoren und vor den Folgen von Spekulationen derselben die Aftionäre zu schützen und den Auffichtsrath zu schärferer Ueberwachurg der Geschäftsführung anzuhalten ist dringend erforderlich. e.
Zum Zolltarif-Entwurf.
Eine Berfammlunq hessischer Landwirth« sand am Sonntag in Darmstadt unter dem Vorfitz des Präsidenten der zweiten hessischen Kammer, Geh. Re- aierungsrath Haas, statt. Jnsgesammt waren über 2000 Landwirthe, mehrere Reichstagsabgeordnete, sowie eine größere Zahl hessischer Landtagsabgeordneter anwesend. Die Regierung hatte es abgelehnt, einen Vertreter zu entsenden. Sämmtliche Redner betonten, daß der vorliegende Zolltarifentwurf für einen wirksamen Schutz der hessischen Landwirthschaft bei deren stetem Niedergang nicht ausreichend sei, was auch in einer einstimmig angenommenen Resolution hervor- gehoben wurde. Darin wird u. A. gefordert: die Ausstellung eines Doppeltariss mit festen Maximal- und Minimaltarissätzen für alle landwirthschastlichen Positionen. Als Zeitpunkt des Inkrafttretens des Zolltarifgesetzes ist der 1. Januar 1904 gesetzlich fest-
Fröstelnd zog der junge Mann den Kragen seines Rockes empor, und wandelte langsam rings um die verfallene Kapelle herum. Doch alles war totenstill und leer, keine Menschenseele ließ fich blicken. Welkes Laüb, das bei jedem Schritte leise raschelte, bedeckte ringsum den Boden.
Der Aufenthalt im Freien war höchst un- gemüthlich. Oft sah der einsam Wandelnde nach der Uhr; sie zeigte bereits halb fünf; als derselbe fich entschloß, zur Stadt zurückzukehren.
Eine finstere Falte lag ans der hohen Stim, unmuthig hieb er mit seinem Stock die dürren Zweige von den Sträuchern.
„Sollte ich mich getäuscht haben?" murmelte er halblaut, „ich glaubte doch aus ihrem Erröten, aus ihrem Lächeln entnehmen zu dürfen, daß fie mir nicht abgeneigt ist. Oder ist fie eine kleine Kokette, die ihr Spiel mit mir zu treiben gedenkt, und fich jetzt über mich lustig macht? Ja, ja, so wird es sein, denn wenn fie gewollt hätte, wäre fie sicher gekommen."
Seinem sehr leicht zu Mißtrauen geneigten Wesen entsprach diese Annahme vollkommen, er redete sich so in seinen Unmuth hinein, daß er einen Heinen Jungen, der dicht an ihn herantrat, erst bemerkte, als derselbe ihn ansprach.
„Entschuldigen Sie," sagte der Kleine, in seiner Tasche herumsuchend, „Sie sind doch Herr Doktor Pächtner?"
Als der Angeredete bejahte, reichte ihm der Junge einen Brief hin. „Den soll ich Ihnen geben," fügte er hinzu und verschwand eiligst in der Richtung nach der Stadt.
(Fortsetzung folgt.)