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Zweites Blatt

Der Gothik

Direktor: K. Bola

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Danziger sich treu geblieben. Der Königin der Adria ist die^Krone vorn Haupte gefallen, durch tobte Kanäle gleitet die Gondel an unbewohnten verfallenen Palästen vorüber. Danziger Bürger­kraft aber hat Leben und Wohlstand zu bannen verstanden; noch strömen Polens Korn und Polens Holz hier zusammen, wird der Bernstein hier verarbeitet, der Fischfang hier betrieben, wie vor alters. Aber heut sausen hier auch die Näder, schlagen die Hämmer, rauchen die Schlote; gewaltige Fahrzeuge entstehen, die den deutschen Handel in ferne Zonen tragen, und andere, die ihn schützen, Maschinen werden gebaut, der Natur wird die Kraft der Elektricität abge­wonnen. Und Just's gepriesenes Goldwasier macht nach wie vor Danzigs Namen denen Werth, die „was Gut's in Ruhe schmausen" mögen. Neu- Danzig darf sich kühnlich neben Alt - Danzig zeigen, — und wenn Alt-Danzig einen Fahren­heit, einen Forster, einen Chodowiecki erzeugt hat, so dars Neu-Danzig auf Schnaufe, den frei­sinnigen Kunsthistoriker, auf Hildebrandt, den phantasievollen Maler des Orients, aus Trojan, den stillvergnügten Humoristen und Moselsänger, Hinweisen.

An einer Stadt, wie dieser, ist das Schöne, daß wir empfinden: hier ist Alles gewachsen. In Berlin, Dresden, München sehen wir, was bedeutende Männer, tüchtige Geschlechter machen können. Hier ist nichts gemacht, Alles gewachsen. Stehen wir auf dem Bischofsberge, so sehen wir mit einem Blicke, daß der Platz für diese Stadt von der Natur nothwendig angewiesen war. Dort die sumpfige Niederung der Weichskl- mündung, zur Städtegründung wenig geeignet, hier das hohe Land, das Halt und Schutz ge­währte, und als Verbindung zwischen beiden die Rabanne. So konnte, so mußte hier bei

architektonisches Juwel genannt werden darf. Jetzt ist unsere Zeit dabei, diesen beiden Bau­stilen der Statut einen dritten zuzustellen.

„Unsere Zeit steht im Zeichen des Verkehrs." Doch der Verkehr ist ein launischer Gott; er hat seine Günstlinge und seine Stiefkinder. Solch ein Stietkind ist im Süden unseres Vaterlandes, Stuttgart, eine der schönstgelegenen deutschen Städte, im Norden aber vor Allem unser Danzig. Wie wenige Deutsche find es, die in ihren Ferientagen den Weg zu diesem Kleinode des deutschen Nordostens nehmen! Und doch grüßt uns hier ein Jahrtausend ruhmvoller deutsche Geschichte und Kunst, locken uns die Spuren der Poesie, die E. T. A. Hoff­mann im Artushofe eine seiner geistvollsten Inspirationen schenkte, bietet die Umgebung den lieblichsten Wechsel von Berg und Thal, von Wald und Feld, rauscht in nächster Nähe das ewige Meer, umgürtet von schmucken Villen- oiten, kommt und geht in unermüdlicher Ge­schäftigkeit die mächtige Woge des modernen Handels. Die Danziger sind stolz auf ihre Vaterstadt, und sie dürfen es sein. Nennt man die besten deutschen Städtenamen, so wird auch der Danzigs genannt, und das nach der See­macht strebende junge deutsche Reich wird die altehrwürdige, mächtige Weichselstadt besonders in ihr Herz schließen.

tacanttcortltd) für Ott Redaktion: Han» & «’« in IRrtrbnttt

Verkehr und das freie Spiel der Kinder ge­währten; sie wurden als wahre Schmuckstücke behandelt und mit ost kostbaren Geländern von Schmiedeeisen oder Marmor oder mit schönen Freitreppen ausgestattet" (v. Dettingen). Auf Meister Daniels Zeichnung, die er von seiner berühmten Danziger Reise heimbrachte, kann man noch die Langgasse (die „Linden" Danzigs) im vollen Schmucke der Beischläge sehen. Auch sie haben dem modernen Raumbedürfnisie viel­fach weichen müssen. Doch, wie gesagt, trotz allem hat Danzig sich fein charakteristisches historisches Gepräge noch bis zum heutigen Tage zu wahren verstanden; und wer je vom Bischofsberge herab auf die breitgelagerte Stadt hinabblickte, die der originelle Rathhausthurm und die stumpfen Thurmkolosse der Marien­kirche Wahrzeichen gleich überragen, der wird dies Bild nicht so leicht wieder vergessen.

Zwei Umstände haben wohl wesentlich dazu mitgewirkt, daß Danzig sich so eigenartig er­halten konnte. Einmal der, daß die Danziger klug und begütert genug waren, um zeitig den Holzbau zu verlaßen und zum massiven Bau mit Back- und Hausteinen überzugehen. So konnte das Feuer hier nicht die fürchterlichen Verheerungen anrichten, von denen andere Städte in den alten Zeiten so oft heimgesucht worden sind. Dann aber ist Danzig ungewöhnlich lange ein selbständiges Gemeinwesen, eine freie Stadt geblieben, die sich unbehindert nach ihrem Ge­fallen entwickeln konnte. Erst 1793 hat sie der mächtigen Umarmung des preußischen Staates nachgegeben, und Jahre lang noch lebte in der Bürgerschaft der Groll gegen die Herrschaft des schwarzen Adlers. Das kann man nun den Danzigern gewiß nicht übel nehmen, denn hinter ihnen lagen Jahrhunderte selbständiger Ge­schichte, in denen die Bürgerschaft hohe Weisheit und Thatkraft bewiesen hatte, und auf Schritt und Tritt gemahnten ruhmwürdige Denkmale an die , Leistungen der Altvordern. Da war der Artushof — noch heute tritt er uns zuerst vor das geistige Auge, wenn wir das Bild ehrenfesten alten Kaufmannslebens in seiner ganzen Mannigfaltigkeit und Buntheit lebendig ver­gegenwärtigen wollen; da war jede Wand ge­ziert mit köstlichem Schmuck, jede Pforte mit sinnvoller Schnitzerei, und alte Handwerkswahr­zeichen, wie jenes täuschend gemalte brennende Licht, erinnerten an den biederen Humor der wackeren Alten. Da war der große Schatz der Marienkirche, des zarten Memling kostbares „Jüngste Gericht" — was erzählte es? Es erzählte, daß es aus den kunstfertigen Nieder­landen für die erlauchten Medici verstachtet gewesen, als Paul Beneke, der Kommandant eines Danziger Kreuzers, das Schiff kecklich anfiel und seine Ladung erbeutete; die Eigenthümer des siegreichen Kreuzers, die Herren von der Georgs- gilde, stifteten es dann der Kirche. Fest, selbst­verständig und besonnen — so waren die Danziger immer gewesen. Für solchen Bürgergeist mußte es ein schweres- Opfer sein, hinfort auf alle Sclbststänbigkeit in der Polllik zu ver­zichten. Doch auch in der neuen Zeit sind die

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große Weichfelhafen entstehen. Freilich rnag's noch wüst genug aus dem Moorlande ausgesehen haben, als der heilige Adalbert hier, „in Ghddanize", ans Land stieg und eine große Anzahl Heiden taufte. Damals war die An­siedelung noch slavisch; aber es kamen die Cister- zienser aus Kslbatz in Pommern, es kamen Lübische Kaufherrn und Rheder, es kam der Deutsche Orden, und Danzig ward eine feste, mächtige blühende deutsche Stadt, und das ist sie geblieben bis zum heutigen Tage. Später wanderten hier auch noch Niederländer, ja selbst Spanier und Italiener ein, die wegen ihres Glaubens daheim bedrängt wurden, und damals fuhren Danzigs Schiffe weithin über die Meere, und seine Bürger wurden stolz und reich und wollten es den Herrn von Venedig und Genua gleich- thun, deren Pracht und Glanz sie auf ihren Reisen kennen gelernt hatten. Daher weißt auch Danzigs Baugeschichte hauptsächlich

aus zwei Perioden hin. D ~ entstammen die mächtigen Backsteinkirchen, der Renaissance aber und dem üppigen Barock die Bürgerbauten, öffentliche wie private. Beide Stile stoßen zusammen in dem ehrwürdigen Rathhause, dessen Unterbau wohl von dem des Thorner Rathhauses übertroffen wird, dessen schlanker und orgineller Thurm aber, em herr­liches Symbol weitreichender SürgerinncLt, ein

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Vom preußischen Venedig.

Danziger Federzeichnung zum Kaisermanöver.

Von AdalbertHeike.

Friedrich Wilhelm IV. pflegte Danzig Jein Venedig" zu nennen, und wenn auch der Ver­gleich mit der Lagunenstadt gewiß recht abge­braucht ist, so hat er doch in diesem Falle einige Berechtigung. Was dort die Lagune und ihre Kanäle sind, das sind hier die hurtige Radaune, die träge Mottlau und ihre Kanäle; sie schaffen ein Netz von Wasserwegen, breite mit regem Verkehr, enge, in die kaum je ein Sonnenstrahl eindringt. Fehlen die stolzen Palazzi mit ihren Marmorfaffaben, so mangelt e8 boch nicht an vornehmen unb reichen Patrizierhäusern, die mit ihren schmalen, hohen Fronten und den mächtigen Fenstern charakteristische Bilder geben; trotzige Thürme, schwerfällige Mauerreste erzählen von wahr­haften alten Tagen; hochstrebenbe Kirchen ragen „aus ber Straßen quetschenber Enge" majestätisch aus, und über dem ganzen Stadtbilde liegt jene wundervolle Patina der Geschichte, mit deren Reiz selbst die prächtigen modernen Groß- und Königsstädte nicht wetteifern können. In dieser Beziehung kann in ganz Nordbeutschland eigent­lich nur noch Lübeck sich mit Danzig dergleichen, unb noch heut kann der, der Danzigs Gassen im Mondscheine durchwandert, wohl Träume unb Gesichter schauen,

Als läg' zauberhaft versteinert Drunten eine Märchenwelt.

Noch heut! Ach, auch hier macht ber moderne Verkehr seine unerbittlichen Rechte geltend, legt Bresche in den malerischen alten Wallgürtel, fegt düstere, enge Winkel und Gaffen hinweg und löscht so manchen charakteristischen Zug aus. Heute trägt der polnische Edelmann, wenn er Danzig besucht, nicht mehr die pittoreske alte Nationaltracht unb den Starostensabel; heute reist der russische Kaufherr nicht mehr in ber Telega oder Kibitka zur Weichelstadt, und am Hasen sieht man keine blühenden Holländer­innen mehr mit ihrem seltsamen goldenen Kops­schmucke. Das Alles waren aber Erscheinungen, wie sie Meister Daniel Chodowiecki noch in seiner Knabenzeit tagtäglich erblickte. Und damals war Danzig noch voll von jenen präch- tigen alten Häusern, von denen so viele der neuen Zeit zum Opfer gefallen find, von jenen Häusern, deren Fronten oft gar wunder­samen Schmuck aufwiesen: auffahrende Adler, brennende Phönixe, selbstmörderische Pelikane, Schildkröten mit beweglichen Gliedmaßen, springende Pferde u. bergt m. Auch stauben noch allenthalben jene für Danzig charakteristischen Beischläge, jene eigenthümlichen Terraffen, bte als Ueberwölbungen der Kellerhälse den Häusern in ihrer ganzen Breite nach der Straße zu Vorlagen und aneinander stoßend eine Reihe von willkommenen Plätzen für den nachbarlichen

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