mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg «ud Kirchhain.
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Marburg
Sonntag. 25. August 1901.
Erscheint täglich anher an Werktagen nach Sonn- uno Feiertagen. GouulagsbrUage: Jlluftrirte» Souutagsblatt.
Druck und Verlag: Iah. Ung. Such, llniverfitätS-Buchdrwk««
Marburg, Markt 91. — Telepbon 55
Jahrgj 36.
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für den Monat September auf die
^Vberhessische Zeitnng" nebst ihrer Beilagen werden von unserer Expedition Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch - huin und Neustadt, sowie von allen Post- imstalten und Landbrieftrügern entgegengenommen.
Der türkisch-ftanzöstsche Konflitt.
Der Meldung, daß der französische Bot- ^haster bei der Pforte, Herr Constans, die Beziehungen mit der ottomanischen Regierung wegen Wortbruchs des Sultans offiziell abgebrochen habe und daß ein Konfliktszustand eingetreten sei, wird man das alte Wort entgegensetzen können: Es wird nichts so heiß gegessen, wie eS gekocht ist. Herr Constans scheint etwas zu temperamentvoll gehandelt und den Vorwurf des Wortbruchs zu leicht genommen zu haben und er wird den Schaden davon tragen muffen. Der Fall wird keineswegs tragisch zu nehmen sein.
Der sogenannte türkisch-französische Konflikt hat seinen Ausgang von einem rein privaten Rechtsstreit genommen. Eine französische Gesellschaft bewarb sich in Konstantinopel um die Konzession zum Bau von Ouaianlagen. Man rechnete dabei auf ein gutes Geschäft, ähnlich wie es die Herren v. Siemens und Genossen zur Zeit vom Lau der Bagdadbahn erwarten. Sehr bald jedoch wurde dieser erhoffte Gewinn stark in Zweifel gezogen, zumal das Erdreich ruschte md umfassendere Arbeiten, als ursprünglich die Techniker vorgesehen hatten, sich als noth- wendig erwiesen. In diesem Augenblick war die Liebe der Herren Franzosen für die Hohe Pforte und die zärtliche Fürsorge für das Wohlergehen der Herren am Goldenen Horn verraucht. Sie forderten von der ottomanischen Regierung den Rückkauf der Konzession und die französische Regierung war unvorsichtig genug, dm Fall zu einer diplomatischen Angelegenheit aufzubauschen. Wiederholt hat der französische Botschafter Constans mit den Beamten des Sultans und zuletzt auch mit diesem selbst verhandelt. Constans behauptet nun, der Sultan hätte ihm in einer Audienz am vergangenen Donnerstag versprochen, daß die Angelegenheit irf einer den Franzosen erwünschten Weise
li (Nachdruck verboten.)
Ihr Barmuud.
Original-Roman von Ellen Svala.
(Fortsetzung.)
Wie wundervoll war es in dem hohen Jagdivagen so dahin zu sausen, jedenfalls viel an- zmehmer, als in dem niedrigen Ponnhwagen ^urch den Staub zu troddeln. Die Farbe kam in Felicias Gesicht zurück, die großen Augen lwchteten vor freudiger Lust und als sie bei einer Biegung des Weges an Evchen und Lilly dorüberkamen, welche Moos suchten, lachte sie «nd warf ihnen Kußhände zu.
„Wie ich sehe, geht es Dir jetzt wieder ganz M," sagte Elmar nach einer Weile, indem er lächelnd auf sie herniedersah.
„Ja, ich danke."
„Bist Du mir nicht sehr dankbar, daß ich einen so großen Umweg mache, um Mch heim- prfahren und Dir so die Vorwürfe von Johanna erspare?"
„Ich fürchte, sie find nur aufgeschoben, aber vicht aufgehoben. Ich kann nicht begreifen, das Flip zu einem solchen Betragen veranlaßte, hewöhnlich geht er so ruhig. Ich dachte nach und vergaß, daß ich kutschierte."
.Hör, Felicia — ich wünsche nicht, daß Du Wieder mit Flip ausfährst," sagte Elmar nach rrner kleinen Pause plötzlich.
„Was! Nicht mehr mit Flip ausfahren?" »elicia's Blut stand still — es war ihr Haupt- ^erguügen, beinahe das einzige, was fie hatte, dw jetzt nahm er ihr auch das fort. Das sah w ähnlich! Dieselbe Politik, welche fie ^ährend ihres Aufenthaltes bei Fräulein Weil
geregelt werden solle, er habe sein Wort gebrochen, deshalb habe er nunmehr die Beziehungen abgebrochen und seine Päffe gefordert.
Ob die Angelegenheit nun so liegt, ob der Sultan sein Wort gebrochen habe, wird von Kennern der Verhältnisse bezweifelt. Man nimmt an, daß Herr Constans etwas voreilig gehandelt hat und daß die französische Regierung den Rückzug antreten werde. Die Erfahrung lehrt, daß der Abbruch diplomatischer Beziehungen im Orient niemals tragisch zu nehmen ist. Nach einer Periode äußerlich erkennbarer Spannung pflegt der Faden an der Stelle wieder ausgenommen zu werden, wo man ihn hat fallen lassen; ernstere Verwickelungen brauchen deshalb noch nicht einzutreten. Die französische Regierung wird nun natürlich ihren Botschafter nicht ganz im Stich laffen können, fie wird zu derselben Zeit, wo Herr Constans seine Pässe erhält, den türkischen Gesandten in Paris, Munir-Beh gleichfalls die Päffe zustellen. Die angekündigte Entsendung einiger Kriegsschiffe nach dem Goldnen Horn wird gleichfalls erfolgen, dann wird alles in schönster Weise geregelt werden.
Die neneften Nachrichten besagen denn auch, daß der Abbruch der diplomatischen Beziehungen Frankreichs zur Türkei nicht offiziell und vollständig erfolgen wird, außer in dem Falle, daß der Sultan auf seiner jetzt angenommenen Haltung beharre. Dann werde das gesamte Personal der französischen Botschaft Konstantinopel verlassen. Ein weiteres Telegramm berichtet :
„Der Minister des Aeußern Delcaflö gab am Freitag Nachmittag dem unter Vorsitz des Präsidenten Loubet zusammengetretenen Ministerrath Kenntniß von den aus Konstantinopel erhaltenen neuesten Nachrichten. — Man glaubte, daß die bei Toulon unter Dampf gehaltenen Kriegsschiffe am Freitag noch keinen Befehl erhalten würden, sich nach dem Aegäischen Meer zu begeben; man hatte namentlich behauptet, daß diese Division die Bestimmung habe, eine Insel im Aegäischen Meer zu cerniren." — Diese Behauptung läuft wohl den Thatsachen weit voraus. *
Umschau.
Die notwendigsten Reformen des Aktienrechts.
* Die das öffentliche Wohl gefährdenden Bankbrüche der letzten Zeit haben im großen Publikum den dringenden Wunsch rege gemacht,
aller Vergnügen beraubt hatte! Aber tote kam er dazu, ihr das selber zu sagen, warum versteckte er sich nicht wieder hinter Johanna wie sonst? Aber anerkennen würde sie das Recht, fie zu kommandieren, durchaus nicht und bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wollte fie mit Flip genau wie sonst ausfahren.
„Wie entnüchtert Du ansfiehst; kam es von Elmars Lippen und jener ironische Blick streifte fie, der ihr so verhaßt war, weil fie sich so unbedeutend und jung darunter vorkam. „Und dennoch kannst Du lachen und plaudern, wenn Du willst. Ich habe Dich diesen Nachmittag beobachtet."
„Herr von Dahlen ist sehr nett," antwortete Felicia indigniert.
„Oh! Ohne Zweifel!"
„Ich glaube nicht," fuhr fie, durch den Ausdruck seines Gesichtes dazu getrieben, fort, „daß, wenn er ein Mündel hätte — ein erwachsenes Mündel, daß er fie umherkommandierte und ihr Leben verdüsterte durch harte Befehle, daß er ihr kaum etwas zu thun erlaubte und fie wie ein Kind behandelte."
„Sonst hast Du nichts auf dem Herzen? — Augenscheinlich war er sehr belustigt.
„Ich denke, es wäre viel höflicher gewesen, mich erst zu fragen, ob ich mit Dir heimfahren möchte. Und wenn ich bedenke, daß Du Fräulein von Rhenen ermächtigt hast, auf mich acht zu geben, so sehe ich gar nicht ein, daß ich auch noch Deine Wünsche neben den ihrigen beachten soll. Und — und — ich habe vollkommen verstanden, daß Du nicht mit mir belästigt sein wolltest," fügte fie langsam hinzu eingeschüchtert durch den durchbohrenden Blick seiner Augen.
unsere Aktiengesetzgebung möge alsbald einer genauen Durchsicht unterworfen und dergestalt reformiert werden, daß das Privatkapital besser als bisher vor Gefährdung durch leichtfertige oder verbrecherische Geschäftsführung in Aktiengesellschaften geschützt sei. Die „Kreuzzeitung' macht hierzu eine Reihe praktischer Vorschläge. Dieselben lauten folgendermaßen:
1. Niemand darf bei mehr als drei Aktiengesell- schaften Aufsichtsraths-Mitglied sein.
2. Vorstandsmitglieder und Angestellte einer öffentlichen Erwerbsgesellschast von mehr als 1 Mill. Mark Gesellschaftskapital können nicht zu Aussichts- raths-Mitgliedern anderer Gesellschaften dieser Art gewählt werden.
3. Zur Sicherung der nach §§ 241 und 249 entstehenden Ersatz-Ansprüche find die Gewinn-Antheile der Mitglieder des Vorstandes und des Auffichtsrathes erst ein Jahr nach dem Ausscheiden dieser Personen aus ihren Stellungen zahlbar und bleiben so lange gegen eine Verzinsung von 4 v. H. zur Verfügung der Gesellschaft.
4. Direktoren und Angestellte öffentlicher Erwerbsgesellschaften dürfen weder mittelbar noch unmittelbar Geschäfte bei der eigenen Gesellschaft machen.
5. Erwerbsgesellschaften, die Depositen- und Spar- kaffen-Gelder annehmen, müssen 1) die Höhe, bis zu welcher fie solche annehmen, öffentlich bekannt machen, 2) die Hälfte der empfangenen Einzahlungen in mündelficheren Wcrthen anlegen und 3) ihre Reserve- Bonds nebst deren Zuschreibungen in mündelficheren apieren bei der Reichsbank oder anderen öffentlich- rechtlichen Instituten niederlegen.
Aus den vorgeschlagenen Maßregeln ist deren Zweck klar ersichtlich. Einmal sollen die Mitglieder des Auffichtsrathes und des Vorstandes von Aktiengesellschaften veranlaßt und befähigt werden, sich mehr als bisher um die Angelegenheiten ihres Unternehmens zu kümmern und dessen Interessen gewissenhafter zu wahren, ohne durch Ueberhäufung mit anderen Geschäften daran verhindert oder durch Spekulationen im eignen Interesse beeinflußt zu sein; dann soll dem Privatpublikum, an dessen Beteiligung sich die Aktienunternehmungen in erster Linie wenden und auf dessen Kapital fie angewiesen find, eine größere Sicherung ihrer eventuellen Ersatzansprüche, sowie auch ihrer Depositen- und Sparkassen - Einlagen zu theil werden. Daß man diesem Ziele näherkomme, ist der dringende Wunsch weiter Kreise; die Vorschläge der „Kreuzzeitung" verdienen also die höchste allgemeine Beachtung. Auf die Einzelheiten der vorgeschlagenen Reformen zurückZukommen, werden wir noch Gelegenheit haben; für heute begnügen wir uns damit, die Vorschläge wiederzugeben und zur Debatte über dieselben anzuregen.
„Was habe ich? Johanna ermächtigt? Wozu ?" fragte er heftig.
„Mich ganz ihr zu überlassen."
„Den Kuckuck habe ich — — dann muß ich--" er brach ab, fügte aber gleich darauf
hinzu: „Dennoch denke ich, daß Du ihre Aufsicht meinem Ueberwachen vorziehst. Ich darf nicht vergessen, wie sehr Du mich hassest — oder darf ich?"
„Ich bin nicht so dumm, mir einzubilden, daß Du Dir etwas daraus machst, was ich thue," sagte Felicia. „Wenn Du es je gethan hättest, würde es einen Unterschied machen."
Sie waren während dieser Konversation vox der Freitreppe der Villa angelangt, und während ein Diener das Pferd hielt, sprang Elmar ab und kam an ihren Sitz.
„Darf ich um die Ehre bitten, Dir beim Aussteigen behilflich zu sein?"
„Nein ich danke," antwortete fie schnell und ehe er sie daran hindern konnte, war fie herabgesprungen und mit einem „Gute Nacht" und „Danke für geleistete Hilfe" in dem dunklen Korridor verschwunden.
Sie hörte die Räder davonrollen als fie die Treppe hinaufstieg und athmete erleichtert auf; aber dennoch war in ihr ein seltsames Gefühl der Leere, so, als sei ihrem Leben der Schutz eines starken Willens entzogen.
Onkel Fritz war voller Besorgnis für das junge Mädchen, als er von dem Unfall erfuhr und bemühte sich, während des Abendessens, den Sturm abzuwehren, welcher für Felicia aufgestiegen war und drohend auf Johauna's Stirne lag. Aber es war umsonst. Als beide sich nach dem Studio zurückziehen wollten, erhob sich das
Aus der Sozialdemokratie.
Genosse „ParvuS" giebt wieder ein Lebenszeichen. In der „Neuen Zeit" beginnt er eine Artikel-Serie über den „Opportunismus in der Praxis". Der von Parvus beklagte Opportunismus der Sozialdemokratie ist hauptsächlich in der Haltung zur Z o l lfr a g e zu Tage getreten. Parvus schreibt darüber:
„Alle Welt fieht, wie die Handelsmacht Englands bedroht ist. Das kann nicht ohne Einfluß auf die Politik der englischen Arbeiterklasse bleiben. Der englische industrielle Liberalismus hat seit dem Falle der Korngesetze eine glänzende Entwicklung durchgemacht, und es gelang ihm sogar, die Arbeiter vor seinen Triumphwagen zu spannen. Aber die goldene Zeit der englischen Handelssuprematie ist vorbei, das englische Kapital wird auf dem Waarenmarkt und aus dem Kolonialmarkt gewaltig bedrängt, die Entwicklung seines Exports und seiner Industrie hält längst nicht mehr Schritt mit der kapitalistischen Entwicklung anderer Länder, was nun? „Was wird die Folge sein, wenn kontinentale und besonders amerikanische Waren in stets wachsender Masse hervorströmen, wenn der jetzt noch den englischen Fabriken zufallende Löwenantheil an der Verfolgung der Welt von Jahr zu Jahr zusammenschrumpst? Antworte, Freihandel, du Universal- mittel!" Auf diese Frage, die Friedrich Eengels 1885 stellte, wird jetzt in Strömen Blut die Antwort gegeben: Imperialismus."
.Die Industriellen des Festlandes freuen sich über den sich vorbereitenden Niedergang Englands, denn fie hoffen, fich in die englische Erbschaft theilen zu können. Besonders das deutsche Kapital dünkt fich als den prädestinirten Nachsolger Englands in der Handelssuprematie. Verfehlte Spekulatron! Der Streit ist viel allgemeiner, als zwischen zwei Industriestaaten. Es handelt sich um die Concurrenz ganzer Welttheile. Die industrielle Zukuust gehört Amerika und Rußland. Diese Länder haben gegenüber dem alten Europa den Vorzug der geographischen Lage, der gewaltigen Ausdehnung, des Riesenmaßstabs, in dem sich dort die Industrie von vornherein entwickelt, der Politischen Einheit. Diese Concurrenz bedroht, ebenso gut wie England, auch Deutschland und Frankrerch."
Soweit „Parvus", dem wir in der Be- urtheilung der wirthschaftlichen Fragen, obwohl sie ziemlich zutreffend sein dürfte, keine Autorität beimessen wollen, sondern dessen Ausführungen, wir nur erwähnen, weil sie uns zeigen, welch widersinnigen Standpunkt die Sozialdemokratie als angebliche „Arbeiterpartei" in der Zollfrage einnimmt. Es ist in der That nur Opportunismus, der die Sozialdemokratie zum Freihandel treibt; man glaubt dadurch politische Geschäfte machen und namentlich die „Junker" ruinieren und an die Wand drücken zu können. Man wird -abwarten müssen, ob die fozialdemokratische Presse zu den Ausführungen von „Parvus" Stellung nimmt. Nach dem bisherigen Verhalten glauben wir, daß man versuchen wird, die Sache todtzu- schweigen.
Freifräulein, bat Felicia zu bleiben und schritt ihnen voran dem Salon zu. Dort begann sie sofort auf das junge Mädchen einzuschelten, fo lange und so anhaltend, bis sie selber müde wurde.
„Ueberhaupt schickt es sich durcha«S. nicht für ein junges Mädchen Deines Alters, zu sagen, Du wünschtest einem Manne, wie meinem Bruder, den Haushalt zu führen," — schloß ße endlich.
„Ich wünsche es durchaus nicht, Fräulein von Rhenen," rief Felicia aufspringend, den» dies war mehr, als sie ertragen konnte. „Sie wissen es sehr genau, daß ich es nicht wünsche und es war Fräulein vnn Dahlen, welche heute wiederholte, was ich sagte, ehe ich Elmar begegnete. Außerdem habe ich auch nicht das geringste Verlangen, jemals nach Schloß Rhenen zu gehen, nicht das geringste.
Johanna murmelte etwas von „Lilian sei so offen und freirnüthig," aber Felicia wartete ihre Antwort gar nicht ab. Trotz ihrer Beherrschung stiegen ihr die Thränen in die Augen, und doch doch war sie zu stolz, um sior dieser Frau zu weinen, die so gehässig und ungerecht war, die nie ein gütiges Wort für fie hatte und ihr das Leben bitter machte. Sie eilte die Treppe hinauf in ihr Zimmer, verschloß und verriegelte die Thüre und warf fich dann weinend aus ihr Bett. Niemand bekümmerte fich um sie, keine Seele nahm Antheil an ihr, ob sie traurig oder glücklich, gesund oder krank war, wem machte es etwas aus? Evchen und Lilly waren sich selbst genug, ihre einstigen Mitschülerinnen hatten Eltern, zu welchen fie gehen konnten --sie hatte niemand. (Fortsetzung folgt).