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Marburg
Sonntag. 18. August 1901.
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Vruck und Bnlag: Joh. «ug. Koch, Univerfitäts-Buchdruckent Marburg, Martt 31. — Lelepbon M
Jahrg. 36.
Erstes Blatt.
Bon der Ohmthalbchn.
Man schreibt uns:
Wiederholt und sicher nicht mit Unrecht ist m dieser Zeitung über die Mängel geklagt worden, welche dem jetzigen ganzen Verhältniß der Ohmthalbahn zu den anschließenden Staatsbahnstrecken anhaften und ihre ungünstigsten Rückwirkungen sowohl den Bewohnern der betreffenden Stationsorte und deren Umgebung, wie auch dem Kreise Kirchhain als Eigenthümer der Kleinbahn recht unangenehm bemerklich machen. Jedenfalls sind die gewiß nicht unberechtigten Hoffnungen der Bewohner des unteren Ohmthals Kirchhain—Schweinsberg in Bezug auf das Verkehrswesen und die Hebung des Verkehrs durch die Bahn bisher nur ganz gering in Erfüllung gegangen. Vieles muß noch besser werden.
• Der noch immer bestehende Mangel einer durchgehenden Frachtberechnung Don Stationen der Kleinbahn nach Staatsbahnstationen vertheuert jede Sendung, bei kleineren Stückgutsendungen vielfach um das Doppelte, sodaß eine Sendung, welche von Kirchhain nach Marburg oder Cassel 30 Pfg. Fracht kostet, von einer wenn auch noch so nahe gelegenen Kleinbahnstation abgesandt, weitere 30, also 60 Pfg. Fracht kostet, ein Preisunterschied, der bei den vorliegenden Verhältnissen, insbesondere bei der Kürze der ganzen Kleinbahnstrecke (8 Kilometer) viel zu hoch ist. Genau so verhält es sich im umgekehrten Falle, wenn Güter von Staatsbahnstationen nach Stationen der Kleinbahn gesandt werden. Bei Wagenladungen entstehen durch die getrennten Frachtberechnungen durchweg 6 Mark mehrkosten für die Verfrachter, ganz ohne Möglichkeit auf die Länge der Beförderungsstrecken auf der Kleinbahn und neben der allgemeinen Beförderungsgebühr pro Kilometer. Diese Umstände sind, wie leicht einleuchtet, durchaus nicht dazu angethan den Güterverkehr auf der Kleinbabnstrecke zu heben und zu beleben. Die früher erhoffte Vermehrung des Güterverkehrs ist daher auch hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Vielfach werden wieder Sendungen von den Kleinbahnstationen aus, wie früher vor der Inbetriebnahme der Bahn auf der Achse nach Kirchhain gefahren, und dort direkt auf der Main-Weserbahn auf- gegeben, lediglich um die durch die getrennte Frachtberechnung für die Kleinbahnstrecken entstehenden hohen Beförderungskosten zu ersparen. Aus demselben Grunde werden ankommende
Güter von Bewohnern der Kleinbahnstationen aus direkt am Main-Weser Bahnhof in Kirchhain abgeholt. Dem Vernehmen nach haben auch die hohen Beförderungskosten auf der Kleinbahn dazu beigetragen, daß die kurz nach der Betriebseröffnung begonnenen täglichen Sendungen von Quarzitsteinen aus den Gemarkungen Amöneburg und Rüdigheim bedauerlicher Weise schon seit längerer Zeit gänzlich eingestellt worden sind, was ein verhältnißmäßig hoher Verlust für die Kleinbahn aber auch für die beteiligten Gemeinden darstellt, welche die Steine verkaufen.
Durchgehende Gütersendungen, also von Staatsbahnstationen nördlich der Kleinbahn nach Staatöbahnstationen südlich der Kleinbahn über die Kleinbahn find trotz der seit 1. April d. Js. eingetretenen durchgehenden Betriebsführung durch die Staatseisenbahn-Verwaltung auf der gesummten Ohmthalbahnstrecken Kirchhain— Schweinsberg—Niedergmünden grundsätzlich ausgeschloffen. Alle solche Durchgangsgüter werden über Marburg—Gießen geleitet ohne Rückficht darauf, ob die BeförderuungSstrecke auf diesem Wege um das doppelte, drei- oder vierfache länger und die Fracht dadurch selbstverständlich viel höher ist. — Für solche Güter ist also die Ohmthalbahn überhaupt nicht da. Dies Verfahren scheint freilich mit dem Worte „im Zeichen deS Verkehrs" nicht wohl im Einklänge zu stehen. Wer führt heute noch ein Gut über einen mehrfachen Umweg? — Sendungen von den südlich von Mederofleiden gelegenen Stationen nach Kirchhain werden auf dem Frachtbrief als Bestimmungsstation nicht Niederofleiden mit dem Vermerk zur Weiterbeförderung nach Kirchhain mittelst der Kleinbahn, sondern Kirchhain selbst angegeben , über Niedergemünden-Gießen-Marburg abgefertigt. Diese Beschränkung ist, wenn fie auch in der Konzessionsurkunde enthalten ist, für die Ohmthal-(Klein-) Bahn doch durchaus nicht am Platze. Hier bei der Ohmthalbahn handelt es sich nicht um eine Kleinbahn, sondern um eine bestehende Hauptbahnlinien verbindende und das Ohmthal erschließende Neben bahn. Die Strecke Kirchhain-Schweius- berg-Landesgrenze ist keine sogenannte Stichbahn und kein Zubringer — die Kennzeichen der Kleinbahnen — sondern ein au beiden Enden an Staatsbahnen anschließendes Bindeglied zwischen dem ehemals kurheffischen und dem nördlichen Theil des Großherzogl.-hesfischen Oberheffen sowie dem Fuldaer Lande, welche Landestheile, obwohl Jahrhunderte hindurch zusammengehörig, bisher im Eisenbahn- und Verkehrswesen völlig getrennt waren und der direkten Verbindung, außer über die Umwege Gießen oder Bebra, entbehrten.
Wenn die Preußisch-Hessische Staatseisenbahngemeinschaft die auf hessischem Gebiet im äußerst schwach bevölkerten oberen Ohmthal gelegene Strecke Niedergemünden—Niederofleiden Landesgrenze als Nebenbahn gebaut hat und betreibt, so ist dies doch Beweis und auch Grund genug dafür, daß die in dem stark bevölkerten breiten und ertragreichen unteren Ohmthal einschließende Bahnstrecke, welche an der Landesgrenze eine natürliche Fortsetzung der ersteren bildet, nicht wohl Kleinbahn sein darf, ohne diesen preußischen Theil des OhmthalS in Verkehrssachen zu be- nachtheiligen.
Ein weiterer schon seit langer Zeit unangenehm empfundener Mißstand ist der Mangel an direkten Fahrkarten zwischen den nächsten und größeren Stationen der Main- Weserbahn einerseits und den Stationen der Ohmthalbahn anderseits. Ganz vorzugsweise liegt ein solches Bedürfniß zwischen den nördlichen Stationen der Ohmthalbahn und der Station Marburg vor. Marburg ist, wie durch die gefommten Verhältnisse von selbst gegeben das Reiseziel von etwa der Hälfte aller derer, die im unteren Ohmthal die Bahn benutzen. Gerade in dieser Richtung wickelt sich der hauptsächlichste Theil des gesummten Personen Verkehrs aus dem unteren Ohmthal ab. Es ist sehr unangenehm, für diese verhältnißmäßig recht kurzen Strecken stets auf der Abgangs- und auf der NebergangSstation Kirchhain, also immer zwei Fahrkarten lösen zu müssen. Dieser Uebelstand sowie der weitere Mangel einer Gepäcküberführung von einer Bahn auf die andere hat schon recht viel zu Klagen Anlaß gegeben. Möglich ist beides, sowohl die Ausgabe direkter Fahrkarten als auch die bahnseitige Ueberführung des Reisegepäcks und zwar letzteres ohne Vermehrung des vorhandenen Arbeiterpersonals und auch vor der Fertigstellung der geplanten direkten Einführung der Ohmthalbahn in den Main-Weser- bahnhof Kirchhain. Wie viel Unannehmlichkeiten werden durch solche ungenügenden, dem VerkehrSbedürfniß nicht in der möglichen und erwünschten Weise Rechnung tragenden Einrichtungen veranlaßt und wie leicht wären diese Mängel zu beseitigen. Hervorzuheben ist auch noch, daß nach dem jetzigen Fahrplan auf der gering bevölkerten Strecke Niedergemünden- Niederofleiden täglich vier Züge in jeder Richtung verkehren, in dem breiten Thal der stark bevölkerten unteren Strecke nach Kirchhain aber nut drei Züge täglich. Wenn auch keineswegs behauptet werden soll, daß der Verkehr mit drei Zügen nicht bewältigt werden kann, so muß man doch bedenken, daß — Bevölkerung vorausgesetzt — vermehrte Fahrge
legenheit auch die Benutzung der Bahn hebt Die Voraussetzung liegt aber im unteren Ohmthal mindestens in gleichem Maße vor, wie im oberen. Jedenfalls müßte eine ungünstigere Gestaltung der Verkehrsverhältnisse auf der preußischen Seite ausgeschlossen fein.
Alle die angeführten Mängel erheischen recht baldige Verbesserung und Abstellung. Das Hauptbestreben muß aber darauf gerichtet werden, daß die Kleinbahnstrecke sobald als möglich von den ihr auferlegten Beschräuftrngen befreit und zu einer Nebenbahn erhoben wird. Dies wird ober am schnellsten und sichersten erreicht werden durch Uebergang der Ohmthal-(Klein-)Bahn in das Eigenthum deS Staates, welcher auch die Anschlußstrecken auf beiden Seiten besitzt. Die thunrichste Beschleunigung dieses Aktes ist von besonderer Wichtigkeit für den Kreis Kirchhain, wie für die Stationsorte der Bahnstrecke und ihre Umgebung und endlich für das Bahnunternehmen selbst.
Umschau.
Der Bauernverein .Nordost".
Die „Freisinnige Ztg." hält sich darüber auf, daß „Bauernvereine" wie bet „Nordost" nicht ebenfalls zur Theilnahrne au der von Herrn Grasen v. Schwerin-Löwitz einberufenen Konferenz aufgefordert worden feien. Das Richtersche Organ scheint zum Spott aufgelegt zu fein; denn es selbst hat sich über die sogenannten „Bauernvereine" des weiblichen Freisinns, die unter der Führung des „Wirklichen Geheimen Oberbauem" Pachnicke stehen, lustig gemacht und sie als politifche Anhängsel der Wadelstrümpfler gekennzeichnet. Augenscheinlich will die „Freisinnige Ztg." nunmehr die „Nord- ost"-Bauem in Verlegenheit setzen; denn es wäre für sie wahrlich recht peinlich, wenn fie zu der erwähnten Zollkonserenz eine Einladung erhalten hätten und mit ihrer landwitthschast- lichen Weisheit auch außerhalb des freifinnigen Grenzzaunes und vor erfahrenen Berufsgenossen Stand halten sollten. Es wäre vielleicht gar nicht so übel gewesen, Herrn Steinhauer einzuladen, — daß er die Einladung angenommen haben würde, darf freilich bezweifelt werden. Das hätte der „Wirkliche Geheime Ober" wohl kaum erlaubt. / . ' . ,
Falsche Spekulationen.
Die Freihändler und Sozialdemokraten spekulieren noch immer auf ernsthafte „Zwistigkeiten unter den Schutzzöllnern". Zwar hat der Zolltarifentwurf keine Veranlassung zu der geplanten Hetze der einzelnen Produktivgewerbe
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9 (Nachdruck verboten.»
Ihr Vormund.
Original-Roman von Ellen Sdala.
(Fortsetzung.)
„Was Du wünschest", fuhr Elmar von Rhenen fort, „kann ich mir nicht vorstellen, da ich bis zu dem Augenblick, da Du mir schriebst, der festen Ueberzeugung war, daß Du vollständig zufrieden und glücklich seiest. Bevor ich Dich jedoch besser kenne, sehe ich keinen Bortheil darin, biefen Gegenstand mit Dir zu erörtern, augenblicklich hast Du Dir Deine Meinung bereits gebildet und für den Augenblick toetbe ich Dich dabei lassen."
Felicia's ausdrucksvolles Gesicht gab deutlicher denn Worte es vermocht hätten, Antwort auf diese Worte ihres Vormundes und zeigte alle Gefühle, die in ihrem Herzen wohnten. Was für ein harter, gefühlloser Mann er war! Wie ähnlich dem Freifräulein!
„Sie — Sie müssen wissen, daß ich recht habe, wenn ich so denke," stammelte sie. „Wäre ich älter und weiser, könnte ich mit Ihnen diskutieren; was Sie sagen, läßt mich unver- uünftig und kindisch erscheinen — aber — ober ich bin keines von beiden."
Sie sah zu ihm auf mit ernstem Blick und *r schaute prüfend in ihre graublauen Augensterne.
. „Die Zeit wird es zeigen," sagte er endlich w nachdenklichem Tone, „unterdessen bist Du wohl zufrieden, in Villa Schnnehauch zu fein?"
„Ja — — danke — es ist hier wenigstens besser wie in der Pension."
«Und, Du bist zufrieden damit, mich gründlich zu hassen?" —
„Jawohl!" sagte das junge Mädchen, und ihr Ton war so auS tiefster Brust gesprochen, daß der Freiherr fie verblüfft anfah, „jawohl, sehr — — für mich find Sie die hassenswertheste Person, die ich kenne und — — — und ändern werde ich diese Meinung niemals — niemals —"
Felicia hatte ihren ganzen Muth zusammen- genommen, ihm, der ihr ironisch lächelnd zuhötte, diese Wotte ins Gesicht zu fagen, aber nun stürmte fie die Treppe hinauf und rannte beinahe an die Freiin, welche in demselben Augenblicke aus der Thüre trat. Aber Johanna nahm keinerlei Notitz von ihr. Auf ihrem kalten Antlitz lag der Wiederschein eines warmen, starken Gefühles, die hartblickenden Augen erglänzten in Stolz und Freude, und als Felicia sich aufs Höchste erstaunt und befremdet um- toanbte, sah sie Johanna Elmars Hand ergreifen und hörte, wie fie in kaum unterdrückter freudiger Erregung sagte:
„Endlich, endlich Elmar, mein lieber, lieber Elmar, wie lange Du fort geblieben bist, sechs lange, lange Wochen, in welchen ich mich nach Dir gesehnt und Tag für Tag nach Dir ausgeschaut habe,"
„Du machst zu viel aus mir, Johanna, wirklich, ich bin es nicht werth." —
„Nicht werth — — nicht Werth, Elmar — — wie Du doch sprichst, ist doch- Dein Leben
glücklich zu machen und Deine Interessen zu fördern meine schönste Aufgabe. Könnte ich Dich doch dazu veranlassen, Dich ganz auf Schloß Rhenen niederzulaffen."
„Ich denke ernstlich daran, Johanna." —
„Und Dich zu verheirathen?" —
Mehr hörte Felicia nicht. Mit glühenden Wangen, den Kopf und das Herz voll empörter Gedanken und Gefühle, rannte fie die Treppe hinauf, nach ihrem Zimmer. Sie hatte genug gesehen und gehört, um zu wissen, daß Johanna von Rhenen in ihrer eigenthümlich abstoßenden Natur einen Weichen Punkt hatte--daß e8
eine Person gab, für welche fie alles thun würde, alles — — und diese eine Person war ihr Bruder —--dieser unausstehliche hassens-
werthe Mensch — — — Elmar v. Rhenen. —
* * *
„Felicia! Hast Du Deinen alten verabscheuungswürdigen Onkel gesehen," rief Lilly's Helle Stimme am nächsten Morgen aus dem Studiofenster, und hinter ihr wurden Eva'8 blonder Kopf und schelmische blaue Augen sichtbar.
„Jawohl," sagte Felicia mit dem gleichgültigsten Gesichte der Welt!
„Ist er nicht entzückend? Und beide junge Mädchen sahen mit leuchtenden Augen auf Felicia.
Entzückend!!! Ganz und gar nicht — — ich kann ihn nicht ausstehen!" sagte die Ange
redete energisch, sprang die Stufen zum Pavillon hinaus und trat ein.
Da drinnen hatte sich ein Sturm bet Entrüstung erhoben.
„Nicht ausstehen! — — Elmar! Nicht c^us- stehen! Aber jedermann hat ihn gerne," und die beiden jungen Dinger ließen sich in ihre Sessel zurückfallen und sahen mit ernsten Augen auf Felicia.
„Ah! Wenn wir seine Mündel wären! Wir wüßten ihn schon zu würdigen — verliebt waren wir schon immer in ihn — — ober —"
„Aber er beachtet uns gor nicht," -beendete die wahrheitsliebende Eva aufrichtig, v.
„Als wenn das was ausmachte! rief Felicia ganz von oben herunter.
Keine noch so große Anstrengung der beiden jungen Mädchen vermochte Felicia noch weiter auf dieses Thema einzugehen, nachlässig lag fie in ihrem Sessel und lächelte ironisch über die entzückten Ausrufe und schmeichelhafte Be- urtheilung Elmar's. Wenn er das alles hören könnte, wie würde er seinen großen Schnurrbart streichen und seine Herrschermiene herausdrehen ! Das würde auch noch fehlen! Vielleicht war er auch eitel! Erwarten konnte man es schon von ihm! All diese ungnädigen Gedanken durchflogen Felicia's Kopf, aber fie hätte doch hin, als Lilly und Eva erzählten, und durch ihre Erzählung wurde fie in manchem aufgeklärt, was ihr bis jetzt unverständlich getoefen.
(Fortsetzung folgt).