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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg nud Kirchhain.

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Btirteljährlicher Sejiglpteil: bei der 4ftpMtio« 2 ML, bei <tn Postämter« 9,26 ML (e$d. vestellge»).

3«1itH»«H*H6t: bte gtHnHwit Zeile ab« bereu ftara 10 Pf^ Reelam«: bi« Zetl« 26 Pfg.

Marburg

Freitag, 9. August 1901.

Erscheint täglich außer an Löerkragen nach Sonn- uno Feiertagen S»««tagSbeilage: JlluftrirteS Souutagsblatt.

vr»ck «ab Verlag: Joh. Slug. Koch, Universitäts-Buchdrucker«.

Marburg, Markt 21. Telepbon «5

Jahrg. 36.

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Zum Tode der Kaiserin Friedrich.

Die Trauerfeierlichkeiten

in den nächsten Tagen werden sich sehr einfach und prunklos abspielen. In großen Zügen ist die Reihenfolge derselben von unS schon mitge- cheilt worden. Im einzelnen wird, soweit nicht «och Verschiebungen eintreten, das Programm folgendes sein: Am Donnerstag werden in Schloß Friedrichshof der Kaiser, die Kaiserin, der Kronprinz und alle übrigen Angehörigen der Kaiserin Friedrich sich zur Trauerandacht ver­sammeln, zu der nur das Gefolge der aller­höchsten Herrschaften und die gesammte Diener­schaft der Kaiserin Friedrich zugelassen werden; am Sonnabend Abend wird nach Eintritt der Dunkelheit die Leiche in die evangelische Kirche in Cronberg übergeführt werden. Dieser Trauerakt, der unter Fackelbeleuchtung erfolgt, wird der Cronberger Bevölkerung Ge­legenheit bieten, ihrer Trauer um die hohe Gönnerin des Cronberger Gemeinwesens noch­mals äußerlichen Ausdruck zu geben. Der Weg von Schloß Friedrichshof bis zur Cron­berger Kirche ist etwa eine Viertelstunde lang. Für Sonntag Nachmittag ist eine Trauerfeier in der Cronberger Stadtkirche vorgesehen. Auch hier wird von allgemeiner Zulassung wenig die Rede sein können, denn jede Trauerfeier soll den Familiencharakter im wesentlichen behalten. Noch am Sonntag Abend wird die kaiserliche Familie nach Potsdam abreisen, wo am Diens­tag die Leiche der Kaiserin Friedrich an der Seite ihres Gemahls im Mausoleum der Friedrichskirche beigesetzt wird.

Bei der Leichenfeier, die am Sonntag Vor­mittag in der Cronberger Stadtkirche stattfindet, wird der ehrwürdige Pfarrer Aßmann den liturgischen Gottesdienst abhalten, während die Leichenpredigt durch den Obeihosprediger Dr. Dryander aus Berlin gehalten wird, vorbehalt­lich der Genehmigung dieser Dispositionen durch den Kaiser. Der Zinnsarg kommt aus Berlin, der kunstvolle Holzsarg aus London, die sämmtlichen Trauerarrangements werden durch eine Firma der Cronberger Umgebung ausgeführt. Die Zahl der kostbaren Kranz­spenden, die im Schlosse abgeliefert wurden, ist beständig im Wachsen. Die Kisten müssen zum großen Theile noch unausgepackt lagern.

Auch die Stadt Potsdam trifft für eine würdige Dekoration der Straßenzüge, welche der Leichenzug passirt, Vorkehrungen. Namentlich das Brandenburger Thor soll einen imposanten Trauerschmuck erhalten. Die Beisetzung selbst

wird sich ähnlich gestalten, wie die des Kaisers Friedrich.

Die Aufbahrung.

Die Leiche der Kaiserin Friedrich ruht, nachdem von Professor Dr. Renvers die Ein­balsa wirirg vorgenommen ist, inmitten von Tuberosen und La Francerosen und der bereits sehr zahlreich eingetroffenen Kränze und Trauer­bouquets aufgebahrt. Das Haupt der Ver­blichenen ist leicht auf die Brust gesenkt. Der Gesichtsausdruck, dem man die langjährigen Leiden jetzt nicht mehr allzu sehr anfieht, ist friedlich, entsprechend dem schmerzlosen Ende.

Zweimal täglich wird ihr Sterbebett von den Töchtern mit frischen Rosen bestreut. Keine fremde Hand soll an dem entseelten Körper rühren, niemand, der nicht ihrem Hausstande angehört hat, soll Zutritt zu der Leiche erhalten, das ist eine ausdrückliche Bestimmung der Ver­blichenen, die streng respektirt wird.

In Schloß Friedrichshof und in Cronberg.

Ter Kaiser fährt jetzt jeden Nachmittag mit der Kaiserin und dem Kronprinzen von Schloß Homburg nach Schloß Friedrichshof. Die Leiche der Kaiserin Friedrich ist seit ihrer Aufbahrung fremden Augen nicht ausgesetzt gewesen. Es soll ihr eigener Wunsch gewesen sein, daß nach ihrem Tode ihre irdischen Reste nicht zur Schau dienen. Noch ständig treffen einzelne Personen und Abordnungen ein, die im Schloß Friedrichs­hof sich in die Beileidslisten eintragen und Kränze abgeben. DaS Wetter ist immer noch regnerisch. In der letzten Nacht goß es fast beständig in Strömen.

Neben der Trauer kommen in Cronberg und in Homburg ganz natürlich auch geschäftliche und finanzielle Besorgnisse zum Ausdruck. Cronberg hat unter der stets fürsorgenden Obhut und der immer hülfbereiten Förderung der Kaiserin Friedrich einen für seine Verhältnisse außerordentlich großen Aufschwung genommen, besonders als Villenstadt. Wird das so bleiben? Wird kein Rückschlag eintreten? Wer wird künftig Friedrichshof bewohnen? Das find hier in Cronberg Fragen, die alle bewegen, aber Niemand beantworten kann. In Homburg hat die Trauer das ganze Cur- und Badeleben betroffen; die Konzerte und Theateraufführungen find bis nächsten Mittwoch eingestellt, jeder äußere Anreiz zur Unterhaltung fehlt.

Weitere Beileidskundgebungen.

In Schwerin legt der Hof fünfundvierzig­tägige Hoftrauer an. Der Prinzregent von Bayern ordnete vierwöchige Hoftrauer an.

(Nachdruck verboten.»

Ihr Vormund.

Original-Roman von Ellen Svala.

Gar nichts hast Du mir zu befehlen, gar nichts, ich bin kein Kind mehr und weiß sehr gut auf mich selber Acht zu geben."

Der große blonde Mann sah mit lächeln­dem Gleichmuth auf das entrüstete Gesicht des jungen Mädchens, dessen zarte kindliche Gestalt in dem Hellen Sommerkleide sich licht und lieb­lich von dem dunklen Stamme des mächtigen Baumes abhob. Ueber ihr schaukelten sich dunkelrote Blutbuchenblätter und ein Sonnen­strahl huschte durch das Geäste gerade auf ihr lockiges, hellbraunes Haar, welches sich weich und üppig wie eine Krone auf der Höhe des Hinterkopfes aufbaute.

Vergiß nicht, Felicia, daß, so lange Du meinem Schutze anvertraut bist, ich in Allem und Jedem nach dem Rechten sehen muß."

Ja! Das hast Du bewiesen, zwölf lange Jahre," sagte sie bitter, sprang dann mit einem leichten Satz über den Bach an's andere Ufer und verschwand in einem Seitenwege.

Der junge Mann sah ihr nach. ES lag kein Lächeln mehr auf seinem Antlitze, es war ernst, sehr ernst geworden; langsam warf er das Gewebr über seine Schulter und schritt eben­falls dem Walde zu, aus welchem das träumer­ische leise Girren der Waldtaube und der flötende langgezogene Ruf des Pirols über die stille Waldwiese klang.

Es war eine merkwürdig verwickelte Ge­schichte, aber solche Geschichten gibt es manch­mal. Felicia Braunau's Mutter war bei ihrer

Geburt gestorben und der Vater hatte sich wieder verheirathet. Nach zweijähriger Ehe war auch er gestorben und die Stiefmutter hatte nach dem abgelaufenem Trauerjahre einem reichen Wittwer, der schon erwachsene Kinder hatte, die Hand gereicht. Die kleine sechsjährige Stieftochter, welche der kalten, berechnenden Frau stets ein Dorn im Auge gewesen, wurde in eine Pension gegeben, und dieser Aufenthaltsort war es, an welchen sich Felicias erste Erinnerungen knüpften. So lange sie denken konnte, hatte sie nichts ge­kannt, als das düstere, alte Haus, das strenge Gesicht der Vorsteherin und die mehr oder weniger sympathischen Persönlichkeiten der übrigen Lehrerinnen. Jahr für Jahr war sie in der Pension verblieben, selbst die Ferien brachte sie dort zu, doppelt ein­sam, weil die fröhlichen Gefährtinnen, welche sich alle mit warmer Freundschaft an die immer gut gelaunte Felicia angeschlossen, zu ihren Familien gereist waren. FÜicia gehörte niemand an, niemand bekümmerte sich um sie ihre Angehörigen waren alle tot selbst die Stief­mutter fo sagte man ihr nur einen Vor­mund hatte sie, der sich nicht um sie bekümmerte, der ihr niemals schrieb und auf dessen strenges Geheiß sie Jahr um Jahr in der Pension ver­blieb, niemals der Einladung einer Freundin folgen und niemals auch nur die kleinste Be­lustigung und Zerstreuung haben durste. Um die unbekannte Person dieses Vormundes, von welchem sie nichts weiter wußte als seine Adresse, und daß er ein Weltumsegler sei, hatte Felicia einen ganzen Kreis bitterer Urtheile ge­zogen, dem das einsame Leben ihrer freud- und liebeleeren Jugend, das heiße Verlangen, wie

Beileidstelegramme gingen noch seitens des Großherzogs von Luxemburg und des Prä­sidenten Krüger ein; auch die deutsche Kolonie in Hongkong übersandte dem Kaiser ein Beileidstelegramm. DaS englische Unterhaus beschloß eine Beileids-Adresse an König Eduard abzusenden, worin dieser ersucht wird, die Ge­fühle dks Hauses auch dem deutschen Kaiser zu übermitteln.

Armeetrauer.

Bezüglich der sechswöchigen Armeetrauer ist bestimmt, daß sämmtliche Offiziere einen Flor um den linken Oberarm anzulegen haben. In den ersten drei Wochen der Trauer tragen die Offiziere außerdem die Abzeichen mit Flor überzogen. Für die Sanitätsoffiziere und die Beamten der Armee gelten die gleichen Be­stimmungen in entsprechender Weise. An den Fahnen rc. werden während der sechs Wochen zwei lange herabhängende Flore getragen, die unter der Spitze zu befestigen find. Während der ersten acht Tage der Trauerzeit ist bei.den Truppen kein Spiel zu rühren.

Die Trauer in England.

Aufrichtige und allseitige Trauer hat das trotz des langen Siechthums doch noch un­erwartet gekommene Verscheiden der Kaiserin Friedrich, derPrinceß Royal of Great Britain", in England hervorgerufen. Kaiser Friedrich und seine Gemahlin sind von jeher in England bekanntlich höchst populär gewesen, und man hat niemals aufgehört, die Kaiserin alsOur Princess zu bezeichnen und zu behandeln. Man wußte, daß sie immer die Lieblingstochter der verstorbenen Königin Victoria gewesen war, und als daher in den letzten Tagen die Nach­richten von Cronberg immer bedenklicher lauteten, kam diese alte Anhänglichkeit der Engländer an die deutsche Fürstin britischer Herkunft recht deutlich zum Ausdrucke.

Zum Zolltarif-Entwurf.

Eine Zollt«rifsko«ferem. Die .Bert. Corresp." theilt mit: Durch die Erhebungen, die den Verhand­lungen des Wirthschaftlichen Ausschuffes über den kürzlich veröffentlichten Entwurf des neuen Zolltarifs vorausgingen, ist fo reichhaltiges Material zutage gefördert worden, daß von einer allgemeinen Anhörung der amtlichen Handelsvertr. tungen ab­gesehen werden kann. Der Handelsminister 6t ob» sichtigt aber, die einzelnen Punkte, hinsichtlich deren ihm noch eine weitere Aufklärung erwünscht erscheint, oder hinsichtlich deren infolge der veränderten Lage der Industrie eine von der früheren Beurtheilung verschiedene Auffassung Platz greisen kann, unter Hinzuziehung einer beschrankten Anzahl von Vertretern bti entgegenstehenden betheiligten Inter­

essen mündlich zu erörtern. Als Zeitpunk hierfür ist die zweite Hälfte des Septembers in Aus­sicht genommen.

Als Anwälte der Lavdwirthfchaft auhutreten, fühlen sich Blätter, wie dieFrankfurter Zeitung", angesichts der im Zolltarifentwurf vorgesehenen Zoll­erhöhung aus MaiS gedrungen. Diese Erhöhung nennt das erwähnte Blatt die stärkste Leistung des neuen Tarifs, um sodann auszuführen, daß dafür schließlich die Landwirthschaft, im Besonderen die vieh­züchtende Landwirthschaft, die Zeche zu zahlen haben werde. Dem gegenüber weist dieKrzeuztg." darauf hin, daß Mais nicht nur mit dem Roggen, sondern auch der Kartoffel und in der Stärkesabrikatiou auch mit Weizen in Wettbewerb tritt, und daß es für säinnuliche wichtige landwirthschaftliche Erzeugnisse als Surrogat dienen kann. Eine Erhöhung des Mais­zolls erscheint auch insofern unbedenklich, als von be­rufener Seite schon lange auf das Bedenkliche einer allzu starken Verwendung des Maises bei der Fütte­rung insbesondere bei der Schweinemäfdrng warnend hingewiesen wird. Die Klagen der Fleischer, daß das deutsche Schweinefleisch in der Qualität zu­rückgehe, find an erster St-lle auf die Maisfütterung zurückzuführen.

Die Preutzeagäuger. Auch die Meldung, die preußische Regierung beabsichtige, die Grenze für die sogenannten Preußengänger zu sperren, und damit die Antwort auf den deutschen Zolltariff-Entwurf zu geben, stellt sich als Stimmungsmache heraus. Dem Berk. Lokal Anzeiger" wurde die Nachricht in der russischen Botschaft als unrichtig bezeichnet. Unsere Freihändler greifen bei der Agitation für ihre Ideen zu etwas eigenartigen Mitteln.

Das A«sla»d und »er Zolltarif. Damit sich die Herren vom Handelsvertragsverein selbst davon überzeugen können, wie das Ausland über sie benft, empfehlen wir ihnen die nachstehenben Sätze des russischenGrashdanin" zur gefälligen Kenntniß- nahme:Bevor wir uns ben Befürchtungen des Schadens hingeben, den der neue deutsche Tarif Ruß­land in Aussicht stellt, müssen wir uns bei dem Ge­danken freuen, daß mit dem heutigen Tage ein erbitterter wirthschaftlicher Bürgerkrieg in Deutschland zwischen den Agrariern und ihren Gegnern beginnt, welcher uns bedeutende Dien st e leisten wird. In jedem Fall wird dem Triumph der Agrarier ein erbitterter Parteikampf in ganz Deutsch­land vorausgehen und der stolze Hahn wird vor uns mit einem bedeutenden Manko an Federn stehen/'

Zar Flacht Hamburgers. Es scheint die Ab- ficht bestanden zu haben, ein Strafverfahren wegen Beamtenbestechung und eventuell wegen Hehlerei (An­kauf gestohlenen Gutes» gegen Dr. Hamburger ein­zuleiten. Wie ernst die Behörden den Fall behandeln, geht aus dem Umstande hervor, daß der Untersuchungs­richter Dr. Hamburger, dem der Arzt das Verlassen des Bettes verboten hatte, in seiner Wohnung aus­gesucht hat, um ihn dort zu vernehmen.

Deutsches Reich

Berlin, 8. August

Mit welcher Schnelligkeit der Kaiser vom hohen Norden zurückgekehrt ist, dürfte die Thassache ergeben, daß bte KaiserjachtHohenzollern" unb ihre Begleitschiffe bie Fahrt von Bergen in Norwegen nach Kiel mit 21,5 Knoten Geschwindigkeit zurückgelegt

andere Mädchen ein Heim zu haben, nur stärkeren Hinterhalt gab, um so mehr, da Fräulein Weil, die Vorsteherin, ihr gesagt hatte, daß dieser Vormund ihrer Stiefmuttter Familie entstammte. Felicia wußte nichts von ihrer früheren Kindheit; waS sie wußte, hatte man ihr gesagt; aber unklar und schattenhaft lag in ihrer Seele die Erinnerung an eine große Frau mit harten kalten Zügen und finsterem Blick. Und mit dieser Erinner­ung zusammen ging eine andere, ebenso schatten­haft und unklar, irgend ein schweres Leid, das ihr Kinderherz bedrückt und das sie ausgeweint hatte in den Armen und unter Liebkosungen eines großen jungen Mannes. Jahr um Jahr war sie in der Pension geblieben und je älter sie wurde, dest» mehr verlangte sie nach einer Ver­änderung ihrer Lebensverhältniffe, und als nun auch ihr neunzehnter Geburtstag vorüber und die Ferien gekommen waren, die ebenso trostlos in dem verödeten Schulhause verbracht zu werden bestimmt schienen, da hatte sie kurz entschloffen ihrem Vormund geschrieben und ihn gebeten, sie aus der Pension zu nehmen. Diesen Brief hatte sie einer abreisenden Mitschülerin zur Besorgung übergeben, und wartete tagtäglich auf eine Antwort.

Wie leuchtend warm und schimmernd die Sonne auf dem alten Hause lag, wie hurtig die Schwalben durch die blaue klare Luft schossen und wie fröhlich die Bienen und Schmetterlinge von Blume zu Blume des kleinen Gartens summten und flatterten, unter dessen schattigen Obstbäumen Felicia ausruhend im Sessel lag. Von der Straße tönte da8 Lachen und Schreien der spielenden Kinder und in das Herz des

jungen Mädchens kroch wieder jenes wehe Ge­fühl trostloser Einsamkeit und Verlassenheit, das sie so oft gequält und gemartert, weil sie erkennen gelernt hatte, daß des Lebens süßeste Seite in der Zusammengehörigkeit dem Iamilien- leben liege.

Durch die Hinterthüre des Hauses, die Treppe hinunter schritt langsam und würdevoll die Vorsteherin und näherte sich Felicia. Deutlich konnte das junge Mädchen die gerunzelte Stirne des alternden Fräuleins erkennen und dies war immer ein Anzeichen nahenden Sturmes. In ihrer Hand hielt sie einen geöffneten Brief und erst, nachdem sie sich mit vieler Umständlichkeit auf eine Bank gesetzt, die Falten ihres 'Kleides geordnet und sich geräuspert hatte sagte sie kalt:

Ich habe einen Brief, der Deine Zukunft anbelangt, Felicia, Freiin Johanna von Rhenen schreibt mir, daß ihr Bruder, Dein Vormund, wünscht, daß Du die Pension Verlässen und zu ihr nach Villa Schneehauch kommen solltest, da er Dich nicht empfangen kaum Nächsten Sonntag erwartet man Dich. Ich weiß nicht," fuhr Fräulein Weil in spitzem Tone fort,warum Du nicht bei mir bleiben kannst, es geht Dir gut genug hier und wenn ich bedenke, daß in all' den Jahren, da Du hier bist, sich kein Mensch je um Dich gekümmert hat, so erscheint mir dieses plötzliche Interesse sehr sonderbar."

Felicia war aufgesprungen. Mit hastiger Geberde strich sie das lockige Haar von der er­hitzten Stirn und warf den Kopf mit der ihr eigenen, überlegenen Miene zurück.

(Fortfetzung folgt).