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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg and Kirchhai«.
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Marburg
Sonnabend, 3. August 1901.
Ericheim täglich außer an Lüerkragen nach Sonn- uuo Feiertagen. So««tagSbeilage: JllnftrirteS Sxulagdblatt.
Druck und Berlag: Joh. Ang. Koch, Universitäts-Buchdrucker« Marburg, Markt Sl. — Telepbou 65
Jahrg. 36.
Zum Zolltarif-Entwurf.
sich
um einen autonomen Taris, auf Grund dessen
mit
im um
Ein eigenartiger „Gang nach Canossa".
Der Gang Heinrichs IV. nach Canossa Jahre 1077 ist sprichwörtlich geworden, damit die Abbitte eines reuigen Sünders zu bezeichnen. Was Wunder, wenn dieser Ausdruck viel angewandt wurde, als es sich darum handelte, daß der Kaiser von China durch eine ßühnegesandtschast in Berlin für die Ermordung des deutschen Gesandten in Peking Abitte zu leisten gezwungen war. Doch wie bei vielem enbeten der chinesischen Angelegenheiten zeigt es sich, daß sich das, was zuerst mit großen Worten als Haupt- und Staatsaktion angekündigt wurde, nachher als Theaterspiel entpuppte. Aus dem Gang nach Canossa ist eine .Vergnügungsreise" geworden.
Prinz Tschun, der Bruder des Kaisers, welcher zu der Reise von der chinesischen Regierung bestimmt worden ist, freut sich ausnehmend, daß er zu dieser Sühnemissson auserlesen wurde, und dazu hat er auch Grund, denn wie diese Weltreise arrangiert ist, kann der unerfahrene junge Prinz von zwanzig Jahren nicht anders, d6 mit großem Vergnügen nach Berlin-Canossa ziehen. Er soll ein Gefolge von ca. 50 Personen mit sich führen, er ist mit allen Ehren von der Regierung und den internationalen Truppen in Peking verabschiedet worden, in Schanghai h»lte ihn nach den jüngsten Drahtmeldungen sogar der deutsche Generalkonsul unter militärischer Begleitung vom Schiffe ab und gab ihm ein Festesten, ja man munkelt sogar Ration, daß ihm der zuvorkommende Baldersee eine Eskorte von 2 deutschen Adjutanten aus die Reise mitgegeben hat. Eine eigenartige „Sühne"-Misfion! In Deutschland ««gekommen, wird er zunächst nach Berlin fahren, dort, ohne alle Beschwerden und Mühen, in einer glänzenden Audienz beim Kaiser die Ent- schuldigungsformeln — denn mehr als Formeln bars man doch bei der bekannten Hartnäckigkeit der chinesischen Regierung die Rede nicht nennen — vorbringen und dann die erwünschte .Verzeihung" erhalten.
Alsdann wird Prinz Tschun als Gesandter fürstlichen Geblüts bei dem bekannten Berliner Hofceremoniell die Ehren eines Kaiserprinzen genießen. Run wird die Europareise beginnen, er wird Berlin und die anderen Hauptstädte besuchen, und man braucht bloß an den damaligen Triumphzug Li-Hung- Tschangs denken, um sich eine Vorstellung von der Reise des Prinzen Tschun zu machen. Vor allen Dingen
3«« waten Zolltarifeutwnrs schreibt die .Kreuzztg.': .Bei dem neuen Tarif handelt es sich
den anderen Staaten erst unterhandelt werden soll und von denen so und so viel abgehandelt werden kann und wird. Mit der Aufstellung dieses autonomen Tarifs ist doch auch nicht mit einer Silbe gesagt, datz besten Sätze auch wirklich eingeführt werden. Die Sätze un Entwurf müssen möglichst hoch gegriffen werden, um unseren Unterhändlern eine brauchbare Waffe bei den zukünftigen Handelsvertragsverhandlungen in die Hand zu geben, die hohen Sätze find aufgestellt worden, um energisch auf neue Handels- Verträge hinarbeiten zu können." — Das ist der gleiche Gedanke, dem bereits wiederholt Ausdruck gegeben worden ist und den man nicht zurückdrängen darf, wenn man ehrlich und sachlich den neuen Entwurf erörtert.
Der PaPierzoK. Wir hatten am Dienstag Abend constatirt, daß eine wesentliche Erhöhung der Papierzölle im Zolltarifentwurf vorgesehen worden ist, und daran die Voraussage geknüpft, daß .wohl die ge-
Wir können es den Dänen keineswegs verdenken, wenn sie in ihrer .Begehrlichkeit" den Wunsch haben, daß ihrem Pferdeexport nach Deutschland so wenig Schwierigkeiten wie möglich gemacht werden. Sie werden es sich aber schon gefallen lasten muffen, daß in Deutschland die Interessen der deutschen Land- wirthschaft denen des dänischen Pferdehandels vor- angestellt werden.
Eine neue Stimme e«8 den Bereinigten Staaten, lieber die Aufnahme, die der deutsche Zolltarif in Amerika befunden hat, wird der .Vosfischen Zeitung" aus New-Pork berichtet: „Die Wiederaufnahme der Unterhandlungen für Gegenseitigleitsverträge mit Deutschland und Frankreich stehen bevor. Was den deutschen Vertrag betrifft, so ist man in Washington der Ansicht, daß der neue deutsche Zolltarif den Weg zu einem Eegen- seitigkeitsabkommen keineswegs versperre." Wie drückten doch die Freihandelsblätter sich beim Bekanntwerden des Entwurfs au8? Zollkrieg überall?
Deutsches Reich
Berit», 2. August
— Eine Zusammenkunft des Kaisers und des Zaren erfolgt auf der Danziger Rhede am 10. September. An Bord der .Hohen- zollern" ist für den 10. große Paradetasel in Aussicht genommen, an der der Zar auch theilnehmen wird. Am 11. September findet dann zu Ehren des Zaren die große Parade der Flotte statt. Für den 12. und 13. September find in der Danziger Bucht Flottenmanöver im Beisein des Zaren angesetzt, worauf am 14. der große offizielle Empfang in Danzig durch das Kaiserpaar stattsindet und die Kaisertage für die Provinz Westpreußen ihren Anfang nehmen. Vor dem Beginn dieser wird der Zar Danzig wieder auf dem Seewege an Bord des .Polarstern" verlassen, um nach Kopenhagen zurückzukehren.
— Die Fürsorge des Kaisers um das Schulwesen hat sich im Laufe der letzten Monate in Spendung ganz bedeutender Summen aus seinem Dispositionsfonds bethätigt. Die Gesammtsumme beträgt über 2 Millionen ML, wovon der Provinz Posen allein 500000 Mk. zusallen.
— Die Landgräfin von Hessen, Prin» zesfin Anna von Preußen, die einzige noch lebende Tochter des Prinzen Karl von Preußen, ist am Sonnabend zum katholischenGlauben übergetreten. Als Tauf- und Firmpathin fungirte die Fürstin von Jsenburg-Bierstern.
— Der Senat von Hamburg will die Verleihung des Ehrenbürgerrechts an den Grafen Waldersee bei der Bürgerschaft beantragen.
— Die Errichtung eines nationalen Marine- Denkmals in Berlin für die Untergegangenen und Gefallenen der deutschen Marine wird zur Zeit geplant.
— DerErrichtung von deutschenKohlen- lagern in der S ü d s e e soll jetzt besondere Aufmerksamkeit zugewendet werden. In Betracht kämen .wohl zunächst" Herbertshöhe oder Matupi im Bismarck-Archipel, Uay und Honapa im Gebiet der Karolinen, Jaluit unter den Marschallinseln und Samoa.
sammle Presse dagegen Widerspruch erheben" würde. Diese Voraussage hat es dem Marburger national- sozialen Organ angethan. Es meint, wir wären dieser Voraussage wegen inconsequent, da wir die Angriffe gegen den Schutzzoll auf Getreide als Hetzarbeit bezeichnet hätten. Das nationalsoziale Blatt offenbart damit eine Unkenntniß des Sachverhalts, die bei einem Blatte, das fich stets als Richter über Andere aufwirst, nicht vorkommen sollte. Die Druckpapierpreise — um diese handelt es sich im Wesentlichen — werden bei uns in Deutschland durch ein Syndikat von etwa 30 Papierfabriken bestimmt. Diese Fabriken befinden fich absolut in keiner Nothlage; sie zahlen gute Dividenden, sind durch den bisherigen Zoll vor der Papier- einfuhrvollkornrnen geschützt, erportiren dagegen etwa */« ihrer Production. Deutschlands Paprer- fabrikation hat überhaupt in den letzten Jahren einen gewaltigen Aufschwung genommen; sie hat diejenige Oesterreichs und Englands, der Hauptconcurrenz» länder, überflügelt und nimmt unbestritten im Export den ersten Rang ein. Wir exportiren für etwa 95 Millionen Papier, während England nur für 40 Millionen, Oesterreich für 29 Millionen ausführt. Es handelt fich also nicht um einen Produktionszweig , der vor ausländischer Concurrenz geschützt werden muß, sondern um eine kräftige und leistungsfähige Corporation, die eine Erhöhung der Zölle verlangt, um diktatorisch auf dem deutschen Papiermarkt auftreten zu können. Der Unterschied derzwifchenPapier- sabrikation, bei der die Interessen weniger Fabriken den Interessen der Zeitungsl cf et gegenüberstehen, und der deutschen Landwirthschast, die wir dem durch natürliche Bedingungen überlegenen Gegner nicht schutzlos Überlassen wollen, ist so Hand- greiflich, daß er auch dem nationalsozialen Blatte einleuchten müßte. Ebenso müßte ihm eigentlich klar sein, daß zwischen unserer Voraussage über die wahrscheinliche Haltung der deutschen Preffe und der Art, wie die Freihändler gegen den Zolltarif vor- gehen, doch ein Unterschied besteht. Es würde ihm wohl schwer fallen, den Nachweis zu führen, daß wir in jener Notiz ,gehetzt" laben. Die gehässige Unterstellung, daß totr im Interesse unseres Geldbeutels gegen den Papierzoll Front gemacht hätten, wäre besser unterblieben. Wir begnügen uns damit sie niedriger zu hängen. Den Boden sachlicher Gegnerschaft zu verlassen und dem nationalsozialen Blatt auf das Gebiet persönlicher Verdächtigungen zu folgen, beabsichtigen wir nicht.
Freist«« ««d Ausland. Das .Berliner Tage- blatt" hebt seinen neuesten Artikel über den Zolltarrf- entwurf folgendermaßen an: .Der neue Zolltarif ist von der gesammten deutschen und ausländischen Preffe bereits nach den verschiedensten Richtungen hin beleuchtet und von allen Blättern, bei denen das Urtheil nicht durch die Hoffnung auf pekuniären Nutzen für ihre Parteigenossen getrübt wird, einstimmig verdammt worden." — Wie wohl die ausländischen Blätter lachen werden, wenn sie hören, daß sie bei ihren abfälligen Urtheilen über den neuen deutschen Zolltarifentwurf lediglich von fürsorglichem Interesse für die konsu- mirende deutsche Bevölkerung geleitet wurden.
Dänemark ««0 der Zolltarif. Bei seinen Be- mühnngen, das Ausland gegen den neuen deutschen Zolltarif aufzureizen, ist das .Berliner Tageblatt" jetzt glücklich in Dänemark angelangt. Es läßt sich aus Kopenhagen schreiben, daß die dänischen agrarischen Kreise wegen der Erhöhung des Zolles auf Pferde .über den Grad der Begehrlichkeit ihrer deutschen Be> ufsgenossen ebenso erstaunt wie entrüstet" seien.
unsere hurrahlustigen Berliner werden es gewiß an Akklamationen nicht fehlen laffen.
Diese intereffante Reise, die wir als „Sühnegesandtschaft zu bezeichnen gelernt haben, wird natürlich der chinesischen Regierung es leicht ermöglichen, nach längst bekanntem Muster dem chinesischen Volke ein X für ein U zu machen und in Ostafien die Mär aufkommen zu lassen, daß die „fremden Teufel" in Wirklichkeit die Unterlegenen gewesen find. Vermutlich erzählt man den Chinesen, ihr Kaiser habe seinen Bruder nach Europa gesandt, um die Huldigung der europäischen Könige entgegenzunehmen. Ob aus diesen politischen Rücksichten die europäischen Regierungen und das Publikum unserer Großstädte sich der nöthigen Reserviertheit gegen Prinz Tschun befleißigen werden, ist doch bei keinem der beiden zu erwarten. Es zeigt sich hier eben wieder, wie bei dem Chinazug überhaupt, daß Erwartung und Wirklichkeit, Prophezeihung und Erfüllung in großem Mißverhältnis stehen und daß daS chinefischeProblem in jeder Beziehung schwerer zu lösen ist, als man vor zwölf Monaten glaubte. Aber selbst wenn man dem Vergleiche der chinesischen Sühne- misfion mit dem Gang nach Canoffa nicht zustimmt, muß man die Arrangierung dieser Gesandtschaft durchaus alS verfehlt bezeichnen. Tenn was hat ein Gesandter, der wegen eines gröbsten Bruchs des Völkerrechts Genugthuung zu leisten hat, in Europa herumzuflanieren? Mag er seine Mission erfüllen, die zum Vergnügen zu ernst ist, und dann zu seinen chinesischen Penaten auf kürzestem Wege wieder heimkehren.
48 (Nachdruck verboten.)
Die gteerliefe.
Original-Roma« von Irene v. Hellmuth.
(Sortfcfcuna-i
In diesem Augenblick schlang Liese die Arme ungestüm um den Hals des verblüfften jungen Mannes und wie ein Jubellaut, wie ein Schrei rang es sich au8 der hochklingenden Brust: .Rudolf, mein geliebter Rudolf, ich habe Dich wieder, den ich so lange gesucht, so schmerzlich beweinte."
Gleich einem Strom sprudelten die Worte hervor, unaufhaltsam, nur einen heißen Kuß preßte die Sprechende auf den Mund des überraschten Malers, dann fuhr sie hastig fort: .Jene Frau, die Dich erzog, sie war gar nicht Deine Mutter, sie hat Dich mit ihren Bitten mit abgelockt und ich war schwach genug, darauf einzugehen; tausendmal habe ich es bereut. Du nanntest sie mit dem süßen Namen Mutter, während ich einsam meine Straße weiter zog, liebearm, schmachtend nach meinem Kinde, das ich nicht mehr besitzen durfte, während eine andere sich seines Besitzes freute. O Rudolf, Rudolf, was habe ich gelitten die lange Zeit, aber nun, nun habe ich Dich wieder und nichts ist imstande, mich von Dir zu reißen, Mutter und Sohn werden fich nicht mehr trennen. — Ja, ja — ich bin Deine — Mutter!"
Liese hielt erschöpft inne, um Athem zu holen, indes Rudolf fich mit Anstrengung von ben ihn fest umschlingenden Armen befreite jmd einen Schritt zurücktrat. Was wollte diese Frau? Beabsichtigte sie etwa, hier eine Probe
ihres schauspielerischen Könnens abzulegen? Ganz gewiß, es konnte nicht anders sein.
Gemessen und kühl begegnete sein Blick den leuchtend auf ihn gerichteten Augen der schönen Frau, indem er, jedes Wort scharf betonend, hervorstieß: „Daß Sie eine Künstlerin, eine große Schauspielerin find, weiß alle Welt, gnädige Frau, wir können also in Zukunft auf solche Proben verzichten, Sie bedürfen deffen nicht. — Ich sehe mir dergleichen noch viel lieber auf der Bühne an."
Liese schlug aufschluchzend die Hände vor das Gesicht; zwischen den weißen Fingern quollen Thränen hervor.
„Er glaubt mir nicht, großer Gott, wie beweise ich ihm die Wahrheit, was muß ich nun thun, um ihn zu überzeugen?"
Rudolfs Gesicht war bleich geworden. Er ballte die Hände. Das hieß doch wahrhaftig die Komödie zu weit treiben.
John stand in peinlichster Verlegenheit neben Minna, die mit angstvollen Augen auf ihre Herrin schaute.
Liese war in einen Stuhl gesunken und verharrte regungslos, nur zuweilen erschütterte ein Schluchzen ihren Körper.
„Dies ist eine harte Strafe," murmelten die bleichen Lippen. „£>, Gott, was habe ich gethan, daß ich so büßen muß, es war wohl nicht recht, daß ich das Kind von mir gab, allein die Verhältnisse zwangen mich dazu und nun — und nun, da ich meinen Sohn wiedergefunden, nun glaubt er nicht, daß ich seine Mutter bin."
„Gnädige Frau," begann er um vieles milder, als vorhin, „hier muß wohl ein Irrtum
vorliegen; meine Mutter ist tot, und wenn es so wäre, wie Sie sagten, diese Frau würde nicht mit einer Lüge hinübergegangen sein. In ihrem Testament steht wörtlich: „Mein einziger geliebter Sohn, Rudolf Brandes, falls er zurückkehren sollte, ist mein alleiniger Erbe." Und in einem hinterlaffenen Briefe, den ich immer bei mir trage, heißt sie mich ebenfalls ihren geliebten Sohn und bittet mich, ihrer immer zu gedenken."
Dabei zog Rudolf eine Brieftasche hervor und entnahm derselben ein Papier, das er Liese hinhielt. „Ueberzeugen Sie sich selbst, meine Gnädigste."
Doch sie sah es nicht. Ihre Augen starrten jetzt thränenlos vor sich hin und man konnte im Zweifel sein, ob sie überhaupt gehört hatte, was Rudolf gesprochen, wenigstens machte sie keine Bewegung.
Da sprang Liese mit einem jähen Ruck plötzlich auf.
„Es muß fich ja beweisen lassen, daß alles wahr ist, was ich gesprochen, ich habe noch Zeugen, in dem Hause in A . . . leben ja noch Leute, die um die Adoption wissen, es muß bewiesen werden.
Sie winkte Minna, die noch immer wortlos im Hintergründe des Zimmers stand, zu fich heran.
„Geh, mein Kind, und hole mir Lene, aber vorsichtig, hörst Du? Sie hat ja alles miterlebt und weiß vielleicht Rath."
Minna eilte hinaus. Bald darauf öffnete fich die Thüre und am Arme des Mädchens, mit der anderen Hand auf einen Stock gestützt,
betrat eine alte, gebeugte Frau mit schneeweißen Haaren und erloschenen Augen das Zimmer.
Behutsam führte Minna die Blinde bis dicht vor ihre Herrin hin; diese erfaßte ungestüm die beiden Hände der Greisin.
„Lene, ich bitte Dich, sprich, hatte ich einen Sohn, der Rudolf hieß — oder nicht?"
Die Alte richtete die tief in den Höhlen liegenden, erloschenen Augen in die Richtung, woher die Stimme gekommen, dann antwortete sie in zitterigen, dünnen Lauten: „Aber Lieschen, wie fragst Du sonderbar, freilich hattest Du einen Sohn."
„Und habe ich ihn an Frau Brandes gegeben, die ihn adoptierte? Ja oder Nein?"
„Liese, was soll das alles?"
„Sprich, meine liebe Lene."
„Ja freilich, so ist eS."
„Siehst Du Lene, diesen Sohn, ich habe ihn wiedergeftinden und er —* die Stimme brach in verhaltenem Schmerz, „er glaubt mir nicht."
„Liese, Deinen Rudolf, Dein Kind, Du hast es wieder gefunden? Wo ist es?"
Liese nahm die Greisin bei der Hand und führte sie zu dem unweit stehenden jungen Manne hin. Die Alte betastete, als wollte sie sich von der Wahrheit des Gehörten überzeugen, die Hände Rudolfs und strich liebkosend mit der welken, abgezehrten Hand an seinem Aermel herunter.
Stumm ließ dieser alles geschehen, sein hübsches Gesicht sah recht gedrückt aus, doch sprach er kein Wort.
(Fortsetzung folgt.)