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Mittwoch, 10. Juli 1901.
Erichrim täglich au8er an Älertlagen nach Sonn- uno Feiertagen.
SomttagSbeilage: Jlluftrirtes Sonntagsblatt. O/?
$n<f und String: 2oh. Ang. Koch, Unioersitäts-Buchdruckerf. vV«
Marburg, Markt 21. — Telephon «5.
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Die Anarchisten in Südamerika.
Dor einigen Tagen sind in Buenos Aires, der Hauptstadt von Argentinien, Unruhen aus- zebrochen, die einen so. ernsthaften Charakter trugen, daß die Verhängung des Belagerungszustandes nothwendig wurde. Wie nun gemeldet wird, haben sich die in Argentinien lebenden Anarchisten in hervorragender Weise an den Ruhestörungen betheiligt.
Diese Meldung ist um so wahrscheinlicher, als sich die feindseligen Demonstrationen mit in erster Reihe gegen den derzeitigen Präsidenten von Argentinien, Roca, richteten, der den Anarchisten aus guten Gründen besonders verhaßt ift Hat doch im vergangenen Jahre unter seiner Leitung die argentinische Regierung bei der Kammer einen direkt gegen die Anarchisten gerichteten Gesetzentwurf eingebracht, nach welchem der Präsident ermächtigt sein sollte, gemeingefährlichen Fremden den Eintritt in das Land zu verwehren, bereits ansässige Fremde solcher irt aber entweder des Landes zu verweisen oder sie an einen von dem Präsidenten nach eigenem Ermessen zu bestimmenden Orte des Landes zu verbannen und sie dort unter Polttei- rufsicht zu stellen. Ebenfalls auf den Einfluß des Präsidenten waren Beschlüsie zurückzuführen, die die argentinische Deputirtenkammer nach der Mittheilung des Mitarbeiters der „Welt- Korrespondenz" im Herbst v. Js. annahm. Verschärfung der Strafbestimmungen für gewalt- thätige Handlungen, Ablehnung der Aufhebung der Todesstrafe, hohe Gefängnißstrafen, ja unter Umständen Zuchthausstrafe für diejenigen, die bei Arbeitsausständen arbeitswillige Personen en der Ausführung ihres Willens verhindern.
Man sieht, die argentinische Regierung war fest entschlossen, den unruhigen Elementen energisch gegenüberzutreten. Die Nothwendig- feit eines solchen Vorgehens ergab sich schon aus der großen Anzahl der Anarchisten in Argentinien und dem Nachbarstaate Uruguay, hierüber schrieb unter dem 18. August 1900 der Mitarbeiter der „Welt - Korrespondenz": .Daß in den drei La Plata-Staaten, wie auch in Chile, die anarchistische Bande ziemlich vertreten ist, kann micht befremden bei dem sehr lebhaften Verkehr Südeuropas mit Südamerika. Zu Tausenden landen hier namentlich Italiener, Epanier und Südsranzosen, darunter erwiesenermaßen viele Individuen, welche alle Ursache haben, der europäischen Polizei aus dem Wege zu gehen. . . . Wenn auch die Angabe eines
hier lebenden Anarchisten, der die Zahl seiner Genossen in Argentinien auf über 20 000 schätzt, übertrieben ist, so ist doch zuzugeben, daß sich hier nach und nach eine ganz erkleckliche Anzahl solcher schlimmen Gesellen eingefunden hat." Gleichzeitig theilte der Berichterstatter als charakteristisch mit, daß in Montevideo, der Hauptstadt von Uruguay, gelegentlich der Ermordung des Königs Humbert von Italien die dortigen Anarchisten Maueranschläge anbrachten, in welchen die greuliche Mordthat als ein zu billigender Akt der Dolksrache hingestellt wurde.
Das energische Vorgehen der argentinischeu Regierung gegenüber den Ruhestörern soll die einstweilige Herstellung der Ruhe herbeigeführt haben. Es ist aber zweifellos, daß die Anarchisten in Verbindung mit den in südamerika- nischen Republiken stets zahlreich vorhandenen unzufriedenen und revolutionären Elementen eine ernste Gefahr für das Land bedeutet und in jedem Augenblicke neue Unruhen Hervorrufen können, die sich dann vielleicht nicht so schnell unterdrücken ließen.
Ernsthafte Störungen in Argentinien aber würden auch für uns durchaus nicht gleichgültig sein, und zwar sowohl vom wirthschaftlichen wie vom politischen Standpunkte aus. Vom wirthschaftlichen Standpunkt, weil die deutsche Industrie und das deutsche Kapital gerade jetzt neue Beunruhigungen schwer vertragen können. An Argentinien aber sind sowohl industrielle Interessenten, wie Kapitalisten stark betheiligt; befinden sich doch große Summen argentinischer Staatspapiere in deutschen Händen. In politischer Rücksicht ist zu berücksichtigen daß die Vereinigten Staaten nur auf unfriedliche Zustände auf dem südamerikanischen Kontinent lauern, um die wirthschaftliche Suprematie, die sie dort mehr und mehr auszuüben beginnt, mit der politischen Oberhoheit zu verbinden. Je übermächtiger aber die Vereinigten Staaten werden, desto schlechter ist es um die Sache des Weltfriedens bestellt. So haben also auch wir alle Ursache, den südamerikanischen Republiken eine Entwickelung zu wünschen, die ihnen die Erhaltung ihrer Selbstständigkeit sichert, indem sie sie gegen Vergewaltigungsgelüste widerstandsfähig macht, -z.
Umschau.
Di e Nichtbestädigung Kaufmanns.
Die Nichtbestätigung des an Stelle des verstorbenen Brinkmann zum Bürgermeister von Berlin gewählten Stadtraths Kaufmann
hat die freisinnige Presse in solche Aufregung versetzt, daß sie die gerade jetzt zur Schau getragene vorsichtige Ruhe ganz verliert. Mit dem Loblied, welches das „Berl. Tagebl." dem Herrn Kaufmann anstimmt, verbindet es nachstehende Kritik:
„Er war vielmehr ein ebenso besonnener wie entschiedener Vertreter einer bürgerlich, freiheitlichen Ver- waltung in Staat und Stadt und ein ebenso unbeugsamer Gegner jener rückläufigen Strömung, die leider nur schon zu lange Zeit unser gesammtes Staatswesen beherrscht, eine Thatsache, an der auch die noch so schön srcsirten Redensarten des Reichskanzlers Grafen v. Bülow nicht das Allermindeste geändert haben. Auf ihn, als den Leiter der preußischen Staatsverwaltung, fällt daher auch die hauptsächliche moralische Verantwortung für diese Nichtbestätigung und nicht bloß auf den erst neu in sein Amt getretenen Minister des Inneren Frhrn. v. Hammerstein, der allerdings die formelle Verantwortung zu tragen hat. Freilich erzählt man, der neue Minister des Inneren hätte im Zivilkabinet die Bestätigung beantragt. Auch im Staatsministerium wäre die Frage zum Vortrag gekommen, und das Ministerium, ein« schließlich des Grafen Bülow, habe sich für die Bestätigung erklärt. Der Kaiser persönlich hätte also die Bestätigung abgelehnt."
Während noch auf derselben Seite des „Berl. Tgbl." den Reichskanzler als ein „Wirklichkeitsstaatsmann" rühmt, ist er nun ein Mann der „wohlfrifirten Redeusarten"! Graf Bülow wird sich über das Lob wie über den Tadel zu trösten wissen. Er ist ja daran gewöhnt, von dieser Seite bald so, bald so behandelt zu werden. Sehr intereffant sind dann die Schlußsätze des „Berl. Tagebl.":
„Wie steht nun aber die Berliner Bürgerschaft zu der Frage? Unseres Dafürhaltens kann darüber doch nicht der allermindeste Zweifel bestehen, daß der Stadtrath Kauffmann nach wie vor der Mann des öffentlichen Vertrauens ist und bleiben muß. Denn für die bürgerliche Werthschätzung eines Mannes ist die Entlassung aus dem Officierstande mit schlichtem Abschiede fein Maßstab. Soweit stehen hier zwei Anschauungen einander gegenüber, die militärische und die bürgerliche, und zwischen diesen beiden feindlichen Anschauungen hat nunmehr in dem konkreten Falle der Kampf begonnen, der unseres Dafürhaltens ausaefochten werden muß. Ein Zurück- w eichen Seitens des Bürgerthums halten wir für ganz ausgeschlossen".
Deutsches Reich
Berlin, 9. Juli
— Nach dem „L.-A." wird sich der Kaiser bei der Beisetzung des Fürsten Hohenlohe durch den Kronprinzen vertreten lassen.
_ Am Sonntag wurde in Potsdam Prinz Eitel SFriedrich, den Traditionen unseres Hohenzollern- auses entsprechend, in das 1. Garderegiment z. F.
vom Kaiser eingestellt. Die Kaiserin wohnte der Feier von den Fenstern des Stadtschloffes aus bei.
— Erinnerungen des Fürsten Hohen- lohe haben sich thatsächlich voraefunden. Ihr Um- fang ist aber noch nicht genau festgestellt. Der Fürst hatte die Absicht, von Ragaz nach Auffee und von dort im Herbst nach Schillingsfürst überzusiedeln, wo er feine Denkwürdigkeiten ordnen wollte. Es lag nicht in dem Wunsche des Verewigten, daß die Denk- Würdigkeiten gleich nach seinem Tode zur Veröffentlichung gelangen sollten. Das Testament des Fürsten befindet sich im Hausarchiv zu Schillingsfürst.
— Anläßlich des Jubiläums der Rheinstrombau Verwaltung fand ein Festmahl statt, wobei Minister Thielen in seinem Trinkspruche sagte, fein Standpunkt zur Wasserstraßensrage sei bekannt; er werde Gelegenheit haben, ihn in der nächstenLandtagssession wie bisher zu vertreten. — Danach würde die Regierung die Kanalvorlage in der nächsten Session wieder Vorbringen. Die Entscheidung des Abgeordneten- Hauses wird darum nicht anders ausfallen.
— Eine Alters- und Reliktenversorgung für selbständige Handwerker wird nach der „Tägl. Rundschau" von der deutschen Regierung geplant. Die betreffende-Einrichtung soll zur Entschädigung der selbständigen Handwerksmeister für die ihnen durch die Arbeiter-Versicherungsgesetzgebung auferlegten Lasten dienen, lieber die Einzel- »eiten, namentlich über das Aufbringen der Beiträge und der nothwendigen Zuschüsse, verlautet noch nichts Bestimmtes. Die Regierung sucht sich jetzt durch Umfrage über die bestehenden, von den verschiedenen Jnnungsverbänden und sonstigen Handwerker-Organisationen ins Leben gerufenen Alters-, Invaliden- und Wittwenpensionskaffen eine Unterlage für die Ein- richtung der obligatorischen Handwerker-Versicherung zu verschaffen.
Ausland
Südafrika. Ein Erfolg der Buren wird aus der Kapkolonie gemeldet. Kapitän White von der Kappolizei — erzählt ein englisches Telgramm — erhielt Kunde, daß Conroh nach Griqualand West gehe und verfolgte ihn. Die „Rebellen" verschanzten sich am Fluß Zwartkop und schlugen die Angriffe der Engländer mit großer Entfchlofsenheit zurück. Bei Einbruch der Dunkelheit mußten die Engländer den Kampf einstellen. Während der Nacht zogen sich die Rebellen zurück, nachdem sie ihre Wagen verbrannt hatten. Verfolgung war unmöglich. Die Engländer verloren Kapitän Beresford und mehrere Soldaten.
Eine Buren-Abteilung wurde am 5. Juli in der Nähe von Edingburg von einer britischen Abteilung überrascht. 19 Buren, darunter Kommandant Barkhuizen streckten die Waffen.
17 Mach druck verboten.)
Die Fk verliest.
Original-Roman von Irene v. Hellmuth.
fSortf*nra)
Liese riß hastig den Umschlag auf, dann stieß sie einen kleinen Schrei aus.
„Lene, Herzenslene, mau beruft mich nach I. . . Der Agent schreibt mir, daß es zwar bin großes Theater sei, aber ich käme in an« Pnehme Verhältnisse und wenn ich mich wieder kin wenig eingearbeitet hätte, dann würde er beiter sorgen, zum fünfzehnten Oktober muß ich eintreffen."
Lene faltete unwillkürlich die Hände, indes eine Thräne sich über die runzelige Wange stahl.
„Gottlob, Kindchen, endlich werden wieder bessere Zeiten kommen, ich konnte es kaum noch *it ansehen, wie so still und traurig Du ge- bvrden bist."
Nun ging es ans Einpacken: Kisten und Lasten wurden herbeigeschleppt und bald war *8e§ geordnet.
In diesen Tagen schrieb Liese noch einmal fn den Onkel, in wiederholt um Verzeihung 'iflend, sie wollte sich ihre „bunten Lappen", die die Schwiegermutter oftmals ihre Theater- ^rderobe genannt hatte, nach ihrem neuen Be- stimmungsorte schicken laffen, allein Lene rieth 4r davon ab.
„Halte Deinen zukünftigen Aufenthalt lieber Wjetm*, meinte sie nachdenklich, „wer weiß, zu es gut ist, mein Kind. Die Baronin «nnte Dich am Ende bei dem Direktor ver- fevn'ücn oder Dir irgend Schaden zufügen,
weißt Du, vor diesem Weib, das Dich haßt, mußt Du auf der Hut sein."
„Daran dachte ich allerdings nicht, Lene, doch Du kannst wohl Recht haben," nickte Liese.
„Am besten ist es, Du läßt die Sachen hierher zur Frau Wollner schicken und die sendet uns gern alles nach."
Liefe blickte recht nachdenklich auf ihre treue Rathgeberin.
„Weißt Du, Lene, der arme Onkel thut mir doch von Herzen leid, ich möchte wohl wiffen, wie er meine Flucht ausgenommen hat."
Auf der Stirn der Alten erschien eine tiefe Falte, sie hatte ihren Groll gegen den Baron noch immer nicht überwunden, trotzdem sie eingesehen hatte, daß er eigentlich nicht schlecht gehandelt hatte.
„Nun Lieschen," meinte sie, „wenn es Dir leid thut, kannst Du ja wieder zu ihm zurückkehren —"
„Nein, nein," wehrte jene hastig ab, „sprich nicht mehr davon, ich will nichts hören, nichts Lene!"
Sie war hastig aufgesprungen und die Hände auf die Ohren pressend, lief sie hinaus und fetzte sich auf ein hölzernes Bänkchen vor dem kleinen Hause.
Wie war ihr doch heute so seltsam zu Mute! Machte das der Abschied? Morgen wollten sie reisen, alles stand gepackt umher, Kisten und Koffer in bunter Unordnung.
Lange saß Liese, in tiefen Gedanken verloren, indes droben Stern um Stern funkelnd am Himmelszelt erschien. Sie sah sich Plötzlich in einen dämmernden Garten versetzt, die Luft erfüllt von Blumenduft, an ihrer Seite ein Mann, der sie liebte, der sie mit bewegter
Stimme bat, ihn anzuhören, ihm den Sonnenschein zu bringen, der bisher seinem Leben gefehlt, ihm dem reichen, armen Mann.
Wäre es nicht bester gewesen, die Werbung anzunehmen? Dort winkte ein sicheres Heim, ein sorgenloses Leben.
„Friedlich?" Liese lachte plötzlich laut und bitter auf. Was hätte ihrer dort gewartet? Kampf und Streit.
Nein! nein! es war tausendmal leichter, sich fein Brot zu verdienen, als mit jener Frau zusammenleben zu müsten.
Lene trat aus der niedrigen Hausthür und mahnte Liese sich doch nicht allzulange der Nachtkühle auszusetzen, langsam folgte diese der voranschreitenden Alten.
IX'
Im Hause des BaronS von Hagedorn hatte Liesens Brief einen Sturm heraufbeschworen, ähnlich demjenigen, den ihre wenigen hinterlassenen Zeilen heraufbeschworen hatten.
An jenem Morgen, als die Baronin, die nur mühsam ihre Freude über Liesens Flucht verbergen konnte, zu ihrem Schwager ins Zimmer trat, da erschrak sie doch recht heftig über )ie Veränderung, welche mit ihm vorgegangen war. Das Haar hing ihm wirr und zerwühlt in die Stirn, der Ausdruck seines Gesichtes war ein so trostloser, daß die kalte Frau etwas wie Mitleid empfand. Die Augen starrten unbeweglich ins Leere, er merkte kaum, daß jemand eingetreten war und fuhr erst empor, als die Baronin ihm die Hand auf die Schulter legte und mit sanfter Stimme bat: „Rege Dich doch nicht so entsetzlich auf, lieber Rudolf, Du schadest Deiner Gesundheit; denke auch ein
wenig an mich, noch bin ich ja bei Dir, laß Jene sein wo sie will, diese hergelaufene Komödiantin verdient es nicht, daß Du um sie trauerst."
Er beachtete nicht, was die Baronin sprach offenbar hatte er es nicht einmal verstanden, die Hände wühlten sich tief in dak dichte, sonst mit peinlichster Sorgfalt geordnete Haar, ein unverständliches Murmeln drang von seinen Lippen.
Dann lief er stundenlang aufgeregt durch >as Zimmer, ja durchsuchte jeden Winkel des Hauses, als könnte es gar nicht möglich sein, daß Liese wirklich fort war und müßte er sie irgendwo finden.
„Wenn ich mir nur denken könnte, yrphin ie sich gewendet hat," stöhnte er, „das arme Kind, wer weiß, was ihr alles zustößt, so allein in Nacht und Nebel hinaus zu laufen, und ich jabe sie vertrieben, sie des letzten sicheren Asyls beraubt; es ist um den Verstand zu verlieren."
Die Baronin ließ ihn gewähren, sie sah wohl ein, daß ein Zuspruch vergebens war.
„Er wird schon von selbst aufhören," tröstete ie sich, „und mit der Zeit noch froh sein, daß er mich hat."
Wochenlang dauerte es, bis der Baron sich äußerlich beruhigt hatte. Er wollte es feiner Schwägerin nicht merken lasten, wie sehr er Liese liebte und wie sein Herz sich nach ihr ehnte. Ahnte er doch nicht im Geringsten, daß >as heuchlerische Weib ihn belauscht hatte, als er Liese seine Liebe gestand.
(Fortsetzung folgt.)