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Armee und Republik in Frankreich.
Der französische Kriegsminister Andr4 scheint ein vielseitiger Herr zu sein. Als am letzten Sonntag anläßlich des Jahrestages der Geburt des berühmten französischen Revolutionsgenerals Hoche eine Versammlung der radikalen Republikaner stattfand, hielt der Kriegsminister eine Ansprache, in der er sich sehr radikal geberdete. Das Heer, so verkündete er, habe die Pflicht, die republikanischen Einrichtungen zu schützen Md er werde immer dafür Sorge tragen, daß dies geschehe. Dor einigen Wochen aber hielt derselbe General in einem Kreise aristokratischer Offiziere eine Ansprache, in der er erklärte, er wisse und verstehe sehr wohl, daß die Herren konservative Auffassungen hegten; ganz zaghaft fügte er hinzu, daß er selbst allerdings Republikaner wäre.
Alles verstehen heißt Alles verzeihen, und so verzeiht es General Andre, bet die reaktionäre Gesinnung seines Offizierkorps so wohl versteht, sicherlich, daß der Prozeß gegen den Grafen I de Lur-Salutes ergeben hat, daß bet verstorbene 1 General Pellieux mit staatsstreichgelüsten in Verbindung gestanben hat. Pellieux hat allerdings im letzten Augenblick die reaktionäre I Fahne verlassen, aber woher hatte er von diesen I Umtrieben Kenntniß? Wenn er sich ihnen I schließlich entzog, _ so geschah es nicht, weil er I sie verabscheute, sondern weil er erkannte, daß I mit Hanswursten wie Döloulvde und den roya- I Wischen Mitverschwörern nichts Rechtes anzu- I sangen wäre. I
Pellieux ist gestorben, aber die Pellieux I leben noch, denn es fehlt unter den höheren £ Dieteren der französischen Armee sicherlich nicht I an Männern, die einen Staatsstreich gern mit- I machen würden, die aber immerhin intelligent I genug sind, um zu wissen, daß ihre eigenen I Fähigkeiten zu seiner Durchführung nicht aus- I reichen und die deshalb den Degen fo lange in I der Scheide behalten, bis eine überragende I Persönlichkeit ihnen befiehlt, ihn der Republik I in§ Herz zu stoßen. Unter den Subaltern- I offieieren fehlt es natürlich erst recht nicht an Gegnern der Republik: einmal haben sie bei I einem Staatsstreiche, der mißglückt, weniger zu I; verlieren, als die Generäle, und zweitens übt I auf ihre Jugend die Romantik einer solchen bauptaktion einen viel stärkeren Reiz aus, als auf ältere Männer. I
Aber, so wird man fragen, würden denn die I Soldaten, die ja doch nicht der den Monarchismus ! zurückersehnenden Aristokratie entstammen und i
Der südafrikanische Krieg.
Volle Unabhängigkeit!
Aus der ganzen augenblicklichen Lage in Südafrika ist zu ersehen, daß die Buren mehr denn je entschlossen sind nicht eher zu ruhen, als bis sie ihre volle Unabhängigkeit wieder erlangt haben, und wenn nicht alle Anzeichen täuschen, so muß und wird ihnen dieses auch schließlich gelingen, wenn sie nur fortfahren, den Kleinkrieg in der bisherigen musterhaften und für die Engländer geradezu ruinirenben Weise zu führen. Hierbei ist ihr Laub selbst mit seiner Bobenformation unb seinen Eigentümlichkeiten ihr bester Bundes - Genosse, j unb was Transvaaler unb Freistaatler vor
| bie deshalb ein Interesse an der Wiederher- I stellung eines monarchischen Regimes nicht I haben, ihren Officieren bei der Ausübung eines I Staatsstreichs Folge leisten? Gerade die sranzösische Geschichte zwingt dazu, diese Frage I Zst bejahen. Unter den Klängen des repu- I blikanischen Freiheitsgesanges hatten die Soldaten I der ersten Republik die glorreichsten Helden- I thaten verrichtet, aber kaum ein halbes Jahr- I Zehnt nach der Dichtung deS Freiheittzliedes I ließen sie sich dazu bereit finden, ihre Bajonette I liegen die Republik zu kehren, und den I Despotismus eines Emporkömmlings aufzu- I richten. Ein halbes Jahrhundert später ließen I sich die Soldaten der zweiten Republik durch ehrgeizige Generäle ohne Weiteres dazu ver-
I führen, die republikanischen Einrichtungen zu stürzen und abermals einen Kaiserthron aufzurichten. Warum sollten sie wieder ein halbes Jahrhundert später sich nicht abermals von irgend einem populären General dazu bringen lassen, an der dritten Republik Henkerdienste zu verrichten? Herr Loubet ist gewiß ein treff;
[ licher Mann, ober daß auch nur ein Bruchtheil der französischen Soldaten ein besonderes Interesse an dem Fortbestände feiner Präsidentschaft I hat, glauben wir kaum. Freilich war der Mann, dem die Soldaten bei der Vernichtung I der ersten Republik bereitwillig Folge leisteten, I ein Napoleon, der die Armee von Sieg zu Sieg I geführt hatte, und als die zweite Republik ge- I stürzt wurde, strahlte der Glanz des Onkels noch auf den Neffen zurück. An einem Namen I aber, der ähnlich wie der Name Napoleon jedes I französische Soldatenherz höher schlagen ließe, I fehlt es heute, denn feit dem Bestehen der dritten Republik ist es französischen Generälen I noch nicht vergönnt gewesen, ruhmvolle Thaten zu verrichten. I
So liegt es auch aus diesem Grunde im wohlverstandenen Jntereffe der Republik, daß der Friede erhalten bleibt. Ein unglücklicher Krieg würde den Kommunismus bringen, ein glücklicher den Cäsarismus. Wenn also General Andre ein wirklicher Republikaner sein will, so sollte er mit chauvinistischen Reden ein wenig sparsamer umgehen, als in den letzten Monaten.
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blickten wie träumerisch hinaus aus bie wenig belebte, sonnenglänzenbe Straße. Vor bem I kleinen Fenster stauben blühenbe Geranien in I allen Farben, was einen anheimelnben Einbruch machte, überhaupt schien bas Ganze trotz der großen Einfachheit so gemütlich und wohnlich, baß man sich hier unwillkürlich heimisch fühlen I mußte. Die hellgetünchten Wänbe unb bie schneeweißen Vorhänge gaben bem Stübchen I einen freunblichen Anstrich. Auf ber einen Seite des Zimmers befanb sich ein großer Kachelofen, ein steiflehniges Sopha, rings an ber Wanb lief eine hölzerne Bank unb zwischen ben Fenstern staub eine einfache Kommobe, ein großer Tisch, mehrere Stühle, bies war bie ganze Einrichtung. Die Sonne schien fo warm unb weckte in bem kleinen gelben Kanarienvogel, ber dicht am Fenster in einem hölzernen Käfig hing, bie Lust zum Singen; er schmetterte feine Töne heraus, baß es eine wahre Freude toar, unb Lene mehr als einmal bem munteren Sänger zurief:
„Nun, nun, Hänschen, huv iuuyi gut w laut, was ists mit Dir, baß Du heute ein solches großes Geschrei machst?"
Enblich staub sie auf unb ihr Strickzeug weglegend, langte sie nach einer an ber Wanb hängenben Photographie unb versenkte sich in ben Anblick derselben. Ein lächelndes Kinder- gesichtchen blickte ihr aus einem einfachen Rahmen entgegen, ber kleine Munb halb geöffnet, unter bem spitzenbesetzten, weißen Kleibchen schauten ein paar bitte Beinchen hervor, in ben Patsch- Häubchen hielt ber Kleine einige Blumen.
„©in herziges Kerlchen," murmelte bie alte Fra», „ich wollte, ich könnte es einmal sehen,
I Nachdem ber Brief in ein Kouvert gesteckt I unb obresfiert war, schrieb sie noch einige Zeilen I an bas Mäbchen, bieses bittenb, ihre Garberobe I zusammen zu packen unb so lang zu bewahren, I bis sie bieselbe holen laffe.
Jetzt kam bas schwerste Stück baran. Das nöthigste an Wäsche unb einigen Kleidungsstücken hatte Liese in eine Lebertasche gepackt unb ein bunkles, einfaches Kleid angezogen. Ihr kleines Vermögen, sowie Schmucksachen steckte sie in einen Beutel, den sie sorgsam in einer Tasche barg Aber das Kind mußte noch angezogen werden. Wie wenn es zu weinen anfing und das Mädchen weckte.
Behutsam nahm die Frau den kleinen Schläfer aus feinem Bettchen, innerlich zitternd, doch rasch, um keine Zeit zu verlieren, zog sie ihm die Strümpfe über die dicken Beinchen. Das Kind lehnte schlaftrunken und ohne die Augen niederzuschlagen sein Köpfchen an ber Mutter hochschlagenbes Herz. Das Ankleiben war halb beenbet nnb als bie Uhr vom nahen Thurme Eins schlug, trat Liese, in ber einen Hanb bie Reisetasche, auf bem Arme bas schlafende Kinb, hinaus auf bie Straße, soweit man bieselbe überblicken konnte, war vollständig menschenleer. Muthig schritt die Frau vorwärts unb verschwanb alsbalb um bie nächste I Straßenecke. I
VHI.
In ihrem zwar recht einfachen aber sehr I sauberen Stübchen saß bie alte Lene am Fenster, ben Strickstrumpf in ben Hänben. Ihr Ge- I sicht war ganz basselbe geblieben, es hatte I sich nichts darin verändert. Zuweilen entsank die Arbeit den fleißigen Händen, die Augen |
Umschau.
Lebensverkürzung burch Getreibezölle.
Professor Brentano hat kürzlich in einer Münchener Versammlung barauf hingewiesen, daß die Bevölkerungsvermehrung der letzten
Original-Roman von Irene v. Hellmuth.
lForNetzrurg)
Angestrengt horchte sie nach dem Hause hin, Lichts regte sich brinnen. Alle Fenster lagen yunfel ba; boch' wie — wenn bie Baronin ihr "n Finstern auflauerte? —
„O Gott, schütze mich," betete bie arme «rau leise, bann ging sie lautlos um bas Haus $«rum unb fanb im Erdgeschoß ein offenes uriifter. Das Zimmer war unbewohnt und •Me gelang es, die nicht hohe Mauer zu er- uimmen. Dann tappte sie sich im Dunkeln lad? ihrem Schlafzimmer und machte Licht.
t Ruhig und süß schlummerte der Kleine in iftnem Bettchen; im Nebenzimmer, dessen Thüre Mn stand, schlief seine Wärterin. Liese schloß geräuschlos die Thüre, damit das Mädchen nichts vernahm. Das junge Mädchen schlief festen Schlaf der Jugend, es rührte sich nichts. Zitternd suchte Liese nun einen Bogen Papier dttvor und schrieb beim Scheine ber flackern- drn Kerze:
„Lieber Onkel!
Verzeihe mir, wenn ich Dir Schmerz be- I leite, boch ich konnte nicht anberS handeln, halte mich nicht für undankbar, sondern habe Mitleid mit einer Unglücklichen. Noch eins; versuche nicht, mich zurückzuholen, forsche mir auch nicht nach, es würde vergebens sein. l!aß mich meinen Weg allein gehen, und glaube wir, es ist fo am besten.
Deine Liese." |
(Nachdruck verboten.)
Die Feuerliese.
vielleicht besucht uns Liese doch und bringt uns das Kindchen mit."
Draußen fuhr raffelnd die gelbe Postkutsche über das holperische Pflaster, der Postillon bltes sein altes Lied: „Seht dort drei Rosse vor dem Wagen," das einzige was er spielen tonnte. Mit einem jähen Ruck hielt das Gefährt vor dem Haufe.
Neugierig sah Lene zum Fenster hinaus, eine Dame mit einem Kinde entflieg dem Wagen.
„Ja Du lieber Gott! - ist denn das nicht Liefe, meine Liefe!" schrie sie bann auf unb stürzte ber Embringenben entgegen, bie bas Kinb an ber Hand führte.
«in einziger, herzzerreißender Aufschrei: „Ach Lene, Lene!" warb vernehmbar', bann lagen sich bie beiben in ben Armen; ihre Thränen flössen ineinanber, während sie sich fest umschlungen hielten. Der Kleine blickte ver- stutzt empor unb verzog bedenklich ben Mund, „ .. I um im nächsten Augenblick ebenfalls in bitteres
nur n^t gar so I Weinen auszubrechen. Lene hob bas Kinb auf nfe °- i den Arm, um eS zu beschwichtigen, doch es
wehrte sich nach Leibeskräften gegen bie ihm unbekannte Frau unb streckte verlangend bie Aermchen nach ber Mutter aus.
"Still, still mein Liebling!" rief ihm diese ZU- „Du wirst Dich schon noch hier eingewöhnen wenn wir erst länger hier finb".
Dabei flössen immer auf's Neue bie Thränen über ihre Wangen.
,, ./"So willst Du auf längere Zeit bei mir bleiben, fragte Lene, froh bewegt," mit glück- Ukhem Lächeln auf bem alten guten Gesicht.
^Fortsetzung folgt.)
In bet Kapkolonie.
Das Hauptinteresse unter ben fechtenden Burenkommandos nehmen zur Zeit noch immer bie kleinen kühnen beweglichen Scharen in Anspruch, bie sich m ben sogenannten Mibland- bejirren ber Kapkolonie herumtummeln. Die englische Welt hat sich allmählich an biefe Erscheinung, von ber man eigentlich annehmen
allen Dingen verhüten müssen, ist, baß nicht etma burch Unvorsichtigkeit ober gar durch »errat einige von den Männern den Engländern I in die Hände sollen, welche bie Seele bes ganzen zähen Wieberstonbes finb. Ein solcher | Fall würde wohl dieselbe Erscheinung zur Folge I haben, wie sie nach der Gefangennahme Cronjes eintrat, wo fast sämtliche im Felde stehenden I F^istaatler die Flinte einfach ins Korn warfen.
Daß diese bann bomalß bie Waffen fobalb toteber aufnahmen, war in ber Hauptsache bie I Schuld bes Lorb Roberts, ber ihnen versprochen hatte, baß sie unbehelligt bleiben sollten, wenn sie I sich nur neutral verhielten. Als ber britische Oberbefehlshaber aber anfing, einzelne Führer I nach unb nach von ihren Farmen fortzuschleppen unb gefangen zu setzen, ba wußten bie Frei- I stabiler wieder einmal, was sie von englischen Versprechungen zu halten hatten; sie holten I ihre versteckt gehaltenen Reservemauser hervor und standen bald den überraschten Engländern | Wehr unb Waffen unb selbst mit zahlreichen Kanonen toieber gegenüber. Alle Proklamationen des Lord Roberts verklangen erfolglos im W-.nde, und seitdem änderte sich die ganze Situation langsam aber sicher allmählich wieder vollständig zu Gunsten der Buren.
Die Taktik, welche Botha seit der Einnahme von Pretoria verfolgt, läuft einfach darauf hinaus, daß er feine Streitkräfte in viele kleine Haufen theilt, welche von einander getrennt hnb, seboch immer fo gut miteinanber in Verbindung stehen, daß er sie, falls sich Gelegenheit zu einem Hauptschlage bietet, jeden Augenblick zusammenziehen kann. Dies schließt natürlich bei der wunderbaren Beweglichkeit unb Terrain- ber Buren größere Niederlagen fast vollständig aus, wie die jüngste Geschichte des Feldzuges zur Genüge, bewiesen hat, und hat andererseits den ebenfalls bereits fattfam be- fannten Erfolg, die englischen Streitkräfte zu ermüden und bie britische Heeresleitung derartig anbauerxb zu verwirren, baß bie Operatious- t>läne bes Lorb Kitchener jeden Augenblick über den Haufen geworfen werden unb unter unsäglichen Schwierigkeiten immer toieber neu aufgebaut werden müssen.
Marburg an nad> e°an- ™
Sonnabend 6 Juli 1901. nnb 3ot>- »«a- »»4. Jahrg. 36.
______________ Marburg, Markt 21. — Telepbon s.v
-iahre der Herabsetzung der Sterblichkeitsziffer zuzuschreiben fei. Eine Lebensmittelverteuerung wurde — so meinte der Gelehrte weiter — meS Verhältnis verschlechtern; was müßte denn die „arbeitende Bevölkerung" denken? Daß die Getreibezölle den Zweck haben sollten, ihr I Leben zu verkürzen? Welchen Zweck hätten I dann die Alters- und Invalidenversicherungen
Der Münchener Profeffor scheint nicht zu I ivissen das die Getreidepreise heute und seit I binem Jahrzehnt billiger find als vor zwanzig Jahren; die Sterblichkeit hätte also nach fernen Darlegungen damals erheblich geringer sein müssen als heute. Bekanntlich ist das nicht der Fall • bekanntlich ist auch bie Sterblichkeit in ben | ßänbern mit ben niedrigsten Brotpreisen bedeutend höher als in den „teuren" Ländern und namentlich bei uns. Auf so fadenscheinige j Argumente sollte sich ein Mann der Wissenschaft also nicht einlaffen. k.
Sozialdemokratische Sch and-„Poesie".
c. Das sozialdemokratische Witzblatt „Der wahre Jakob" bringt ein schamloses Gedicht zur Heimkehr unserer ostasiatischen Truppen. Die letzte Strophe dieses Machwerks lautet: I
Schlapp vom Sengen, Brennen, Morden I „Unsre Hunnen kehren wieder ' I
Und ’ne Viertelmilliarde I
Sind wir dabei los geworden." I
Schändlicher als hier sind wohl selbst vorn wüthendsten ausländischen Frinde die deutschen Truppen noch nicht beleidigt worben. Die I vielen Arbeiter, bie mit Stolz bie Uniform getragen haben unb bie sich noch heute mit ber Armee eins wissen, werben aus dieser neuesten sozialdemokratischen Leistung erkennen, welche „Ehre es ist, zur Sozialdemokratie zu gehören. I
vierteljährlicher Bezugspreis: bei der Expedition 2 Mk„ AI 1bei allen Postämtern 2,25 Mk. (erd. Bestellgeld).
VV Insertion»,ebühr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 $fg.
Reklamen: die Zeil« 25 Pfg.