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Marburg
Mittwoch, 3 Juli 1901,
Erscheint täglich außer an Lllerkragen nach Sonn- una Feierragen. Soautagsbeilage: JlluftrirteS SoantagSblatt.
Lr>ck und Strlag: Iah. Aug. Koch, Universitäts-Buchdruckere-.
Marburg, Markt 21. — Telepbon 55
Jahrg. 36.
Auffichtsrath und Revisoren.
Ein Berliner Blatt hat darauf hingewiesen, daß bei all den schweren Bankbrüchen des letzten Jahres immer ein böser Geist das ganze Unglück, durch welches jedesmal Tausende von Existenzen in schwere Mitleidenschaft gezogen wurden, verschuldet habe: so bei dem Zusammenbruche der Deutschen Grundschuldbank, so bei der Dresdener Creditanstalt, so bei der Leipziger Bank.
Das ist richtig, aber weil eS richtig ist, ist es um so schlimmer, denn damit muß zugleich auch das Mißtrauen gegen die heute noch als solide geltenden Institute genährt werden. Denn wögen diese großen Institute auch heute noch von unbedingt zuverlässigen, soliden und ehren- | werthen Männern geleitet werden, so leben ! doch diese Männer nicht ewig, und wer will dafür garantiren, daß nicht in zehn Jahren an der Spitze eines heute unbedingt sicheren Institutes ein Mann wie Sanden oder Exner steht. Derartige Leute werden doch nicht deßhalb an der Spitze derartiger großartiger Institute gestellt, weil sie bis dahin leichtfinnige Spekulanten gewesen wären, sondern umgekehrt, weil sie bis dahin sich durch hervorragende Tüchtigkeit ausgezeichnet haben. Bielfach wird eben erst, wenn sie an der Spitze solcher Rieseninstitute stehen, die Neigung zu wahnsinniger Spekulation in ihnen geweckt, einmal weil sie schier unerschöpfliche Summen zu ihrer Verfügung haben und zweitens, weil sie in ihrer Thätigkeit so gut wie garnicht wntrollirt werden.
Und dies ist eben der Wunde Punkt. Freilich besteht bei jeder Aktien-Gesellschaft ein Auffichtsrath, der „die Geschäftsführung der Gesellschaft, der Verwaltung zu überwachen und sich zu diesem Zwecke von dem Gange der Angelegenheiten der Gesellschaft zu unterrichten hat". Aber diese schöne Bestimmung steht wie so manche andere Gesetzesbestimmung, lediglich auf dem Papiere. Wir wollen durchaus nicht behaupten , daß, wie jetzt in der Erregung über die mannigfachen unglücklichen Ereigniffe vielfach gesagt wird, jeder Auffichtsrath ein Mann sei, der von vornherein nur geneigt ist, seine hohen Tantiemen einzustecken, aber durchaus nicht geneigt, seiner Pflicht gerecht zu werden. Wir wiffen einen Fall von einem früheren sehr hochgestellten Staatsbeamten, der bald nach dem Austritte von seinen Staatsdiensten Vorsitzender des Aufsichtsraths einer sehr großen und angesehenen Gesellschaft wurde. Dieser Mann nahm
21 Nachdruck verboten.)
Die Fkuerliese.
Original-Roman von Irene v. Hellmuth.
lüvrNrtzauL.)
Gehorsam stand die junge Frau auf und kam bald darauf mit einer Flasche Wein und einigen Gläsern zurück, die sie vor dem Baron auf den Tisch stellte, er haschte im Dunkel nach ihrer Hand und drückte sie leise.
„Geht es Dir wieder besser, Agathe?" fragte tt gutmüthig nach der anderen Seite hin, wo die Baronin saß.
„Ja, ja, es geht schon vorüber, Rudolf."
„Eigentlich müßtet Du aber kalte Umschläge machen, sonst kann die Sache üble Folgen haben."
„Nein, nein," wehrte sie fast heftig, „so schlimm ist es nicht."
„Nun, wie Du willst."
Er hatte die Gläser gefüllt und sie klangen hell an einander. Droben am nächtlichen Himmel zog Stern um Stern auf, ein süßer Duft kam von einem nahen Resedabeet her, die Säume rauschten leise im Abendwind.
i „Liebe Tante," tönte plötzlich die Stimme Hans von Hohenroths dicht bei der kleinen
i «ruppe, „hättest Du vielleicht ein Viertel- füudchen für mich übrig? Ich möchte gerne Stoa§ Wichtiges mit Dir besprechen, aber unter
Lier Augen."
g. Das kam der Baronin sehr ungelegen und fe sagte daher etws mürrisch: „Das wird doch *jd)t solche Eile haben, mein Junge, morgen • auch noch ein Tag."
| Der Junge wollte indes davon nichts hören.
U war zu dem Entschluß gekommen, seiner - ■"
feine Sache ursprünglich sehr ernst und erschien alle Augenblicke in der Direktion und den Fabrikräumen, um nach dem rechten zu sehen, bis ihm, natürlich in zarter Weise, nahe gelegt wurde, daß er als Nichtfachmann doch eigentlich nicht das richtige Derständniß habe und fein Eifer daher zwar sehr dankenswerth, aber ziemlich überflüssig sei. Dabei handelt es sich in diesem Fall um eine Direktion, die es durchaus nicht nöthig hat, dem prüfenden Auge irgend etwas zu verbergen, sondern die gerade in dem guten Bewußtsein, pflichtgetreu und ehrlich zu verfahren, eine Kontrolle durch einen Nichtfachmann für überflüssig hielt.
Soweit das Institut der Aufsichtsräthe überhaupt beibehalten werden soll, wird also vor Allem verlangt werden müssen, daß nur Fachmänner, die zugleich tüchtige Kaufleute und Angehörige des betreffenden Faches, also des Bankfaches ober der Elektrizität ober ber Chemie u. s. w. finb, Aufsichtsräthe werden bürfen. Die „Kreuzztg." meint dazu freilich, daß die Wahl von Fachmännern deswegen schwierig sei, weil ein Fachmann zumeist zugleich ein Konkurrent fei und weil naturgemäß keine Gesellschaft einen Konkurrenten gern in ihre Geschäftsgeheimnisse einweiht. Es giebt aber in jenem Fache genug Fachleute, die entweder sich von den Geschäften zurückgezogen haben ober die eine Stellung nicht als Besitzer, als Leiter einer Fabrik ober Prokuristen einer Bank haben, unb bie eine Aufsichtsrathstelle an Stelle ihrer bisherigen Thätigkeit ganz gern annehmen würben, ohne bie Rolle bloßer „Tantivmenschlucker zu spielen."
Neben ben -Aufsichtsräthen 4 müßten ben Aktien - Gesellschaften noch staatliche Revisoren gestellt werden, die zugleich Beamte und Fachmänner sein würden und die das Recht hätten, mehrmals im Jahre vollen Einblick in den Geschäftsbetrieb des Instituts zu verlangen. Wenn die „Kreuz-Ztg." meint, ein solcher Revisor sei eben nur ein Beamter mehr, der keine größeren Garantien bieten könne, als der Director selbst, so ist dies doch wohl nicht ganz richtig. Denn der Director hat naturgemäß ein Interesse daran, einen möglichst günstigen Jahresabschluß zu erzielen und eine hohe Dividende Vorschlägen zu können; und gerade um das letztere thun zu können, wird er oft Neigung zu gewagten Geschäften haben, die, wenn sie glücken, einen hohen Gewinn abwerfen. Der Revisor aber hat nur das eine Interesse, daß Alles im richtigen Loth ist und daß nicht mit dem Vermögen der Actionäre ein frivoles Hazard- spiel getrieben wird. So glauben wir wohl,
Tante alles zu sagen, was ihm auf dem Herzen lag. Ja, er liebte Liese aufrichtig und wahr, aber wenn, wie es fast schien, diese ihm abgeneigt war, so wollte er dieQual nicht verlängern, sondern das schöne junge Weib zu vergessen suchen. Vorerst sollte ihm die Tante rathen, ob er Liese fragen sollte, und ob überhaupt noch Hoffnung vorhanden wäre ; darnach wollte er sein ferneres Verhalten einrichten.
„Lieber Hans," unterbrach die Baronin ben Gebankengang bes jungen Mannes, „setze Dich zu uns unb warte bis morgen mit bem, was Du mir zu sagen hast."
„Nein, nein Tante, bitte, bitte, ich möchte es noch heute erledigen."
„Aber Agatha," mahnte der Baron, „lange können wir ohnedies nicht mehr im Garten bleiben, es wird zu kühl werden, so erfülle doch die Bitte Deines Neffen."
Mit sichtlichem Widerstreben erhob sie sich endlich, sie schien vergeffen zu haben, daß ihr der verstauchte Fuß vorhin solche Schmerzen bereitet hatte, denn sie ging so rasch, daß Hans ihr kaum zu folgen vermochte.
Die beiden Zurückbleibenden saßen still im dämmernden Garten. Baron Rudolf füllte aufs Neue die Gläser und reichte eins davon Liese hin, indem er dazu sagte:
„Willst Du nicht trinken?"
„Nein Onkel, danke — ich habe etwas Kopffchmerzen."
„Ist es Dir nicht zu kühl, Kind; soll ich Dir vielleicht ein Tuch holen?"
Liese schüttelte nur den Kopf.
Wiederum entstand eine Pause. Nichts
daß die Schaffung von Revisoren, die wohl von dem Institute zu besolden, aber nicht von ihm abhängig und deshalb auch nicht von ihm zu ernennen ober zu entlasten wären, segensreich wirken würbe. R.
Umschau.
Deutschlanb unb Frankreich.
* Wer bie Beschreibung über ben Empfang ber französischen Automobilfahrer in Berlin unb bie bei bem Festbanket gehaltenen Reden gelesen hat, bet hätte vielleicht annehmen können, daß nunmehr bie politischen Beziehungen zwischen Frankreich unb Deutschland die denkbar besten wären. Gewiß sind sie zur Zeit vorzüglich. Doch angesichts der Schmocks des „Lok.-Anz.", die davon fabeln, die Franzosen hätten in Deutschland vier große Schlachten gewonnen (Leipzig, Eisenach, Gotha, Erfurt,) heißt es kühl zu bleiben. Der Sport ist international, und doch ist es noch nicht lange her, daß als der sächsische Rittmeister von Eynard zu dem Rennen in Auteuil seinen Steepler Funny Face gemeldet hatte, die französische Presse einen Höllenlärm schlug über die Invasion des preußischen Ulanen. Ob sich das geändert hat? Gewiß hat die Automobilfahrt manche persönlichen Beziehungen zwischen deutschen und französischen Sportsleuten anknüpfen lasten, aber durch dieselben find Aenderungen in den Anschauungen der breiten Maste und der ausschlaggebenden Politiker wohl kaum erfolgt. Wir wollen die Bedeutung der Automobilfahrt nicht unterschätzen, aber gegen die widerwärtige Art, in ber einzelne Blätter bie Sache behanbeln, muß Protest erhoben werben.
Ungleiche Behandlung.
Von konservativen unb agrarischen Blättern ist neuerdings bie Erwartung ausgesprochen, baß bie Konservativen, wenn sie bei einer Verweigerung bes nothwenbigen Schutzes für Erzeugnisse ber Lanbwirthschaft zur Rückkehr zum unbebingten Freihandel geneigt sein sollten, auf bie grunbsätzliche Unterstützung der Demokraten zu rechnen haben würden. Die „Freisinnige Zeitung" erklärt jetzt diese Erwartung für eine irrige und bemerkt, daß, wie man auch über die Zollpolitik denken mag, doch niemand die plötzliche Aushebung aller bestehenden Schutzzölle befürworten werde.
Dies Eingeständniß ist für uns sehr fchätzens- werth. Es zeigt, daß man auf freihändlerischer
unterbrach die tiefe Stille, als das rasche, hörbare Athemholen des Barons.
Die junge Frau hatte den Kopf in die Hand gestützt, ihr war so bang zu Muthe, und doch wußte sie eigentlich nicht warum. Sie fühlte die Blicke des Onkels auf sich ruhen und dies beängstigte sie noch mehr. Er saß ihr jetzt so nahe, daß fein Äthern ihre heiße Wange streifte.
Liese- hoffte im Stillen, die Baronin werde bald zurückkommen und dieser peinlichen Situation ein Ende machen. So zuwider ihr auch immer die Gegenwart ihrer Schwiegermutter war, in diesem Augenblick wünschte sie dieselbe doch herbei.
Warum nur ? DaS Herz klopfte ihr so stark, sie fühlte sich wie in einem Bann und wagte sich nicht vom Flecke zu rühren.
Plötzlich faßte der Baron ihre Hand und behielt dieselbe in der feinen.
„Ach Liese, wie kalt Deine Hand ist; fehlt Dir etwas?"
„Nichts Onkel."
Nach einer kleinen Pause begann er von Neuem:
„Liese, ich möchte Dir etwas sagen, willst Du mich anhören?"
„Onkel hörst Du nichts? Ich glaubte ein Geräusch zu vernehmen, gauz in der Nähe."
„Aber Kind, Du täuschest Dich, wie schrecklich und nervös Du doch in letzter Zeit geworden bist; es ist nichts als der Abendwind."
Mit diesen Worten zog er die leicht Widerstrebende an seine Seite nieder, gab jedoch ihre Hände nicht frei.
Seite einer grundsätzlich verschiedenen Behandlung der Landwirthschast und der Industrie das Wort redet. Der Industrie gönnt man Schutzzölle, unter denen sie zur Blüthe gelangt ist, der Landwirthschast dagegen will man nicht einmal die bei Festhaltung der industriellen Schutzzölle zur Sicherung ihrer Existenz roth- wendigen Schutzzölle gewähren.
Zur Wohnungsfrage
e. Die Armendirektion von Charlottenburg hat die Ursache entdeckt, die zu dem Mangel an kleinen Wohnungen geführt hat. Sie erklärt, die Aufhebung des Kahlpfändungsrechts habe die Wohnungsverhältnisse verschlimmert. Im Interesse der Miether eingeführt, habe diese Aufhebung nahezu den Charatter eines Gesetzes angenommen, das vom Bauen von Häusern mit kleinen Wohnungen abhalte.
Bekanntlich hatte sich aber das „Kahl- pfändungsrccht" in Verbindung mit den hohen Miethspreisen namentlich für kleinere Wohnungen zu einer wahren Kalamität entwickelt. Ein plötzlich eingetretenes unverschuldetes Unglück, wie vorübergehende Arbeitslosigkeit, Krankheit und bergt, genügte, um die Existenz einer Familie durch „Kahlpfändung" zu. vernichten. Gegen böswillige Schuldner stehen den Haus- wirthen noch immer Zwangsmittel genug zur Verfügung; der Schutz wirtschaftlich schwacher gegen den Wohnungswucher darf deshalb keine Einschränkung erleiden. Sollte die Sauluft tatsächlich durch die Aufhebung der grausamen Bestimmung vermindert worden sein, so werden eben Schritte gethan werden müssen, um die Baulhätigkeit seitens des Unternehmerthnms durch staatliches und kommunales Eingreifen noch mehr als bisher zu ersetzen. Gegenwärtig ist bestimmt, daß das Pfandrecht des Vermieters sich nur auf die ein gebrachten Sachen des Mieters selbst, nicht aber auf die Sachen der Frau und Kinder erstrecken darf. Ferner ist bestimmt, daß Gegenstände, die zum gewöhnlichen Hausrat gehören und im Haushalt des Schuldners gebraucht werden — wie u. a. auch Betten und Wäsche — und Vorräte anNahrunas-; Feuerungs- und Beleuchtungsmittel für die nächsten vier Wochen, bezw. die entsprechenden Geldbeträge nicht gepfändet werden dürfen. Diese Bestimmungen sind wahrlich nicht so weitgehend, daß einsichtige Hausbesitzer sich damit nicht abfinden könnten.
„Siehst Du Liese," fuhr der Baron erregt fort, „daß Deine Mutter meine erste Jugendliebe war, weißt Du bereits, aber Du weißt vielleicht nicht, daß ich, seit ich sie aufzugeben gezwungen wurde, ein liebearmer, einsamer Mann geblieben bin, arm, trotz allen Reichthums, der mich umgab, gequält von einer launischen verzogenen Frau, die es mir zum Vorwurf machte, daß ich sie ihres Geldes wegen geheirathet hatte, und ich konnte diesen Vorwurf nicht zurückweisen, denn es war die Wahrheit. — Nach ihrem Tode lebte ich nur meiner Arbeit. Wie eine Maschine kam ich mir vor, nichts machte mir Freude. Ich forschte damals eifrig nach Deiner Mutter, konnte aber nichts erfahren; sie sei weggezogen, hieß es, weiter wußte man nichts. So ging es jahrelang fort, im ewigen Einerlei. Da kamst Du, Liese und brachtest mir die Freude am Leben zurück, wenn es mir damals auch noch nicht so recht zum Bewußtsein kam, so unterliegt es für mich heute keinem Zweifel, daß ich Dich liebte, vom ersten Sehen an. — Du warst der Sonnenschein, der auf meinen einsamen Lebensweg fiel, Du schautest mich an mit den süßen, geliebten Augen Deiner Mutter, die ganz dieselben waren. Wenn auch, so lange Oskar lebte, kein unrechter Gedanke in mir ausstieg, ich niemals daran dachte, Dich besitzen zu wollen, so schien mir doch das Leben schöner von dem Augenblick an, da Du in unserem kleinen Kreis erschienst, und heute, da Du frei bist, heute darf ich Dich wohl fragen, Liefe, geliebtes Kind, könntest Du Dich entschließen, die Meine zu werden, könntest Du mich ein klein wenig lieb haben, Lieschen?"
(Fortsetzung folgt)