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Donnerstag 20 Juni 1901.

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36 Jahrg.

I Herr Prinetti und der Dreibund.

Monatelang sind durch die Presse Italiens, Deutschlands und Frankreichs Erörterungen über »die Stellung Italiens zum Dreibunde und über das Verbleiben dieses Landes im Dreibunde ge­gangen. Den ersten Anlaß zu diesen Er­örterungen bot die im vergangenen Winter er­folgte Ernennung des Herrn Prinetti zum Minister des Auswärtigen, da Prinetti wegen einer im Jahre 1891 gehaltenen Rede gegen die Fortdauer des Dreibunds als Gegner dieses Bündnißverhältnisses galt. Auf eine Anzapfung von radikaler Seite hat sich nunmehr Herr Prinetti über diese Frage ausgelassen, und es versteht sich von selbst, daß die Aeußerungen des Ministers in den beteiligten Ländern weit­gehende Beachtung finden.

Prinettis Rede zerfällt in zwei Theile, nämlich 1. in eine Entschuldigung seiner damaligen Auf­fassung und 2. in eine Würdigung des gegen­wärtigen Zustandes. Hinter seine Ausführungen ! zu beiden Punkten läßt sich ein großes Frage­zeichen machen. Er erklärt, daß er vor 10 Jahren die Lockerung der handelspolitischen Be­ziehungen zu Frankreich und die Entstehung eines politischen Gegensatzes zu diesem Lande irrtümlicher Weise als Folge des Dreibundes angesehen habe. Da muß man allerdings sagen: Höch st irrtümlicher Weise. Denn wenn da­mals ein starker politischer und wirtschaftlicher Gegensatz zwischen Italien und Frankreich eintrat, jo hatte der Dreibund gar nichts damit zu tun, sondern Frankreich allein trug die Schuld. Noch i. I. 1887, also sechs Jahre nach der Be­setzung von Tunis durch die Franzosen und ebenso lange nach der Begründung des Drei­bundes erklärte der aufrichtigste Freund des Dreibundes in Italien, Crispi, daß er ein gutes Verhältniß zu Frankreich für nothwenditz und Wünschenswerth halte. Auf Seiten Italiens also war der gute Wille jederzeit vorhanden. Aber ein Jahr nach dieser Erklärung führte Frankreich jenen Zollkrieg herbei, der Italien so schwere Wunden schlug, zwei Jahre später intrigirte es auf das schärfste gegen Italiens kolonialpolitische Pläne am Roten Meere, und wiederum wenige Jahre später wurden in Frankreich italienische Arbeiter wie tolle Hunde todtgeschlagen. Daß durch all diese Vorgänge entstandene schlechte Verhältniß zwischen Italien und Frankreich hatte also mit dem Dreibünde nichts zu thun, und wenn Herr Prinetti damals schon ein so vortrefflicher Staatsmann gewesen wäre, wie er es heute, wo er es ja zum Minister

des Aeußeren gebracht hat, zweifellos ist, so wäre ihm ein so schwerer Jrrthum wohl kaum untergelaufen.

Da sich nun der italienische Minister davon überzeugt hat, daß der Dreibund weder schlechte Beziehungen zu Frankreich verschuldet habe, noch auch die Herstellung guter Beziehungen zu diesem Lande verhindere, so bekennt er, daß der Dreibund der italienischen Politik eine feste Grundlage gegeben und wirksame Hilfe zur Aufrechterhaltung des europäischen Friedens ge­leistet habe. Diese Verwandlung des Saulus in einen Paulus ist ja gewiß sehr erfreulich, aber aus dem ganzen Tone der Rede geht doch hervor, daß der Minister den Dreibund vom Standpunkte der Vernunftehe, die Intimität mit Frankreich vom Standpunkte der Neigungs- heirath aus ansieht. Er bezeichnet recht nüchtern den Dreibund als sehr nützlich, insbesondere für die Aufrechterhaltung des Friedens, aber er spricht mit Wärme von den innigen Beziehungen zu Frankreich, von den herzlichen Kundgebungen der Freundschaft bei der Zusammenkunft in Toulon, von der Verwandtschaft des nationalen Geistes, der Rasse und der Gesittung. Gewiß sind auch wir der Ansicht, daß der Dreibund ein gutes Verhältniß zu Frankreich sowohl Deutschlands wie Italiens sehr wohl gestattet, aber andererseits darf man doch nicht ver­kennen, daß der Dreibund unter Umständen die Verpflichtung auferlegt, trotz aller guten Be­ziehungen zu Frankreich gegebenenfalls gegen diesen Staat zu Felde zu ziehen, wenn nämlich der andere verbündete Staat von Frankreich ange­griffen wird. Zwischen Deutschen und Franzosen haben ja soeben mancherlei Höflichkeitsbezeug­ungen stattgefunden, aber Niemand wird daran zweifeln, daß, wenn heute die Franzosen einen Angriff auf Genua oder Turin machen wollten, Deutschland sofort seiner Verpflichtung gegen Italien entsprechen würde. Darf man nun annehmen, daß Herr Prinetti, wenn die Fran­zosen gegen Metz oder Straßburg vorgehen wollten, ebenso prompt die papierneu Vertrags­bestimmungen in die Wirklichkeit umsetzen würde? Wir wollen es hoffen, aber toir müssen bekennen, daß wir auf den Eifer dieses Mannes weniger vertrauen, als auf die Gewehre unseres XV. und XVI. Armeekorps.

Nach der Rede Prinettis ist ja anzunehmen, daß vorausgesetzt, daß er zur Zeit der Er­neuerung des Dreibundes überhaupt noch Mi­nister ist der Dreibund auch erneuert werden wird, aber wenn die allgemeinen Gesinnungen in Italien nicht andere sind, als diejenigen Prinettis, so wird man trotz aller vertrags­

mäßigen Bestimmungen sicherlich im günstigsten Falle nur auf eine wohlwollende Neutralität Italiens zu rechnen haben. %*

Umschau.

Feldmarschall Graf Waldersee wird in der demokratischen Presse noch immer scharf angefeindet. Die persönlichen Spitzen aber, welche von jener Seite gegen den hoch­verdienten General gerichtet werden, zielen nach einer anderen, höheren Stelle. Was will diese kleinliche verächtliche Nörgelei, die von dem ge­ringen Nationalbewußtsein der deutschen Demo­kratie nur immer wieder ein neues Zeugnis ablegt, gegenüber den herzlichen Anerkennungen bedeuten, die dem auf der Heimreise begriffenen Grafen von Waldersee von den Kriegsherr-n der verschiedenen ostasiatischen Kontingente, ja auch von der Presse des Auslandes zutheil ge­worden find? Die den Feldmarschall hoch ehrenden Telegramme des Zaren und des Kaisers von Oesterreich müßten die demokratischen Nörgler beschämen, wenn so etwas möglich wäre. Jedenfalls werden diese Kundgebungen in der deutschen Bevölkerung auf größeres Ver­ständnis zu rechnen haben, als die demokratischen Gehässigkeiten. Bemerkenswerth ist, was im Anschluß an die erwähnte Depesche des Kaisers Franz Josef daS offiziöse WienerFremden­blatt" schreibt.

»Graf Waldersee ist so heißt es in jenem Blatte mit soviel Umsicht vorgegangen, daß nirgends auch nur vorübergehend eine Gefährdung oder Stockung eintrat. Vor allem aber enfaltete er eine Klugheit und einen Takt, daß dies feine Berufung zu der in ihrer Art einzigen Stellung auf das glänzendste rechtfertigt. Die Anerkennung, die unser Kaiser ihm spendet, ist also nicht nur ein höchst auszeichnendes Kompliment für den verdienten General-Feldmarschall, sondern zu­gleich ein neues Zeichen der freundschaftlichen Gefühle für Kaiser Wilhelm und das Deutsche Neich. . . . Graf Waldersee war der Träger einer international und national bedeutungs­vollen Mission, und entledigte sich ihrer so, wie es von diesem hervorragenden General zu erwarten stand." k.

Die Anwälte des Auslandes.

* Der russische Finanzminister Witte kann sich keine glühenderen Verehrer wünschen, als er sie im Lager der deutschen Freihändler findet. Jede Drohung von iqm, jede neue Bedingung für die zukünftigen Handelsverträge wird von

diesen Auslands Anwälten mit lebhaftem Bravo begleitet. Schon daraus ersieht man, daß der deutsche Freihandel nicht für die nationalen Interessen eintritt. Zum Abschlüsse von Handelsverträgen gehören bekanntlich zwei Parteien, deren jede ihre Bedingungen zu stellen haben. Deutschland wird von den deutschen Freihändlern geradezu in die Passivität ge­drängt, das Ausland dagegen zu immer neuen Ansprüchen ermuthigt.

Ist jetzt von Rußland das Fallenlassen des Doppeltarifs deutscherseits als conditio sine qua non für den Abschluß von Handelsver­trägen hingestellt, so muß das selbstverständlich als unberechtigter Einspruch in die deutsche autonome Gesetzgebung zurückgewiesen werden; die deutschen Freihändler aber finden das russische Vorgehen sehr lobenswerth. Die russische Regierung könnte gar nichts besseres thun, als einige der deutschen Freihandels- Häupter, beispielsweise Dr. Barth, ihrer Ge­sandtschaft in Berlin zu attachieren.

Der südafrikanische Krieg.

Vom Kriegsschauplatz.

* Während die Telegramme vom Kriegsschau­platz entschieden günstig für die Buren lauten, müht sich Kitchener ab, im englischen Publikpm wieder etwas Hoffnungsfreudigkeit zu wecken. Er telegrafiert daher, wie gestern ans unserem Depeschentheil zu ersehen war, wieder einmal eine Zusammenstellung der angeblichen Verluste, die den Buren zu gefügt worden find. Es ist etwas unklug von Herrn Kitchener, so mit den Summen der gefangenen Buren krebsen zu gehen, so lange die Buren die gefangenen Briten einfach laufen kaffen. Die Kritik könnte sonst zu recht boshaften Schlüssen kommen.

Statt dieser überflüssigen Rechenexempel bei denen der Lordgeneral anscheinend Frauen, Kinder und hilflose Greise in die Zahl derge­fangenen" Buren einbezieht hätte er der Kriegsberichterstattung etwas mehr Aufmerk­samkeit schenken können. Was darin geleistet toirb, ist geradezu großartig. Besonderes leistet sich wieder einmal das Reuterbureau mit der gestern in unserem Depeschentheil mitgetheilten Nachricht, die Engländer hätten Dewets Truppen zersprengt. Wo und wann das ge­schehen ist, darüber decktReuter" den Schleier des Geheimnisses.Reuter" scheint zu träumen, die Kriegsnachrichten erzählen gerade das Gegen- theil von seinen Phantasien. Auch die Verlust­listen erzählen etwas ganz anderes.

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Durch-die Gestalt der Alten ging ein Beben, die Augen flammend auf* den Baron gerichtet, stand sie da, den Arm drohend erhoben, ein Bild »er Rache.

Lene hatte sich abgewandt, indem sie heftig ort fuhr:Hätte ich gewußt, datz ich mich in *m Hause des Barons Rudolf von Hagedorn

(Nachdruck verboten.!

Die Fcuerliese.

Original-Roman von Irene v. Hellmuth.

Äfti *finde, desselben, der meine gute Marie so schmählich um ihr ganzes Glück brachte, ich wäre chon längst fort, aber jetzt will ich feinen Augen- --' fick länger hier bleiben, ich will nicht keine lltl Pfunde."

uni »Lene, nur noch eins, ich bitte Dich," bat Baron mit weicher Stimme:Hat Marie «ir verziehen?"

eröffnet zurückgeschickt, Ihr hättet wahrlich die lleberzeugung gewinnen müssen, daß ich nicht anders handeln konnte, daß ich einem Gebot der jgg Pflicht gehorchte, indem"

*=!Ja, ja, um schöne Worte seid Ihr niemals

t Ich bitte Dich, Lene, sei nicht so entsetz- unversöhnlich unö grausam", sagte Baron ' Rudolf mit gebrochen klingender Stimme, hättet Ihr damals nicht alle meine Briefe un-

verlegen, Ihr Vornehmen. Sollte Marie sich auch noch belügen lassen, nachdem sie sich von ihr gewandt halten, um

jültt's eine Reichere zu freien? So wissen Sie denn, ____. Herr Baron, ich war es, die Ihre Briese rttlf ^rücksandte, ich was sollten ihr, der

Armen, noch die lügnerischen Briefe?"

Auf ihrem Sterbebette, ja."

»Und dann, Lene, und dann foltere mich nicht, wie ist es ihr ergangen, sprich doch!"

Minutenlang schwieg die Alte, dann fuhr sie mit milderer Stimme fort:Ja du lieber Gott, da isi nicht viel zu sagen, die Aermste hatte nie­manden auf der weiten Gotteswelt, und als )ann ein Jahr später ein braver Mann um ihre Hand anhielt, da legte sie, schon müde von )em Kampf ums Leben, die ihrige hinein, ich redete ihr so lange zu, bis sie es that. Es war auch das beste, denn wenn auch das Herz gebrochen ist und alle Hoffnung dahin, etwas zum Weiterleben braucht man eben doch. Sie hatte die Kraft nicht mehr, sich aufzuraffen und selbst etwas zu verdienen. Und wie i)ann, kaum ein Jahr später, der Engel des Todes die Hand nach der Dulderin ausstreckte, da hatte sie eben noch so viel Zeit, ihr kleines, kaum einige Tage zählendes Mädchen in,meine Arme zu legen und zu bitten:Ver­laß mein Kind nicht, Lene, Du Gute, Treue, und und wenn Du ihn noch einmal iehst dann grüße ihn von mir und füge hm, daß ich nur ihn geliebt und ihm verziehen habe." Nun ich Hobe das Kind gehütet wie meinen Augapfel, und jetzt muß ich es erleben, daß Liese"

Der Baron hatte, während Lene gesprochen, die Hand über die Augen gelegt und zwischen den Fingern quollen reichlich die Thränen hin- wrcb, aber bei den letzten Worten der Alten uhr er plötzlich heftig empor:Was sagst Du de, Lene, ist das wahr, Liese wäre"

»Mariens Tochter, ja. Ich sagte Ihnen doch, daß Marie sich verheirathete."

»Also, darum fühle ich mich so zu ihr hin- gezogen, zu dem holden, süßen Kind. O nun begreife ich das räthselhafte Gefühl, wenn sie mich ansieht sie hat die Augen ihrer sanften Mutter geerbt."

Baron Rudolf starrte selbstvergessen vor sich nieder.

Die Alte stand auf und sagte:Nun will ich nach Haufe, die Liese kann allein heimfahren. 2ch mag nicht länger unter einem Dache mit dem weilen, der meine Marie aufgeben konnte."

Baron Rudolf versuchte umsonst, die Aufge­regte zu beruhigen, als Liese und Oskar unter der Thür erschienen. Das junge Mädchen eilte, als es Lene in dieser Verfassung erblickte, auf dieselbe zu und liebevoll die Arme um sie schlingend, fragte Liese besorgt:Lene, was ist mit Dir, Du bist so blaß, ist Dir nicht wohl? Aber so sprich doch Lene, was hast Du ?

»Nicht wohl; ja, das ist es, Kindchen; laß mich nach Hause, Du brauchst mich hier nicht, mir klebt die Zunge am Gaumen."

Arme Lene, man hat Dich wohl ganz und gar vergessen?"

Vergessen, jawohl. Doch ich bin froh, daß ich in diesem Hause hier nichts genoffen, ich wäre daran erstickt!"

Bei diesen harten Worten warf Lene einen feindseligen Blick auf den unbeweglich dabei- stehenden Baron.

»Warte nur einen Augenblick, ich biu gleich toieber da, dann gehen wir zusammen nach Hause, Lene," erwiderte Liese.

Ach, unsere Bowle," meinte Oskar be­dauernd.

»Die trinken wir ein andermal, mein Junge," tröstete der Onkel.

Liese war viel zu sehr mit ihrer Lene be­schäftigt, um bemerken zu können, daß der Onkel sehr verändert war. Er betrachtete das Mädchen mit liebevollem Blick und fuhr sich dabei wiederholt über die Augen. Als Liese ihm zum Abschied die Hand reichte, fühlte sie dieselbe plötzlich so heftig gepreßt, daß sie schmerzte. Baron Rudolf beugte sich tief zu ihr nieder und flüsterte:Komm morgen wieder mein Kind, ich habe mit Dir zu sprecht n, willst Du?"

Cb ich will, Onkelchen; ich darf Sie doch so nennen?"

»Nenne michDu", Liese, nenne mich nur Du"?"--

»Ja, Onkel." Dabei schlug sie die herr­lichen Blauaugen strahlend zu ihm auf, und er preßte einen innigen Kuß auf den frischt n Mund.

Oskar drohte lachend mit dem Finger.

Liese eilte in den Salon, um gute Nacht zu sagen. Die Baronin entließ das junge Mädchen ebenso kühl, wie sie es empfangen hatte, und Olga begnügte sich damit. Liefe recht von oben herab zuzunicken. Indes war unten der Wagen vorgefahren, der die beiden noch Hause bringen sollte.

Seite war schon die Treppe hinabgeeilt, inte6 Oskar noch einen letzten Abschiedskuß mit der Geliebten tauschte.

Aus Wiedersehen, mein Lieb, auf Wiedcr- ehen morgen."

Fort rollte der Wagen; von den Insassen sprach keines ein Wort. (Fortsetzung folgt.)