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Dienstaa 18 Juni 1901

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36 Jahrg.

Die Enthüllung des Nationaloenk- mals für Bismarck.

. wtb. Sonntag Mittag wurde in Berlin das von Reinhold Begas geschaffene Bismarck-Denk­mal vor dem Reichstagsgebäude in Gegenwart des Kaisers feierlich enthüllt. Das Wetter war kühl und zunächst bedeckt, gegen Mittag kam , stellenweise die Sonne durch, um ein ganz einzig geartetes gewaltiges Bild zu beleuchten.

Bor der riesigen Hauptfrvnt des Reichstags­gebäudes, von dessen Giebel eine Fahne in den Farben des Reiches herabwehte, erhob sich das Denkmal in seinen massigen Abmessungen, die Hauptfigur noch verhüllt von adlergeschmückter Leinwand, die Broncegruppen, die Sandstein­gruppen mit den großen Wasserbaffins bereits frei. §n weiten Halbkreisen anlehnend an die große Rampe des Reichstages umschlossen Flaggenmasten verbunden unter sich durch frisch duftende Tannenguirlanden, den Festplatz, um auf der gegenüberliegenden Seite bei dem in weiß und gold Pragenden Kaiserzelt zusammenzustoßen. Vor den Masten roth ausgeschlagene Tribünen, bis oben hinauf besetzt mit Damen in Hellen Toiletten, und Herren in Uniform und Gesell- fchastsanzug, auf oberster Galerie die Char­gierten der Studentenschaft, mit Fahnen und Schlägern, in farbreichem Wichs; vor der Frei­treppe des Reichstags auf einer weiteren Tribüne Schulkinder, Knaben und Mädchen, eine bewegliche Schaar, auf der Treppe dahinter die Abordnungen der Krieger vereine mit einem Wald von Feldzeichen. Diesen lebendigen Rahmen 1 füllte allmählich die glänzende Schaar der Ge­ladenen, die sich auf dem Podium am Kaiser- zelt und vor demselben, sowie auf der weiten Plattform des Denkmals einfanden.

Um 12 Uhr verkündete der Präsentirmarsch der Ehrenkompagnie vom 2. Garde-Regiment, welche am äußeren Eingang zum Kaiserzeit aufmarschirt war, daß das Kaiserpaar mit dem Hofe ^ahte.

Der Kaiser, in der Uniform eines General­feldmarschalls, nahm die Honneurs der Ehren- [ kompagnie ab, und nahm dann mit Ihrer Majestät unter dem Baldachin Aufstellung.

Schon erschallte der tausendstimmige Chor der Schulkinder: Beethovens herrlichesDie ' Himmel rühmen des Ewigen Ehre", und nun trat Herr von Levetzow vor, um dem Reichs­kanzler das Denkmal Namens des Cornites zu übergeben.

Nachdem er gesprochen, trat der Reichskanzler Graf Bülow zur Rednertribüne. Einige markante Stellen seiner Rede seien hier wiedergegeben:

8 <Nachdruck verboten.)

Die Fruerliese.

Original-Roman von Irene v. Hellmuth.

(ftx rrletzusg,

IV.

Am nächsten Tage, sobald es seine Zeit ge­stattete, eilte er der Wohnung seiner Geliebten zu. Der Onkel hatte versprochen, gegen Abend den Wagen zu schicken, um Liese abholen zu lassen, und diese mußte doch erst von der glücklichen Wendung der Dinge unterrichtet werden.

Liese schlug die Hände zusammen und jubelnd faßte sie ihre alte Lene um die Hüften und wirbelte in tollem Reigen mit ihr durch das Zimmer, daß dieser faßt der Athem ausging, dann zupfte sie wieder Oskar an seinem hübschen Schnurrbart, war überhaupt voll des tollsten Uebermuthes.

Sie neckten sich und kosten wie glückliche Kinder, denen das Christkind alle sehnsüchtigen Wünsche erfüllt hat. Dabei bemerkten sie nicht, wie Lene trübselig den grauen Kopf schüttelte, und die sonst so geschäftigen Hände im Schoße gefaltet hatte.

Als nach einer glücklich durchlebten Stunde Oskar sich mit den Worten:Aus Wiedersehen mein goldener Schatz, auf Wiedersehen heute Abend," entfernt hatte, wollte es Liese doch fast wieder bange ums Herz werden.

Glaubst Du, Lene," fragte sie mehreremale ihre alte Dienerin,glaubst Du, daß Oskars Mutter mich gern haben wird?"O ich denke

Nur Thoren oder Fanatiker werden behaupten wollen, daß Fürst Bismarck niemals geirrt habe. Auch nicht in dem Sinne, als ob er Maximen auf­gestellt hätte, die nun unter allen Umständen, in jedem Falle nnd in jeder Lage blindlings anzuwenden wären. Starre Dogmen giebt es weder im politischen noch im wirthschastlichen Leben und gerade Fürst Bismarck hat von der Toctrin nicht viel gehalten. /Aber was uns Fürst Bismarck gelehrt hat, ist, daß nicht Persönliche Liebhabereien, nicht populäre Augen­blicksströmungen, noch graue Theorie, sondern immer nur das wirkliche und dauernde Interesse der Bolks- gemeinschast, salus publica, die Richtschnur einer ver­nünftigen und sittlich berechtigten Politik sein darf. Was uns sein ganzes Wirken zeigt, ist, daß der Mensch das Schiff lenken kann, das auf dem Strome fährt, nicht aber den Ltrom selbst, daß wir, wie Fürst Bismarck sich ausgedrückt hat, die großen Dinge nicht machen, aber den natürlichen Laus der Dinge be­obachten, und das, was dieser Lauf zur Reife gebracht hat, sichern können. Mit anderen Worten, daß es in der Politik darauf ankommt, in jedem Augenblick die Grenzen des Erreichbaren deutlich zu erkennen, an die Ereichung des zu Rutz und Frommen des Landes Erreichbaren aber Alles zu setzen.

Keine Partei kann den Fürsten Bismarck für sich allein mit Beschlag belegen, aber jede kann und soll trotz der Gegensätze in dieser oder jener Frage vor diesem Tobten den Degen senken. Er gehört keiner Koterie, er gehört der ganzen Nation, er ist ein n a t i o n a l e s E i g e n t h u m. Er ist auf politischem Gebiet und im Reiche der That für uns geworden, was Goethe im Reiche der Geister, aus dem Gebiete der Kunst und Cultur für uns gewesen war. . . .

Wie Goethe für immer als Stern an unferm geistigen Himn el steht, so ist Bismarck uns die Gewähr dafür, daß die Nation ihre Gleichberechtigung mit anderen Völkern, ihr Recht auf Einheit, Selbstständig­keit und Macht niemals aufgeben kann. Er hat uns das Beispiel gegeben, nie zu verzagen, auch in schwie­rigen und verworrenen Zeiten nicht. Er lehrte uns, uns selbst treu zu bleiben. Er gab uns Selbst­bewußtsein, Unternehmungsgeist und Leben. In ihm kann sich wie in einem Spiegel die Nation selbst be­schauen, denn er war vor Allem ein Deutscher im vollsten Sinne des Wortes. Er ist nur auf deutschem Boden denkbar, nur für den Deutschen ganz ver­ständlich ....

So möge denn des großen Mannes Name als Feuersäule vor unserem Volke herziehen in guten und in schweren Tagen. Möge sein Geist für immer mit uns fein, mit uns und unserer Fahnen Flug. Möge unser Deutsches Volk seiner großen Zukunft in Frieden und Freiheit, in Wohlfahrt und Stärke entgegengehen unter der Führung des glorreichen Hoheuzollernhauses, aus dessen Schullern die Zukunft der Nation ruht. In solcher Hoffnung und in solcher Gesinnung wollen wir vor diesem Standbild, das ich im Namen des Reiches hiermit übernehme, einstimmen in den Rus: Seine Majestät der Deutsche Kaiser, die deutschen Fürsten und unser geliebtes deutsches Vaterland, sie leben hoch und nochmals hoch und immerdar hoch!

Graf Bülows klare Stimme drang von der Plattform des Denkmals aus über die lautlose Menge; auch seine Worte begleiteten wachsende und immer häufigere Beifallskundgebungen, bis in das Hoch auf den Kaiser die Versammlung einstimmte; und nun erscholl die Weise der Nationalhymne, begleitet von den Capellen,

vom Klang der studentischen Schläger und mit­gesungen von den 8000 Teilnehmern der Feier, ja es schien, als ob die Stimmen der draußen harrenden Menge sich mit diesen vereinigten.

Geheimrath von Levetzow bat den Kaiser um die Erlaubniß zur Enthüllung: ein Win: Sr. Majestät, die Hülle finkt, gewaltig steht die Riesengestalt des Altreichskanzlers vor Aller Augen, auf dem hohen Sockel das eine Wort: Bismarck. Gleichzeitig schießen die Fontainen in den Wafferbassins empor. Allein schritt der Kaiser zum Denkmal vor, um einen Kranz niederzulegen, Hochrufe erschollen rings, und Deutschland, Deutschland über Alles" ertönte. Ter Kranz ganz aus Lorbeer mit goldenen Spitzen, war hergestellt nach den eigenen An­gaben des Kaisers, die Inschrift auf den Schleifen lautet:Des großen Kaisers großem Diener!"

Nachdem der Kaiser den Kranz niederge­legt hatte, beglückwünschte er den Professor Begas und reichte dem Reichskanzler die Hand. Dann trat er auf den Fürsten Herbert Bismarä! zu und unterhielt sich längere Zeit mit ihm, wobei er ihm mittheilte, daß er ihm die Uniform der Garde-Dragoner verliehen habe. Es folgte ein Rundgang um das Denkmal, bei dem Reinhold Begas die Kaiserin geleitete, und der Kaiser mit dem Fürsten Bismarck sich anschloß.

Während die Majestäten unter den Pavillon zurückkehrten, legten zahlreiche Deputationen Kränze, kostbare und einfache, von Lorbeer, von Rosen und von Kornblumen, mit Widmungs- schleifen, am Fuß des Denkmals nieder, wo sie sich zu einem Berge thürmten. Der Kaiser ließ die Ehrencompagnie vorbeimarschiren, dann bestieg er mit Ihrer Majestät den Wagen, der Reichstagspräsident Graf Ballestrem brachte mit lauter Stimme ein Hoch auf den Kaiser aus, das donnernden Widerhall fand, und das sich durch die Menge fortpflanzte, welche bis zum Brandenburger Thor und weiter die Straßen umsäumte.

So schloß die Feier, welche in ihrer imposanten Wucht, in ihrer einfachen Würde allen Theilnehmern einen unauslöschlichen Ein­druck hinterlassen wird.

Umschau

Die evangelischen Arbeitervereine.

Tie bekannten Speyerer Beschlüsse des Ge- sammtverbandes evangelischer Arbeitervereine haben die allgemeine Aufmerksamkeit wieder auf die Gewerkschaftsfrage gelenkt. Einen werth- vollen Beitrag zu dieser Frage, der auch auf das Wirken der Nationalsocialen ein inter-

doch, mein Lieschen, ich denke doch," nickte die Gekragte beklommen, warum sollte sie auch nicht?"

Ach weißt Du, Lene, ich will sie auch recht, recht lieb haben sie ist ja seine Mutter!"

Wie rührend das klang, wie kindlich hin- gebend.

Lene nickte ihrem Liebling zu, dabei liefen Thränen über ihre gefurchten Wangen herab.

Ich bitte Dich, Lene blicke nicht so traurig drein," sprach das junge Mädchen und schlang in aufwallender Bewegung die Arme um den Hals der treuen Alten.Nicht wahr, Lene, Du begleitest mich heute Abend?"

Die Angercdete machte eine abwehrende Handbewegung.

O ja, Lene, Du mußt mit, Du mußt! Hast Du mir nicht schon oft genug erzähl, wie Du meiner Mutter versprochen hast, mich niemals verlassen zu wollen siehst Du, daß Du mit mußt?" .

Nun ja, Lieschen, wenn Du es durchaus haben willst, dann"

Ja, Lene, ich will es, mir ist so bang, Du glaubst es nicht."

Aber Kind, es ist Zeit, Dich anzukleiden, komm, setze Dich hierher, ich will Deine Haare ordnen, damit Du recht schon aussiehst heute Abend.

Geduldig setzte sich das schone Mädchen auf einen niedrigen Schemel und die Alte begann die schweren, goldenen Flechten aufzulosen. Wie ein Mantel fiel das reiche Haar um die zierliche Gestalt und schleifte noch am Boden hin.

Mit wunderbarer Geschicklichkeit hatte Lene

bald die Haarfluthen geordnet, während dessen Liese eifrig plauderte.

Was meinst Du, was ich anziehen soll? Das weiße Kleid?"

Ist mir zu auffallend, Liese," antwortete Lene.

Oder das neue Spitzenkleid?"

Nein, nein."

Lange wählten sie herum, bis sich. Liese endlich für ein dunkelblaues Kostüm entschieden hatte. Dazu steckte sie einige blaßrothe Rosen in den Gürtel, die Oskar ihr vorhin gebracht.

Als Lene eben mit ihrer etwas altmodischen Toilette fertig geworden war, rollte der Wagen vor die Hausthüre. Schweigend fliegen die beiden ein und schweigend wurde der Weg durch die belebten Straßen fortgesetzt. Nach und nach verlor sich das Geräusch, man befand sich in der stilleren, vornehmen Dorstadt. Und je näher der Wagen dem Ziele kam, desto stürmischer klopfte Liese das Herz und die bebenden Lippen murmelten leise:Mir ist wirklich bang, Lene, wie wird es gehen?"

Aber Lene hörte nicht.

Ein tiefer, erleichternder Athemzug hob die beklommene Brust des Mädchens, als der Wagen endlich mit einem Ruck hielt und Oskar mit strahlendem Gesichte den Schlag öffnete, um ihr beim Aussteigen behilflich zu fein. Sie f(bienen Ke alte Lene vollständig vergessen zu haben; diese folgte langsam den Voranschieitenden.

Oskar führte die Geliebte eine breite teppich­belegte Treppe hinauf, oben stand ein Dienst­mädchen, das eine brennende Flurlampe hochhielt, daneben Oskars Mutter.

essantes Streiflicht wirst, liefert Herr M a Lorenz, der noch bei den letzten Wahlen Reichs­tagskandidat der Nationalsozialen für Leipzig gewesen ist. Er schreibt derTägl. Rdsch.":

Mir fragen: Hätte sich vielleicht ein evangelischer und neutraler Mann schon innerhalb der sogenannten neutralen" Gewerkschaften bewähren können, natür­lich bezüglich seiner nationalen und evangelischen Grundsätze t Wir können diese Frage mitja" beanr- worten.

Herr Tischenbörfer ist von Beruf Lithograph. Ob ,er diesen Berus noch ausübt, weiß ich nichl. Ich weiß aber genau, daß er ein hervorragendes und wenn ich nicht irre sogar ein, ein wichtiges Amt begleibenbcS Mitglied des evangelischen Arbeitervereins zu Berlin ist. Er ist auch Vorstandsmitglied des nationalsozialen Vereins und ist bei der letzten Wahl nationalfozialer Reichstagskandidat für den ersten Berliner Wahlkreis gewesen. Tischendörfir ist also öffentliche Persönlichkeit", mit der man sich dem­gemäß auch öffentlich besaffen darf, mit allen Regeln des Anstandes und Herkommens. Dieser Herr Tischen­dörfer ist ferner auch Mitglied derneutralen" Ge­werkschaft feines ursprünglichen Berufs und von dieser Gewerkschaft ist et in das Berliner Gewerk- fchaftskartell belegirt worden. Er ist also auch inner» halb derneutralen" Gewerkschaftsbewegung eine hervorragende und beinahe wohl offizielle Persön­lichkeit.

Dieses Gewerkschaftskartell hat nun zur letzten Maifeier in Nr. 99 desVorwärts"an die Gewerk­schaften und Arbeiter Berlins" einen Aufruf erlassen, und dabei eine Maifeier-Resolution zur Annahme in den Maiversammlungen der Gewerkschaften aus­gearbeitet, worin es heißt:Des weiteren versprechen die Versammelten, auch in Zukunft, wie bisher, nach besten Kräften das Band der internationalen Solidarität zu befestigen, welche die Vor- bebingung und die beste Garantie ist für den allgemeinen Völkerfrieden." Fetner ist in die Re­solution der bekannte revolutionäre Satz aus dem kummunistischen Manifest ausgenommen,daß die Befreiung der arbeitenden Klaffe nur das Werk der arbeitenden Klaffe selbst sein kann," ein Satz, bet abweisend und verhöhnend jede Fürsorge staatlicher Sozialreform, den revolutionären, das Gefüge der be­stehenden Gesellschaftsform sprengenden proletarischen Klaffenkampf zum allein geltenden Prinzip jeder Ar­beiterbewegung erhebt.

Der evangelische Atbeitervereinsführer, Hitr Tischendörfer, ist Mitglied jener Gewetkfchaftskom- miffion, die diese Resolution verfaßt und zur Annahme empfohlen hat. Wir fragen: Wie bringt Herr Tische n- dötset seinen von ihm behaupteten evangelischen, nationalen und monarchischen Standpunkt mit jener Resolution in Einklang?

Wir müssen den Kreis unserer Fragen noch weiter ziehen. Vorsitzender des Gesammtvetbandes der evan­gelischen Arbeitervereine ist bekanntlich Herr Pfarrer Lie. Weber in M.-Gladbach. Die ftrmg monarchische und christliche Gesinnung sowohl wie Bethätigung dieses hochverdienten Mannes, der übrigens dem Stand- punkt derKreuzzeitung" kaum sehr fern stehen dürste, ist nicht in leisesten Zweifel zu ziehen. Nun hat Herr Lie. Weber auf einen in den Details übrigens unzu­treffenden Artikel derKreuz - Ztg " in eben diesi m Blatt eine geharnischte Erklärung erscheinen lassen, in der es unter Anderem heißt:Ich protestire in tiefster Entrüstung gegen den uns an den Kopf geworfenen Ausdruck: Beziehungen zur Umsturzpartei. Wir

Hier liebe Mama, bringe ich Dir meine süße, kleine Liese; ist sie nicht entzückend?" sagte Oskar möglichst unbefangen.

Die kalten, grauen Augen der Baronin musterten sekundenlang die vorihr stehende Gestalt des jungen Mädchens. Ihr dann die Finger­spitzen reichend, sagte sie frostig:Seien Sie mir willkomen."

Wie? Das war alles? Auf das warme Fühlen und Empfinden des Mädchens fiel cs plötzlich wie ein Reif; eine eisige Kälte, die es förmlich durchschauerte, drang ihr zum Herzen. Wie ganz anders hatte sich Liese doch diesen Empfang vorgestellt! Sie hatte gemeint, die Mutter würde sic freudig an ihr Herz drücken und auf den Mund küssen. Dann wollte sie die Arme um deren Hals schlingen und bitten:Habe mich ein wenig lieb, ich will Dir dankbar sein für alles und dir reichlich vergelten, was du an mir thust, denn ich liebte dich, ehe ich dich gekannt."

'Und nun, und nun?"

Liese war dem Weinen nahe und wagte kaum die Augen zu dem hochmüthigen Gesicht der Baronin auszuschlagen. Ein schluchzender Ton entrang sich der Brust des Mädchens, als Oskar die kurze, peinliche Stille unterbrach:

Nun komm, mein Lieschen, komm zum Onkel, er wartet auf Dick wir wollen ihn nicht ungeduldig machen."

Er zog die willenlos Gehorchende mit sich fort, indes die Baronin sich an die nachfolgende Lene wandte:Sie sind wohl die Dienerin von Fräulein Ottmann, setzen Sie sich hier herein."

(Fortsetzung folgt.)