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Sonntag, 9. Juni 1901.

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Rückblick.

"V Während unsere Reichs- und Landtags­abgeordneten gegenwärtig theils ihrem bürger­lichen Berufe nach gehen, theils Erholung und Stärkung suchen sür die heißen Kämpfe der nächsten parlamentarischen Amtsperiode, ins- ® | besondere des Kampfes um den vielumstrittenen

Zolltarif, find Oesterreichs Volksvertreter in Wien noch immer zu eifriger Arbeit versammelt. Mit Genugthuung ist es weit die Grenzen der Habsburgischen Monarchie hinaus begrüßt worden, daß die einzelnen Parteien, statt weiter die Kräfte in gegenseitiger Be­kämpfung aufzureiben, sich endlich zu gemein­samer, dem Lande dienender Arbeit zusammen- geschloffen haben. Nachdem in der vergangenen | Woche die österreichische Kanalvorlage zur Er­ledigung gelangt war, ist uun auch das Budget­provisorium in allen drei Lesungen erledigt worden. Der Regierung wird man das Ver­dienst nicht absprechen können, daß sie jetzt ernsthaft bemüht ist, btt Gegensätze nach Kräften f auszugleichen und das ihr mit oder ohne Grund . kntgegengebrachte Mißtrauen zu heben. Nach­haltigen Eindruck hat in dieser Beziehung namentlich die Rede des Ministerpräsidenten v. Körber gemacht, der in einer der letzten Sitzungen die Stellung der Regierung zu dem nationalen Streit der Parteien klar legte und die Parteien an ihre Pflichten gegenüber dem Lande erinnerte.Wir werden niemals

gegen das deutsche Volk in Oesterreich, gegen kein Volk dieses Reiches regieren." ; Diese klare Stellungnahme des Minister- Präsidenten hat den verdienten Beifall bei allen Parteien des Hauses gefunden, und sie wird auch vom deutschen Reiche überall freudige Zustimmung wecken. Schon glaubte man, die

Regierung habe vergessen, was Oesterreich- Ungarn den Deutschen schuldet. Endlich sind solche Besorgnisse durch die rückhaltlose Aus­sprache v. Körber's zerstreut, was sicherlich zur Beruhigung des uns so nahe stehenden Reichs wesentlich beitragen wird. Auch die Haltung des Ministerpräsidenten zur Loos von Rom-Be­wegung ist einwandsfrei. 'Die Regierung will sich in diese religiöse Bewegung nicht einmischen, sofern nicht vorkommende Ungesetzlichkeiten sie dazu zwingen.

J Jn den übrigen Ländern Europas haben die Tinge in der verflossenen Woche ihren normalen Lauf genommen. Ueberall begrüßt man mit Befriedigung, daß durch das gemeinsame Ein-

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(Nachdruck verboten.!

Das Heirnathlied.

OriflbmMtomen von Irene v. Hellmuth.

(Schluß.)

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Der Fürst fuhr in seinem Schreiben fort: .ES wächst im Schlöffe ein Kräutlein, das wahre Wunder wirken soll. Vielleicht bringt es auch Dir Heilung. Schüttle nicht den Kopf dazu man kann doch nicht wissen---

Also mein Sohn, überlege nicht lange, sondern komme!"

Und Leopold kam. Der Fürst holte ihn persönlich an der Station ab, und nachdem er ihn dem Grafen und der Gräfin vorgestellt, drängte er:Und nun komm, ich will Dir den Park zeigen, ich kann es kaum erwarten, ich wette. Du kannst Dich nicht satt sehen an all' der Pracht, an all den wunderbaren alten und jungen Bäumen, den duftenden Blumen, den seltenen Vögeln. Und dann dann will ich Dir auch das Kräutlein zeigen, von dem ich mir eine so große Wirkung versprach!"

Leopold schüttelte den Kopf. Er konnte aus dem seltsamen Wesen des Vaters, der beständig lächelnd neben ihm stand, nicht recht klug werden. Doch ließ er sich willig mit fortziehen.

Ist es nicht schön hier?" fragte der Fürst ein ums andere Mal den Sohn, der schweigend dahinschritt und nur von Zeit zu Zeit mit dem Kopfe nickte.

Der Fürst blieb dann vor der Jasminlaube stehen, die so dicht umwachsen war, daß man nicht einen Blick in das Innere werfen konnte, und hielt Leopold am Arme fest.

Du," sagte er,höre mich an, hier find teil ganz ungestört."

greifen die Wirren in China beendet find und die Truppen bis auf kleinere Abtheilungen in diesen Tagen die Heimreise antrcten werden. Nur ein Land leidet an arger, freilich selbst­verschuldeter Beklemmung: E n g l a n d. Während der stolze Chamberlain noch vor ein paar Tagen verkündete, in den Burenrepubliken glimmen nur noch die letzten Funken unter der Asche, schlägt jetzt des Krieges Flamme zum Entsetzen Albions plötzlich wieder hoch auf. Entschlossener denn je treten die Buren auf und immer machtloser zeigen sich die Engländer. Lord Kitchener scheint sich des ständigen Miß­erfolges der englischen Waffen nicht wenig zu schämen und hat es daher vorgezogen, über viele der letzten Niederlagen überhaupt nicht oder nur mit ganz knappen Worten nach London zu depeschieren. So ist denn in den letzten Tagen in ganz England ein Sturm der Entrüstung ausgebrochen, daß die Regierung das Land über die Vorgänge in Südafrika in Unkenntniß halte; man wolle die Wahrheit hören, möge sie im Augenblick auch noch fo niederschmetternd wirken. Es ist kein Geheimniß mehr, in welch verwahrlostem Zustande sich zur Zeit die engli­schen Soldaten in Südafrika befinden. Wohl sollen gegenwärtig noch 190 000 Mann im Felde stehen. Allein es ist zu bedenken, daß diese eine riesige Kommunikationslinie be­wahren haben. Dazu kommt, daß die britischen Soldaten, körperlich herabgekommen und an Willenskraft geschwächt, hohen Anforderungen nicht mehr gewachsen sind. Wäre man nicht, der Roth oder vielleicht auch dem eigenen Triebe gehorchend, auf den ingeniösen Gedanken ge­kommen, die Löhnung für 56 Monate schuldig zu. bleiben, so wären die Söldner längst in Hellen Schaaren davongelaufen. Die Buren dagegen führen mit der ihnen angeborenen Zähigkeit den Kampf um die Unabhängigkeit ihres Landes weiter, und sie können gerade in den letzten Wochen auf verschiedene hochbedeut­same Erfolge zurückblicken. So haben sie in der Schlacht bei Vlakfontain in der Nähe von Krügersdorp den Engländern einen Verlust von nicht weniger als 210 Todten und Verwundeten beigebracht, ein Erfolg, der an die ersten Schlachten des Krieges erinnert. Auch in der Kapkolonie entwickeln sie erhöhten Eifer. Die ihnen jüngst geglückte Einnahme von Jamestown hatte zur Folge, daß General French nach der Kapkolonie entsandt, d. h. der Osten Transvaals von den Briten wieder aufgegeben werden mußte. Unter diesen Umständen ist es erklärlich, daß man jetzt in London schon etwas

Leopold blickte auf, er begriff nur nicht, warum der Vater mit einem Male so laut sprach.

Ich habe einen Plan," fuhr dieser fort. Graf Düren besitzt eine reizende Enkelin, ein Prachtmädel, die sollst Du heirathen! Nun, nun, sieh mich nur nicht so entsetzt an, als hätte ich von Dir verlangt, Du solltest auf den Blocksberg steigen in der Wallburgisnacht! Sieh Dir das Mädchen erst einmal an, ehe Du den Kopf schüttelst, ich sage Dir, die Kleine wird Dir sicher gefallen. Ich habe nicht leicht etwas Hübscheres gesehen, und wenn Du sie willst, meinen Segen hast Du!"

Leopold schüttelte den Kopf.

Du scheinst meinen Brief, den ich Dir vor meiner Abreise schrieb, ganz falsch aufgefaßt zu haben," sagte er traurig.Ich hoffte, Du würdest mich verstehen, ohne nähere Erklärung. Dies ist jedoch nicht der Fall, sonst würdest Du nicht in der ersten Stunde mit einem der­artigen Plan an mich herantreten. So wiffe denn, die Liebe war es, die mich forttrieb! Ich wollte den Gegenstand meiner unsinnigen Leidenschaft fliehen, um vielleicht, in der Ferne, weit weg von Derjenigen, die ich liebte, vergeffen zu lernen! Ich schrieb Dir ja, ich brachte Dir dies Opfer, denn ich, ich hätte das Mädchen zum Weibe begehrt, und wäre es als Bettlerin von Haus zu Haus ge­zogen ! Aber um Deinetwillen entsagte ich und floh. Freilich sah ich mich in meiner Hoffnung bitter enttäuscht! Draußen, wo ich Genesung zu finden glaubte, wuchs die Sehnsucht nach dem unerreichbaren Glück immer mehr, sie trieb mich von Ort zu Ort, ich sah endlich ein, daß ich umsonst kämpfte, und darum Vater, entschloß ich mich, Dich zu bitten:Laß mich

mehr geneigt ist, dem kostspieligen Kriege jede Woche kostet England 30 Millionen Mk. ein Ende zu machen. Wir glauben, daß der internativnale Schiedsgerichtshof im Haag, der sich am Mittwoch in geheimer Sitzung in der Angelegenheit des Burenkrieges beschäftigt haben soll, den Engländern außerordentlich erwünscht fonnnt. Die Buren wissen aber, wie trostlos es bei den Engländern aussieht. Sie werden die Waffen nur niederlegen, wenn ihrem Lande volle Unabhängigkeit gewährt wird, und sie thun recht daran.

Aus Petersburg, merkwürdigerweise nicht aus Berlin, kommt die Nachricht, der deutsche Kaiser werde sich im August nach Rußland zur Theilnahme an den Truppenübungen begeben, der Reichskanzler werde ihn begleiten. Man könnte der Nachricht mit einigem Mißtrauen gegenüberstehen, da sie in dieser ungewöhnlichen Form bekannt wird, das deutsche Volk hätte doch sozusagen auch ein Jntereffe daran, zu er­fahren, ob und wann unser Kaiser nach Ruß­land fährt. Die Richtigkeit der Nachricht voraus­gesetzt, wird dieser Besuch im deutschen Volk freudig ausgenommen werden. Es ist das Ver­mächtnis des alten Kaiser Wilhelm I.:Halte Dich gut mit Rußland", und es ist das Vermächtnis des ersten Kanzlers, daß in guten Beziehungen Deutschlands zu Rußland die vor­nehmste Friedensbürgschast für Europa liegt. Caprivi hat den Draht mit Rußland fallen lassen und sich deshalb für besonders klug ge­halten. Fürst Hohenlohe nahm denselben wieder auf, er pflegte mit besonderer Sorgfalt die Beziehungen zu Rußland und Graf Bülow ist in dieser Hinsicht in seine und des ersten Kanzlers Fußtapfen getreten. Hoffen wir sonach, daß die Nachricht von dem Kaiserbesuch in Rußland sich bestätigt.

Umschau

Getreidepreise und Börsenmache.

Mit großer Entrüstung haben die börsen­liberalen Blätter immer die Auffassung bekämpft, daß an den Börsen die Preis-Bildung sür Ge­treide häufig nach Willkür geschehe. Nun ist von der ..Königsberger Hartungschen Zeitung" ein Artikel der(Börsen-)Liberalen Korrespon­denz" abgedruckt, dessen Schlußsätze folgender­maßen lauten:

Die deutscken Getreidebörsen haben trotz der durch eine gehässige und kurzsichtige agrarische Politik ihnen auserlegten Beschränkungen unseres Erachtens gerade in einem Zeitpunkt, wie dem jetzigen, der zu

glücklich werden, gieb mir das Mädchen zum Weibe, daS ich liebe, mag die Welt doch nach ihrem Sinn urtheilen!"

Leopold streckte dem Vater die Hand hin, die dieser warm drückte. Dann spielte wieder ein eigenthümliches Lächeln um den Mund des Fürsten.

Du hast mir aber noch nicht gesagt, wie Deine Auserwählte eigentlich heißt?"

Ach Vater; daß Du das nicht errathen hast! Ich meinte, alle Welt müßte das be- merft haben, sie ist, sie heißt--

Erika!"

Vater und Sohn standen noch immer auf demselben Fleck vor der Jasminlaube; sie konnten nicht sehen, wie drinnen ein erglühendes Mädchen die Hände vor das selig lächelnde Gesicht schlug, und wie zwischen den weißen Fingern Thränen hindurch liefen, eS waren Thränen des reinsten süßesten Glückes. Schon bei den ersten Worten, die deutlich an ihr Ohr schlugen, war Erika aufgesprungen. Sie lauschte mit ange­haltenem Athem, auf das, was draußen ge­sprochen wurde, und immer heftiger pochte ihr Herz, immer schneller wurden ihre Athemzüge. Es war ihr plötzlich klar geworden, warum der Fürst ihr heute aufgetragen hatte, in der Laube zu warten, bis er kommen werde, sie zu rufen. Es handle sich um eine Ueberraschung, sie möchte ihm die Freude nicht verderben.

Wie eine süße Ahnung durchzog es nach diesen Worten des Mädchens Herz. Geduldig saß Erika wohl schon eine Stunde auf der Bank, mit einem Buch in der Hand. Sie gab sich Mühe, den Inhalt zu erfassen, aber immer wieder schweiften ihre Gedanken weit ab, träumerisch starrte sie vor sich hin, bis sie endlich das Buch

Hausseausschreitungen direkt neigt, eine verständige Mäßigung an den Tag gelegt, für die jedenfalls der überwiegende Theil der deutschen Landwirthe ihnen nur dankbar fein wird. Wenn die deutschen Getreidebörsen den Wünschen des deutschen Landes- ökonomielollegiums entsprochen hätten, fo würde das vielleicht im Interesse einiger agrarischer Getreidege­nossenschaften und Großgrundbesitzer, deren Speicher noch mit ansehnlichen Quantitäten Getreide gefüllt sind, gelegen haben, aber keineswegs im Interesse der kleinen Landwirthe. Die eigensüchtige Politik der ostelbifchen Großagrarier tritt hier wieder einmal recht charakteristisch in die Erscheinung"

Aus diesen Bemerkungen geht doch klar hervor, daß es in dem Belieben der Getreide­börsen liegt, die Preise höher oder niedriger zu gestalten, je nachdemMäßigung" oderUn- mäßigkeit" geübt wird. Wir sind von vorn­herein davon überzeugt, daß jedesmal diese gerühmteMäßigung" eintreten wird, wenn die deutsche Landwirthschaft davon Vortheil haben könnte, daß aber die Herren Spekulanten politisch geschult, wie sie sind von dieser Mäßigung" ablassen werden, wenn der deutsche Getreidebauer kein Korn mehr in der Scheuer haben wird. Dann wird der Preis für Brot­getreidehochgehalten" werden und der Kon­sument die Sache zu bezahlen haben. Ein Coup, der nicht nur für die Börfenmacher gewinnbringend, sondern auch geeignet ist, das Brotwuchergeschrei" zu unterstützen. c.

Freisinn und Sozialdemokratie.

DieFreisinnige Zeitung" schreibt über die Intoleranz der Sozialdemokratie:

Keine Partei ist so intolerant, keine Partei er­kennt so wenig andere Bestrebungen als berechtigt an, und in allen Formen des öffentlichen Lebens ist des- halb die Sozialdemokratie darauf bedacht, zur Herr­schaft zu gelangen und ihre spezifisch sozial­demokratischen Zwecke zu fördern."

DaS ist eine alte Wahrheit, die aber beim Freisinn nur zum Durchbruch kommt, wenn die Sozialdemokratie einmal dem Freisinn in der Versolgung feinerspezifischen Zwecke" un- beqiiem wird. Im allgemeinen kann sich die Sozialdemokratie, obwohl sie den Freisinn beider Geschlechter mit einer nicht zu überbietenden Geringschätzung behandelt und ihrespezifischen Zwecke" ausschließlich auf dessen Kosten fördert, keine bessere und wirksamere Unterstützung wünschen, als durch den Freisinn. Macht das Richtersche Blatt zutreffenderweise auf die sozialdemokratische Jntolcrenz aufmerksam, so ist sie doch sonst die erste, die für die Sozial­demokratie' in jeder Hinsicht die weitestgehende Toleranz fordert freilich in der Hoffnung auf eine Vergeltung der von ihr protegirten Partei. k.

zusammenklappte, und es mit einer fast ärger­lichen Bewegung auf den Tisch legte.

Was war nur heute mit ihr? Wollte das rebellische Herz heute gar nicht zur Ruhe kommen? Sie schalt sich selbst eine Thörin, ein einfältiges, dummes Ding, und doch, was half es ihr?

Da schreckte sie plötzlich ein draußen laut werdendes Geräusch nahender Schritte auS ihrem Sinnen auf.

Und dann, diese Stimme, die sie aus tausenden heraus erkannt hätte, sie liefe ihr Herz in schnellen Schlägen pochen.

Draußen herrschte, nachdem Leopold ihren Namen genannt, sekundenlanges Schweigen. Plötzlich fiel ein Schatten in die Laube, und am Eingang derselben stand Leopold der noch immer nichts begriff. Der Fürst schob den leise Widerstrebenden vollends hinein.

Da drinnen in der Laube da wächst auch das Kräutlein, das Dir Heilung bringen soll sür alle Zeit! lachte er dabei.

Dann wandte er sich zum Gehen. Noch einmal sah er zurück nach der Jasminlaude, dann schritt er dem Schlöffe zu, um daß Gräf­liche Paar von der bevorstehenden Verlobung feines Sohnes mit Erika in Kenntnife zu fetzen.

Man hatte schon längst Alles eingehend be­sprochen, aber noch immer zeigte sich nichts von dem Paare.

Das dauert mir aber doch zu lange," lachte Santoff,jetzt will ich mich einmal um­sehen, ob die Beiden noch nicht fertig find! Sie müssen sich ja schrecklich viel zu sagen haben."