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Sonntag 26. Mai 1901.
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Wertere Markt 91. — Telephon 55
36. Jahr,.
Pfingstgedanken.
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ing und des Naturgenufses. Und wir gönnen «ll den Tausenden, denen an diesen Festtagen, vielleicht den einzigen im Jahre, gestattet ist, in
F*r betrachtet, etwas gleichgiltiges, außer '1* ™”§ stehendes. Nur indem wir uns in Be- iehung setzen zu ihm und Antheil nehmen an hm, kann es auf uns wirken. Das aber ver-
uschen, das als Werden einer neuen Zeit in iesen Tagen die Natur durchdringt, überall ist schön. Mögen recht viele Erholung finden im lmgange mit der Natur und Stärkung sür die mmenden Tage!
Aber Pfingsten soll uns doch mehr sein als nn Fest finnigen Naturgenusses. Ja, es kann ns den rechten Naturgenuß garnicht bieten, enn es uns nicht zugleich mehr ist. Was wir draußen sehen, das ist doch alles, an und
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Banne des Stadtlebens und dem Joche harter "" Berufsarbeit erblühen. Nun der Mai nach unfreundlichen Tagen seine volle Pracht ausgegossen hat über die Erde und in verschwenderischer
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An einem Pfingstfeste war es, da ergossen 6) me dieser göttlichen Kraft in eine ab- llebte Welt. Und es begann ein Keimen und grossen, ein Blüthen und Wachsen wie noch t 15C und was von den Mächtigen der damaligen eit verachtet, von ihren Weisen als Thorheit , y schelt worden war, das gedieh aus unschein- Jf aren Anfängen empor zu einer Macht, die, < »g man's nun eingestehen oder nicht, mag
I6btn 6°®en Äugen den Lebensodem der verjüngten yDrn! Natur einzuziehen, von ganzem Herzen die
<37< Freuden, die ihnen aus der Befreiung von dem
*pttt ** Für die meisten ist Pfingsten ausschließ- Lch oder vorwiegend das Fest der Naturbetracht-
™üHe Sonnenschein und Blumenduft, Lerchen- shlfMng und Blüthenreichlhum uns umfluthet, nun ||v mag sich allen das Herz weiten in dem Ge- •^"♦Imiffe dieser Schönheit. An der See wie in den lülch^Lergen, im Schatten des schweigenden Waldes ie auf schmalem Wiesenpfade — überall, wo enschen dem geheimnisvollen Weben und Leben
lögen wir nur durch unser Geistesleben. Und 'eses Geistesleben entfaltet sich am reinsten md kräftigsten, wo es im engsten Zusammen- jang steht mit dem göttlichen Geiste, dem Urquell alles Seins, der gewaltigen Flamme, vn der ein Fünklein in jedem Menschen glüht. Bie trocken und tobt muß alles dem erscheinen, er im ganzen Naturleben nur mechanische Vorgänge erblickt; wie vertraut dagegen und »erwandt und erhebend dem, der in all dem keimen und Blühen und Wachsen den Ausfluß «r göttlichen Kraft erkennt, die auch in seinem riHenen Innern lebt und das ganze All dnrch- inngt!
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Pfingsten.
Des Lebens Quellen sprudeln wieder, Die Erde steht im Somwerkleid, Aus tausend Blüthen klingt hernieder Das Lied der Liebesseligkeit;
In Sonne badet alles Wesen, Das alte Wunder ist erneut . . . O Zeit, vor allem auserlesen, Die Glück mit beiden Händen streut! ,
Nach Schlaf und Traum rin holdes Wachen: Wie ist mir denn? Die Nacht ist hin!
Nach Sterbensangst ein selig Lachen: Der Tod ist fort — ich bin! ich bin! Nach starrer Ruh ein stürmisch Regen, Ein Rausch von Fühlen fremd und süß . . So schuf der Pfingsten Flammensegen Das Jammerthal zum Paradies.
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Und wenn Du durchs Gelände schreitest: S' ist heilige Zeit, ist heilges Land! Die Lust, der Du den Busen weitest, Ist doll mit Himrnelskrast gebannt. Im Dornstrauch rosenübergluthet Wohnt (Sott, der ihn zum Tempel weiht; Im Blüthendust, der Dich umfluthet, Haucht ein Geruch der Ewigkeit.
O wandle priesterlich und stille! „Wo bist Du?' fragts im Rosenstrauch; Ernst geht Dich an ein heilger Wille: Schlag ein, so segnet Gott Dich auch. Die Flammenzunge senkt fich nieder. Die Liebe loht, die müde glomm — Du findest Deine Jugend wieder So stark, so stoh, so rein und fromm.
Sieter Blüthgen.
man fich sträuben oder mag man mäkeln, heute als christliche Weltanschauung die Menschheit beherrscht. Ein Wunder nennt die Welt diese Ausgießung des heiligen Geistes, nnd zweifelt. Zu begreifen und zu erklären ist daS freilich nicht; aber ableugnen kann man darum den Vorgang doch nicht, denn die Thatsachen sprechen. Tie ehedem verschüchterten und verzagten Jünger legten von nun an laut und unerschrocken Zeugniß ab von dem Gekreuzigten und Aus- erstandenen; der Petrus, der einst im Palas! des Hohenpriesters dreimal den Herrn verleugnet hatte, trat vor seine Volksgenossen mit einer so eindringlichen Pfingstpredigt, daß an dreitausend Seelen an diesem einen Tage dem Evangelium fich erschlossen; die schlichten, ungelehrten Fischer aus Galiläa wurden Verkünder einer Botschaft, die alle Weisheit der Welt überwand, sie gingen freudig in den Tod für eine Sache, die äußerlich betrachtet, so gar nichts verlockendes an sich hatte und deren Siegeslaufbahn doch kein Grimm der Cäsaren aufzuhalten vermochte. Das alles find Thatsachen, unbedingt feststehend. Wer fie mit seinem menschlichen Witz erklären will, der mag's versuchen; wer fich aber der Unzulänglichkeit aller menschlichen Erkenntniß diesen Thatsachen gegenüber bewußt ist, der wird bekennen, das war ein Ausfluß göttlicher Kraft, die diese von allem Hergebrachten und Verständlichen so weit abweichende Entwickelung hervorbrachte!
Wunder leugnet der auf sein Erkennen so stolze Mensch überhaupt so gern. Und doch haben wir für so vieles, was ringS um uns geschieht, keine hinlängliche Erklärung, wir täuschen uns nur mit Umschreibungen, mit bloßen Phrasen darüber hinweg. Wer fich nicht mit der Oberfläche der Dinge begnügt, sondern mit tieferem Blick dem Gange der Dinge folgt, der weiß überhaupt: es giebt viel mehr wunderbares in der Welt, als die liebe Alltäglichkeit, die sich keine unnützen Gedanken macht, eingestehen will. Unser ganzes Geistesleben ist ja ein Wunder, kein Forscher kann es uns hinreichend erklären.
Noch heute auch wiederholt fich das Pfingst- wunder alltäglich ; nicht in dem augenfälligen Umfange wie an jenem ersten Pfingstfeste, aber darum doch nicht unwirksam. Mit Brausen kam Gott zu den elfen, mit Säuseln kam er einst dem Elias. Vor der Menge der zum Feste versammelten Juden und Judengenossefi kam er einst, in Stille und Abgeschiedenheit läßt er vielleicht heute sich nieder. In tausend Formen und bei tausend Gelegenheiten ergießt fich der Geist Gottes auch jetzt noch auf die Menschheit. Ueberall können wir ihn in uns aufnehmen — wenn wir nur wollen. Wenn wir draußen in der Maienwonne das
W (Nachdruck verboten.»
Das Heimathlird.
OrioincL»3toman von Irene v. Hellmuth.
(Fortsetzung.»
XL
„Ach, Herr Köller, kommen Sie doch einen Augenblick her, ich möchte Sie etwas fragen!" rief eine hübsche, auffallend gekleidete, junge Dame einem älteren Herrn zu, der eben im Begriff stand, die Stufen hinabzuschreiten, die zum HauptauSgang des Theatergebäudes führten. Der Gerufene folgte eilig der Aufforderung.
„Ich stehe zu Ihren Diensten, Fräulein Lola", sagte er, indem er eine tiefe Verbeugung machte.
„Ja, ja, ich weiß, aber nun sagen Sie mir auch schnell, was ich wissen will! Sie find doch sozusagen die rechte Hand des Intendanten, und als Regisseur müssen Sie doch-Auskunft geben können, stecken ja ohnehin den halben Tag im Theater-Bureau! Also, ist es wahr, >aß demnächst eine junge Dame hier gastieren wird, eine Sängerin, die, wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf, ein wahres Wunderkind fein soll?"
Köller schnalzte mit der Zunge, dann blinzelte er sein Gegenüber verschmitzt an, ehe er antwortete: „Ach, Sie meinen Fräulein Trautmann? Gewiß ist es wahr, daS „Wunderkind" befindet fich bereits auf dem Wege hierher, nnd der Intendant kann es kaum erwarten,
Herz emporheben zu dem Unendlichen, der all den tausend und abertausend Geschöpften Leben gegeben, und uns inmitten all dieses frisch pulsierenden Lebens ein Schauer des Ewigen durchrieselt, — dann spüren wir das Wesen des göttlichen Geistes. Wenn wir uns so recht tief in bie Gestalt bes Heilanbs versenken, der sich so liebevoll zu dem niedrigsten neigt, der uns den Vaternamen aussprechen lehrte und unsere Sünde hinwegräumte, die uns von dem Göttlichen schied, — dann nafy: sich uns der heilige Geist. Wenn wir, müde und angeekelt von dem Treiben des Alltags, uns sehnen nach reinerer Luft, nach der ewigen Heimath, die hinter diesem Jagen nach Vergänglichem liegt, dann bereiten wir dem heiligen Geist eine Stätte. Wenn wir in Liebe erglühen für den leidenden Bruder und gern die Hand heben zu hilfreicher That; wenn wir muthig die Wahrheit bekennen und Lüge und Hochmuth Haffen in jeder Form — dann ist der heilige Geist in uns lebendig geworden und thut seine Wunder. Was wir vorher aus uns selber nimmer vermocht, das ist uns nun möglich geworden. Freilich haben wir noch täglich zu ringen, wir dürfen nie ermatten. Aber wir wissen nun, wo alle unsere Unvollkommenheit ihre Ergänzung findet, und das giebt uns Frieden.
Sei denn in diesem Sinne auch das nahende Fest ein Segensquell für viele. Ja, komm, heiliger Geist,
Jtomm wieder in heil'gen Gewittern, Komm wieder in säuselndem Wehn, Die Trotzigen komm zu erschüttern. Die Zagenden komm zu erhöhn."
Umschau.
Freisinnige Früyjahrshoffnnngen.
* Das Gerücht, es werde im Lause des Sommers die Auflösung des Preußischen Abgeordnetenhauses erfolgen, hat im gesammten Freisinn frohe Frühlingshoffnungen erweckt. Der arme Freisinn, der selbst unter der Herrschaft des „idealen" Reichstagswahlsystems nicht einen einzigen Kandidaten aus eigener Kraft durchzubringen vermochte, hofft nun von einer „energischen" Regierung alles. Ec sieht schon die Konservativen in voller Auflösung begriffen und schwelgt in der Aussicht auf den Anbruch einer neuen „liberalen Stern."
So schreibt die „Freisinnige Zeitung", werde „endlich einmal" die Bahn frei für „freie Wahlen", so sei ein Verlust von zusammen hundert Mandaten bei den beiden konservativen Parteien noch wahrscheinlicher, als bei den Wahlen für das Abgeordnetenhaus in den Jahren 1858 und 1873. Das Richter'sche
bis er diesen neuen Stern, der unserer Oper aufging, dem Publikum vorstellen kann. Er gratulirt fich selbst zu dieser ausgezeichneten Aquifition!"
Fräulein Lola schürzte verächtlich die rothen Lippen.
„Ein Gänschen vom Lande soll es sein, das allerdings ein wenig fingen gelernt hat, dem aber die Bühnengewandtheit vollständig fehlt! Wie nur unser sonst so vorsichtiger Intendant sich so etwas ausschwatzen lassen konnte."
„Na, so ist die Sache nicht, Fräulein Lola, Sie sind falsch unterrichtet," entgegnete der Regisseur blinzänd. „DaS Fräulein hat bereits >ie glänzendsten Angebote, man reißt sich sörm- ich um die junge Dame. Wissen Sie, daß unser Intendant gehörige Anstrengungen gemacht hat, um diese Nachtigall für sich zu gewinnen ? Sie wirkte kürzlich bei einem Concert in der Residenz mit, wohin fich auf „höheren Befehl" auch unser Kapellmeister begab, um sie i u hören. Und er, der sonst so ruhige, gesetzte Mann war ganz enthufiasmirt, „so etwas hätte er nur selten gehört, daS dürfe man fich nicht entgehen lassen," sagte er, und der Intendant war ganz entzückt, daß die junge Dame noch ein festes Engament angenommen hatte; so ’Iieb ihm denn die Hoffnung, fie für fich gewinnen zu können."
„So fingt das Fräulein hier auf Engagement?" fragte Lola gespannt.
„Mehr als das, die Dame ist bereits so gut wie engagirt!"
Organ übersieht jedoch, daß die Organisation der deutschen konservativen Partei erst auf Grund ihres Programms vom Jahre 1876 erfolgt und daß unsere Partei seitdem sclbst- ftänbiger und widerstandsfähiger geworden ist.
Wir haben in der That keinen Anlaß, die Auflösung des Abgeordnetenhauses und Neuwahlen selbst unter ungünstigen Verhältnissen zu fürchten; wir zweifeln aber daran, daß die Staatsregierung sich danach sehnen könnte, den preußischen Staat nach freisinnigen Rezepten glücklich zu machen. Die „FreisinnigeZeitung" malt den Zusammenbruch der konservativen Parteien" im Jahre 1858 als Zukunftsbild an die Wand; das Blatt scheint aber gor nicht daran zu denken, daß gerade die Erinnerung an den damaligen „Umschwung" nur geeignet ist, das Wort zu illustrieren: „vestigia terrent“. Nach diesem „Zusammenbruch" kamen mit unfehlbarer Sicherheit die traurigen „Konflikt?- jahre",in denen ausschließlich die „zerschmettenen" Konservativen treu auf der Seite der Krone standen. Aber auch in den siebziger Jahren hat bekanntlich die liberale Herrlichkeit nicht lange gedauert, dem Lande jedoch ganz ungemein geschadet.
Die Frühlingshoffnungen des „weiblichen" Freisinns sind natürlich noch ausschweifender als die der „männlichen" Hälfte; denn man spricht ernsthaft davon, daß die Herren v. Siemens, Barth u. s. w. bereits ihre Kniehosen zum Aufbügeln und ihre Wadenstrümpfe zum Stopfen gegeben haben, um bei der zu erwartenden Ernennung zu Ministern gerüstet zu fein. Es „verlautet" ganz sicher, daß diese Ernennungen schmr im Mai nur an einem Haar gehangen haben sollen. Sollte den Herrschaften der berühmte „Mannesmuth" im Wege gewesen sein?
Nationaler Anstand.
* Das Berliner „Ueberbrettl" ist auf Reisen. Die „Grundsätze", nach denen das hervorragende neue „Kunstinstitut" geleitet wird, scheinen nicht gerade die besten zu fein. Wie schamlos bie v. Wolzogensche Truppe bas beutsche Nationalgefühl mit Füßen tritt, ist ans einer Kritik der Prager „Bohemia" zu ersehen. DaS genannte Blatt schreibt über eine gemeine Satire aus den „Feldmarschallstab", die noch dazu mit den Klängen der Wacht am Rhein begleitet wird, das Folgende:
„Ich finde fie (die „Berulkrmg des Grafen Walder- fee") an fich im höchsten Grade taktlos, umsomehr, als fie von deutschen „Künstlern" außerhalb Deutschlands begangen wird. Das ist ein Heldenstück, den armen Welt- und Feldmarschall, der im fermen Osten zu einer undankbaren Aufgabe, deren Schwierigkeiten fich unserer Einsicht größtentheils entziehen, verdammt ist, mit solchem Aufwar de von
„Ach, was sie nicht alles wissen, Köller, das glaube wer mag, aber so schnell ist der Intendant doch nicht; er kauft die Katze nicht im Sack. Sie scheinen zu vergessen, daß Se. Durchlaucht der Fürst, der jährlich einen hübschen Zuschuß an das Theater leistet, auch nach ein Wörtchen bareinzureden hat, und nichr jedes Bauernmädchen engagirt wissen will. Hier kann man nur auserlesene Kräfte gebrauchen."
Sie reckte dabei das zierliche Figürchen in die Höhe und hob stolz den Kopf.
„Wissen Sie denn auch, wer der Lehrer der ungen Dame gewesen ist?" fragte Köller und uhr bann fort, als Fräulein Lola verneinte: „Kein Geringerer, als der Hofkapellmeister stühne, von dem Sie doch sicher schon gehört haben."
„Na, das sagt gar nichts," meinte Lola achselzuckend, „der beste Lehrer kann einem das Singen nicht lernen, wenn man keine Stimme »at. Daraus kommt es an. Na? wir werden ja sehen, ob Fräulein Trautmann den Erwartungen entspricht. Aber, — was ich sagen wollte, — ist es bereits bekannt, in welchen Rollen dieses — Wunderkind auftreten wird?"
Lola spielte mit den Quasten ihres StLumeS, »en sie in der Hand hielt, und es entgirg ihr, >aß es wie ein Blitz aus den kleinen Augen Köllers zuckte.
Mit ruhiger Gleichgiltigkeit erwiderte er: »Wenn ich recht unterrichtet bin, wird Fräulein Trautmann zuerst die „Mignon" fingen, bann bie „Margarethe im „Faust unb nachher--"