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Sonntag 19. Mai 1901.

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36. Jahrg.

Zweites Blatt.

Ein vereiteltes Attentat auf König Wilhelm und Bismarck im

Kriege 1870171.

Einige bemerkenswerthe Einzelheiten ans den Kriegsereignissen von 1870/71 hat der Pastor a. D. I. Blaeß, weiland. lothringischer Feldmissionar und Führer einer französischen Feldambulanz, in Form von Tagebüchern hinter' lassen, die jetzt Dr. G. Theunert-Lusignan in Ehr. Limbarths Verlag in Wiesbaden als Bei­träge zur Geschichte des deutsch-ftavzösischen Krieges hat erscheinen lassen. In d«s«in Tage­buch des Pastors Blaeß findet sich eine Auf­zeichnung über ein Attentatversuch gegen König Wilhelm und BiSmarck nach der Schlacht von Beaumont. Es heitzt da unter dem 31. August. Im Hause des Notors Mansaro war ein Lazareth eingerichtet; König Wilhelm wollte in Begleitung Bismarcks die dort liegenden Baiern und Franzosen besuchen. Als Pastor Blaeß die Treppe zum ersten Stock hinaufstieg, um die unumgänglichsten Anordnungen zum Empfang des Monarchen zu treffen, während dieser und Bismarck bereits im Erdgeschoß weilten, hörte der Pastor von den zu den Dienstbotenzimmern führenden Treppen Geflüster und das Knacken eines Gewehrhahns. Aufs höchste verwundert stieg er leise hinauf und überraschte auf der Diele des obern Treppenabsatzes zwei leicht Verwundete französische Chasseurs Morel und Lacoste mit Namen, auf dem Bauche im An- ' schlage liegend. Auf des Pastors Anruf gaben sie ihm ihren Entschluß kund, den König und " feinen Minister über den Haufen zu schießen wenn sie die Treppe hinausstiegen. Vergeblich waren die Vorstellungen von dem Unheil, welches die Mörder durch solche That heraufbeschworen. In seiner schrecklichen Lage griff der tapfere Pastor zu einer List. Er beredete die beiden, daß sie von diesem Platze aus nicht zielen könnten, er wolle ihnen einen bessern Ort an­weisen, eine Dachlucke, von der aus sie den König und Bismarck bei der Abfahrt nieder­strecken könnten. Der Pfarrer erzählt das folgendermaßen:

Von diesem schmalen Fenster aus kann kaum einer zielen und zudem würde man Euch von unten sehen, ehe Ihr zielen könnt, und niederschießen!" redete ich auf Morel ein. Kommt mit mir, ich stelle jeden an eine Dachluke, von der aus er von unten nicht gesehen werden und ruhig zielen kann. Habt ihr die That ausgeführt, so schaffet Ihr die Büchsen auf den Bagageboden und schleicht über die Hintere Treppe in die Küche, sodaß niemand Euch oder jemand auS dem Hause beschulden kann." Der Kerl war überzeugt, gewonnen. Er strahlte über das ganze Gesicht und reichte mir die Hand.DaS ist gut gedacht," flüsterte er, aber schnell, nur schnell, sonst gehter" weg, ehe wir auf dem Anstand sind!" Und er drängte mich förmlich die letzten Stufen zum Boden hinauf. Ohne Besinnen ging ich den beiden voran und schloß einen schmalen finsteren Gang auf, durch den man nur tastend vorwärts konnte und der allerdings zu den Mansarden mit ganz kleinen Luken anstatt der Fenster führte. Ich hatte den starken Schlüssel in dem Schlosse stecken lassen und flüsterte Morel zu:Tastet Euch die Wände entlang, macht kein Geräusch. Bei der ersten Thür links haltet still, damit ich Lacoste (so hieß der zweite Chasseur) hole. Ihr geht dann beide in die Verbandkammer und stellt Euch jeder an eine Dachluke. Hier ist der Schlüssel zur Verbandkammer. Gebt, damit sie nicht beim Tasten losgeht, Eure Büchse Lacoste zum Halten und schließt dann auf, damit er Licht hat, wenn er mit den beiden Büchsen kommt." Dabei drückte ich ihm einen falschen Schlüffel in die Hand und reichte die Büchse, die er ohne Besinnen überließ, seinem Genossen Lacoste.Schnell, schnell," flüsterte ich, unten Stimmen hörend, und schob ihn in den Gang. Auch er hatte unten sprechen hören und eilte, an die Dachluken in der Verband­kammer zu kommen, ehe nach seiner Meinung

der König davonfuhr. Sowie er drei Schritte in den finsteren Gang hineingethan, riß ich in wahnsinniger Angst die schwere Eichenthür an mich und schloß sie mit doppelter Tour zu. Dann steckte ich den Schlüssel in die Tasche und holte meinen Revolver hervor, spannte mit der Schnelle des Blitzes und sagte, ihn Lacoste auf die Brust setzend:Lacoste, ich halte Euch für minder schlecht und dumm als Euren Kameraden Morel. Bei der geringsten^ Be­wegung mit den Büchsen schieße ich los. Stellt die Büchsen leise hier in die Ecke, geht vor mir her in das Krankenzimmer der Offiziere, wo Ihr Euch zwischen zwei Betten setzt, bis der König fort ist. Ich schwöre Euch, daß ich Euch nicht un­glücklich machen und schweigen werde, sobald Ihr vernünftig seid. Ihr wißt, daß Ihr beide wenn ich die Anzeige mache, vom Kommandeur unseres Hauptquartiers in Pouilly-sur-Mense vor's Kriegsgericht gestellt und füsiliert werdet! Also haltet Euch ruhig! Denkt an Eure alte Mutter! In einigen Wochen seid Ihr geheilt und könnt heimgehen." Der Mensch zitterte am ganzen Leibe und zwei Thränen rannen ihm über die Wangen. Zu sprechen vermochte er nicht.

Stumm stellte er die Büchsen in die Ecke und schlich vor mir her, der ich mit gespanntem Revolver folgte. Vor seinen Augen legte ich den Revolver gespannt, wie er war, in einen offen bleibenden Tischkasten, über den ich ein Verbandlinnen warf, und am Tisch stehen bleibend, so daß ich mit einem Griff den ge­spannten Revolver in der Hand hatte, sobald der Rasende Miene machen sollte, sich auf den König zu stürzen, erwartete ich den König. Es war die höchste Zeit gewesen. Zwei Minuten später öffnete der Doktor die Thür und ließ den König, eine prachtvolle Greisenerscheinung voll wirklicher Majestät in Miene und Haltung, eintreten. Ich verbeugte mich, ohne Lacoste aus dem Auge zu verlieren.

Haben Sie viel Verwundete hier oben?" fragte mich der König.Passablement, Sire, erwiderte ich, in meiner Verwirrung und Angst kaum wissend, was ich sagte. Wie leicht konnte Lacoste, anderen Sinnes geworden, sich mit irgend einer bei ihm verborgen gehaltenen Waffe auf den Dionarchen stürzen! Wie wenn Morel oben in seiner Wut gegen die Thür, hinter der er verborgen war, donnerte?! Ich konnte Niemand hinauf schicken, so lange ich Lacoste zu bewachen hatte in Anwesenheit des Königs. Mein Herz schlug in der allgemeinen, ehrerbietigen Stille so laut, daß ich meinte, man müsse es hören, und absichtlich einige Pinzetten und Scheren durcheinander warf:

Der König wandte sich darauf an den als erster zunächst dem Fenster liegenden deutschen Offizier, der einen Schuß durch den Kopf und zwei Schüsse durch Brust und Unterleib hatte und unrettbar verloren war. Der König gab ihm die Hand, sprach ihm voll gewinnender zärtlicher Güte zu und reichte ihm in unge­meiner Delikatesse die Kornblume, die er in der Hand trug und die ihm, wie mit vorhin erzählt wurde, eine preußische Diakonissin aus gräflichem Hause, die in der Ambulanz des Dr. Lodsbeck wirkt, überreicht hatte. Der König machte dann die Tour an allen Betten, reichte jedem der Verwundeten die Hand und zog sich nach kaum zehn Minuten wieder zurück. Aber­mals einige Minuten später hörte ich unten die Wagen wegfahren.

Mir stürzten die hellen Thränen, Thränen des Dankes und der Erschütterung aus den Augen bei dem Rollen der davonfahrenden Wagen. Welcher Gefahr waren wir entronnen!

Wissenschaft, Kunst und Leben.

* Hrrr Professor Theobald Fischer hat seine dritte Marokkoreise, die er im Februar d. I. im Auftrage der Hamburger geographischen Gesellschaft unternommen hatte, etwas früher abgeschlossen, als anfangs beabsichtigt war, und dürfte in diesen Tagen wieder in Mar­burg eintreffen. Nach Briefen Professor Fischers, die im letzten Heft vonPeterm. Mitteil." veröffentlicht worden sind, ist die Reise trotzdem für alle Zweige der Erdkunde sehr ergebnisreich verlaufen. Fischer ging Ende Februar von Mogador nach Osten, wobei er

sich im Süden seines Weges von 1899 hielt; er kreuzte diesen bei der Einmündung des Schischau in den Tensift (halbwegs der Strecke Mogador-Marrakesch) und wanderte, nachdem er bis in die Nähe von Marrakesch vorgc- drungen war, im Norden des Tensift nach der Küste zurück, die Ende März in der Stadt Safi erreicht wurde. Ein zweiter Vorstoß ins Innere, der die letzten Tage des März und die ersten Tage des April in Anspruch nahm, galt u. a. dem Abschluß der Erforschung des Flusses Nm-er-Rbia, dessen Oberlauf -Fischer im April 1899 ausgenommen hatte. Fischer erreichte den Fluß von Südwesten her dort, wo die Ruinen des alten Kastels von Bulauau liegen, er konnte jedoch auswärts den Anschluß an seine frühere Route nicht gewinnen und zog den völlig unbekannten Strom hinab bis zu seiner Mündung bei Asemur. Von da begab sich Fischer noch ein drittes Mal ins Innere, kreuzte, ostwärts marschierend, in der ersten Aprilhälfte aus neuen Wegen die Provinz Sckuija bis zum Steppengürtel des Atlasverbandes und kehrte endlich nach Casablanca zurück, von wo die Heimreise angetreten werden sollte Auf die geplante Erforschung des Gebirges Dschebel Serhun bei Fes verzichtete der Reisende, da Unruhen ausgebrochen waren.

Der größte Theil der genannten Reisewege ist neu. Auf dem Marsche von Mogador zum Tensift wurde die Umgebung des Symasees, des einzigen großen Sees von Marokko, unter­sucht, der stark salzhaltig und im Sommer, wenn viel Wasser verdunstet, von einer bis zu 20 Centimeter dicken Salzkruste bedeckt ist, auf der man, wie auf einer Eisdecke, den See über­schreiten kann. Von geologischem Interesse war die Entdeckung von Versteinerungen im süd- marokkanischen Atlasvorlande, die dessen geo­logisches Alter Kreidezeit festlegen dürften. Am unteren Um-er Rbia, der sich ein stark gewundenes, cannonartiges Thal in das Tafelland eingesägt hat, besuchte Fischer Ein­geborenenstämme, die noch keinen Christen ge­sehen, den Reisenden aber um so freundlicher empfingen. Vielfach tvnrden auf dem Tafel­lande trotz seiner nur selten 600 Meter über­steigenden Höhe sehr niedrige Temperaturen beobachtet; die Nächte waren oft empfindlich kalt, und das Thermometer sank bis auf 2 Grad über Null. Professor Fischers Reise hatte nicht allein rein geographische Untersuchungen zum Zweck, sondern auch die weitere Erforschung des fruchtbaren, wirthschaftlich überaus werth- vollen Schwarzerdegürtels, der das Küsten­hinterland nördlich von Mogador einnimmt; auch dieser Zweck wurde vollkommen erreicht.

Hessen-Nassau und Nachbargebiete

Cassel, 17. Mai. Großes Aufsehen erregte am Himmelfahrtsnachmittage ein Mann, der Angesichts der Hunderte von Sonntagsgästen, welche die Wirthschaftsgärten im Fuldathale bei Spiekershausen belebten, sich in die Finthen der Fulda stürzte. Durch rasch zur Stelle befind­liche Hilfe aus dem Wasser heiausgcfisLt, ersah der anscheinend angetrunkene Lebensmüde einen günstigen Moment, um noch einmal in dem feuchten Element zu verschwinden. Noch einmal wurde er herausgezogen, diesmal aber um von einem freundlichen Gensdarm in sorgsame Obhut genommen zu werden.

Wiesbaden, 18. Mai. Der bekannte Schachspieler Minkwitz ist in Biebrich in der neu angelegten Kaiserstraße von der elektrischen Straßenbahn überfahren und sehr schwer ver­letzt, worden. Minkwitz soll sich absichtlich auf das Geleise geworfen haben. Der Unglückliche wurde am Kopfe schwer verwundet, beide Arme waren zerquetscht, so daß sie noch Abends am- putirt werden mußten. Bei dem Verunglückten fand man eine Anzahl unauSgefüllter Wechfel- sormulare und ein Portemonnaie ohne einen Pfennig Geld. Verschiedentlich soll M. in letzter Zeit Zeichen von Geistesgestörtheit ge­geben haben, man nimmt an, daß all' diese Umstände zusammengetroffcn sind, den Unglück­lichen zum Selbstmord zu treiben.

Wolsgruben bei Biedenkopf, 17. Mai. In der Nacht vom 11. auf den 12. Mai gegen 3 Uhr wurde in der Gastwirthschaft der Ww.

Ferdinand Fischer dahiec ein Einbruchs-Diebstahl verübt, was in unserer Gegend als große Seltenheit zu betrachten ist. Durch ein Fenster des Gastzimmers, welches ungefähr 1 Meter hoch war, in das Hans gelangt, stattete der Dieb dem nebenan befindlichen Laden einen Besuch ab. Zum Glück war aber am Abend vorsorglicher Weise die Kasse in Sicherheit ge­bracht worden.

Gießen, 17. Juni. Am Mittwoch Nach­mittag fiel ein Arbeiter beim Schaukeln aus der Schiffsschaukel und zog sich leichte Ver­letzungen am Kopfe zu. Gestern nachmittag fiel ein dreijähriges Kind aus dem dritten Stock eines Hanfes am Neuenweg. Ein in der Nähe arbeitender taubstummer Schreinergeselle sah es fallen, eilte herbei, und es gelang ihm, das Kind noch kurz über der Erde aufzufangen und es vor Schaden zu bewahren.

Vermischtes

Schon aus der Zusammenstellung der Namen der jetzigen preußischen Minister ergiebt sich ein einheitliches Zusammenwirken des neu ge­bildeten Ministeriums zu Gunsten der Canal­vorlage :

SCönstedt

H Amin erstem

TbieleN

BbeiubAben

Gossl-er PodbielsKi

Möll<er StUdt Bülow.

Ein Ministerium, das sich selbst alsCanal­klub" bezeichnet, wird gewiß fest zusammenstehen zur Durchführung seiner wichtigsten Ausgabe.

UuiVersitätSuachrlchte«. Der Professor der orientalischen Sprachen, Geheimer Hostath Dr. Krehl, ist, 76 Jahre alt, gestorben.

Aus Nah «ud Fer«. Beim Brande eines Hauses in Tarnowih erstickten zwei Kinder, die sich aus Angst in einem Schrank ver­steckt hatten. Eine Frau sprang aus dem zweiten Stockwerk auf die Straße und erlitt so schwere Ber- letzungen. daß sie bald darauf starb. Bei einem Schadenfeuer in Rapendorf jKreis Pr. Holland) verbrannte ein siebenjähriges Mädchen. Die Groß­mutter desselben erlitt bei dem Rettungsversuch so schwere Brandwunden, daß sie alsbald verschied. Mittwoch Nacht brach im Arbeitshause in Stafford in dem Flügel, in welchem alte Leute untergcbracht waren, Feuer aus. Sieben Insassen find um ge­kommen. Im Graben des Festungswalles in Mainz fand zwischen zwei Offizieren von den 13. Husaren und dem 88. Infanterie-Regiment ein Zwei­kampf statt. Der Infanterie-Offizier soll schwer ver­letzt worden sein. Das Motiv zu dem Duell ist Eifersucht.

Vergnügungs-Anzeiger

Königliches Theater zu Cassel.

Sonntag. 19. Mai:Der Zigeunerbaron".

Montag, 20. Mai:Das Glas Wasser".

Dienstag, 21. Mai:Die Entführung aus dem Serail".

Mittwoch, 21. Mai:Flachsmann als Erzieher".

Donnerstag. 23. Mai:Figaro's Hochzeit".

Freitag, 24. Mai:Ein Sommernachtstraum".

Lonnavend, 25. Mai:Don Juan".

Sonntag, 26. Mai:Wilhelm Tell".

Spargelzeit! Wem kitzelt nicht der Gaumen beim Gedanken an dieses edelste aller FrühjahrS- gemüse.

Während wir früher unsere Sfmrgel in Mehl- saucen tauchen und statt ihres reinen, unvergleichlichen Aromas den undefinierbaren Geschmack einer zweifel­haften Mischung von Fleischabsud und Mehl kosten mußten, Verfahren wir heute weit besser folgender- maßen:

Wir befreien die Spargel von der äußeren Haut und den Blattansätzen unterhalb des Kopses, waschen fie gut, binden sie zu Bündelchen von 1015 Stück und schneiden das harte Ende der Stengel so ab, daß die Bündelchen eine gleichmäßige Länge erhalten. Wir sieden die Spargel in Salzwafier auf schwachem Feuer, bis sie gar sind, und lassen sie aus einem Sieb gut abtropse», richten sie nach Entfernung der Bindfaden auf einer Serviette an und garnieren sie m t einem Sträußchen Petersilie.

Tann mischen wir nach G.schmack gutes Olivenöl, Weinessig, wenig Senf, etwas Maggi-Würze, sowie Salz und Pfeffer und servieren diese Salatsauce in einem Saucennapf.

Die Methode ist einfach, und Einfachheit ist eine Grundbedingung für die richtige Zubereitung junger Gemüse mit delikatem Geschmack.

Verantwortlich für die Redaktion: Hans Hupfer in Marburg.