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Mittwoch. 24. April 1901.
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Sack «Mb Beleg; Ioh. Mag. Soch, UniverfitätS-Buchdrackerel derbere Markt 91. — Televbon 55
36 Juhrg.
Erstes Blatt.
Bestellungen
für die Monate Mai und Juni auf die „Oberheffifche Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirchhain und Neustadt, sowie von allen Post- anstalten und Landbriefträgern entgegen- genommen.
Die Entschädigungsfrage in Peking
Genau so langsam wie ehedem die Be- strafnngsfrage in Peking vom Platze gerückt ist, geht es jetzt mit der Entschädigungsfrage. Nur das eine steht zur Zeit fest, daß Rußland auch hierbei am besten abschneiden wird — denn sein Faustpfand dürfte es sobald nicht herausgeben! — während die anderen Mächte viel Wasier in ihren Wein werden gießen müsten. Eine unangenehme Begleiterscheinung war es natürlich wieder, daß Deutschland von amerikanischer wie auch von russischer Seite verdächtigt wurde, es wolle China auspresten wie eine Citrone und zu dem Zwecke seinen Aufenthalt in Petschili möglichst in die Länge ziehen. Was diese Verdächtigung auf sich hatte, zeigte sich, als die Entschädigungsansprüche nun wirklich eingereicht wurden; denn da stellte sich heraus, daß Deutschland keineswegs die höchsten Anforderungen an China stellte, sondern nur fein ausgelegtes Geld zurückverlangte und hierfür 240 Millionen Mark in Rechnung fetzte, hierbei jedoch betonend, daß jeder Monat, den die deutschen Truppen länger zu bleiben gezwungen würden, die Rechnung um einen entsprechenden Theil in die Höhe schraube. Rußland fordert dagegen, wie schon berichtet, 340 Millionen Mark und Frankreich 260 Millionen, während England und Japan je 100 Millionen oder etwas weniger als Entschädigungsansprüche geltend machen. Außer den Großstaaten, die sich an der gemeinsamen Aktion in China be- theiligten, erheben aber auch «och andere Staaten — so Belgien, die Niederlande und Spanien — Forderungen, so daß eine Gesammtsumme von über 1200 Millionen Mark herauskommen dürste. Hiermit erreicht die Liste aber noch nicht ihr Ende, denn bekanntlich kommen in
12 (Nachdruck verboten.)
Das Heiwathlikd.
DtiflinaUStoman von Irene v. Hellmuth.
(Fortsetzung.)
Sie raffte die schwere Schleppe ihres Kleides zusammen und fuhr in leicht schmollendem Tone fort: „®a nimmt man sich nicht einmal Zeit, sich umzukleiden, im Reitkostüm, wie ich ankam, bin ich fortgelaufen, als ich hörte, Du wärest in den Park gegangen. Ich konnte gar nicht schnell genug vorwärts kommen, und Du machst nun ein Gesicht, als ob Du Essig geschluckt hättest. Aber Sie," wandte sie sich mit reizender Heberde an Santoff, „Sie find doch Siegftieds Freund und können mir gewiß sagen, was ihm fehlt?"
AuS ihren Worten sprach unverkennbare Besorgniß um den Jugendgespielen. Die blauen Augen konnten so treuherzig blicken, daß der Fürst sich plötzlich auf dem Gedanken ertappte, ob eS nicht wirklich das Beste wäre, Siegfried folgte dem Wunsche der Eltern, und führte die- unschuldige, reine Geschöpf heim als sein Weib. Doch heftig schüttelte er gleich darauf den Kopf, als wollte er damit sich selbst klar machen, daß das nicht möglich war. Beatrice hatte die Bewegung des Fürsten wahrgenommen, und dies als die Beantwortung ihrer Frage betrachtet.
„Wie, Sie wollen oder können mir keine Auskunft geben?" rief sie betroffen, Santoff fest «»blickend.
„Doch, — doch, gnädige Comteffe," erwiderte tt schnell, „Sie sollen alles erfahren, wir haben eben erst, ehe Sie kamen, beschlossen, Sie eivzu-
zweirer Linie die Ansprüche von Privatpersonen, deren Umfang sich noch nicht abjehen läßt.
Einstweilen wären die Mächte jedoch froh, wenn sie nur schon ihre Staats-Forderungen in blanker Münze in der Tasche hätten. Damit wird es aber noch gute Wege haben; denn namentlich auf amerikanischer Seite ist man eifrig an der Arbeit, den Chinesen günstigere Bedingungen zu schaffen und England unterstützt dieses Bemühen, weil es im Interesse seines Handels jede Erhöhung der Seezölle vermieden sehen will, während bekanntlich Graf Bülow gerade von einer Steigerung der Einfuhrzölle um 3 Prozent sich eine schmerzlose und leichte Operation zum Besten der Forderungen der Mächte verspricht. Anscheinend ist es aber selbst dem gewandten Kolonialdirektor Dr. Stübel nicht gelungen, in London einer günstigeren Auffassung dieser Frage die Wege zu ebnen.
Die amerikanischen Bestrebungen bewegen sich in einem anderen Geleise. McKinley legt den Mächten nahe, daß China 1200 Millionen nicht so ohne Weiteres aufbringen könne, daß mithin die Großstaaten sich genöthigt sehen würden, die Zeit ihrer Okkupation auszudehnen und damit auch die vielen Unannehmlichkeiten — oder sagen wir gerade heraus — Fährlich- keiten, welche die ganze Lage mit sich bringt, zu verlängern. Unter diesen Umständen — so meint Mc Kinley — wäre es wohl geraden, sich mit einer geringeren Summe zufrieden zu geben, die China jedoch ohne Weiteres aufzubringen vermöchte. Wie es heißt, ist die amerikanische Regierung selbst noch nicht ganz im Klaren, in welcher Höhe sie diese Summe bemessen soll; jedenfalls aber dürfte sie über dis Grenze von tausend Millionen Mk. nicht überschreiten und unter 800 Millionen Mk. nicht heruntergehen. Soviel wir über die Aufnahme informirt sind, welche die Mehrzahl der Staaten diesem Vorschlag bereitet hat, steht zu erwarten, daß er wohlwollend erwogen und wahrscheinlich auch angenommen werden wird. Cb wir bann freilich die 240 Millionen Wiedersehen, welche wir fordern, fragt sich doch sehr.
Bei dieser Gelegenheit möchten wir übrigens dem Beispiel des „Rh. C." folgen und darauf Hinweisen, wie sehr man bei uns in Deutschland bezüglich der Haltung unserer Regierung in der China-Politik iin Dunkeln tappt. In England weiß jeder, daß die „Times" oder eines der anderen großen Blätter das Sprachrohr der Regierung ist. Bei uns jedoch giebt das einzige offizielle Organ der .Reichsanzeiger"
weihen, — denn wir rechnen auf Ihren Beistand."
„Auf meinen Beistand?" wiederholte sie erstaunt und ungläubig. Die großen, blauen Augen glitten fragend von Einem zum Andern.
Siegfried ergriff ihre Hand und drückte sie leise.
„Meine liebe Bea", sagte er in weichem Ton, „ich — habe eine Bitte an Dich zu richten, deren Erfüllung für mein zukünftiges Glück von hoher Bedeutung ist!"
Eine helle Röthe stieg in die zarten Wangen der jungen Dame. Die Augen leuchteten seltsam auf und blieben bann fragend an den Zügen des Fürsten hängen, als wollten sie ihm unbewußt anbeuten, daß er hier überflüssig sei. Denn die Bitte, die Siegftied jetzt an sie richten würde, — die längst erwartete, so sehnlich heiß erwartete Bitte, ob sie seine Frau werden wolle, und das, was sich daran knüpfen würde, vertrug doch keine Zeugen. — Aber seltsam, der Fürst schien daS gar nicht zu verstehen, er schritt so ruhig neben ihr her, als gehörte er dazu, und als.wäre es selbstverständlich, daß er blieb. Aber wenn er auch ein noch so guter Freund Siegfrieds war, jetzt konnte man ihn entbehren. Er brauchte es ja nicht zu sehen, wie sie den ersten, seligen Kuß mit dem Geliebten tauschte. Wie ost hatte sie sich in Gedanken den Moment ausgemalt, wenn sie an der Brust Siegfrieds ruhend, von seinem Arm umfangen, ihm sagen durfte, daß sie kein höheres Glück kenne, als ihm anzugehören in alle Ewigkeit! Sie war in dem Gedanken groß geworden, daß sie einst Siegfrieds Frau werden sollte. Und wenn er auch niemals ein Wort
nur Wolff'sche Telegramme wieder und die balbosfizielle „Nordd. Allg. Ztg." folgt dieser Praxis, indem sie nur je nach Bedürfniß 5 bis 10 Zeilen lange Dementis bringt, falls nämlich eine Meldung der Regierung zu unbequem wird. Wer aber über die geplante Richtung unserer auswärtigen Politik sich einigermaßen informiren will, der muß sich aus „Neuesten Nachr.", bet „Post", „Nat. Ztg.", „KölmZtq", „Allgem Ztg." und anderen Blättern das Nothige zusammenfuchen und weiß dabei noch nie, ob er nun die Ansichten der Regierung oder die einer löblichen Redaktion, vor sich hat. Dazu kommt, daß Zeitungen anderer politischen Richtung dos Gute, was oben genannte Blätter bringen, nicht gelten lasten wollen und dagegen aus Parteirücksichten oppo- niren, so daß wir uns oft im schönsten Tohuwabohu befinben. Warum kann bie Regierung die Oeffentlichkeit nicht durch ihr Organ, die „Nordd. Allg. Ztg.", in genügender und zuverlässiger Weise über ihre Ansichten und Absichten aufklären? Gewiß blieben uns bann manche ärgerliche Preßfehden erspart — nicht zuletzt 3um Heile der deutschen Politik selbst.
Umschau.
Der Reichstag
führt auch nach den Osterferien nur ein Scheindasein. Jeder bet vierzig bis fünfzig Abgeordneten, bie wieder gewohnheitsmäßig das „Plenum" darstellcn, hat es in der Hand, bie parlamentarischen Geschäfte lahmzulegen; er braucht nur die unzweifelhaft nicht vorhandene Beschlußfähigkeit zu „bezweifeln". Wie unter solchen parlamentarischen Mißständen, die auch bei Diätenzahlung nicht weichen würden — andernfalls wäre cs in der That eine Schande für die „Schwänzer" — eine stetige Politik verfolgt werden soll, ist allerdings eine schwer zu beantwortende Frage; hängt ja doch im Reichstage alles vom Zufall ab! So arg kann es wohl auch im Lande um die angeblich wachsende Unzufriedenheit kaum bestellt sein; sonst würden ja jedensalls bie parlamentarischen Vertrauensmänner scharenweis herbeieilen, um der unruhigen unb pessimistischen Stimmung unter der Wählerschaft im Reichstage Ausdruck zu geben. Aber 350 von 397 Reichsboten ziehen eS vor, sich um bie Neichstagsarbeiten nicht zu kümmern; sie benfen offenbar int höchsten Vertrauen auf bie Fraktions-Cadres, durch bie augenblicklich „ der Reichstag" markiert wirb: es geht auch so! c.
von Liebe zu ihr gesprochen, sie wußte cs doch, er war ihr gut. Würbe er sie sonst zum Weibe begehren? — Und nun der große Moment gekommen war, nun sollten sie bei ihrem gegenseitigen Geständnisse nicht einmal allein sein dürfen? Nein, das ging nicht an, denn bann konnte sic Siegfried ja auch nicht sagen, wie lieb sie ihn hatte, sie müßte sich ja schämen, wenn ein Fremder all das verliebte Zeug mit anhörte, baS sie einander nothwendig sagen mußten, und auf das sie sich schon so lange gefreut hatte.
Siegfried bemerkte an dem Aufleuchten ihrer Augen mit geheimem Schrecken, daß sie feine Worte falsch gedeutet hatte, er fügte rasch hinzu : „Ich darf doch offen mit Dir sprechen, nicht wahr, Beatrice? Die langjährige Frcund- giebt mir ein Recht dazu — daraus schöpfe ich den Muth, um Dir zu sagen — was Du wiffen mußt!" — —
Die kleine Hand der Comteffe fuhr nach der Stelle, wo das Herz so wild und ungestüm pochte, ihr war so seltsam beklommen zu Muthe, sie hätte bitten mögen: „O, sprich es noch nicht auS — warte noch — mir ist plötzlich so bang!“
War denn nicht daS Glück, von dem sie so lange geträumt, nun endlich da?
Sie schalt sich selbst thöricht unb kindisch und konnte sich doch einer geheimen Angst nicht erwehren.
Aber was sprach Siegfried, anfangs zwar zögernd, dann aber immer fester, immer bestimmter ? — WaS war das?
Die Worte, bie nun mit so grausamer Deutlichkeit an ihr Ohr schlugen, waren so grnnb-
Fremdenkultus in Deutschland.
Es ist noch nicht lange her, daß in unserem lieben deutschen Daterlande die Leute von Geschmack unb Reichthum nur bie Erzeugnisse deS Auslandes gelten ließen. Insbesondere London unb Paris waren maßgebend. Was man dort trug, unb wie man sich dort kleidete, das allein konnte in Deutschland als „fair“ betrachtet werden. Es gab ebensowenig ein gemeinsames Vaterland, wie bie Produktion einer heimischen Industrie und eines heimischen Gewerbes. Auf diesem Gebiete ist nun vieles seit etwa einem Menschenalter anders geworden, aber noch lange nicht alles. Wer heute durch die Straßen unserer großen Städte, zumal Berlins, geht, begegnet noch auf Schritt und Tritt den Anpreisungen des Auslandes bezw. den Reklamen in einer fremden Sprache; ja, in einem großen Mode- geschäfte Berlins, daS sich mit der Anfertigung von Damen- und Herrenkleidung befaßt, kann man zum höheren Ruhme der englischen Mode das Wort lesen : „Ladies habits maker “
Aehnliche Gedanken drängen sich — so schreibt bie „Leipziger Zeitung" — uns auf, wenn wir bestimmte Neigungen unserer politischen Publicistik ins Auge fasten. Auch hier scheint der alte Hang, das Ausland auf Kosten der Heimath zu bewundern, immer noch nicht ab= gethan zu fein. Bestimmte Maßnahmen der auswärtigen Kabinete werden als Eingebungen hoher Weisheit gepriesen, unb die Politik der heimischen Staatsmänner für nichts geachtet. Diese gütige Art der Kritik hat sich in besonders scharfem Lichte bei der Beurtheilimg gezeigt, welche die jüngste Mittheilung der russischen Regierung über Ostafien in etlichen deutschen Blättern fand und noch findet. Da in diesem Kommunique zu lesen stand, die Anregung. einen gemeinsamen deutschen Oberst- fommanbirenben in China zu ernennen, sei vom deutschen Kaiser an den Czaren ergangen, so haben für bie deutschen Kritiker der russischen Eröffnung bie amtlichen Stellen in Deutschland seiner Zeit bie Unwahrheit gesagt.
Das Aiisland hat gesprochen, e>go ist das richtig, mag Graf Bülow auch das Gegenrheil versichert haben. Die russischen Staatsmänner haben auf alle Fälle recht, unb die eigene Regierung soll sich als die blamierte wieder einmal matt gesetzt sehen. Ob nicht die russische Regierung, bewußt oder unbewußt, etwa Falsches behauptet haben könnte, danach wird gar nicht gefragt. Daß die Eröffnung des russischen „Regierungsboten" den Vorzug verdient vor der Versicherung des leitenden deutschen Staatsmannes, das wirb als ebenso selbstverständlich angenommen, wie
verschieden von dem, was sie zu hören erwartet hatte, baß es ihr plötzlich unmöglich schien, ein Glied zu rühren. Sie blieb stehen unb schaute mit hilfeheischendem Ausdruck den Fürsten an, daß dieser, von innigem Mitleid erfüllt, ihre Hand an seine Lippen zog. Sie konnte im ersten Augenblick den Sinn der Worte nicht fassen, es war doch nicht möglich, daß das Wahrheit war, was Siegfried ihr da erzählte — von feiner Liebe zu einer Anderen — von feinem Hoffen und Bangen, feiner Furcht vor dem Vater. Dies Alles schlug anfangs wie ein leerer Schall an ihr Ohr, sie hörte nur daS Eine, sie sollte Siegfrieds Werbung ein „Nein" entgegensetzen, um ihm damit die Möglichkeit zu geben, jene Andere, die ihr das Glück gestohlen, heimführen zu können!
Wie grausam war doch das Schicksal, wie grausam das, WaS man von ihr forderte!
Allmählich war der Glanz in den sanften blauen Augen erloschen, bie Thränen wollten sich nicht mehr zurückbrängen lasten, fast gewaltsam kämpfte sie gegen ben heftigen Schmerz in ihrem Innern. Denn her, welcher sie verschmähte, um einer Anderen willen, er durste ihre Dhränen nicht sehen, durfte nicht wiffen, was in ihr vorging. Sie wollte alles, nur kein Miileid.
„Ich werde später mit Dir sprechen," rief sie über bie Schulter zurück und floh wie gejagt bem Schlosse zu. Sie mußte erst ruhiger werben erst einwenig ihre Gedanken ordnen, ehe sie Antwort geben konnte.
(Fortsetzung folgt.)