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Sntit mb Verlag: Joh. Aug. Koch, Uuiverfitäts-Buchdruckrret Ftarbura Markt 31. — Televhon 55

Marburg

Sonntag, 14. April 1901

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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marösrs und Kirchhai«.

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Frankreich und Italien.

Auf der Bühne der Weltpolitik giebt es einen ununterbrochenen Scenenwechsel. Bald nehmen wichtige und folgenschwere Ereignisse in Dftaften unsere Aufmerksamkeit in Anspruch, bald sind unsere Augen nach Petersburg ge­richtet, wo der Nihilismus wieder einmal in Form von Studentenunruhen Spuren seines Daseins erkennen läßt, bald gährt es auf dem Balkan, bald sind wir veranlaßt, uns mit dem englischen Raubzuge nach Südafrika näher zu beschäftigen: so wechseln die politischen Bilder kaleidoskopisch und oftmals vermag nur der zünftige Politiker den inneren Zusammenhang zu erkennen, dessen auch dieser ständige Scenen­wechsel nicht entbehrt.

Die Stille des Osterfestes wurde in diesem Jahre durch die rauschenden Feste von Nizza und Toulon abgelöst, die der politischen Welt die Frage aufdrängen, ob der Dreibund noch in alter Festigkeit besteht oder ob mit dem Kabinettswechsel in Italien etwa eine Ab­bröckelung dieser dritten Macht und eine größere Hinneigung Italiens zu Frankreich zu er­warten ist.

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Unter dem Donner der Geschütze ist der Herzog von Genua an der Spitze eines mächtigen italienischen Geschwaders am Ostermontage, Nachmittags 2 Uhr, in dem französischen Kriegs­hafen Toulon eingetroffen, freudig begrüßt von den Würdenträgern und der Bevölkerung der Republik. Der Marinepräfekt Vizeadmiral de Beaumont begab sich alsbald mit den Offizieren seines Stabes an Bord der „Lepanto" und gab in seiner Ansprache an den Herzog den Ge­fühlen freudigen Stolzes darüber Ausdruck, daß es ihm vergönnt sei, den Gast willkommen zu heißen und die Flotte der befreundeten Nation zu empfangen. Der Herzog von Genua betonte in seiner Entgegnung, er freue sich darüber, daß er mit einer so angenehmen Mission be­auftragt worden sei.

Ist dieser Besuch nur die pflichtschuldige Antwort auf den Gruß, den das französische Mittelmeergeschwader vor zwei Jahren dem italienischen Königspaare in Cagliari entbot? Oder kündigen die Festtage eine Wendung in der Politik des Königreiches jenseits der Alpen an, das Ende deS Dreibundes und, trotz der Abfahrt der russischen Kriegsschiffe, den Anschluß Italiens an Rußland und Frankreich?

- Wir glauben das nicht, weil das Jntereffe Italiens an guten Beziehungen zu Deutschland viel zu groß ist.

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Das Heimathlied.

Original-Roman von I r e n e v. H e l l m n t h.

(Fortftsung.)

Da war es auf alle Fälle gut, in der Nähe zu sein, zumal Graf Düren ihrem Lothar durchaus nicht abgeneigt war, man mußte es nur verstehen, seine Vorzüge i«'s rechte Licht zu setzen.

Freilich, daß Lothar, als er zum Jüngling heran gereift war, gelegentlich ein Spielchen tm Offizierskafino der nahen Stadt machte, durften Onkel und Tante nicht erfahren, eben­sowenig, wie sie von den Spekulationen des langen Mannes etwas wissen sollten. Er spielte EN.der Börse und machte auch sonst gern ein Geschäftchen, wo es zu machen war, um fein iijm zu schmal erscheinendes Einkommen zu ver- gröfjer«, und es gelang ihm dies nicht selten. Er hätte es gar zu gern seinem Vetter Siegfried gleichgethan, nur einzig und allein seinen Neigungen zu leben. Aber bei der immerhin untergeordneten Stellung, die Lothar im Hause seiner Verwandten einnahm, Mußte er sich unbedingt dem Willen des Onkels fügen. Er war gewissermaßen der Ober- Uifpektor, mußte zu verschiedenen Zeiten des JahreS auf den Gütern des Grafen Umschau halten, ob sich alles in gewünschter Ordnung befinde, mit den Verwaltern abrechuen, über ÄeS Bericht erstatten, denn der Gras war ein strenger Herr, in manchen Punkten sogar allzu peinlich.

Lothar wurde selbstverständlich großartig honorirt, er führte im Allgemeinen ein ganz

Die Festtage von Toulon, die mit dem Er­scheinen des italienischen Geschwaders ihren Anfang nahmen, erreichten ihren Höhepunkt bei der Ankunft des Präsidenten Loubet. Der Präsident der französischen Republik hat, ehe er den Herzog von Genna in Toulon begrüßte, Nizza einen Besuch abgestattet. Er erklärte dabei, diese Stadt sei nicht nur eine Zierde Frankreichs, sondern auch ein an der Grenze gelegener, verantwortlicher Ehrenposten. Vielleicht ist dieser Umstand, sobald der Festesrausch ver­rauscht ist, geeignet, den Italienern den Werth der deutschen Bundesgenossenschaft erneut vor Augen zu führen.

Nizza, die Perle in der sardinischen Krone, und Savoyen, das dem italienischen Herrscher­hause den Namen gegeben hatte, wurden von Napoleon dem Freunde und Bundesgenossen entrissen. Blutenden Herzens hatten Viktor Emanuel und Cavour ihre Zustimmung geben müssen. Alle Wunden müssen wieder aufbrechen, wenn Loubet die stille Stätte aufsucht, wo die Asche der Familie Garibaldis ruht, alle Er­innerung an die Treulosigkeit napoleonischer Politik 'gegen Italien müßten wieder aufbrechen. In der Flugschrift, die der Kaiser unter dem Titel „Napoleon IIL und Italien" hatte ver­breiten lassen, stand nichts von einer Abtrennung Nizzas und Savoyens von Italien; uneigen­nützig wollte er sich in den Dienst der Freiheit und der nationalen Idee stellen. Aber als Oesterreich dank der deutschen Zersplitterung und int Gegensätze zu Preußen, unterlegen war, da wurde alles zur That, was er vorher ver­schwiegen oder geleugnet hatte. Es ist heute noch nützlich, zu sehen, tote im Juli 1859 der französische Minister der auswärtigen Angelegen­heiten, Graf Walewski, die feierliche Erklärung abgab, der Kaiser habe jeder Gedanken an eine Einverleibung Savoyen in Frankreich gänzlich aufgegeben, wie am 10. Januar 1860 der sardinische Gouverneuer Savoyen amtlich den Behörden eröffnete, es fei in Turin niemals die Rede davon gewesen, Nizza und Savoyen abzutreten, wie noch am 7. Februar Lord Granville das englische Oberhaus beruhigte, das französische Ministerium erklärte in aller Form, daß von einer Annektion keine Rede fein könne. Aber schon wenige Monate später war die Plebiszit-Komödie vorüber, und ein Gebiet, das nach Cavours Worten „seit so vielen Jahrhunderten den ruhmreichen Besitz des Hauses Savoyen bildet," war eine französische Provinz geworden.

Doch genug dieser Erinnerungen, sie be­weisen, daß die Dinge mächtiger sind als der

angenehmes Leben, — aber manchmal empfand er den Druck der Abhängigkeit doch recht schwer. Besonders, als der Graf für feinen Sohn eine große Reise, die nach der Schweiz und durch Italien gehen sollte, in Vorschlag brachte, um den „Jungen" zu kräftigen und aus seinen Träumereien herauszureißen, da hatte Lothar bestimmt gehofft, den Vetter begleiten zu dürfen, und er war wüthend, als Siegfried die Be­gleitung zurückwies, und als auch der Graf erklärte, es ginge schon deshalb nicht an, weil er Lothar gerade jetzt, bei der Inventur der Güter, nicht entbehren könne.

Heimlich ballte der junge Mann die Fäuste: Er mußte zu Hause bleiben, — arbeiten, um das schier unermeßliche Vermögen womöglich noch zu vergrößern, während der Erbe all dieser Herrlichkeiten draußen in der Welt sein Leben genoß, ein Leben in Freiheit und Un­gebundenheit , ohne nach dem elenden Geld fragen zu müssen! — Wenn Lothar feiner Mutter gegenüber solche und ähnliche Aeußerugen machte, oder sie wohl gar — freilich nur, wenn die Beiden ganz allein waren —, mit Vor­würfen überhäufte, daß sie durch ihre Ver­schwendungssucht ihn in diese abhängige Stellung gebracht, dann tröstete die Frau Präsi­dentin lächelnd den Aufgeregten: „Sei ruhig, Lothar, ich glaube doch, vorläufig kannst Du ganz zufrieden fein; ich hatte bei der Ueber= siedlung nach Schloß Düren nur Dein Wohl­ergehen, Deine Zukunft int Auge. Glaubst Du, ich würde mich fo willig in die Launen unserer Verwandten fügen, wenn es nicht Deinetwegen geschähe? Ich denke unablässig darüber nach, wie sich Deine Zukunft glänzender gestalten

Wille des Einzelnen, und daß internationale Höflichkeitsacte im Allgemeinen keinen Einfluß aus die Beziehungen der Völker zu einander haben. Präsident Loubet erfreut sich der Auf­merksamkeiten des Königs von Italien, die ihren Ausdruck in der Verleihung des Anun- ciaten-Ordens gefunden haben. Und es ist recht bezeichnend, daß die Republik und vor Allem der Präsident derselben sich so glücklich fühlt in dem Besitze eines Ordens, der doch ('nichts weiter als das Symbol des monarchischen Ge­dankens ist. Der Kommandeur des italieni­schen Geschwaders, Herzog von Genua, ist hoch erfreut, als Gast der französischen Republik in Toulon weilen zu dürfen. Eine Festlichkeit löst die andere ab und der Trinksprüche sind bereits eine solche Menge, daß man sie kaum noch registriren kann. Aber alles Irdische ist ver­gänglich, auch die Tage von Toulon werden mit dem Ablauf dieser Woche ihr Ende er­reichen, ohne daß sie einen nachhaltigen Einfluß auf die internationale Lage auszuüben ver­mögen. Die Nationen werden zur Werktags­arbeit zurückkehren, Frankreich wird die Alliance mit Rußland mit erneuter Schärfe betonen, und Zanardelli, der es für zweckmäßig erachtete, vor den Tagen von Toulon noch unserem Reichs­kanzler persönlich seine Aufwartung zu machen, wird glücklich fein, im Dreibunde verbleiben zu können. -a-

Der südafrikanische Krieg.

General Bothas Friedens-Verhand­lungen.

Wie zu erwarten stand, bezeichnen jetzt eng­lische Regierungskreise die Meldungen von einer Wiedereröffnung der Friedensverhandlungen durch Botha als jeder Begründung entbehrend. Nachträglich aber schreibt man aus London über jene Reutermeldungen: Reuter übertrifft sich selbst! Daß er in seiner allerneuesten Sen­sationsmeldung dabei beharrt, Christian Dewet sei geistesgestört, kann natürlich nicht über­raschen, — daß aber diese Geistesgestörtheit jetzt dem Generalkommandanten Louis Botha sogar Veranlassung gegeben haben soll, „im Namen sämmtlicher Burenstreitkräfte" neue Friedensverhandlungen mit dem britischen Haupt­quartier zu eröffnen, ist mehr, als selbst die eifrigsten Jingos zu fassen und zu glauben imstande find. — Nach Reuter soll General Botha sich mit Bestimmtheit davon überzeugt haben, daß Dewet für seine „Handlungen" nicht länger verantwortlich sein kann, und da Dewet bisher „das einzige Hinderniß" auf dem Wege

ließe, Du kannst die Sorge dafür getrost mir allein überlassen."

Und der Sohn schien dann stets damit zu­frieden zu fein, denn nach einer solchen Aus­sprache pflegte er gewöhnlich die Arme um den Hals der Mutter zu legen, und sie flüchtig auf den Mund zu küssen.

„Ich weiß, Du bist meine kluge, • besorgte Mama," sagte er dabei. War er sich auch nicht klar darüber, welche Pläne die Mutter seiner Zukunft wegen hegte, so hatte er doch die feste Ueberzeugung, daß alles wohlüberlegt war, was die Mutter that. Deshalb fügte er sich ihren Wünschen stets unbedingt, und konnte in der That als ein Muster an Gehorsam und Ehrerbietung gelten. Er küßte auf den Befehl der Mutter der Gräfin Luise die Hand, stellte seine Kräfte in den Dienst des Onkels, und nah» diesem fast alle Arbeit ab, die die Ver­waltung der großen, ausgedehnten Besitzungen mit sich brachte. Das Derhältniß zwischen dem gräflichen Ehepaar und den Verwandten war äußerlich das denkbar herzlichste. Man berieth alle die kleinen Vorkommnisse des täglichen Lebens gemeinschaftlich, unterhielt sich über Neuerungen und Verbesserungen, die aus den Gütern eingeführt werden sollten, machte wohl gelegentlich gemeinsame Ausflüge und Besuche bei GutSnachbarn, im Winter hielten sich die Herrschaften oft wochenlang in der Residenz auf, bis die Gräfin erklärte, deS aufregenden Treibens müde zu sein, und in Begleitung deS Gatten nach ihrem geliebten, stillen Schlosse zurückreiste. Lothar blieb mit seiner Mutter dann gewöhnlich etwas länger in der Stadt, doch immer nur so lange, als der Onkel es ge-

zu einem befriedigenden endgültigen Friedens­schluß war, so hat Botha fich denn auch ent­schlossen, den Kampf aufzugeben. Zu dieser kühnen Erfindung, die natürlich mit anderen Meldungen im direkten Widerspruch steht, sagt die „Daily Mail", die doch gewiß sonst gern und gläubig derartige Fabrikationen acceptirt und weiter verbreitet: „Wir sollen glauben, daß Botha sich von Dewets Verrückt­heit überzeugt und deshalb die Friedensver­handlungen wieder eröffnet hat. Wenn Dewet wirklich verrückt ist, so ist sicherlich ein guter Theil von Methode in seinem Wahnsinn, und man wird unwillkürlich an das Bonmot Georg III. erinnert, welches die Antwort auf die Mittheilung eines Höflings bildete, daß der General Wolfe wahnsinnig geworden sei: „Dan« wünsche ich, daß er einige meiner Generale beißen und ebenfalls verrückt machen mochte!"

Ganz abgesehen von dieser Wahnsinn-Ge­schichte, die ja längst zu den Lieblingsmeldungen der spleenigen Reuter-Korrespendenten gehört, finden auch die Nachrichten von einer Wiederer­öffnung der Friedensverhandlungen durch Botha hier in London durchweg wenig oder gar feine« Glauben, denn man weiß viel zu genau, daß in Wirklichkeit nicht Dewet einen günstigen Ab­schluß der zwischen Botha und Kitchener ge­pflogenen Bemühungen und Verhandlungen ver­hinderte, sondern daß es einzig und allein der englische Kolonialsekretär Mr. Joses Chamber­lain war, der in bekannter Ueberhebung und Hartnäckigkeit nicht an ein Nachgeben dachte und dadurch sogar die durch Kitchener und Milner bereits in die Wege geleitete günstigere Lage wieder umgestaltete und ein Eingehen der Buren auf die englischen Vorschläge unmöglich machte.

Auf dem Kriegsschauplatz ist die Lage im Allgemeinen unverändert. „Daily Mail" meldet aus Pretoria: Hopetown, welches von den Engländern besetzt war, sei von diesen wieder geräumt worden. Das Blatt sieht darin ein Zeichen dafür, daß Kitchener nicht genügend Truppen zur Verfüg­ung hat, um seine Aufgabe zu erfüllen.

Andererseits hat der stellvertretende Präsi­dent der Südafrikanischen Republik Schalk Burger den Sitz der Regierung von Pietersburg nach Leydsdorp verlegt. Diese Stadt liegt im Zontspan - Gebiet in den Drakenbergen, mitten unter den großen Gold­feldern, im Nordosten Transvaals.

AnS der Capkolonie.

In der Behandlung politischer Ver­brechen in der Capcolome ist eine Aendernng

stattete. Der junge Mann fügte sich auch hierin unbedingt dem Willen des Grafen, wenn er auch manchmal heimlich mit den Zähnen knirschte.

Das Leben auf dem Schlosse war stets ab­wechslungsreich und gesellig. Man hatte von jeher Gastfreundschaft geübt, und fo gab es immer Befuche aus der näheren und weiteren Umgebung.

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Die Abendmahlzeit, die im Schlosse ge­wöhnlich gemeinsam eingenommen wurde — ebenfalls auf den bestimmt ausgesprochene« Wunsch deS Grasen —, war soeben beendet, man saß gemüthlich plaudernd beisammen, und der Gras wanderte seiner Gewohnheit gemäß im Zimmer auf und, ab, während die Diener das Tafelgeschirr wegzuräumen begannen.

„Wenn die Damen gestatten, möchte ich mir eine Cigarre anzünden", sagte Gras Düren eben verbindlich. Er war eine breitschultrige, reckenhafte Erscheinung mit scharfgeschnit ene» Zügen, denen man auf den ersten Blick die Willensstärke und Charakterfestigkeit ansah. Die über die gebogene Nase fast zusammen­gewachsenen Brauen ließen das Gesicht, wenn nicht finster, s» doch streng erscheinen die stahl- grauen Augen konnten Einen so fest anblicken, als wollten sie bis auf den Grund der Seele schauen. „Nun, Lothar, wandte er sich an den jungen Mann, „willst Du nicht rauchen?"

„Danke Onkel, jetzt nicht", war die rasche Entgegnung.

„Apropos," rief Graf Düren dem eben wieder lautlos eintretenden Diener zu, „sagen Sie dem Koch, daß wir morgen Besuch er­warten — drei bis vier Personen —, er möge