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Frau von Weferling saß vor ihrem Schreibtisch und rechnete. Sie hatte in den letzten Monaten sehr viel gerechnet und geschrieben, aber das Resultat war immer dasselbe geblieben, sie würde das alte Stammgut der Familie ihres Gatten nicht länger halten können, wenn es ihr nicht gelang, für die gekündigten Hypotheken zum ersten Oktober anderweitige Deckung zu finden.
Hin und her hatte sie geschrieben, aber überall abschlägige Antworten erhalten. Sie sah den Ruin vor Augen und eine heiße Scham bemächtigte sich ihrer bei dem Gedanken, daß sie so leichtfertig mit ihrem Erbe umgegangen war. Aber jetzt war eS zu fpät! Und das Glück ihres Kindes mußte zugleich mit dem finanziellen Ruin zusammenbrechen.
Die Baronin stützte traurig das Haupt in die Hand. Eine schwere Thräne fiel auf die Rechnungen nieder, welche vor ihr lagen. Auf ihrem feinen Antlitz hatte die Sorge der letzten Monate ihre Spuren eingegraben und in dem reichen kastanienbraunen Haar glänzten zahlreiche Silberfäden.
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dann setzte sich der Zug in Bewegung — Henning schaute ihm nach und winkte winkte, bis der Zug im ersten Bergtunnel schwunden war."
Dann kehrte er in das Hotel zurück rüstete nun auch zur Heimreise.
19. Kapitel.
Mardnrg
Freitag. 5. April 1901.
wird ergriffen von dem himmlischen Glanze, iwr ihm noch aus dem brechenden Auge des Heilands entgegenstrahlt, und sühnt sein verlorenes Leben durch die gläubige Huldigung: „Herr, gedenke an mich, wenn Du in Dein Reich kommst!" Und der römische Hauptmann, gleichgiltig wie alle Römer gegen die Händel )es verachteten Judenvolkes, ein Mann, der Wohl schon hunderte sterben gesehen in jener mit den Menschenleben nicht sparenden Zeit, bezeugt erschüttert, die Wahrheit ahnend, aber noch nicht voll erfaffend: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen".
Von jenem Schächer an — wie viele Millionen, die dem sterbenden Jesus gehuldigt haben! Ja, er herrschte auch am Kreuze, und er herrscht noch heute. Was alle Großen der Erde geschaffen, ist dahingesunken oder trägt das Zeichen des Dahinsinkens schon an sich. Er aber lebt und sein Werk mit ihm; an dem Felsen, den er gegründet hat, zerschellen alle Wogen der Zeit. Mag das mit Blindheit geschlagene Auge die gewaltige Größe dieses leidenden Jesus nicht erkennen, mag die Menge, wie einst das dethörte Judenvolk, nach einem mit äußerer Pracht einziehenden Helden verlangen, — wer sich in die Leidensgeschichte Jesu recht vertieft hat, wer die Größe des Opfers ermeffen hat, das er für uns alle gebracht, der weiß: dieser Geschmähete war und ist der König der Welt. Mächtig zieht er durch die Jahrhunderte, mit seinem Tode hat sein Siegeslauf begonnen. Möge er auch in uns herrschen und fein Tod der Anfang seines Lebens in uns sein!
Umschau.
Die Zusammenkunft des Grafen von Bülow mit Zanardelli.
Zu derselben Zeit, in der von offiziöser Seite in Berlin ein Zusammentreffen des Grafen von Bülow mit dem leitenden Staatsmanns Italiens in Abrede gestellt wurde, hat diese Zusammenkunft in Verona stattgefunden. Der Ministerpräsident Zanardelli befand sich auf der Reise von Rom nach seiner am Gardasee gelegenen Villa, während Graf v. Bülow mit seiner Gemahlin auf der Fahrt nach Venedig begriffen war. Der Weg beider Staatsmänner kreuzte sich in der alten Gothenstadt Verona, wo Zanardelli eine Stunde früher eintraf, um die Ankunft des Grafen von Bülow abzuwarten. Die Unterredung ging über die Form eines zufälligen Zusammentreffens hinaus, hatte einen politischen Charakter und ergab, wie uns von zuverlässiger Seite mitgetheilt wird, die Grund-
werthes Ziel, und wen der Erfolg krönt, der . . wird gepriesen und bewundert. Aber ist dieser 1 ' Maßstab, den wir an die Erscheinungen des
Tages anlegen, nicht vielmehr ein Beleg für unsere Kurzsichtigkeit? Hat ein einziger von all den Großen, die wir bewundert haben und bewundern, weil sie sich geltend gemacht haben, uns bezeugen können, daß sie sich wirklich so geltend gemacht, so ihren Willen durchgesetzt, so ihre Kraft ausgelebt haben, wie es ihnen vorschwebte? Ist nicht bei ihnen allen schmerzliche Entsagung, ohnmächtiges Ankämpfen gegen unlösbare Fesseln die Last gewesen, die sie seufzend trugen, indes die blöde Menge ihnen bewundernd zujauchzte? Haben nicht alle jene Helden das Schwerste gelitten unter jener Be-
(Nachdruck verboten.)
Schwester Katharina.
Ä«z»jSpr«i»: bei bet' gy-öttien 8 WL, M tS*n PoMwrs 3,56 Nk. (t$el SeKeLtzrw).
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losigkeit der von gegnerischer Seite behaupteten Gerüchte über Neigungen Italiens, sich von >em Dreibunde loszutrennen. Was die Flottenbewegung in Toulon betrifft, an der sich auch sieben russische Kriegsschrsfe theiluehmen sollen, so ist daran fcstzuhalten, daß Italien durch die (Einsendung eines Geschwaders nach Toulon lediglich einen Höflichkeitsakt erwidert, den Frankreich dem jungen Könige von Italien er- erwiesen hatte. Der Kommandant des italienischen Geschwaders, Herzog von Genua, ist nicht der Mann, der sich zu politischen Kundgebungen brauchen ließe. Mit diesen offiziellen Erklärungen werden auch die Treibereien des Händlerthums widerlegt, das behauptet hatte, die italienische Regierung sei wegen der beabsichtigten Zollerhöhungen Deutschlands verstimmt und verzichte auf einen neuen Handelsvertrag mit Deutschland. Diese Behauptungen sind übrigens schon um deswillen unsinnig, weil Italien an einem Handelsvertrag mit Deutschland ein viel größeres Interesse hat als Deutschland. Diese Ansicht vertritt auch der Ministerpräsident Zanardelli, und er denkt nicht daran, sich van freihändlerischen Treibereien, wie sie in Deutschland unter Außerachtlassung der vaterländischen Interessen Tag auf Tag neu getrieben werden, ins Schlepptau nehmen zu
grenzung ihres Könnens, haben sie nicht das, was die Welt Größe nannte, getragen als einen Fluch, als ein nie gestilltes Verlangen? Und wenn sie dahingegangen waren nach einem beständigen Verzehren, was blieb von ihrer Größe ? Ein bloßer Schatten, ein Erinnern, nicht mehr. Was sie schufen, hielt sich vielleicht noch ein Weilchen, dann versank es. Neue Große kamen und zertrümmerten es oder drängten es zurück. Die Größe von ehemals war vergangen.
Ganz anders der Gekreuzigte. Er hat nie seinen Willen bethätigen wollen, nur den Willen des himmlischen Vaters, der in ihm lebte. Er hat aber auch nichts von dem Widerstreit zwischen Wollen und Können empfunden, das die Größten dieser Welt peinigt, in ihm ist alles ausgeglichen, die volle Harmonie einer nicht an das Irdische gebundenen, sondern über den Dingen dieser Welt stehenden Persönlichkeit strömt uns aus seinem Wesen entgegen. Er geht in den Tod, in die Schmach, aber mit vollem Bewußtsein, denn er weiß: „Es sei denn, daß das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte." Und wie groß steht er inmitten all der Bosheit da, die gegen ihn wüthet! Er, der da weiß, er könnte seinen Vater bitten, daß er ihm zuschickte mehr denn zwölf Legionen Engel, und der doch die Hand nicht erhebt wider feine Feinde, — wie herrlich erhebt er sich über die Gemeinheit empor, die an ihm ihr Mütchen kühlen will, und wie gewaltig wirkt er auch duldend auf seine Umgebung durch die Kraft des Göttlichen, die in ihm wohnt! Von dem stolze* Schweigen auf die Frage des Hohenpriesters und der Antwort: „Du sagst es" auf die Frage des Pontius Pilatus, ob er der Juden König sei, bis zu der Verheißung an den Schächer und dem Wort: „Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände" — welche Hoheit und Majestät, welche Schlichtheit und welche Kraft! Kann eine solche aus dem Innern hervorquellende Herrlichkeit wirklich beeinträchtigt werden durch das Demüthigende der äußerlichen Umgebung? In den Augen deffen, der nicht am Oberflächlichen haften bleibt, nimmermehr. Und selbst in der verkommenen Welt, zu der Jesus herabgestiegen ist, kommt diese Herrlichkeit zur Geltung. Der stolze Römer Pilatus krümmt und windet sich, er ahnt wenigstens das Göttliche an Christus, er möchte ihm so gerne das Leben schenken, wenn — ja, wenn eben die kleinlichen, weltlichen Klugheits-Rücksichten nicht damals gerade so mächtig gewesen wären, wie sie heute sind. Der Verbrecher aber, der neben Jesu am Kreuze hängt,
„Ich weiß es, Kind. Hoffentlich ist Alle» zu ihrem Empfang bereit?"
„Ja, Mama — und weißt Du, wer kommt?"
„Eine Schwadron von den Eardedragonern und drei Offiziere —"
„Ja, aber — welche Offiziere — *
„Ich weiß die Namen nicht."
„Rathe einmal!"
„Wie kann ich dar?"
„Nun, Mama — es ist ein guter Bekannter von unS unter den Offizieren!" rief Kitty mit leuchtenden Augen.
„Doch nicht Rittmeister von Bartfeld?"
„Ja, Mama — Henning von Bartfeld! Ach, Mama, wie glücklich bin ich . . wie glücklich ..."
Sie kniete neben der Mutter nieder und umschlang sie innig mit den Armen.
Die Baronin streichelte ihr welliges, braune» Haar. Ein tiefes Weh durchschnitt ihr Herz. Wie würde Kitty die Nachricht aufnehmen, daß an eine Verbindung mit Henning nicht z« denken sei? Sollte sie da» Kitty schon jetzt mittheilen? — Nein, mochte sie erst noch einige glückliche Tage verleben — das Unglück kam immer noch zu früh. Aber mit Henning wollte sie sprechen und ihm offen ihre Lage darlegen.
„Steh aus, Kitty," sagte sie in weichem, zärtlichem Tone. „Auch ich freue mich, Henning v. Bartfeld wiederzusehen. Aber Du weißt, was Ihr mit versprochen habt!"
„Ja, Mama," erwiderte Kitty gesenkten Hauptes uud mit erglühenden Wangen.
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ihre Lippen „Auf Wiedersehen" — dann drängte die Baronin zum Einsteigen — die Schaffner schlugen die Thüren zu — weit beugte sich Kitty aus dem Fenster und wehte mit dem Tuche — und
Ihr Blick schweifte in den Park hinaus, der im bunten Kleide des Herbstes dalag. Spätsommerfäden wurden vom lauen Herbstwinde dahergetragen und legten sich sanft auf die Wunden, welche die Sensen der Schnitter da draußen auf den Feldern der Mutter Erde geschlagen. Der kräftige Erdgeruch der ^risch- umgepflügten Felder drang durch die offenen Fenster und einzelne Töne klangen vom Wirth- schaftshof herüber. Jetzt mischten sich auch ferne dumpfe Detonationen darein — wie entferntes Donnergrollen — dazwischen klang es in kurzen Schlägen: „tack-tack — tack-tack-tack — tack-tack — " und Trommelwirbel und Trompetensignale.
Dar Manöver der Truppen zog sich näher an Schloß Weferlingen heran. Heute sollte die Einquartierung eintreffen, schon rüstete man sich in Küche und Keller, in Hof und Stall, um die Soldaten zu empfangen — eine angenehme Abwechselung in der Einförmigkeit des Landlebens.
In früheren Jahren waren diese Manövertage wirkliche Festtage für Weferlingen gewesen. Das Schloß war der Sammelpunkt der Gesellschaft und alles scharte sich um die Baronin, die liebenswürdige und schöne Wirthin.
Jetzt empfand Frau von Weferling die Einquartierung als eine Last, die ihr nur Mühe und Kosten auferlegte.
Die Thür öffnete sich und Kitty eilte herein mit blitzenden Augen und glühenden Wangen.
„Mama," rief sie freudig, „in einer Stunde kommt die Einquartierung! Die Quartiermacher sind soeben eingetroffen und haben die Kameraden angemeldet!"
Deutsches Reich
Berlin, 4. April.
— Das durch Grundstoß beschädigte Linienschiff „Kaiser Friedrich III.“, an deffen Bord sich Prinz Heinrich befand, ist Mittwoch Vormittag in den Kieler Hafen eingelaufen. Die beschädigten Abtheilungen des Schiffes find voll Wasser gelaufen, das Schiff liegt infolgedessen etwas backbord über. Das Schiff ist sofort in die Docks der Kieler Werft überführt worden. Prinzessin Heinrich fuhr ihrem Gemahl entgegen.
— Der Reichskanzler hat eine Verordnung, betreffend die Schaffung kommunaler Verbände in Deutsch-Ostafrika erlassen.
— Nach der „Medizinischen Wochenschrift“ haben 170 ärztliche Vereinigungen, darunter alle bayerischen, einer Petition an den Bundesrath zugestimmt, die sich gegen die Zulassung der Real» abiturienten zum Medizinstudium richtet.
— Auf die Reichsanleihe von 300 Millionen sind nach den bis Mittwoch Abend bei dem Reichsbank-Dircktorium eingelaufenen Meldungen Zeichnungen im Nennbeträge von rund 4621 Millionen Mark erfolgt.
— Das Herrenhaus nahm bekanntlich in seiner Sitzung am 28. v. M. mit 104 gegen 28 Stimmen eine Resolution an dahingehend, daß in den neu abzuschließenden Handelsverträgen ein wesentlich höherer Zollschutz für landwirthschastliche Produkte eingesetzt und daß möglichst bald dem Reichstage der neue Zolltarif vorgelegt werde. Als bemerkenswerth mag
Roman von O. Elster.
sFortsetzimg.)
Und Henning hielt sein Wort. War es doch auch so süß, dieses schweigende Spiel ihrer Augen, die von Liebe sprechen durften! Rieselte ti doch wie volles Glück durch ihre Adern, wenn ihre Hände in einander ruhten und mit leisem Druck von der Liebe ihrer Herzen erzählten.
Was brauchte es da der Worte? Sie wußten, daß Sie sich liebten und daß nichts ihre Herzen mehr zu trennen vermochte. Ost mußte sie ihm sein Lieblingslied Vorsingen, in deffen Töne sie dann all ihre Liebe all ihr Glück hineinzulegen wußte.
„Die Lippen nicht — da» Äug' laß sprechen LS lügt so leicht der lose Mund.
Doch Deine» AugeS Strahlen brechen Hervor au» tiefstem Herzensgrund.
Auch meine Lippen sollen schweigen,
Mein Mund sei stumm, wie einst mein Grab, Und nur mein Auge soll Dir zeigen, Wie ich so lieb — so lieb Dich hab'--"
Auch die Abschiedsstunde vermochte das tiefe vlücksgefühl der beiden jungen Herzen nicht zu zerstören. Nahmen sie doch die Erinnerung an die schönen, sonnigen, goldigen Tage mit sich, trugen sie doch tief in ihrer Brust das Bewußtsein ihrer Liebe.
3um letzten Mal ruhte Hand in Hand und Auge in Auge — zum letzten Mal flüsterten
Charsteitag.
** Nach Golgatha rufen die Glocken, die in der Frühe dieses stillen Freitags mit düsterem Ernste hinausklingen über Berg und Thal. Zu dem Bilde des Gekreuzigten, wie er am Holze der Schmach hängt in unsäglicher Qual, lenkt sich der Blick. Die größte Herrlichkeit, die je die Welt geschaut, in ihrer tiefsten Demüthigung tritt wieder vor das innere Auge.
Eine fremdartige, unserer Zeit fast unverständliche Sprache ists, die alle diese Dinge reden. Ein gekreuzigter Christus, das ist schwer zu fassen für einen Sohn unserer Tage.. Kraft und Herrschaft gilt ihm als etwas Großes, unbedenkliches Niedertreten alles feindlichen als selbstverständlich — und nun sollte ein verhöhnter und geschmähter, leidender und sterbender Jesus die Verkörperung des Göttlichen sein! Ja, einen in Jugendkraft und Schönheit einherziehenden Helden, der mit "eifernem Willen die Menge zu lenken verstände, dem würde man willig Bewunderung und Verehrung zollen, vor ihm huldigend daö Knie beugen. Aber ein in Armuth lebender und in Schmach sterbender, nicht herrschender, sondern duldender, wehrlos den Feinden sich preisgebender Jesus, so ganz das Gegentheil von dem, was ganz besonders unserer Zeit erstrebens- und bewundernswerth gilt? Wir mögen ihn anstaunen als eine Seltsamkeit, wir mögen vielleicht auch dunkel fühlen, daß hier eine höhere Welt hineinragt in unser armseliges Erdenleben und uns emporheben will; aber ein innerliches Verhältuiß zu diesem am Kreuze hängenden Christus gewinnen wir nicht, so lange wir in den Vorstellungen leben, wie sie in unserer Zeit die herrschenden sind.
Sich geltend machen, unterfallen Umständen, mit allen Mitteln, das gilt uns als erstrebens-
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