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Marburg

Sonnabend, 23. MSrz 1901.

Irlchruu lüzicch augtt en><ttiag«n uea# c.oan- une <jrtt«rtag«i. Lonulügsbeilage: Illustriere» Souutagsblatt.

Druck und Verlag: Joh. Lug. Koch, Universitäts-Bnch-nukeeei

Jierbnro Werft 91 Tdehbon 55

36 Jahrg.

Gewitterschwüle.

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Die Wolken am politischen Himmel haben sich noch nicht verzogen. Noch ist die Lage in Ostasien unverändert. In London wird die Stimmung seit zwei Tagen auch in den höheren politischen Kreisen, die sich so leicht nicht über Zwischenfälle und unangenehme Begebnisse auf­regen, zusehends unbehaglicher. Die Vorkomm­nisse in Tientsin mögen an sich nicht von über­großer Wichtigkeit sein, aber al- Symptone äußerst gespannter Verhältnisse haben sie immer­hin einige Bedeutung. Jedenfalls wird von Leuten, die mit dem Hofe unmittelbare Fühlung haben, versichert, das Abweichen von dem ur­sprünglichen Programm, wonach der König seine Gemahlin nach Kopenhagen begleiten sollte, erkläre sich lediglich durch den Ernst der augen­blicklichen Lage in China. Andere Gerüchte, die sich auf diesen Punkt beziehen, möchte ich, so umständlich sie auch lauten, als unverbürgt lieber unerwähnt lassen. Sie tragen aber das ihrige zu der gekennzeichneten Stimmung bei.

Worum es sich bei dem Zwischenfalle in Tientsin handelt, sei hier nochmals kurz rekapitulirt. Die Engländer wellen ein Neben­geleise der von Tientsin nach Peking führenden Bahnlinie über ein Stück Land führen, das an­geblich zu der rusfichen Konzession in Tientsin gehört. Hiergegen protestirten die Rusten. Die Engländer blieben jedoch fest und bauten weiter. Da marschirte russisches Militär auf, grub Schützengräben und Verschanzungen und droht mit Waffengewalt, wenn man weiter baue. Die Engländer zogen gleichfalls Truppen heran und so standen sich beide Parteien kampf­gerüstet gegenüber. Welchen Eindruck dies auf die Chinesen machen muß, kann sich jeder auS- malen; böse Leute behaupten sogar, Lihung- tschang würde sofort wieder gesund werden und einen Walzer tanzen, wenn er dieses Schauspiel für Chinesen sehen könnte! Ein Glück ist es, daß die Höchstkommandirenden auf beiden Seiten wenigstens Besinnung genug behielten, die Truppen schließlich zurückzuziehen und auf dem umstrittenen Gebiet nur einige Posten zurückzulasten.

Graf Waldersee hat nun zur Schlichtung dieses militärischen ConfliktS eingegriffen; mit welchem Erfolg, steht noch dahin. Einst­weilen meldet noch ein Telegramm aus Tientsin: Der russiche General sandte dem englischen General eine Zuschrift in Form eines Ulti­matums mit der Aufforderung, die englischen Truppen zurückzuziehen. Außerdem verlangte der russische General eine Entschuldigung, er­hielt jedoch als Antwort von dem englischenGeneral nur eine Empfangsbestätigung seiner Zuschrift." Wir glauben nicht recht an die Zuverlässigkeit dieser Nachricht, denn eS ist nicht wahrschein-

«> (Nachdruck verboten.)

Schwester Katharina..

Roman von D. Elster.

[Fortsetzung.»

15. Kapitel.

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Auf der Terraffe des Hotels Beau Rivage in dem klimatischen Kurort Locarno stand eine schlanke junge Dame und blickte träumerisch über die blauen Fluten des Lago maggiore, auf dem die Weißen Segel der Fischerboote hin und wieder auftauchten und die großen Pastagierdampfer schaumig-weiße Furchen zogen.

Das junge Mädchen lehnte das braune Lockenköpfchen an den von Weinlaub umrankten Pfeiler, faltete die kleinen, weißen Hände, die schlaff herabhingen und seufzte leise auf. Die braunen Augen zeigten einen traurigen Aus­druck, die Wangen eine leichte, durchsichtige Bläffe, welche noch durch die schwarze Trauer- steidung verstärkt wurde. Wie sie so schlaff und energielos dastand, glich sie einer vom herbstlichen Winde losgeriffenen Ranke, deren welke Blätter leise zur Erde niederrieseln und die sich müde und matt nach einem festen Stützpunkt sehnt.

Nicht weit von der jungen Dame entfernt saß eine ebenfalls in tiefe Trauer gekleidete ältere Dame bequem zurückgelehnt in einem Schaukelstuhl. Der französische Roman, in dem sie gelesen, lag auf ihrem Schooß; aufmerksam

lich, daß die russische Regierung dem Streit solche schroffe Formen giebt. Daß aber der russische Kommandant ohne Befragen seiner Regierung ein Ultimatum stellen sollte, ist gänzlich ausgeschloffen. Wenn wir also auch an eine ernste Wendung des Streites nicht glauben, vielmehr der Meinung sind, daß die Angelegenheit schleunigst vom militärischen auf das diplomatische Gebiet hinübergeleitet wird, so läßt sich doch nicht absehen, was aus den Auseinandersetzungen zwischen England und Rußland noch entsteht. Vor allem ist bedenk­lich, daß auch die Spannung zwischen Ruß­land und Japan zuzunehmen scheint. Nachrichten, die in London in rascher Reihen­folge eintreffen, stellen den Conflict in Dftaften plötzlich als sehr verschärft dar. England decke Japan den Rücken, welches feiner« feits mobil mache. Die russische Flotte sammelt sich am Palufluffe. Auch in diese Nachrichten setze« wir noch einige Zweifel. Richtig mag allerdings sein, daß England, seiner alten Taktik getreu und in Berücksichtigung de§ Umstandes, daß ihm Südafrika die Hände bindet, den japanisch-russischen Conflict zu verschärfen sucht. Der südafrikanische Krieg hat ihm die bittere Lehre gegeben, daß sein Säbel zu rostig ge­worden ist, als daß es dem russischen Bären gegenübertreten könnte. Ohnmächtig muß eS zusehen, wie sein Prestige auch in Öftesten schwindet. Daß es sich da nach Helfern um­sieht, ist nur zu natürlich. Deutschland und die Vereinigten Staaten find nicht zu haben, so bleibt ihm nur Japan, das freilich noch eine Rechnung mit dem Zarenreich abzumachen hat. Aber ob fich die Japaner jetzt dazu verstehen werden, den Engländern die Kastanien aus dem Feuer zu holen, steht doch noch dahin. Sie werden wohl versuchen, ihre durch den Manschurei­vertrag bedrohten Interessen auf andere Weise zu wahren. Ob das gelingt, ist freilich noch die Frage. An Rußland wird es fein, ob das Wetterleuchten, das sich am politischen Horizont zeigt, nur ein Zeichen der schwülen Situation bleibt, oder ob es als Vorbote den Ausbruch eines Gewitters angekündigt. Wir glauben einst­weilen noch an das erstere. §.

Umschau.

SonntagSruhe in Staatsbetrieben.

* Bei der dritten Berathung des Etats der Münzverwaltung brachte der Abgeordnete Herr von Pappenheim in dankenswerther Weise einen Mißbrauch in der Königlichen Münze zu Berlin zur Sprache. Dort nämlich wird die Arbeiter­schaft notorisch nicht nur behufs Erledigung dringender Arbeiten, sondern grundsätzlich an Sonn- und Festtagen ohne Rücksicht auf die Sonntagsheiligung Vormittags bis um 1 Uhr

schaute sie zu dem jungen Mädchen hinüber und ein etwas ungeduldiger Ausdruck zuckte um ihren Mund.

.Hast Du den Marchese heute Morgen schon gesehen, Kitth?" fragte sie bann plötzlich.

Die Angeredete schrak sichtlich zusammen.

Nein, Mama," entgegnete sie leise.

.Wekhalb nicht? Der Marchese wollte Dich doch heute Morgen auf den See hinauSrudern?"

.Ich ließ, mich entschuldigen ich fühlte mich nicht wohl."

Die alte Dame erhob fich mit einer ener­gischen Bewegung.

.Ich verstehe Dich nicht mehr, Kitth," sagte sie mit harter Stimme.Ich glaubte, Du seiest endlich vernünftig geworden."

Mit einem traurig - anklagenden Blick sah Kitth zu ihrer Mutter empor.

.Was verlangst Du von mir, Mama?" fragte fie tonlos.

Ich verlange gar nichts von Dir", versetzte die alte Dame in scharfem Tone,sondern ich .wünsche" nur, daß Du Dein Glück nicht von der Hand weisest! Den Luxus, einen reichen vornehmen Bewerber zurückzustoßen, darf sich ein armes Mädchen nicht erlauben."

Mama" hauchte Kitth mit flehenden Augen.

.Es wird wahrhaftig endlich Zeit, daß Du Tick aufraffst! Der Marquis Righetti inter­essiert sich für Dich daS zeigt er sehr deut­

beschäftigt. Das steht, wie der konservative Wortführer mit Recht hervorhob, mit der Würde einer Staatsverwaltung nicht im Einklänge. Der Vizepräsident des Staatsministeriums, Finanzminister Dr. v. Miquel, erwiderte hier­auf, ihm sei von der ganzen Sache nichts be­kannt, er werde sich aber erkundigen, und wenn es sich so verhalte, wie Herr von Pappenheim gesagt habe, so werde Abhilfe geschaffen werden, daran könne kein Zweifel fein. Daß der Herr Minister an die Mittheilung über das er­wähnte Verhalten der Münzdirektion am liebsten nicht glauben möchte, ist begreiflich; allein er wird sich von der Richtigkeit der Beschwerde leicht überzeugen können, und somit ist zu hoffen, daß er seiner Zusicherung gemäß baldige und endgiltige Abschiffe schaffen wird.

Aus der Kanalkommission.

In der Donnerstagfitznng derKanalkommission des Abgeordnetenhauses haben die Herren Graf zu Limburg Stirum und Graf v. Kanitz-Podangen Erklärungen abgegeben, die von erheblicher Bedeutung sind. Die konservativen Führer haben sich nämlich bereit erklärt, trotz der gründ-' sätzlichen bis jetzt noch unverminderten Bedenken gegen die Kanalvorlage ein bedeutsames Ent­gegenkommen zn zeigen und für den Ausbau der Lippe-Linie an Stelle der in dem Regierung? e itwurfe vorgesehenen Emscher-Linie einzutreten.

Obwohl die Bedenken gegen beide Waffer- straßen insofern gleich find, als durch beide die Begünstigung eines Einbruchs der Holländer in die westlichen Industriegebiete zu fürchten ist, hat sich doch ergeben, daß wenn nun einmal ein Entgegenkommen bewiesen werden soll der Ausbau der Lippe-Linie vor der Emscher-Linie den Vorzug verdient. Diese ist, wie bis jetzt feststeht, technisch nicht in dem Maße gesichert wie jene; diese ist ferner in der Wasserversorgung auf die Weser angewiesen, während jene hinsichtlich der Waffervorgung vollständig unabhängig ist.

Rühmt man nun auch als einen Vorteil der Emscher-Linie, daß hier ein größerer Verkehr herrsche, so dürfte es doch keinem Zweifel unter­liegen, daß die Lippe nach ihrer Kanalisierung den größten Teil des Verkehrs des Ruhrge­biets und Dortmunds aufnehmen würde. Für die Konservativen war es also wohl möglich, trotz ihrer schweren Bedenken für den Ausbau der Lippe-Linie, nicht aber für den der Emscher sich zu entscheiden. Maßgebend war für sie da­bei der Wille, den Industriellen des Westens so­weit wie möglich entgegenzukommen.

Da die Kanalvorlage dem Osten Preußen- bedeutende Concessionen auf dem Gebiete der Masserwirtschaft zu Theil werden läßt, haben die Konservativen für erforderlich erachtet, auch für den Westen der Monarchie in entsprechender

lich er ist eine durchaus vorteilhafte Partie für Dich, reich, ein Kavalier aus vornehmer Familie waS hast Du denn eigentlich an ihm auSzufetzen?"

Nichts als daß ich ihn nicht liebe."

Die Baronin von Weferling denn nie­mand anders war die ältere Dame zuckte geringschätzend die Schultern.

Romantische Ideen", murmelte fie.

In diesem Augenblicke betrat ein in elegantem dunklen Zivil geneideter Herr die Terraffe und schritt mit höflichem Gruß auf die Dame zu.

.Also habe ich doch noch da» Glück, Sie zu treffen, meine Damen", begann er in etwas fremdländischem Deutsch. .Ich hatte die Hoff­nung bereits aufgegeben, da Baroneffe Kitth mir sagen ließ, fie befinde sich nicht ganz wohl."

.Das leichte Unwohlsein meiner Tochter ist kaum der Rede werth, Herr Marquis', sagte die Baronin, indem fie dem Herrn die Hand reichte, die dieser galant an die Lippen führte.

Ich bin erfreut, daS zu hören, Frau Baronin. Wollen wir nun unseren Ausflug machen, Gnädigste?" wandte er sich an Kitty. Das Boot liegt bereit."

Würden Sie mich auch mitnehmen, Herr Marquis?" fragte Frau von Weferling mit liebenswürdigem Lächeln.

.Wie können Gnädige fragen?" rief der Marquis scheinbar hocherfreut aus. .Wollen Frau Baronin meinen Arm nehmen?"

Weise zu sorgen. Bei diesem Gedanken ist nicht zu verkennen, daß die Kanalisirung der Lippe eine starke Analogie mit der Oder- und Weichselstraße besitzt. Hier wie dort handelt eS sich um den Ausbau bestehender, wafferreicher Wasserstraßen, hier wie dort kommt die Landes­kultur erheblich in Betracht, und dieser Umstand hat auf die Entscheidung für die Lippelinie wesentlich mitgewirkt..

In " ihrem Entschlüsse, in der Kanalfrage ein Entgegenkommen zu zeigen, waren also die Konservativen auf die Bewilligung der Lippe­linie direkt angewiesen, und es ist zu hoffen, daß dieser Entschluß allseitig recht gewürdigt werden wird. Läßt eS sich doch nicht leugnen, daß die Konservativen mit ihrem Entgegen­kommen von ihrem ursprünglichen Standpunkte zur Kanalvorlage erheblich abgewichen sind, daß sie also in der That einen Schritt gethan haben, der Anerkennung verdient, umsomehr, als diese äußerste Concession gemacht worden ist, obwohl die alten Bedenken noch in vollem Umfange vorhanden find.

Da nun der Herr Finanzminister erklärt hat, daß weder der Lippe - Kanal noch der Emscher-Kanal ohne den Mittelland-Kanal einen Werth für die Regierung habe, da der erste einen Wafferweg ohne Verkehr, der andere einen Kanal ohne Waffer darstellen würde, so ist die endgiltige Entscheidung der Konservativen über bie Lippe-Linie bis nach ber Entscheidung über den Mittelland-Kanal ausgesetzt worden. k.

Deutsches Reich

Berli«, 22. März.

Der Kaiser hat das Präsidium deS Abgeordnetenhauses benachrichtigen [affen, daß er dasselbe, dem im Schreiben vom 8. d. M. zum Ausdruck gebrachten Wunsche entsprechend, am Freitag 1 Uhr mittags im hiesigen Königlichen Schlosse empfangen werde.

. Der Kreistag der Kreise Posen - Ost und Posen-West hat den Major E n o e l l wiederum einstimmig in bie Landwirthschaftskammer der Provinz Vosen gewählt. Ueberdies hat der landwirthschast- liche Verein Schneidemühl den Major Endest zu seinem Ehrenmitgliede ernannt.

. 2u Rawitsch ist auS Südafrika die Nachricht emgetroffen, daß der Missionar Otto Kahb, Vater von acht Kindern, im vorigen Jahre seiner Familie durch die Engländer entrissen worden ist und fich seitdem in englischer Gefangenschaft befindet. Dasselbe traurige Loos hat außerdem drei andere dortige Missionarsfamilien betroffen. Herr Kahb ist ein Rawitscher Kind, besten Geschwister alle dort leben. Was sagt Herr von Richthofen dazu?

lieber die Zulassung der Frauen zum Un rv ers11ats besuch hat der preußische Unter­richts Minister neuerdings verfügt, daß der Besuch von Universitätsvorlesungen nur Damen zu gestatten s«, t .die eine mindestens der Obersekunda einer in­ländischen höheren Lehranstalt oder der Wissenschaft- liehen Reife für den einjährig.freiwilligen Militärdienst entsprechende Vorbildung erlangt hätten. Da den Volksschullehrern die Berechtigung zum Einjährig»

Er reichte ihr den Arm unb führte sie durch ten Park nach bem Seeufer, wo fich ber bunt­bewimpelte Kahn leicht auf bem Master schaukelte.

Kitth folgte mit gesenktem Haupte den Doranschreitenben.

.Haben Sie mit Mabernoiselle Kitth ge­sprochen ?" flüsterte ber Marquis der Baronin in franzöficher Sprache zu.

Ja'

.Ah und Mademoiselle?"

Sie müssen fie selbst fragen, Herr Marqui« meinen Wunsch kennen Sie ja!" M !!""*$ $$nen konfe Ihnen tausend

Man war an der Anlegestelle der Fahrzeuge angekommen.

Aufmerksam hals ber Marquis den Damen beim Einsteigen, sprang dann selbst in daS Boot, ergriff bie Ruber unb stieß ob, inbeß er Kitth bat, bie Seile des zierlichen Steuer« zu nehmen. Kitth kam auf biefe Weise bem Marquis gegenüber zu sitzen, währenb die Baronin im Dordertheil des Kahnes Platz ge­nommen hatte.

Der Marquis war ein geschickter Ruberer. Das Boot schoß in rascher Fahrt burch bie blauen, leichtbewegten Wogen, an ben grünen Rebenabhängen ber Ufer vorüber, auS denen grün-weiße Villen, graue« Gemäuer, liebliche Gehöfte und Dörfchen hervorlugten.

(Koitsetzun, salgt.)