Die Wirren in China.
Ueber neue englische Anklage« gegen den deutschen -Oberbefehl wird auS London gemeldet:
In einer langen Pekinger Depesche der .Times' vom 28. Dezember wird lebhaft über die Weise geklagt m der tue deutschen militärischen Operationen in QU§Sefüt)rt werden. Unterschiedslos werden Unschuldige und Schuldige bestraft, und Kontributionen werden in ruhigen Städte« und Orten erhoben und so die Autorität der Ortsbehörden vernichtet und Un= ordnung erzeugt. Der .Times'-Vertreter bemerkt dazu, die durch diese vorsätzliche Härte verursachte üble Nachrede schädige auch den Ruf der Briten, von denen es allenthalben heiße, daß sie dem Oberbefehl Waldersees untergeordnet seien, obwohl dieser keinen
Ein Besuch bei Li-hung-tschang.
»Bericht der Nachrichten-Expedition des Deutschen Flottenvereins.)
Peking, den 1. November 1900.
m. Heute Nachmittag stattete ich Li-hung- tschang meinen Besuch ab, zu dem ich mich schon vor einigen Tagen bei seinem Sekretär, einem Herrn Tseng, der sehr gut englisch spricht, hatte ««melden lasten.
Seine Exzellenz, wie er allgemein genannt wird, bewohnt ein sehr unscheinbares Haus, in einem großen Tempel, welcher gerade gegenüber dem großen Arsenal liegt, das zur Zeit von der deutschen Kavallerie und Artillerie besetzt ist.
An dem Eingang zu seinem Wohnhaus befindet sich eine Wache, die von den Rusten gestellt ist. Im Hofe wimmelt es von Dienern und Bittstellern aller Art, während der Eingang zu den Empfangsräumen durch chinesische Soldaten auS der persönlichen Leibwache besetzt ist, die jedoch keine Waffen tragen und von kleiner Statur sind.
Nach meiner Anmeldung empfing mich ein Chinese, der sehr gut deutsch sprach und der mir dann als Dolmetscher diente.
Ich wurde sofort zu Seiner Erzellenz geführt, welcher mich in seinem Damen empfing, der ihm als Wohnraum dient. Derselbe ist sehr einfach ausgestattet, viel einfacher, als man solche Wohnungen jetzt bei den hier im Quartier liegenden Offizieren sieht, die ihr? Einrichtungen meist den Wohnungen reicher Kaufleute entliehen haben.
Nachdem Li - hung - tschang mir die Hand gedrückt hatte, nahmen wir am Tische uns gegenuben Platz, mir wurden Zigaretten und ' Thee auf chinesische Art gereicht, während er sich mit einer Pfeife begnügte, die aber nur wenige Züge erlaubt und die dann öfters im Gespräche erneuert werden mußte.
Da e^ heute 'schon empfindlich kalt im Schatten ist, und die chinesischen Häuser sich schlecht heizen laste«, so trug der alte Herr einen dicken Pelz, n»r ein großer Brillant, von Edelsteinen eingefaßt, welcher in der Mitte seines seidenen Käppis saß, wie wir die Kokarde tragen, ließ äußerlich den hohen Rang erkennen.
Li ließ mich die ganze erst- halbe Stunde gar nicht zum Worte kommen, sondern fragte mich, stets seine klugen Augen auf mich geheftet, als ob er mir im Innern der Seele lesen wollte.
Nachdem ich ihm mit vieler Mühe den Zweck der Nachrichten-Expedition des Deutschen Flottenvereins klar gemacht hatte, den er durchaus wissen wollte, fragte er mich, ob ich den Marschall und auch den neuen Gesandten, Herrn vo« Mumm, kenne, ob ich Offizier sei, wie alt ich wäre, kurzum das reine Examen.
sich Herr Li aufs hohe Pferd und meinte, ein Kaiserlicher Prinz könne nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Auch sei er garnicht mehr am Kaiserlichen Hofe, sondern in die westlichen Provinzen gegange». Ob diese Flucht des Boxerprinzen nach Schensi wahr ist, möchte ich bezweifeln. Auch wegen der „Rechenschaft" wird sich Herr Li hoffentlich stark verrechnen.
Am letzten Sonntage hatte sich hier in Peking das Gerücht verbreitet, daß Li-hung- tschang alle zur Zeit hier anwesenden Großwürdenträger des himmlischen Reiches zu einer Konferenz versammelt hätte, und dieselben dann mit besonderen Aufträgen an den Kaiser bezw. die Kaiserin gesandt hätte.
Da mich dies interesfirte, ob dieses Gerücht mit etwaigen Friedens-Dorschlägen zusammen- hing, so brachte ich die Rede darauf, doch Herr Li that ganz unbefangen, und meinte, daß es zur Zeit iu Peking keine Ministerien gäbe, und daß die hohen Beamten darum gezwungen seien, sich zu Berathungen und Amtshandlungen in Tempeln einzufinden. Allerdings seien einige hohe Beamte nach Ta-han-fu gereist, doch nur, um die laufenden Vorträge zu halten, oder um den Kaiser, der fast keine Räthe bei sich hätte, zu unterstützen.
Zum Schluffe erkundigte sich Seine Exzellenz noch eingehend nach den Familienverhältnisten des Feldmarschalls, der ihm sehr zu imponiren schien, und betonte nochmals, daß er für seine Person alle« thun möchte, um gute Beziehungen zu Deutschland wieder herzustellen.
Da er als Bevollmächtigter von Sr. Majestät anerkannt ist, wird er ja bald in der Lage sein, die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung Deutschland gegenüber zu beweisen, denn Worte find besonders hier im Lande der Phrase billig zu haben.
Nachdem ich dem alten Herrn noch über sein wirklich frisches Aussehen und seine geistige Frische mein Bewundern ausgedrückt hatte, brach ich nach einstündiger Unterredung mit dem Bewußtsein auf, daß ich nicht viel klüger wie vorher war.
Dann fing er plötzlich ganz unvermittelt an, sich darüber zu beklagen, daß die deutsche» Soldaten in die Häuser der Chinesen gingen, auch Sachen dort wegnähmen, so daß eine Menge Chinesen Klagen darüber jeden Tag einbrüchten.
Da vom deutschen Kommando aufs Strengste verboten ist, irgend etwas zu requiriren, ich auch nicht weiß, inwiefern diese Klagen irgendwie auf Wahrheit beruhen, ging ich daran : nicht ein, konnte aber nicht umhin, ihm zu versprechen, daß ich dies nach Deutschland berichten wolle. Er kam im ganzen Verlaufe der Unterredung immer auf diesen einen Punkt zurück, und betonte, daß ihm sehr viel an dem guten Einvernehmen zwischen Deutschland und China liege. Li kam dann auf seinen Besuch in Berlin zu sprechen, wobei er mit großer Dankbarkeit der großen Freundlichkeit Sr. Maj. des Kaisers und Ihrer Maj. der Kaiserin gedachte, auch Sr. Kgl. Hoheit des Prinzen Heinrich, der stets sehr gut zu ihm gewesen sei, dachte er in großer Verehrung. Er ließ mir anknüpfend hieran sagen, daß er alles, war er thun könnte, für uns Deutsche thun würde, doch hoffte er auf die Ehrlichkeit Deutschlands, und daß die deutschen Soldaten nicht mehr hier in Peking die Chinesen angreifen sollten. ES find dieS die Worte des Dolmetschers wortgetreu.
Ich betonte hierauf die Unverschämtheit einzelner chinesischer Räuber-Banden, die sich nicht entblödeten, hier mitten in der Stadt deutsche Soldaten in der Nacht anzugreifen, und daß solche Dinge dann stets Represtalien im Gefolge hätten, worauf er mir sagte, daß er e5 bei solchen Angriffen sehr recht fände, wenn die deutschen Soldaten die Chinesen über den Haufen schösse«.
Nun kam ich mit meinem Fragebogen an die Reihe. Die erste Frage galt natürlich dem muthmaßlichen Gange der Friedensverhandlungen doch wollte der kluge Herr nicht recht mit der Sprache heraus, denn er markirte den Unwissenden und meinte, daß dieselben bald anfangen würden, ob oder bald, d. h. noch vor Winter irgend ein Abschluß zu erwarten sei, könne er nicht sagen.
Auf meine Frage, ob der Kaiser von China und wann nach Peking kommen würde, meinte Herr Li, daß derselbe im nächsten Frühjahr hierher käme.
Wahrscheinlich denkt Herr Li-hung-tschang, daß bis zum nächsten Frühjahr alle weißen Teufel entweder durch die Boxer vernichtet oder durch Krankheiten aufgerieben find. Daß der Kaiser wirklich hierher kommt, wenn die fremden Truppen noch hier find, ist doch sehr unwahrscheinlich. Als ich hiernach das Gespräch auf die eventuelle Bestrafung deS Prinzen Tuan brachte, und fragte, wo er sich aufhielte, setzte
britischen Offizier zu Rathe ziehe. Es entstehe die üirage, ob nicht bei der ersten Gelegenheit die britischen Streitkräfte vom Oberbefehl Waldersees getrennt werden sollten.
Hierzu bemerkt zutreffend die „Voss. Ztg.": Offenbar verbirgt sich hinter diesen Anklagen und Drohungen gekränktes englisches Selbstgefühl. Wenn die Vorwürfe gegen den Grafen Waldersee begründet wären, würden sie auch von anderer Seite erhoben worden sein. Da aber die Bemängelung des deutschen Verhaltens bisher auf die englischen Berichte beschränkt geblieben ist, wiffen wir, was wir davon zu halten haben.
Von den deutschen Truppen.
Generalmajor v. Höpfner, Kommandeur der dritten ostasiatischen Brigade, ist von einer Darmkrankheit befallen worden und hat in Folge besten das Kommando über die Brigade niederlegen müsten. Generalmajor von Höpfner hat die beiden Seebataillone von Taku nach Peking geführt. An Stelle Höpfners ist der Oberst von Rohrscheidt, Kommandeur des 5. Ostasiatischen Infanterie - Regiments, mit Führung der 3. Brigade beauftragt worden.
Einzelheiten.
Der Mörder deS Freiherrn von Ketteler, der Unteroffizier in der Mandschu- Truppe Enhai, ist nach einer Privatmeldung aus Peking nunmehr zum Tode verurtheilt worden. Man hatte den Urtheilsspruch bis jetzt aufgeschoben in der Hoffnung, noch genauere Einzelheiten über die Anstifter des Verbrechens aus dem Verhafteten herauszubringen. Die Vollstreckung der Todesstrafe wird wahrscheinlich an derjenigen Stelle der früheren Hatanen-, jetzigen Kettelerstraße erfolgen, wo der deutsche Gesandte ermordet wurde.
Einem Theil der,Irene"- Mannschaften wird noch nachträglich eine Belohnung zu Theil werden. Als das ostafiatische Geschwader, darunter „Hertha", „Hansa" und „Irene", in Tsingtau lag, brach ein Taifun aus, bei dem mehrere chinesische Fischerdschunken untergingen. Auch die drei erwähnten deutschen Kriegsschiffe waren arg gefährdet, da die „Hertha" sich von dem Anker losgeristen hatte. Wie schwer die Gefahr war, erhellt aus dem Umstande, daß die „Hertha" zweimal mit der Breitseite gegen die „Hansa" prallte. Der geschickten und muthigen Hilfeleistung der Mannschaften der „Irene" war es zu danken, daß der Kreuzer „Hertha" im Kampfe mit den Wellen schließlich die Oberhand behielt. Wie das „Kl. Journ." hört, sollen diejenigen Mannschaften, welche sich hierbei hervorgethan haben, durch Geldgeschenke nachträglich belohnt werde«.
Lierteljährlichtr Bezugspreis: bei der Expedition S ML. ml < ~ ~ "
Marburg »nlir„
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(Nachdruck »erbeten.)
Wahre Ließe.
Original-Roman von Irene v. Hellmuth.
(Fortsetzung.)
„Also so viele Sorgen hat sich mein kleines Mädchen um den bösen Vater gemacht,' lächelte Lennewitz halb verlegen. Er schämte sich mit einem Mal, daß er so vor seinem Kinde stehen mußte. Die klaren Augen des jungen Mädchens hingen zagend an dem Gesicht des Vater», der den Blick zu Boden senkte.
Die Beiden nahmen an einem RestaurationS- tische Platz, und der Graf bedeutete dem Kellner, er möge so rasch als möglich etwas «ßbareS bringen. Dann schaute er lächelnd zu, wie sich Isa das köstlich duftende Gericht schmecken ließ.
„Ah, das war herrlich,' sagte sie, die Serviette weglegend, während Tennewitz von Neuem begann:
„So toilft Du wirklich «och heute mit mir «Kreisen, mein Kind?"
„Jawohl, da» will ich! Ich werde Dein Leines Hausmütterchen fein, daS unablässig bemüht ist. Dir das Leben zu erleichtern."
„So mißbilligst Du es nicht mehr, daß ich weinen jetzige« Beruf ergriff?" — —
6r hielt zögernd inne, und sah fragend auf 3sa, die lächelnd zu ihm aufblickte.
I .Dem reichen Grafen", antwortete sie phnell, „konnte ich e» nicht verzeihe«, daß er
auS Laune, aus Uebermuth, um sich die Zeit zu vertreiben, wie ich meinte, der Menge etwas zu schauen gab, und im Circus auftrat. Dem iedrängten, aller Mittel entblößten Manne aber kann ich das nachfühlen, wenn er zwar auf ehrliche, aber nicht standesgemäße Weise ür seinen Unterhalt schafft. In den Augen eines jede« rechtlich denkenden Menschen kannst Du dadurch nur gewinnen, wenn Du muthig de« Kampf um's Dasein aufnimmst, und durch ehrliche Arbdit etwas zu verdienen suchst'.
„Wo hast Du denn diese Weisheit „her, leines Mädchen?' staunte Tennewitz, und blickte ast mit Stolz auf seine Tochter, die noch an ihrer Semmel kaute.
Die junge Dame blickte nachdenklich vor ich hin.
„Das Alles schoß mir so durch den Kopf, als ich erfuhr, daß — wir arm find!'
„Wer sagte Dir das?"
„Herr v. Uttrecht, der mir heute mein Wort jnrückgab, und «nfere Verlobung anflöste. Er sielt mich wahrscheinlich für eine reiche Erbin, er sich mit mir verlobte, und seine Liebe war nichts anderes, al» eine Spekulation auf meine» Vaters Geldsack. Nun ihm Graf Dornbusch die Augen geöffnet hat, zog er sich so rasch al» möglich zurück."
Ei« Zug unsäglicher Verachtung lag auf Isa'» jungem Gesicht. Sie empfand keinen Schmerz über die Auflösung der Verlobung, und ihr Later schien diese Nachricht sogar mit großer
Freude und Genugthuung aufzunehmen. Er lachte laut und beinahe fröhlich auf, indem er die Hand seiner Tochter zärtlich drückte.
„Na, Kind," rief er, „da laß Dir gratuliren, ,aß »u diesen Uttrecht nicht zu heirathen brauchst! Ich war niemals entzückt über Deine Wahl. Uttrecht ist ein armer Schlucker, der Dir gar nicht» biete« kann. Du hast ganz andere Aussichten, darfst nur zugreifen. Es wäre das Verkehrteste, wa» Du thu« könntest, einen Mann zu nehmen, der nicht» besitzt. Ich rathe Dir gut, meine Tochter, nimm de» Grafen Dornbusch, er ist reich, und Geld ist immer die Hauptsache."
Da» war wieder der alte To«, den Tennewitz anschlug, und Isa, die sich zutraulich an den Vater geschmiegt hatte, fuhr erschrocken und mit ileichem Gesicht zurück.
„Ich bitte Dich, Vater," rief sie mit einer ja»i fremd klingenden, harten Stimme, berühre diesen Pnnkt nie wieder, wenn wir gut mit einander auskommen solle»! Ich werde Graf Dornbusch nie heirathen, darauf verlaß Dich! Lieber will ich mein Brod vor fremden Thüren । >etteln, dies dünkte mir noch eine Wonne [egenüber dem Gedanke«, a« einen Man« ge- effelt zu sein, ben ich — verachte! Ich lasse mich nicht verkaufen, das merke Dir! Later, aß Dich erbitte», mache Dich los do» diesem Menschen! Ich weiß, Du schuldest ihm eine größere Summe, aber durch gemeinsame Arbeit
wird und muß es un» gelingen, dieselbe aufzubringen! Dann find wir frei, und könne« unsere Thüre vor ihm verschließen! Vater, laß dich nicht wieder von ihm verleiten, höre auf mich!' bat fie mit Thränen in den Augen: „ich will ja alles thun, was Du von mir ver- angst, und sollte ich selbst, gleich Dir im Cirku» auftreten müssen!"
Tennewitz schaute sehr verblüfft auf Isa, >eren Wangen sich während des Sprechens leb- )aft geröthet hatten. Er merkte es wohl, sei« Lieblingswunsch würde fich nicht erfüllen, das war endgiltig vorüber. Das Mädchen da an einer Seite, das er immer für ein willenloses Kind gehalten hatte, entpuppte fich plötzlich als ein energisches trotziges Weib, das den Kampf um» Glück aufnahm und durchzuführen im Stande war. —
In diesem Augenblick ertönte daS Signal zur Abfahrt. Tennewitz hob Isa in den Wagen und sprang rasch nach. Ein greller Pfiff ertönte, ein Schnauben und Tosen dann ver- chwand die letzte Wagenreihe im Dunkel der
Nacht. —
Der Winter war vergangen. Neu geschmückt landen die mächtigen, uralten Baumriefen ring» um Buchecke, wo hinten, an den fonnigen, ge- chützten Stellen zwischen den bereits Knospe« ragende« Fliederhecken die Veilchen blüthen und lüfteten, und die blauen Köpfchen unter ben Slättern bargen.
(Kortsetzmeg folgt.)