giebt es fortwährend Gefahren, Schmerzen, Täuschungen, weil wir in allen diesen Beziehungen abhängig sind von Faktoren, die außerhalb unseres Einflusses liegen und die selbst die kräftigste Menschennatur nicht immer meistern kann. Aber daneben giebt es noch ein Innenleben für uns, freilich auch gebunden an die Körperlichkeit der Dinge und von ihr, so lange wir im Staube wallen, nicht ganz unabhängig, aber doch um so reicher und beglückender je mehr wir es zu befreien verstehen von den Fesseln des Aeußerlichen. Da blüht uns eine Welt, die wir gestalten können ohne Furcht vor seindlichem Eingriff, da erwächst uns ein Besitz, den Niemand uns entreißen kann. Wir sind gar zu oft Sklaven der tausenderlei Dinge, die uns umgeben und in denen wir thöricht genug unseres Lebens Inhalt suchen. Das macht uns so unruhig, friedlos und unglücklich. Aber sobald wir unterscheiden gelernt haben zwischen Vergänglichem und Dauerndem, so erkennen wir auch, wie nichtig all der Mummenschanz ist, um die sich das Leben der Meisten dreht, und wie werthvoll dagegen der Schatz, den wir in unserem inneren Leben besitzen, sofern wir diesen Schatz zu heben verstehen.
Wenn die Menge aller Orten Tanzt um ihre goldenen Kälber, — Halte fest: Man hat am Leben Doch am Ende nur sich selber,
sagt Theodor Storm. Ja, sich selber zu haben, das bringt köstlichen Gewinn. Diesen Besitz zu vertiefen, zu verbeffern, zu mehren, das ist eine Aufgabe, würdig aller unserer Kräfte. Sie wird nicht immer gelingen, auch da giebt eS Zeiten des Aufschwungs und des Niedergangs, aber schon der Blick auf das Ziel giebt Befriedigung, und vorwärts gehts schließlich doch, Wenns nur ernst angefaßt wird. Die eigene Pirsönlichkeit bewußt entgegensetzen dem bunten Treiben rundherum, sie zu erheben über die tausend Nichtigkeiten der täglichen Lebens, fest in sich selbst wurzelnd dem Göttlichen und Ewigen zuzustreben, mit dem man sich eins fühlt, das und nur das ist rechtes Leben. Wer dieses Leben nach innen pflegt, für den nehmen die Dinge auch bald eine ganz andere Gestalt an; er findet Freuden, wo ein anderer achtlos vorübergeht, und er tragt leicht, was andere zu Boden drückt.
Im Lichte solcher Pflege der Persönlichkeit besehen, nimmt auch der Jahreswechsel mit seinem Rückblick und seinem Ausblick sich ganz anders auS. Was uns auch trübes widerfahren sein mag, eS hat uns innerlich nur reicher gemacht, weil es uns lehrte, unS auf uns selbst zurückzuziehen. Und was auch kommen möge, es kann, wenn wir uns nur selbst treu bleiben, nur dazu dienen, daß wir noch mehr ausreifen, noch voller die Kräfte entfalten, die wir in uns ruhen fühlen. So bringt unS jedes neue Jahr neues Wachstum, und mitten in der Vergänglichkeit erlangen wir um so festern Zusammenhang mit dem Ewigen.
traue meinen Augen kau«. Bist Du es den» wirklich? Wo in aller Welt kommst Du de«n her?'
Im »ächsten Moment lag sie an der Brust deS Vaters und weinte und lachte in einem Athem. Die ganze heftige Erregung der letzten Stunden kam nun zum Ausbruch. Der zarte Körper bebte in den Armen des Vaters, der sein Kind fest umschloffen hielt, und nicht wußte, was das Alles bedeuten sollte.
„Aber Isa, — erkläre mir doch, — — ich denke, Du sitzest wohlgeborgen in Buchecke, unterdeffen stürmst Du daher, — und so mitten in der Nacht." — — —
„Später werde ich Dir alles erklären, Vater, jetzt kann ich nicht mehr, — ich bin so müde, und hungrig!'
Tennewitz schüttelte den Kopf. Er konnte sich gar nicht beuten, was Isa veranlaßt haben könnte, Buchecke so plötzlich zu verlaffen. Doch jetzt war keine Zeit, der Sache näher nachzuforschen. Der Kutscher, der mit Isa gekommen war, stand noch immer mit abgezogenem Hut da, und wartete, dis der erste Sturm sich gelegt haben würde.
„Bitte, lieber Papa, gib dem Manne ein reichliches Trinkgeld, er hat es wahrhaftig verdient," sagte Isa.
In der Flucht der Erscheinungen, die uns der Jahreswechsel so ganz bes nders nahe legt, jenes Dauernde zu suchen, dazu mag uns eine stille Stunde in dem unruhigen Shlvestertreiben auffordern. Haben wir dieses Ziel erst fest ins Auge gefaßt, dann wird die Hoffnung, mit der wir dem neuen Jahre entgegengehen, auch klarer und fester gegründet sein denn sonst. Was uns dann beseelt, kann von außen her vielleicht vorübergehend getrübt, aber nicht ernstlich gefährdet werden. Die Hoffnung, die uns belebt, ist höher hinauf gerichtet, als daß sie durch die Erfahrungen eines Jahres vernichtet werden könnte, jedes Jahr bringt uns eine Stufe aufwärts, in alle Mühseligkeiten deS Lebens dringt je länger je mehr Licht aus einer anderen Welt und zieht uns empor.
Möge das neue Jahr in solchem Sinne uns alle fördern. Dann wird es in Wahrheit werden, was jetzt mit dem Sinn auf eitle Dinge gedankenlos so viel gewünscht wird, ein glückliches neues Jahr.
Umschau.
Zur Verleihung des Schwarzen Adlers an den Grafen Bülow hat die Presse vielfach thörichte Bemerkungen gemacht. Sie sei ein Zeichen, meint die „Germania", daß die Alldeutschen keine Aussichten hätten, den Reichskanzler zu stürzen. Wer so etwas schreibt, zeigt damit doch nur, wie fern er selbst dem Wesen sachlicher Kritik steht, daß er mit seiner Kritik nur Nebenzwecke zu verfolgen gewohnt ist. Die „Alldeutschen" hat die Sache überhaupt sehr wenig aufgeregt, weil es bei der hohen repräsentativen Bedeutung der Reichskanzlerstellung eine sehr erklärliche Gewohnheit geworden ist, daß auf ihren Inhaber frühzeitig Titel und Würden gehäuft werden, die im Hofleben nun einmal ihre Rolle spielen. Daß Graf Bülow schon jetzt nicht mehr das Vertrauen des Kaisers besitzen sollte, ist natürlich Niemandem anzunehmen eingefallen. Uebrigens verdient es bemertt zu werden, daß die „Germania" „es immerhin als ein erfreuliches Zeichen betrachtet", wenn der Reichskanzler durch eine besondere Vertrauenskundgebung des Kaisers ausgezeichnet wird.
Von dem „Gneisen au".
Im Name« der überlebende« Offiziere und Mannschaften erläßt der Kapitänleutnant z. S. Werner auS Anlaß der Katastrophe für die hierbei ums Leben Gekommenen aus Malaga, de« 22. Dezember, einen ehrenden Nachruf, in dem es ««ter Anderem heißt:
Einundvierzig brave Seeleute fanden den Tod in den Wellen, darunter der Kommandant, der Erste Offizier, der Ingenieur, ein Maschinist, ein Seekadett, sowie zahlreiche Unteroffiziere, Mannschaften, Schiffsjunge», der Osfizierssteward und der Schiffsbarbier. Die Erinnerung an den schwere» Tod der in unerschütterlichem Gehorsam gegen den Kaiser und treuer
Graf Tennewitz griff in die Tasche, und reichte dem Kutscher ein Geldstück, das dieser unter vielen Bücklingen in Empfang nahm.
Isa fühlte sich glücklich, aus all der Angst erlöst zu sein, und schmiegte sich innig an den Vater.
„Wann reisest Du?" fragte sie.
„O, wir haben immer noch fast eine halbe Stunde Zeit, mein Kind. Aber was gedenkst Du zu thun, was hast Du denn eigentlich vor?"
„Bei Dir will ich bleiben, Vater, für Dich sorgen, damit Du nicht mehr so allein dastehst. Ich habe mir das klar gemacht, als ich erfuhr, daß Du gezwungen bist, für Deinen Unterhalt zu arbeiten. Dabei will ich Dir helfen, wie es die Pflicht von einem Kinde erfordert. Deshalb bin ich hier, u«d Du sollst sehe«, daß ich Dir mit der Zeit eine Stütze werde!"
„O, — wie willst Du denn das anfangen?' lachte Tennewitz auf, aber man merkte es ihm doch an, er war im tiefften Herzen gerührt über die Worte seines Kindes.
„Wie ich es anfangen werde, weiß ich im Augenblicke selbst noch nicht, aber arbeiten will ich, arbeiten für Dich, mein Vater. Bin ohnehin viel zu lange unthätig auf der faulen Bärenhaut gelegen, nun soll das Alles anders werden. Ich hatte ja keine Ahnung, daß es so schlimm
Erfüllung ihrer Pflicht gefallenen Kameraden wird in die Herzen der Geretteten eingegraben sein für alle Zeit.
Ter Erstere, zurückblickend auf eine lange ehrenvolle Dienstzeit, die beiden Anderen in den verschiedensten Stellungen bewährt, wurden sie in der Blüthe des Mannesalters den Ihrigen und uns von der Seite gerissen. Wie sie nach ihren verschiedenen Gaben im Leben uns vorangeleuchtet haben durch Gewissenhaftigkeit und Gewandtheit, Energie und Umsicht, Eifer und Thatkraft, so boten sie uns im Tode das Beispiel hingebender Pflichttreue und heldenmüthiger Selbstverleugnung; sie sind uns gestorben, sie leben fort in unserer Mitte!
Nach einer Meldung der „Agencia Fabra" vorn 28. haben übrigens die Arbeiten der Taucher nunmehr ergeben, daß eS unmöglich ist, den „Gneisenau" wieder flott zu mache«.
Die angekündigte Saecharin - Steuer scheint vorläufig ad calendas graecas vertagt zu sein. Die „Prüfung der Verhältnisse" hat so große Schwierigkeiten ergeben, daß es noch nicht gelungen ist, diejenige Formel zu finden, die den Steuereingang absolut sichert und unsere blühende chemische Industrie nicht schädigt. Es find aber schon schwierigere Dinge ermöglicht worden, als das dringend nothwendige Saccharin- Steuergesetz, bei dem es sich ja nicht nur um Erschließung einer neuen Steuerquelle, sondern um Maßnahmen gegen Schwindel mit Süßstoffen, die statt des Zuckers in Lebensmittel geschmuggelt werden, handelt. In dieser Beziehung ist es also Wünschenswerth, daß die Sache nicht unnöthig auf die lange Bank geschoben wird.
Der südafrikanische Krieg.
Da es beim besten Willen mit allen schneidigen Operationen, Märschen, Angriffe« und „Verfolgungen", welche die englischen Generale in Südafrika in Scene setzen, .nicht gelinge« will, die Buren zu Paaren zu treiben und zur „Pacification" zu zwingen, so versucht Lord Kitchener es wieder einmal nach Robert- schem Muster mit einet milden Proklamation, in der er den Burghers, welche sofort die Waffen niederlegen, schöne Versprechungen macht, was aber Wohl ganz und gar verlorene Liebesmühe sein wird. Er sagt da, daß die Buren, die sich ergeben wollen, mit ihren Familien in „Gouvernements - Lagern" leben sollen, bis das Aufhören des Guerilla-Krieges es ermöglicht, ihnen die Rückkehr nach ihren Heimstätte« und Farme« (Wohl nur soweit dieselben nicht von den englischen Soldate« niedergebrannt worden sind) zu gestatten. — Also einfach Gefangene „mit ihren Familien" sollen die Burghers sein, welche de« Engländern endlich zu Gefallen sein wollen. — Das hat wenig Verlockendes für die flotten und kühnen Reiter an sich, die nun einmal alles Andere in die Schanze geschlagen haben, um deu Kampf um die Freiheit und Unabhängigkeit ihres Vaterlandes bis aufs Meffer fortzusetzen. In dem ganzen Bezirke von Pretoria und Johannesburg scheinen die um Dich steht! Du hättest mir das gleich sagen sollen, warum thatest Du es nicht?"
„Ich wollte Dir schon an jenem Abend, da Du mich im Cirkus Conradth sähest, mit- theilen, weshalb ich dort auftrat, wollte Dir alles klar machen! — Aber Kurt v. Wallbrecht ließ das nicht zu. Er bat und flehte so lange, bis ich nachgab und schwieg.
„Also er," sagte Isa, und in ihren schönen Augen schimmerte es feucht, „er ist so gut, so treu und wahr. Er wußte also, daß wir — nichts mehr besitzen?"
Der Graf nickte, und blickte halb erstaunt, halb gerührt auf das junge Mädchen.
„Ich fürchte, Isa," begann er «ach einer kleinen Weile wieder, „es war doch ein unüberlegter Kinderstreich von Dir, daß Du so ohne Weiteres von Buchecke fortliefst. Ich kann Dir nichts bieten, und dort hattest Du Freunde, die Dich aufrichtig liebten."
.Nicht unüberlegt handelte ich, Papa, höre zu: Man sagte mir, daß Graf Dornbusch Dich zum Spie! verleitet, daß er Deinen völligen Ruin herbeiführen will, um desto sicherer auf meine Hand rechnen zu können! Deshalb kam ich her!"
(Fortsetzung folgt.)
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Marburg
Dienstag, 1. Januar 1901.
Zur Jahreswende.
** Mit Becherklang, im frohen Kreise, so I grüßen wir meist das neue Jahr. Wir athmen I «uf, wie befreit von einem Alp, da das alte I Jahr hinabsinkt in die Ewigkeit, aus der es reinst emporstieg, und blicken froher Hoffnung »voll auf das neue, das unS, so will es uns I scheinen, lieblich entgegenlacht. Was an Schmerzen I und Enttäuschungen im Herzen ruht, eS wird I zurückgedrängt; die Wünsche, die in unserem I Inneren schlummern, wagen sich kühner als sonst hervor und a«muthige Träume von einer frohen Zukunft zaubern unS vor die Seele, wonach sie dürstet, ungetrübtes Glück und gestilltes Sehnen.
So wiederholt sichs mit jedem neuen Jahre, und daß es sich wiederholt, bekundet, wie tief die Hoffnung verwachsen ist mit unserem ganzen Sein, wie wir immer wieder auf's Neue ihr u«S zuwenden, weil wir ohne sie nicht leben können. Sie ists, die uns Muth und Spannkraft giebt, den Kampf deS Lebens aufzunehmen; ein Leben ohne Wunsch und Hoffnung wäre vielleicht von Thorheit frei; aber es wäre kein rechtes Leben mehr, nur ein trostloses Vegetiere«. Aber dieses immer wiederkehrende Hoffen am Jahresschlüsse bekundet auch, wie oft es enttäuscht wird. Wäre ihm Erfüllung gefolgt, es brauchte nicht immer wieder sich zu regen — aber welche lange Kette von bitteren Erfahrungen, wie S so ganz anders kam, als die Seele sich träumte, im Verlauf eines einzigen Jahres! Da ist kein Mensch auf dem ganzen weiten Erdenrund, der von sich am Schluffe eines Jahres sagen konnte, es habe erfüllt, was er sich von ihm versprach, kein Menschenleben, dem die Bitterkeit der rauhen Wirklichkeit nach lieblichem Spiel der Phantasie fremd geblieben wäre. So wars zu allen Zeiten, so warS auch im vergangenen Jahre. Blicken wir zurück, wie vieles schmerzliche Verzichten birgt eS! Wie vieles, was wir erstrebt, ist unS mißlungen, wie vieles, was wir besaßen, uns genommen worden! Neben so mancher Blume, die ungeahnt an unserem Lebenspfade aufgebläht, doch so viele Leichensteine unserer Hoffnungen und Ruinen unseres Glückes!
So wäre daS alles, was unS am Jahresschluffe bewegt, nur Selbstbetrug, mit dem wir unS Hinwegtäuschen über das eigene Elend? Laut genug wird uns die Lehre ja gepredigt von den Vertreter« eines trostlosen Pessimismus, und wenn wir den Taumel der Lust sehen, dem sich die Menge gerade am Jahresschluffe willig hingiebt, dann können wir Wohl lu8 dem bacchantischen Jubel den Aufschrei der Kreatur heraushören, die sich selbst vergeßen will und in wahnsinniger Selbstzerstörung Erlösung sucht. Aber jenes bunte Durcheinander von Hebungen «»d Senkungen in unserem Schicksal besteht doch nur insoweit wir unser Ich binden a« die äußerlichen Bedingungen unseres Daseins, an Lefitz, Gesundheit, gesellschaftliche Existenz. Da
(Nachdruck verboten.)
Wahre Liebe.
Original-Roma« von Irene v. Hellmuth.
«Fortsetzung.)
Nur mit Hilfe eines größeren Geldstückes brachte Isa endlich heraus, wohin ihr Vater reisen würde. Glücklicher Weise war die Frau genau unterrichtet.
Wieder begann die tolle Fahrt, noch schneller als vorher rasten die Pferde dahin. Der gut- «üthige Kutscher übergab, als man den Bahnhof erreicht hatte, das Gefährt einstweilen einem Kollegen zur Aufsicht und drängte dann Isa «ach, die mit Thränen in den Augen durch die verschiedenen Wartesäle lief. DaS Herz wollte ihr fast stille stehen vor Schreck, als ein Glockenzeichen ertönte. Wenn das das Abfahrtszeichen des Zuges war, den der Vater benützte, dann konnte sie ihn nicht mehr erreiche«. Der trostlose Ausdruck deS jungen Gesichtes fiel manchem Vorübergehenden auf. Isa merkte eS kaum.
Da plötzlich vernahm fie hinter sich eine Stimme, die ihr in diesem Augenblick da» Schönste dünkte, waS fie jemals in ihrem Leben gehört.
„Isa! — Ja ist eS den« möglich, — ich
Erscheint täglich außer an Werktagen nach tonn- und Feiertagen.
Sonntagsbeilage: Jllustrirtes Sonntagsblatt. 02
Druck und Verlag: Iah. Ang. Koch, Universitäts-Buchdruckerei OV)-
Marbnro Markt 21. — Telephon 55