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Marburg

Sonnabend, 15 Dezember 1900.

Erichemt täglich auner ai: chjerkn-gen :iu<m eumr- itno ,>eicrtggeo. Sonntagöbctlage: Jllnftrrrtes Souutugsblatt.

Druck und Verlag: Joh. Ang, Koch, Universitäts-Buchdrnckerei lstardnro Markt 21 Telephon 55

35. Jahrg.

» Die Wirren in China.

Zur diplomatischen Lage.

Der deutsche Botschafter in Washington, gn Holleben, sagte in einer Unterredung, die J^atpunfte der chinesischen Frage könnten als ^söst angesehen werden. Nachdem der dlderung. daß die Integrität Chinas aufrecht ° erhalten sei, zugestimmt sei, bleibe nichts h^ig, als daß man die Rechte der einzelnen Parteien sorgfältig sichere. Deutschland befür wite offene Häfen. Der freie Zutritt zu dem ftlichen Handel und die Freiheit des Handels os den Philippinen, für welche die Bereinigten Mten eintreten, böten außerordentliche Garan­in. Das von gewissen Interessengruppen piährte Gefühl, daß Deutschland den ^schritten des amerikanischen Handels feind- a gesinnt sei, sei bedauerlich. Beide Länder jäten ähnliche politische Ziele: Den Schutz der pmischen Industrie. Diese Interessen mögen ämchmal aufeinanderstoßen, aber die inter­zonalen Sympathien zwischen den Ver- jnigten Staaten und Deutschland gen durch die Ereignisse im fernen Osten g e - kstigt worden. Wenn die thatsächliche Jnte- ftöt Chinas schließlich gesichert sein werde, z werde sich erweisen, daß Deutschland und ^Vereinigten Staaten in gegenseitigem Jnter- |e und durch gemeinsame Ziele eng verbunden wesen seien.

fc^in Empfang von Chinakriegern kd) den Kaiser wird in Berlin am nächsten mntag stattfinden. Der Stationschef Admiral wit)en gab am Mittwoch bei dem Commers Whren der mit derKöln" aus Ostasien «ückgekehrten Mannschaften folgende Ordre ^Kaisers bekannt: Sämmtliche mit derKöln" ^China zurückgekehrten Officiere, Ingenieure, Mofficiere und Mannschaften haben am 17. Mmber Nachmittags mit dem Musikkorps der lMatrosen-Division auf dem Lehrter Bahnhof Merlin einzutreffen zur Uebergabe der mit- ßrachten Fahnen an das Zeughaus. Eine mpagnie eines Garde-Regiments wird dieselben «Zeughaus geleiten, woselbst der Kaiser und «Kronprinz den Transport erwartet.

8ur Landung des DampfersKöln" | ben China-Mannschaften wird demBerl. M." noch gemeldet: Bei dem Appell aus dem Upedo - Exerzierplatz fand die Ordens Aus- pnung der Offiziere, Deckoffiziere, Unter- Miere und Mannschaften S. M. S.Iltis" k. Neben der Fahne der kaiserlichen deutschen Mine wehte in den Reihen der Krieger eine

M Machdruck verboten.)

I Wahre Liebe.

I Original-Roman von Irene v. Hellmuth.

M (Fortsetzung.)

Mn diesem Augenblick vernahmen die Lauschen- » daß drinnen Licht gemacht wurde. Susanne «durch eine Ritze, daß Kurt in der Mitte Wimmers stand, Das Gesicht erschien geister- M und in seiner Hand hielt er etwas Mendes. Susanne hörte ein Geräusch, wie MKnacken eines Hahnes. Lautauf schrie das Mgstigte Mädchen und stemmte sich mit der Wen Gewalt gegen die Thüre.

MKurt, lieber Kurt, thu' es nicht, um der Mer willen, thu' es nicht!" weinte sie. Wann folgte ein lauter Schlag.

Wen verzweifelten Anstrengungen Heßfeldt's Wes gelungen, die Thüre in dem Moment Wsprengen, als drinnen ein Schuß krachte. W dieses unvorhergesehene Ereigniß war Bßaffe der Hand Kurts entfallen, hatte sich M entladen, glücklicherweise, ohne zu treffen. Murt stand aufrecht mitten im Zimmer, in ^5ch langsam verziehenden, bläulichen Dampf, ' Susanne stürzte mit lautem Aufschrei dem ^ei an die Brust.

»Gott, Gott, wie danke ich Dir, daß Du Aergste gnädig abgewendet hast!" sprach sie L zitternden Lippen.Ach Kurt, warum "test Du mir d a S anthun? Denkst Du nicht Unsere verstorbenen Eltern, willst Du ihrem ^en durch eine solche Thal der Verzweiflung Me machen? Fritz," wandte sie sich noch

Boxer-Fahne. Ihr Eroberer ist wegen einer Verwundung noch in China zurückgeblieben. Die Entlassung der Mannschaften erfolgt nach zwei Tagen, während Offiziere, Deckoffiziere und Unteroffiziere einen 4.">tägigen Urlaub an­treten. 48 Schwerverwundete sind in das Garnifonlazareth überführt worden. Acht Arre­stanten wurden dem Stationsgericht überliefert. Zwei derselben haben wegen Insubordination eine fünfzehnjährige Festungsstra fe verwirkt. An Bord derKöln" befinden sich mehrere eroberte Geschütze aus den Taku-Forts. Die noch brauchbaren eroberten Geschütze sind in Tsintau untergebracht.

Einzelheiten.

Ter Eisenbahn-Verkehr Tientsin- Peking scheitert, wie nach Privatmeldungen aus Peking verlautet, an dem Mangel brauch­barer 'Maschinen und rollenden Materials, welches zu ergänzen die Ruffen nicht geneigt sind.

Tie freundlichen Beziehungen zwischen deutschen und französischen Offizieren inChina rühmt ein im Figaro" abgedruckter Brief eines französischen Osficiers in Tientsin. Darnach hat Graf Waldersee bei seiner Ankunft in Tientsin, als ihn Truppen- abtheilungen aller Nationen am Bahnhof empfingen, seine erste Einladung an die französi­schen Heerführer gerichtet, welchen er sagte, wie glücklich er sich schätze, für sie denfranzösi­schen Champagner" zu entkorken, den der Kaiser ihm vor seiner Abreise geschickt habe.

Umschau. *

lieber die Weltpolitik

sprach sich Herr Graf zu Limburg - Stirum in seiner Etatsrede in folgender bedeutsamen Weise aus:Wir sind Freunde der Weltpolitik, wir sind Freunde derjenigen Politik, welche die ver­bündeten Regierungen eingeschlagen haben, die dahin geht, daß Deutschland überall mitgeht und i» allen Ländern Eingang hat, wo Handel getrieben wird. Aber wir sagen uns, diese wirtschaftliche Politik ist theuer, und es ist un­sicher, ob sie in den nächsten Zeiten uns die­jenigen finanziellen Einkünfte geben wird, welche die Kosten aufwiegen, die wir darauf verwenden, und auch darum kann man nur die größte Vorsicht in allen Dingen predigen. Eine Er­wägung aber können wir nicht unterdrücken; das ist die, daß die Weltpolitik uns in vielen Beziehungen verwundbar macht dem Auslande gegenüber. Ich meine nicht verwundbar, daß man nns direkt angreisen könnte; denn ich bin

bebend von der durchgemachten Aufregung an ihren Verlobten,hilf mir doch, den armen Bruder zu beruhigen, vielleicht gelingt es Dir besser, Gott, welch schreckliche Verlobungsfeier!"

Fritz Heßfeldt hab schweigend die Waffe vom Boden auf und trug sie hinaus.

Tante Martha stand mit allen Zeichen des Schreckens da. Der ungewöhnliche Lärm hatte sie angeloift Zitternd streichelt sie die kalte, herabhängende Rechte, des bleichen, jungen Mannes, dann zog sie ihn mit sich fort, hinüber in ihr trauliches Zimmer.

So etwas darfst Du nicht thun, Kurtchen," sagte sie in ihrer sanften Weise und richtete die guten, treuen Augen auf das starre, finstere Gesicht des vor ihr Stehenden.Denke doch an Susanne und an Isa. Denke, welche Qual es dem armen, unschuldigen Kinde Zeit seines Lebens bereiten müßte, es würde ihr wie ein Fluch nachfolgen, wenn sie denken sollte, Du hättest Dir um ihretwillen das Leben ge­nommen. Keine frohe Stunde würde sie mehr haben, jede Freude wäre ihr vergällt durch Deine unselige Thal. Und das willst Du doch gewiß nicht, Kurtchen, sie die Du liebst, soll nicht leiden durch Dich, gelt mein Junge?"

Kurt zog die Hand der alten Frau an seine Lippen.Ich danke Dir Tante, ich danke Dir, daß Du mir die Augen geöffnet hast!" stammelte er, während zwei große Thränen über seine Wangen rollten.Ist auch für mich selbst alles Glück dahin für immer, werde ich auch als einsamer Mensch meinen Weg wandeln, so soll in ihr Leben durch mich kein Schatten fallen."

der Ueberzeugung, daß die letzten Wahrnehm­ungen in China, das Auftreten unserer Armee und das Austreten unserer Flotte so sehr im Auslande den Eindruck heryor- gerusen haben, daß die alte militärische Tüchtigkeit der Deutschen noch vor­handen und die militärische Organisation so ausgezeichet ist, daß ein Gegner es sich drei­mal überlegen wird, ehe er mit uns anbindet. Aber die Verwundbarkeit liegt auf einem an­deren Gebiete: das ist, daß man uns in unserer Exportindustrie schädigen kann, indem man uns die Thore verschließt und unseren Export da­durch beeinträchtigt. Wir haben in dieser Beziehung beklagt, daß wir den Ameri­kanern gegenüber in den handelspolitischen Be­ziehungen nicht diejenige Entschiedenheit gezeigt haben, die wir wohl gewünscht hätten. Wir wissen, daß die Amerikaner uns die Meist­begünstigung nicht halten, während wir ihnen die Meistbegünstigung gewähren, und ich bin der Meinung, es würde doch möglich sein, den Amerikanern, welche einen erheblich größeren Export zu uns haben als wir zu ihnen, es auf handelspolitischem Wege klar zu machen, daß sie auch uns gegenüber Rücksichten zu nehmen haben. Ich verdenke den Herren Amerikanern ihre Politik nicht; es ist eine kluge, energische und selbstbewußte Politik. Aber ich meine, wir könnten dieser Politik gegenüber auch energisch auftreten und sie zwingenzu einerBehand- lung auf dem Fuß der Gleichberechtigung."

Deutsches Reich

Berti», 14. Dezember.

In Hamburg sprach sich eine sehr zahlreich be­suchte deutschnationale Versammlung sehr scharf über die Burenpolitik der Regierung aus. An Krüger und den Reichskanzler wurden Tele­gramme gesandt. Von letzterem wird kategorisch ver­langt, daß er aus ein Schiedsgericht hindränge. Weiter heißt es; Die Versammlung protestirt gegen die das deutsche Volk in seiner überwältigenden Mehrheit verletzende Art der Behandlung der süd­afrikanischen Frage seitens der Reichsregierung im Reichstage. Sie wünscht nicht nur Worte der Unab­hängigkeit von England zu hören, sondern auch Thaten zu sehen.

Es war zu erwarten, daß der Prozeß Sternberg die Frage der Reform der Krimi­nalpolizei wieder aufrollen würde. Wie die Berl. Ztg." hört, soll unter dem Vorsitz des Ministers des Innern Frhrn. v. Rheinbaben in kurzer Zeit eine Kommission zusammentreten, die über die zu er­greifenden reformatorischen Maßnahmen entscheiden werde. Für wahrscheinlich, weil schon früher offiziös angekundigt, erachte man, daß mit dem Grundsätze gebrochen werde, nach welchem jeder Kriminalanwärter Militär geivesen sein muß. Scharfsinn, juristische Kenntnisse, Menschenkenntniß sind für den Kriminalisten dw erste Bedingung. Eine Ausbesserung der Gehälter,

Sprich nicht so, lieber Kurt," bat Tante Martha,Du wirst mit der Zeit vergessen lernen."

Nie, niemals, Tante!"

Nun freilich, jetzt meinst Du daS so, aber nach und nach vernarbt auch Deine Wunde, Dein Schmerz wird kleiner werden."

Kurt schüttelte heftig den Kopf.

Versprich mir nur eines jetzt," schmeichelte Susanne,daß Du nicht mehr zur Waffe greifen willst."

Ich verspreche es Dir!"

Mit Deinem Ehrenwort?"

Ja, Susanne, meine Hand darauf."

Die Schwester war beruhigt. Sie wußte es, sein Wort würde Kurt unter allen Um­ständen halten. Es siel ihr wie eine Centner- laft vom Herzen und sie wandte sich zum Gehen.

Wo willst Du hin?" fragte Heßfeldt, deffen leuchtende Augen an dem Gesicht der Geliebten hingen; er wollte sie nicht eine Mi­nute von der Seite lasten. Die wenigen Stunden, die er mit ihr verleben durfte, erschienen ihm wie ein kostbares Geschenk. Er konnte fast noch imm^r nicht an sein Glück glauben, und fürch­tete, es könnte ihm zerrinnen wie ein schöner Traum.

Susanne nickte dem Verlobten zu.

Ich möchte nur einmal nach Isa sehen, sie schien mir heute etwas zu fiebern, auch fürchte ich, daß sie sich vorhin erschreckt hat, als sie etwas hörte. Ich bin gleich wieder zurück, dann wollen wir gemüthlich zusammen fitzen."

Aber bleib nicht so lange, Schatz!" rief ihr Heßfeldt nach.

sowohl der Kommissare, als der Unterdeamten, sei mi Sicherheit zu erwarten.

Im Hinterlande von Twgo haben in dem im deutsch-englischen Samoa-Abkommen an England gefallenen Theil der bisherigen neutralen Zone im September Kämpfe bei Salaga stattgefunden. Wie demBerl. Tagebl." berichtet wird, handelt es sich um Leute aus dem Tvgogebiet, die ins englische Gebiet eingefallen waren und, nachdem sie hier eine DHeberlage erlitten haben, sich wieder auf das deutsche Gebiet zurückgezogen haben.

Parlamentarisches

Reichstag.

p. Der Reichstag hat Donnerstag nach Be­endigung der ersten Etatberalhung die Weihnachts­serien Eintreten lassen. Die Arbeiten beginnen am 8. Januar wieder mit der Berathung des Ur­heberrechtsgesetzes. Tie weitere Debatte über den Etat brachte keine Momente von besonderer Be­deutung mehr, obwohl noch neun Redner das Wort nahmen, wozu noch die obligate Rede des Abg. Bebel gekommen wäre, hätte ihm nicht diesmal das durch die bevorstehenden Ferien etwas ungeduldige Haus das Wort durch den Schluß der Debatte abgeschnitten. Die von verschiedenen Seiten noch fortgesponnenen Erörterungen über den Präsidenten Krüger, den Transvaalkrieg, Weltpolitik u. s. w. bestätigen den Eindruck, daß die beiden Reden des Reichskanzlers klärend gewirkt^chaben. Von größerer praktischer Be­deutung, als diese Nachklänge der letzten Debattentage, waren einige Auseinandersetzungen wirthschafts- politischer Natur. Der Abgeordnete Möller trat gleich mehreren anderen Rednern der Be­hauptung entgegen, daß seitens der Regierung, ins­besondere des Reichsamts des Innern, großkapi­talistische Unternehmerinteressen bevorzugt würden, und gab der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck, daß der neue Zolltarif auf einer den berechtigten In­teressen aller Erwerbszweige entsprechenden Grundlage zu Stande kommen werde, was allerdings die Bereit­willigkeil auch der Laudwirthschast zum Verzicht auf einseitige, extreme Forderungen zur Voraussetzung habe. Mit voller Entschiedenheit betonte in Er­widerung hierauf auch der Gras Klinckowström die Nothwendigkeit des Hand in Hand-Gehens von Industrie und Laudwirthschast, indem er erklärte, daß die Laudwirthschast nur die Erhaltung ihrer Produktionsfähigkeit beanspruche, darüber aber nicht hinausgehen werde. Redner legte bar, baß an dieser Politik des Schutzes der nationalen Arbeit in ihren verschiedenen Zweigen in erster Reihe auch die Arbeiter interessirt sind, deren Löhne nicht aus der Luft kommen, sondern auf dem Gedeihen des Unternehmens beruhen. Es sprachen noch unter anderen der Abg. Stöcker, der gewisse in Prozessen hervorgetretene Nachtseiten des sozialen Lebens in den Kreis seiner Betrachtungen zog, und der Graf von Roon, der die Beschleunigung der Reform des Militärpensionswesens verlangte. Die Haupttheile des Etats wurden, wie üblich, der Budgetkommission überwiesen.

Ausland

Niederlande. Der deutsche Konsul in Laurenzo Marques ist auf Ersuchen der nieder-

Sie lächelte trotz aller Sorge glückselig in sich hinein. Es; erfüllte sie mit heimlicher Wonne, daß sie dem Geliebten so unentbehrlich war. Was für ein goldtreues Herz durfte sie ihr eigen nennen! Wie ruhig und still würde ihr Leben dahinsließen an der Seite dieses Mannes, deffen Liebe ihr die Wege ebnete und sie beschützte in Sturm und Gefahren.

Mit solchen Gedanken schlüpfte Susanne die Treppe hinauf, und streckte lauschend den Kopf zur Thüre hinein, die in das Zimmer der Freundin führte. Isa lag ruhig athmend in den Kiffen. Sie schien zu schlafen, wenigstens waren ihre Augen geschloffen. Sie rührte sich auch nicht, als Susanne sachte über ihre Stirn strich, um zu fühlen, ob sie heiß sei.

Beruhigt schlich sie sich wieder hinaus. Unten erwartete Kurt die Schwester.

Was ist mit Isa?" fragte er.

Sie schläft noch immer, Kurt."

Du hast ihr also nichts gesagt?"

Nein, kein Wort."

Ich bitte Dich, schweige auch ferner über den heutigen Vorfall. Isa soll nicht beunruhigt werden, sie soll nichts davon erfahren, Susanne, hörst Du?"

Die Angeredete nickte, dann kehrten sie zn den Anderen zurück. Kurt befahl, Wein aus dem Keller zu holen, und er stürzte dann rasch einige Gläser des feurigen Trankes hinunter. Das schien ihn einigermaßen zu beleben. Fritz Heßfeldt hielt die Hand seiner Braut in der {einigen, während sich Tante Martha neben Kurt placirte.

K (Fortsetzung folgt.)