Mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchham
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Margot drückte den Kopf an die Wand, denn sie hatte doch ein Recht zu wisien, was da gesprochen wurde, meinte auch ihren Namen nennen zu hören, konnte aber kaum einzelne Worte unterscheiden. — Sie war so glücklich gewesen über diese Besierung — was machte ihr denn nun das Herz so schwer? Warum wich alle Freude aus ihrer Seele?
Endlich weinte sie sich doch in Schlaf, aber unruhige Träume quälten sie im Schlummer.
Hagendorf erhob sich am folgenden Morgen erst spät und als sie zu ihm kam, fühlte sich Margot wieder gepeinigt von dem forschenden Ausdruck seines ehemals so gütigen, liebevollen Blickes. Eine gar zu seltsame Veränderung war mit ihm vorgegangen, und am meisten quälte es sie, daß Stein ihm jetzt geradezu unentbehrlich zu sein schien, daß er sich mit jeder Frage, mit jedem Wunsch an ihn und nicht an ie wandte, die doch kein innigeres Verlangen unnte, als ihn zusriedenzustellen.
Sehnsüchtig wartete. Margot auf den nächsten Donnerstag und beschloß, Brunno genau von allem zu unterrichten, haprte aber vergebens -es Freundes.
Noch nie hatte er unterlaßen, pünktlich zur estgesetzten Zeit zu erscheinen. Sein unerklär- iches Fernbleiben quälte die Geängstigte surcht- ,ar. Sie schlich fortwährend aus Fenster und rückte auf die Landstraße hinaus, aber — nur vom Felde heimkehrende Bauern schleuderten des Weges daher.
„Wonach siehst Du denn beständig?" fragte Hagendorfs scharf und unfreundlich.
„Ich fehe nach, ob Dr. Heller, der doch chon Vormittags hier sein wollte, nicht kommt.
drehen zu lösen. Es soll dazu zunächst — man staune — die ungeheure Summe von einer .ganzen Million aufgewendet und zu einer Stiftung angelegt werden, die dann „durch frei- willige*Spenden" zu vermehren sein würde. Aus den Zinsen dieser „hochherzigen" Stiftung sollen für obdachlose Berliner Familien billige und gesunde Wohnungen beschafft werden. Außerdem hat aber der Magistrat in der erwähnten geheimen Sitzung noch weitere Schritte zur Lösung der Wohnungsfrage beschloßen, indem mit den Bauunternehmern verhandel:: werden soll, daß diese kleinere Wohnungen Herstellen. „Der Magistrat — so heißt es in dem Beschlüsse u. A. — wird bei weiteren Verkäufen städtischer Terrains die Der- kaufskontrakte nur in dem Sinne abschließen, daß der Käufer verpflichtet sei, das Grundstück so zu bebauen, daß die genügende Anzahl von kleinen Wohnungen entstehe." Danach will der Magistrat darauf verzichten, das städtische Bauland der privaten Spekulation zu entziehen. Es werden also wohl mehr kleinere Wohnungen hergestellt werden; aber die Preise werden auch danach sein! Eine solche „Wohnungsreform" ist nichts weniger als rationell. Man sieht aber wieder, daß die freisinnigen Socialpolitiker vor allen Dingen bestrebt sind, der Spekulation keine Schwierigkeiten zu bereiten. k
Die politische Lage in Südafrika.
In Südafrika bereiten sich manche Dinge vor, die unsere Aufmerksamkeit verdienen, zunächst wird in bestimmter Weise angekündigt, daß der Oberkommißar und Gouverneur in Kapstadt Sir Alfred Milner abberufen und den jetzigen Gouerneur von Natal Sir Hely Hutchinson ersetzt werden soll. Der Wechsel soll Anfang nächsten Jahres erfolgen. Sir A. Miliner hat durch sein Auftreten den Burertz Republiken gegenüber unter den Afrikanern großen Anstoß erregt, während der Gouverneur Hutchinson in den gesamten Streitigkeiten der letzten Jahre nur wenig hervorgetreten ist. Mr. Chamberlain scheint eine Art Versöhnungspolitik einschlagen zu wollen. Dafür spricht auch die Außernng in seiner letzten öffentlichen Rede, daß sich in Südafrika ein solcher Staatenbund unter britischer Hoheit wie in Australien bilden werde. Hält man diesen Plan im. Auge, so kann man sich auch einigermaßen die unerhörte Grausamkeit der englischen Militär- Behörden gegen die Buren-Bevölkerung erklären. Die Buren sollen vertrieben, vernichtet und möglichst eingeschüchtert werden, damit in ganz Südafrika das britische Element in der Mehrzahl sein würde. Bei dieser Berechnung dürfte sich aber Mr. Chamberlain in einem Jrrthum befinden. Würde wirklich in Südafrika ein Staatenbund gleich dem australischen entstehen, so ist es unausbleiblich, daß sich innerhalb desselben das Asrikanderthum weiter entwickeln und verstärken werde. Eine solche Union mit ihrer weitgehenden Selbständigkeit bietet einen vorzüglichen Boden zur Entwicklung eines schon weit vorgeschrittenen Volksthums. Wenn Mr. Chamberlain nur zaghaft an die Lösung der südafrikanischen Aufgaben herangeht, so kann man sich also darüber nicht wundern.
„Nein, ich beauftragte Stein."
Unwillkürlich sah sie zu dem Sekretär hinüber, der eine Geberde des Bedauerns machte.
„Und ich erfahre erst jetzt, ganz nebenbei, davon?"
„Du scheinst der Sache eine ganz außerordentliche Wichtigkeit beizulegen."
„Das thue ich auch. Erstens überrascht mich das Unzarte dieser Handlungsweise, und zweitens halte ich es für verfrüht, daß Du be3- ärztlichen Beistandes entbehren zu können glaubst."
„Ja, willst Du mich denn mit Gewalt zum Kranken machen?" fuhr Hagendorf heftig auf. „Wenn ich Dir sage, daß ich mich wohl fühle, fo kann Dir das, deuke ich, genügen!"
Erschrocken sah sie zu ihm hinüber, sand icdoch dann den Muth, zu erwidern: „Nein, Du bist noch nicht gesund, Hugo, das beweist Deine Gereiztheit! H
„Wie? — Sprich weiter!"
»Wenn wir allein sind; früher nicht."
Stein stand auf und- verneigte sich: „Ich bitte mich für heute zu entlaßen, Herr Baron."
„Sie bleiben!" lautete die schroffe Antwort.
„Also, was wolltest Du sagen?"
In Margots Augen flammte es auf wie ein Blitz aus dunkler Nacht.
„Verzeihe, ich bin nicht gewöhnt, Angelegenheiten, die nur mich und Dich betreffen, in Gegenwart Fremder zu erörtern!"
„Ich bitte noch einmal, mich zu beurlauben Herr Baron," sagte Stein.
„Ich wiederhole, daß Sie zu bleiben haben!" rief Hagendorf mit dem Eigensinn eines bis zur äußersten Grenze nervös Erregten. Es giebt hier keine Geheimniße zu verhandeln."
indessen enttäuschend. Roosevelts Rus als Redner ist eigentlich unverdient. Auch Bryan war am Samstag entschieden nicht in Stimmung, denn er konnte nicht einmal sein Publikum halten, das vor Schluß hinauseilte. Ein Meister seiner Kunst ist aber Bourke Cockran, der diesmal für Bryan ist, während er vor vier Jahren gegen ihn war. Seine weittragende Stimme beherrsch-- die verschiedensten Töne, sein ausdrucksvolles, bewegliches Gesicht, die leichten Gesten, der Wortreichthum, der ohne jede Störung strömt, alles das nimmt schon allein die Zuhörer gefangen, sodaß man ihm zuhört, als lausche man schöner Musik. Sein Sprechen erreich-- nicht den Geist, sondern bezaubert die Sinne, es ist wie eine vollendete Recitation von ungereimten Jamben, wobei der Redner eher dem Rhythmus, wie dem Sinn folgt. Er macht wohl manche Sprünge in seiner Argumentation, aber er hat Humor, Witz und Phantasie und sein Stil ist vollendet. Beide Parteien wollen das größte Vertrauen zu dem Siege ihrer Sache haben; aber — die Wetten stehen fünf zu eins auf McKinley.
Die in Amerika gewöhnlichen Wahlexcen- tricitäten werden natürlich mit jedem Tage häufiger. Ein Berichterstatter der „Daily Mail" meldet jetzt, daß in einer Stadt die Demokraten hundert weiße Hunde losließen, auf deren Fell mit großen Buchstaben die Worte „Bryan for President" gemalt waren. Die Republikaner ließen darauf sofort eine größere Anzahl viel stärkerer Hunde los, die den Namen McKinley trugen. Natürlich entstanden zwischen diesen Hunden die wüthendsten Kämpfe, bei denen meist die republikanischen Hunde siegten. Beide politischen Parteien sind sehr enttäusch- darüber, daß sich plötzlich herausgestellt hat, daß 10 000 Amerikaner nicht mitstimmen werden. Dieselben wollen sich nämlich als Mitglieder der reformirten presbyterianischen Kirche der Wahl enthalten, weil in der amerikanischen Verfassung die Gottheit nicht ausdrücklich anerkannt sei. Soeben ist ein Dekret von der Presbytery - Kirche erlassen worden, durch das ihnen die Theilnahme an der Wahl absolut verboten wird.
Der Wahlkampf in den Bereinigten Staaten. j}ew=?)orf steht im Zeichen der Wahl, sogar tzeschäftlichkeit kommt erst an zweiter Stelle, B die Leute sprechen von der Wahl, denken an die Wahl, nmb sie werden durch die hl sogar am Schlaf verhindert. Das Leben Eft aus Meetings, Paraden, Fackelzügen und Eiwerken. lieber zwanzigstockigen Häusern Beben Fahnen, Drachen und Ballons, die | Himmel die Tugenden Roosevelts oder Lng anpreisen. Ende der vorigen Ee haben nun beide Parteien ihre Estreversammlungen abgehalten, deren Schau- fc beidemal ein riesiges Gebäude mit Glasdach I das in Madisonsquare Garden liegt und «0 Personen faßt. Hier sprach Roosevel- I Freitag vor einem sich Kopf an Kop: tgenben Publikum. Die ungeheure Halle ■ mit Sternenbannern geschmückt; sie hingen I Dach herab, bedeckten die Wände, zogen la!» Festons an den Logen entlang, und Ijebeni Sitz lag eine Flagge, mit der die le den Takt schlugen, als zwei Kapellen Men. Außerhalb sprachen Redner von Tribünen lem Volk, 2000 Schutzleute sorgten für Ord- Mllnd 4 Ambulanzen beförderten bei Unfällen Meute nach 2 Feldlazaretten, wo 10 Aerzte M saßen. Ein elektrisch erleuchteter Takt- Uschlug den im Garten vertheilten Kapellen 1 die alle gleichzeitig nationale Lieder Den. Von einer Tribüne wurde Feuerwerk ■rannt. Große Bomben schoßen in die I wo sie zerplatzten und roth, grün und Mi herunterfielen. Innen und außen schrien Beute hoch, und zwar durch - Megaphone, M auf Hörnern, sangen Theile der Lieder B-re mit. Ganz genau ebenso ging es Dm Meeting am Sonnabend zu. Es war Bbe Halle, dieselben Fahnen, dieselben D und ebensolches Feuerwerk, nur ertönte Wem einen Tage unausgesetzt der Ruf Wevelt, Roosevelt", während es am nächsten Wm. Bryan" hieß. Die demokratische Ver- Mung war eher noch besser insceniert, und W Bryans Gegenwart, die ihrem Gatten Wber in einer Rosenlaube saß, gab dem Dng etwas Besonderes. Der Empfang B Gegner war großartig, das Hochrufen Wans Eintritt dauerte 10 bis 15 Minuten Der Lärm war betäubend; es war, als D Riesenhämmer auf das Dach schlugen. M war man jedoch noch nicht zufrieden, man Btfte die Fahnen und die Leute in den Balkons Wien die Draperien. Die Reden selber waren
Umschau.
Berliner „Wohnungsreform".
In geheimer Sitzung hat, wie bereits kurz erwähnt, der Berliner Magistrat kürzlich beschlossen, die Wohnungsfrage, die in der Reichshauptstadt unter der Herrschaft des laissez-aCer besonders brennend geworden ist, im Handum-
das den Sozialdemokraten sicherlich Glück bringen muß." So das sozialdemokratische Centralorgan, das jedoch seinen Spürsinn noch weit bester zur Geltung bringen könnte, wenn es die Fäden industrieller Einflüsse noch weiter verfolgte. Es ist nämlich seiner Zeit auch in der „Freisinnigen Zeitung" genau derselbe Gesichtspunkt und dasselbe Bestreben, die Sozialdemokratie aus dem Verbände der Krankenkassen auszuschließen, ausgesprochen worden — jedenfalls doch auch nur auf „Kommando der Scharfmacher". k.
- (Nachdruck verboten.)
[ Treue.
Roman von Ada Dörner.
(Fortsetzung.)
$ _ eine Weile peinlichen Schweigens, funstäter Blick verließ den ihrigen und l abermals sekundenlang an dem Bilde | zusammengeknickter Kraft, das ihm der \ von der Decke bis zum Fußboden reichende F zeigte. Dann stützte er sich wieder, M)in, auf den Arm des Sekretärs und [mit müden, schleppenden Schritten das F- Einsam und betrübt blieb Margot ßlos stehen und sah beiden nach.
Ate sie Hugo gegen seinen Willen folgen? dagte sie nicht und hätte sich ja auch vor , ihrer Zudringlichkeit schämen müffen. dürde er gedacht, wie diesen Schritt aus- °haben? Es graute ihr ja ohnedem vor 'Menschen, der Hugo so vollkommen in Gewalt hatte.
dszend ging sie in ihr Schlafgemach. Sie ielbst kaum, daß sie weinte, bis ihre zum gefalteten Hände naß von den niederen Thränen wurden. Sie zitterte und k sich vor etwas Unbestimmtem, Unfaß- das immer zurück wich, wenn sie danach
1 wollte, und besten Nähe sie doch be- ! fühlte.
ö Hagendorfs Zimmer drang unverständ- "urmeln an ihr Ohr. — Las der Sekretär Nein — denn zwei Stimmen waren flbar, die eine aufgeregt, ungeduldig, ge- 11 die andere eintönig und ruhig.
Die sozialdemokratifchen Praktiker stöbern jetzt emsig in alten Drucksachen des Centralverbandes deutscher Industrieller herum und entdecken darin natürlich haarsträubende Beweise für die Abhängigkeit der Regierung von der Industrie. So hat beispielsweise nach dem Jahresberichte für 1899 „ein zu dem Verbände gehöriger Verein beantragt, daß der Centralverband Maßregeln ergreifen möge, um das Vordringen der Sozialdemokratie in der Verwaltung der Krankenkassen zu bekämpfen". Der „Vorwärts" findet in dem Umstande, daß im Sommer d. I. der Vortragende Rath im Handelsministerinm, Herr Hoffmann, einen Aufsatz veröffentlichte, der „vollständig denselben Gesichtspunkt und dieselben Bestrebungen" jenes Antrages vertrat, abermals einen Fall, der zeige, in welch inniger Verbindung die Regierung mit der Industrie stehe. „Die Scharfmacher kommandieren und die Regierung bringt das Kommando flugs in Gesetzesform." Es feien also nicht mehr bloß die Herren von Woedtke und Graf Pofadowsky, sondern jetzt seien noch die Herren Hoffmann und Minister Brefeld hinzugekommen! — „Ein Kleeblatt, Die Equipage fuhr leer zurück. Er muß den Zug verfäumt haben. Soll ich nicht nochmals zur Bahn schicken?"
„Nein, es ist unnöthig."
„Aber Bruno kommt ganz gewiß, da er es mir versprochen hat."
»Er kommt nicht, weil ich ihn dieser.Mühe überhob."
„Du? — Ja, wieso denn? Ich begreife nicht —"
„Das ist doch höchst einfach. Ich bin Rekonvaleszent und fühle, daß meine Kräfte, wenn auch langsam, wiederkehren; ich bedarf keines Arztes mehr. Deshalb sandte ich. dem Herrn Doktor das übliche Honorar und erklärte, seine ohnedem sehr beschränkte Zeit nicht länger in Anspruch nehmen zu wollen.
„Aber Hugo, wie konntest Du ihm so vorgreifen? Er wird sich verletzt fühlen."
„Das bedauere ich, wüßte aber nicht, daß ich besondern Grund hätte, seine Empfindlichst zu schonen."
„Nachdem wir ihm so viel zu verdanken?" „Was denn, wenn ich fragen darf? Er waltete seines Berufes und wurde dafür bezahlt. Damit-sind wir quitt."
In ihrer Bestürzung achtete Margot nicht auf den gereizten Ton, in dem ihr Gatte sprach.
„Es giebt doch Dienste, die man nicht nur mit Geld bezahlen kann," wandte sie ein. „Was Heller für Dich und für mich that, verdiente besseren Lohn."
„Darüber gehen unsere Ansichten auseinander, und Du wirst entschuldigen müffen, wenn ich, wie immer, der meinigen folge."
„Schriebst Du denn selbst?"
*'""'Ü'L'LL"L'L 2 Marbura **** ... ..... *
,0Sonnt««. 4 November 1900. ®“‘ 35 Jahrg.