Bedarf des deutschen Volkes an gewöhnlichen NahrungS* Mitteln herbeizuschaffen. Wen» dem so ist, dann hätte auch der preußische Herr LandwirthschaftS« Minister ganz recht, wen» er ausführte, daß Deutschland nicht zur Sicherung des Getreide-Imports eine starke Flotte bedürfe, sondum aus allgemeinen nationalen Gründen.
„Meine Herren, die Landwirthschaft könnte ja zest- weise — und mancher Landwirth sagt sich das — sogar einen gewissen Vortheil davon haben, wenn es einmal zur Blockade unserer Küsten käme: vielleicht würden dann die Getreidepreise steige». Manche Egoisten fände» das vielleicht ganz hübsch; ich könnte ihre Freude uicht theilen, wenn die Preissteigerung infolge einer Deutschland schwer schädigenden Blockade einträte. Mancher Landwirth würde an und für sich nichts dagegen habe», wen» er i» der Zeit der Roth der Industrie mehr Arbeiter für seine Aecker hätte. Aber so darf der deutsche Landwirth uicht rechnen, und so rechnet der deutsche Landwirth auch nicht.
»Wenn die deutsche Landwirthschaft auch meint, daß sie von der Flotten-Vorlage uicht die große» direkte» Vortheile hat, wie andere Stände, so muß sie doch auch wissen, daß, venu die andere» Stände, zu Grunde gehen und Noth leiden, die» msttelbar auch der deutschen Landwirthschaft zum Schaden gereiche» muß. Die deutsche Landwirthschaft weiß es auch, daß weuu die Industrie zu Grunde geht, fie selber dann auch leiden muß. Wir hoffen und erwarte« von der Industrie, baß das gleiche Empfinde» auch bei ihr für die Laudwirthschaft vorhanden ist*.
Lehrreiche Zustände.
Wohin man in einem geordnete» Staatswesen mit dem Gewährenlaffe» des socialdemokratischen Streifterrorismus kommt, zeigen die Zustände, welche fich gegenwärtig iu dem vielgenannten franzöfische» Jndustriebezirk vo» Carmaux herausgebildet haben, und in deren Schilderung in einer vou vier Ortsvorsteher» des genannte» Bezirks an de» Präfekten des Tarndepartements gerichteten Eingabe in jedem unbefangenen Leser den Eindruck Hervorrufen muß, daß in dem heutigen Franftetch Gesetz und Verfaffnng blos »och insoweit gelte», als dies von der Socialdemokratie gnädigst gestattet wird. Wir entnehme» gedachter Eingabe, welche die Intervention des Präfekten zum Schutz der gehetzten Arbeitswilligen an« rvft, daß fest Sonntag den 11. d. M. daS Gebiet der von den Unterzeichner» der Eingabe verwaftete» vier Ortschaften der Schauplatz vou Ausschreitungen schlimmster Art ist.
„Banden vo» Strolche», welche mit dicke» Gummischläuche», Dolche«, Knüppeln, Stangen rc. bewaffnet find, gebe» fich dort Stelldicheins, und "■ ' ■ lastenden Unglücks die erste Empfindung ist, ehe noch die Auge» fich öffne» — hatte Gisela fich entschloffe«, Lissows Frau zu werden. Daß er heute oder morgen komme» würde, fie zu besuche», daß er seine Mutter zu ihnen führe» würde, war zweifellos.
Wre gefeffell a« Herz und Seele und mit Setten der Verzweiflung belastet, ging Gisela sofort daran, Lisas Sachen für de» Aufenthalt i» der Klinik zu ordne», fie wollte nicht Nachdenken. Lisa foCte auch nicht bei ihr bleiben, um mit ihren Mahnrufen, — das thörichte Kind, — die Ausführung der Euischlüffe, die fie gefaßt hatte, noch schwerer zu machen!
Um zehn Uhr kam Dr. Wendelstein, der Assistent des berühmten Profeflors.
Er war ein untersetzter, breitschulttiger Mau» mit dem eigeuthümlichen konzentrierten Blick, der nichts z» sehen scheint, als ben vorliegende» Fall.
AIS er Lffa untersucht hatte, erwartete Gisela ihn im Hausflur.
»Wie finde» Sie deu» meine Schwester Herr Doftor?*
Die Stimme de» junge» ArzteS, meist kurz und befehlend, mllderte sich immer, wenn er zu deu beide» Waisen sprach, die er erst seü wenigen Tag« kannte, den» daS Unglück geschah kurz vor dem Tode der Präsidentin.
„Nicht beffer, gnädiges Fräuleiu, uud wen» fie nicht in die Klinik kommt —*
„Sie kommt, Herr Doktor! Schicke» Sie mir deu Krankenwagen und was sonst Sie für für nöthig hatte».*
(Fortsetzung folgt.)
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Zur Gemeindewahlreform.
Schon in der vorigen Sesfion waren die Konservative» bemüht, die höchst dringliche Gemeindewahl' reform unter Dach zu bringen. DaS Ergebuiß des bekannten „Kuhhandels* zwischen Ceuttum und Rationalliberalen, das Kompromiß Fritzen-Sattler, durchfteuzte diese Bemühnugeu; den» ein so wichtiges Gesetz wie dieses dnrste nicht einfach als Kouipen- fattousobjeft behandeü uud übers Knie gebrochen werden. Daß dann schließlich das Kompromiß scheiterte, weil der Protest der rheinischen Nattoual- liberale» Herrn! Dr. Sattler um seine» schon im voraus gepriesenen „Erfolg* in der Fraftiou brachte, war daS humoristische Nachspiel der Sache.
Der in der jetzigen Session dem Landtage vorgelegte Entwurf hat ein dem vorigen gegenüber ganz verändertes Gesicht, er besitzt vor dem abgelehnten Vorzüge; aber es fehlt ihm auch nicht an Schattenseiten. Wie Herr Dr. von Heydebrand und der Lasa bei der ersten Lesung hervorhob, bestehen die Vorzüge darin, daß der neue Gesetzentwurf eine Reihe von Gedanken enthält, die gerade auch vou der konservative» Partei int vorige« Jahre mit Entschiedenheit fetteten worden find. Es ist selbstverständlich, daß dieser Umstand ben Konsetvatien zu einer gewiffeu Leftiedigung gereicht und daß ihnen dadurch die Mitarbeit zu einer ersprießlichen Gestaltung der Vorlage wesentlich erleichtert wttd.
In kurzen Umrissen machte dagegen der konservative Führer auf diejenigen Punkte des Entwurfs aufmerksam, die einer Umgestaltung bedürfen, wenn et für die konservative Fraktion annehmbar werden soll. Die Gemeindewahlreform soll eine wirkliche Reform sei», fie soll uicht nur auf dem Papier stehen
und schließlich alles beim alte» lassen. Das ist der Gefichtspunft, der ben Konservativen für ihre Stellungnahme zum Entwürfe maßgebend ist. Für unsere Partei handelt es fich wesentlich um den Mittelstand, um ben Stand, der — wie Herr Dr. do» Heydebrand kurz und tteffend äußerte — mit dem Besitze Arbeit verbindet, der also ohne Arbeit seine» Besitz nicht halte» kann, der andererseits einen Besitz hat, an dem fich feine Arbeit und feine Existenz anknüpft. Diesem Mittelstände, der den berechtigten Anspruch darauf hat, nicht mit der ganzen großen Masse der Bevölkerung zusammengeworfen zu werde», zu seinem Rechte zn verhelfe», ist der Hauptzweck der Wahlreform.
Dieser Zweck würde durch einzelne Bestimmungen der Vorlage völlig vereitelt werde«; so durch ben Vorschlag, benjentgen Gemeindemitglieder», die erst infolge eines fingierten Steuerbetrages von drei Mark auch als Nicht-Steuerzahler wahlberechtigt find, die Möglichkeit zu gewähre«, daß sie in die zweite ja auch in die erste Klaffe hinaufrücken. ES würden sich dadurch besonders in den Landgemeinde» Mißstände ergeben, bie unerträglich wären. I» Bezug auf die große Freiheit, die der Selbstverwaltung gegeben ist, beispielsweise die Befugniß, ben Steuer« durchschallt um bie Hälfte zu erhöhe», sprach fich ber konservative Führer ebenfalls ablehnend aus; er «klärte diese Maßregel für etwas ungemein Künstliches und vermochte sich ferner mit dem Bestreben, ben Zustanb von 1891 als maßgebend anzusehen und die damalige» Verhältnisse zu einem gewissen Jubeljahre zu mache», nicht zu befreunden.
Abgesehen von diesen Bemängelungen hat Herr Dr. v. Heydebrandt in seiner Rede unzweideutig zu erkennen gegeben, daß die konservative Partei das endliche Zustandebringe» ber Vorlage für bringenb erforderlich hielt und daß er von den Kommisfious- arbellen diesmal einen besseren Erfolg als in der vorigen Sesfion erwartet. Hatte der Herr Minister des Innern in anerkennenswerther Schärfe die Bekämpfung der Sozialdemoftatie in den Gemeinde- Vertretungen bei seinen Erörterungen vorangestellt, so hob der konservative Führer hervor, daß eS wichtiger sei, den Mittelstand zu stärken und ihm zu ermögliche«, der Sozialdemokratie gegenüber feine Kraft zu entfalten. Dazu soll die Gemeindewahlreform ver- helfe« und deshalb werde« es fich die Konservativen angelegen sei« laffeu, etwas Ernstliches, etwas wirklich Abhelfendes zn Stande zu bringe».
Umschau.
Zur Flottenfrage.
i. Die demoftattsche Preffe fähtt in ihrer Bekämpfung der Flottenvorlage „vou hintenherum* fort. Sie selbst hat zwar die Nothwendigkett einer
Flottenvermehrung nicht in Abrede gestellt und vermag die Forderungen der Vorlage an fich nicht zu bekämpfe«; dafür leistet fie im Bangemacheu vor der Kostendeckung und int Ansspielen einer Partei gegen die andere ganz Hervorragendes. Was die Deckungsfrage anlangt, so dürfte aber das allznviele Bangemachen vom Hebel fei«; denn damit verwickeln fich die betreffenden Blätter i« die größte» Widersprüche, und schließlich macht das auf die Bevölkerung nur noch den Eindruck einer unsäglich kleinlichen Politik. Die „Freisinnige Zeitung* sucht nun gar das Fleisch- beschaugesetz mit der Flotte in Zusammenhang zu bringen und den „Agrariern" weiszumachen, daß die Wirkungen der von dem Gesetze in der Kommissionsfaffung durch bie Vermehrung der Schlachtschiffe aufgehoben werden würden. Das Richtersche Blatt aber würde gut thu», die Erwägungen solcher Dinge ben „Agrariern* selbst zu überladen; denn daß man den Freisinn in dieser Hinsicht oder in jeder anderen Hinsicht als wohlwollenden Rathgeber accepttten könnte, wird doch int Ernste niemand annehmen. Besonderen Eifer eut- faltet die flottenfeindliche Preffe in den Bemühungen, das Centrum gegen die Vorlage „scharf* zu machen. Darum wird jede Kundgebung aus Centtumsfteisen, die zu Gunsten der Flottenvermehrung fich ausspricht, auf jener Seite mit großem Mißfalle« ausgenommen. Die „Frankfurter Zeitung* macht sogar bekümmert darauf aufmerksam, daß der Abgeordnete Dr. Schaedler schon bei der letzten Marinevorlage eine „recht flottenfreundliche Rede* gehatten habe. — Die demokratische» „ Scharfmacher*-Arbeite» scheinen keine Aussicht auf Erfolg zn habe».
Flotte und Landwirthschaft.
Die Stellung der Laudwirthschaft zur Flottenfrage ist nenlich vom Abgeordneten Grafen Oriola im Reichstage zutteffevd wie folgt borgelegt worden: „Die Landwirthschaft ist, wie von verschiedene» Herren heute schon hervorgehoben worden ist und, wie ich hier nochmals ausdrücklich anerkennen will, in vollem Rechte, wenn sie ihrerseits sagt, die große« biretten Vortheile, die andere Berufsstände von der Flotten- Vermehrnng haben, hat die Landwirthschaft nicht. Die Landwirthschaft läuft am wenigsten Gefahr durch eine Blockade, durch die Unterbrechung des See- Verkehrs. Nicht zu befürchten ist, daß in unserem Lande bei richttzer Pflege der Landwirthschaft die nöthige Brodfrucht dem Volke fehle« wttd.
„Mir war vo« ganz besonderer Bedeutung die Rede, die der preußische Laudwirthschaftsminister, Frhr. vo« Hammerstein, am 25. Januar dieses Jahres im Abgeordnetenhause gehalten hat, in welcher er ausdrücklich darauf hingewiesen hat, daß nach seiner Ansicht eine gut gepflegte und gut unterstützte Landwirthschaft wohl in der Lage sei, ben gefammten
Nachdruck verboten
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Im bösen Schein.
Roman von L. HaidH eim.
(Fottsetznng.)
„Unb daß ich hont werden mußte, so krank. Wir jätte» gearbeitet!*
„Gearbeitet?" klang es wieder in unterdrückter Leidenschaft zurück. „Was dem» etwa? Was können wtt, Lisa? Was haben wtt gelernt? Denk' an unsere Echulzengniffe! Höchstens „beftiedigeud.* Bonne könnte ich werden. Pah!"
„Du malst so reizend, Gisela!*
„Wie eine Anfängerin. Mit dem Stückwerk kann ich «»S vor dem Verhungern nicht schützen!"
„O Gott, es findet sich wohl etwas! Nm nicht trennen! nicht trennen! Wenn ich wieder gesund bi», können wtt sticke»; wtt habe» die Nähmaschine, Du arbellest so sauber daran.*
ll.
151A
ähig, »och nie ernstlich ausgemalt, nur öfter in der letzte«
Zell bereit gespielt. Plötzlich wurde er ihr klar.
rufen
Siehst Du wohl, Du kannst'- doch nicht I* sagte
Bo« neuem packte Gisela die Angst vor ber
Gisela stockte. Ein Schauer rann ihr durch die Ader». LiffowS Weib ? Stt batte fich ben Gedanke«
„Pah 1 glaubst Du deu« wttlltch, D« Kindskopf, He» sei beffer als Listow —*
I in e 126$ As«.
PU«,
Ulefen und fich danach Zukunststtäume gebildet, nm so goldener, je stiller und freudloser ihr einsame» Reben i» ber Trauer um bie Eltern gewesen »er.
Wie thörichte Mädchen hatten fie dies Jahr, bas »»b le bei ber Großmutter verlebte», Roman über Roman
Reich unb geliebt, da» war, was Ihnen daS Schicksal bieten sollte, unb fie hatten wie thöiichte Sinber nie gezweifelt, daß eS ihre Wünsche erfülle» werde.
„Ich ka»u es nicht! Nein, nein. Wenn er ”‘<5 berührte, ich würde wahnsinnig!* schrie Gisela auf und schlug die Hände vors Gesicht.
In bie tiefe Stille, die jetzt folgte, klang von brüben aus ber erleuchteten Villa deutlich eine schmeichelnbe, kosenbe Walzermelodie.
Sie lauschten beibe darauf mit Pein.
Welcher schrille Mißklang fiel bamit in ihr Leid, b°8 Ihnen nun erst recht iu seiner ganzen Schwere vor die Seele ttat.
„Ach Großmama! Arme Großmama! Sie liegt nun in dem dunkel» Grabe, und wtt find so verlasse«!*
Gisela kniete neben der Schwester und beide weinte» schmerzlich, ganz vergeffend, daß die Groß- mama eS gewesen, welche die Heirath mit Herrn «isbert Listow dringend unermüdlich befürwortete, bis vor einer Woche der Schlag sie traf und sie nach drei Tagen eine Leiche war.
Süß und schmeigelnd tönte immer »och ber Walzer herüber.
Gisela sprang auf. Ihre Augen funkelte«.
„Wie reich gebürstet hat »ach beut Glück und Wollelbe« biefer Godards! Wie e» in rett brannte, reich zu fein, zu reise«, ba» Lebe« zu genießen, unb nun soll es so rett un» enben? Die Kommerzien räthin ist ein atme» Mädchen gewesen, wie wtt, fie fie hat ihren Mann sicher auch nicht geliebt, de« Protzen! Und was fehlte ihr zu irrere Glück?' rief sie, wieder in Uuentschloflenhett verfallend.
„Wenn ich nur gesund wäre! Wir müßten uns am Ende trennen und Stellen annehmen, etwa bei reichen Damen!— Wir könnten vielleicht rett auf Reisen genommen werden!*
„Pah I Dienen!* rief Gisela abweisend. „Der GerichtSrath sagte einmal zu Großmama: I« Ihrem Hause gnädige Fran, find die Enkelinnen immer Damen von Stande, in einem fremden nur erste Dienerinnen und wenn e» noch so glücklich fich rett einer solchen Stelle träfe. Ueberhaupt, Lisa, mach' es Dir doch endlich nur klar, haben wtt gelernt, zu dienen?' Haben wtt die Natur danach?*
Die Thüre öffnete fich. Da» Mädchen der ver- storbenen Präsidentin erschien, eine ältere Person, blaß und verschlafen auSseheud.
„Wollen die gnäbigen Fräulein denn heute gar nicht zn Bett? ES ist doch gewiß nicht gut für Fräulein Lisa, daß fie fich so aufregt I* rief fie rett einem vorwurfsvollen müden Tone.
„Sie habe« recht, Mtttna!" sagte Gisela leise, und beide Hobe« Lisa sorgfältig auf unb trugen fie in bie Kammer.
Ihre Verlassenheit kam immer toieber schmerzlich ben beiden Mädchen zum Bewußtsein; aber Lisa weinte fich bald in ben Schlaf, während Gisela in heißer Angst ihre ZukunftSgedanken verfolgte.
War es denn so unmöglich, den Heinen Listow zu hettathe« ? Ihn, den einzigen, der fich nicht hatte abschrecke« laffen von der Armuth in der fie lebten?
Und fein Reichthum bie glühende Lebenslust in Giselas Herzen, das beffere richtige Gefühl, alles stritt fich in ihre« Gedanken die ganze lauge Winternacht hindurch.
Al» fie am andere« Morgen nach kurzem Schlaf erwachte — o dies Erwache», wo das Bewußtsein des