mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhaiu.
Sonntagsbeilage» Jllnftrirtes Sonntagsblatt.
M 327
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Marburg
Mittwoch, 23. Dezember 1903.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Auz. Koch, UmversitätS-Buchdruckarl Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
38. Ichrg.
Erstes Blatt.
Ueber das soziale Emporsteigen.
Die „Soziale Praxis" brachte in einer ihrer letzten Ntiniinern über die soziale Herkunft der berliner Handlungsgehilfinnen einen Artikel, der schon an sich manches Bemerkenswerte bietet, vor allem, aber deshalb' beachtet zu werden verdient, weil er zu weitgehenden Betrachtungen Anlaß bietet. Auf die Zahlengruppierungen, deren sich der Verfasser zur Begründung bedient, brauchen wir in diesem Zusammenhänge nicht näher Hn- zugehen. Es genügt zu betonen, daß sich aus ihnen eine fortwährende Zunahme des Anteils der arbeitenden Klassen an dem Berufe der Hand- lungsgehilfiniten ergibt, während der der höheren Stände ebenso rasch abnimmt. In diesem Zu- sammenhange heißt es:
Die Tochter des Gesellen, Arbeiters, Dieners, meidet mehr und mehr die Tätigkeit im Haushalt, in der Fabrik, und wendet sich früher oder später dein Berufe als Verkäuferin, ja, wenn es angeht, der Kontortätigkeit zu; der Tochter deS Unter« beamten genügt sogar nicht mehr die Stelle der Verkäuferin, sie sncht lieber ein Unterkommen im Kontor.
Der Verfasser fragt sich, ob dieser Zustand eine erfreuliche aufsteigende Entwickelung bedeute, oder ob er durch die gegenteilige Tendenz allmählicher Verdrängung gelernter durch ungelernte Kräfte bedingt sei. Dies scheint uns aber keineswegs die Hauptsache zu fein; denn warum sollten sich nicht „ungelernte" Kräfte nicht nach und nach in gelernte verwandeln, besonders jetzt, wo durch eine Menge der verschiedenartigsten Vildungsanstalten nachgeholfen wird, die auch den Töchtern der unteren Stände zugänglich sind. Das Bedenkliche der Erscheinung liegt vielmehr, in seinem Kern erfasst, in dem allgemeinen Drang nach oben, von dem alle Volksschichten ergriffen sind, namentlich aber natürlich die, die sich aus der untersten Stufe der sozialen Leiter befinden. Wer die Augen offen hat, wird das täglich beobachten können; er braucht sich nur in seiner nächsten Umgebung umzusehen. Da ist z. B. eine Schusterfamilie, die ans Vater, Mutter und drei Kindern besieht, überaus brave Leute, arbeitsam, tüchtig und bescheiden, aber doch auch von dem allgemeinen Taumel erfaßt: keines der Kinder will im Stande der Eltern bleiben. Der älteste Sohn ist Volksschullehrer geworden, die Tochter Verkäuferin in einem Konfektionsgeschäft, mit dem Anspruch „Dame" zu fein, der jüngste Sohn aber hat sich dem Kaufmannsstande gewidmet. Es geht ihnen allen ganz gut, weil sie eben ungewöhnlich tüchtig sind. Selbst wenn hier diese Tüchtigkeit nicht eine Ausnahme, sondern die Regel bilden würde, würde die Sache ihren so- zialgefährlichen Charakter behalten, weil sie die gesellschaftliche Pyramide auf den Kopf zu stellen droht. Wenn alles nach oben drängt und niemand mehr unten bleiben will, so müssen sich daraus Zustände entwickeln, die alles in allem vielleicht mehr zum Anwachsen der Sozialdemokratie beitragen, als irgend etwas anderes. Je schmäler die Pyramide wird, desto weniger Raum bietet sie natürlich, desto ärger muß das Stoßen und Drängen und damit auch die allgemeine Unzufriedenheit werden, desto schwieriger aber wird es auch Abhilfe zu schaffen, desto sicherer gerät man in den fehlerhaften Kreislauf hinein, der die Verzweiflimg aller denkenden Sozialreformer bildet.
Der Liberalismus in allen seinen Schattierungen ist freilich immer noch guten Mutes oder giebt sich doch den Anschein, es zu sein. Die durch seine eigene Schuld entfesselte Mldungs- wut, die die Hauptschuld an dieser ungesunden Entwicklung trägt, sieht er nach wie vor als ein Allheilmittel an, mit dem alle Schäden der Gegenwart und Zukunst repariert werden können, und dessen Wirkung er deshalb fortwährend zu steigern sucht, statt endlich einmal zu bremsen und das feinige zu tun, um die Massen von dem falschen Wege abzubringen, auf den er sie geführt.
• Die rasche Zunahme des Uebels, wie sie sich u. a. in der obigen Veröffentlichung zeigt, kann deshalb^ nicht tonn bet-, nehmen. Sie tritt auf allen Stufen der Gesellschaft gleichzeitig hervor, und die Frage ist nur, wo sie am schädlichsten wirkt. Vor etwa 10 Jahren gab es auf den deutschen Hochschulen etwa 30 000 Studenten; beute sind es gegen 40 000 geworden. Dazu koimnen noch 12 000 Techniker, deren Zahl ebenfalls fortdauernd wächst. Ueberall werden Handelsschulen gegründet, öffentliche und private,' sogar alle möglichen „Akademien", die allgemeine Bildungszwecke verfolgen ufto. Alle diese An- stalten werfen Jahr für Jahr Tausende von jungen Leuten im buchstäblichsten Sinne aufsPflaster yhne die geringste Aussicht, im Leben ihr Fortkommen zu finden; diese jungen Leute müssen um jeden Preis höher hinaus, und die töricht
kurzsichiigt' Gefellschaft hält es für ihre heilige Pflicht, ihnen dabei zu helfen, statt aus das eindringlichste zu warnen. Ein immer größerer Bruchteil dieser Bildungsproletarier fällt der Uiusturzpartei in die Arme und hilft ihre Reihen schwellen. Aber auch die hat keine rechte Freude mehr a» ihnen, daS hat der Verlauf des Dresdener Parteitags wieder einmal deutlich gezeigt. Das sind unglückselige, mehr oder weniger katili- nansche Existenzen, die wir zwischen Himmel und Erde schweben sehen, wie Muhammads Sarg, nirgends zu Hause, nirgends zu hrauchen. Leben aber wollen sie doch. In der Verztveiflung fahren sie sich da in die Haare wie fauchende Teufel und zerfleischen einander mit haßatmenden Worten, um schließlich erschöpft zufanunen zu sinken und sich zu jeder Demütigung zu verstehen, die ihnen vielleicht ihr Stückchen Brot sichert.
Die schlimmsten Stürme aber sehen wir auf dem Gebiete der Frauenfrage entfesselt, die hier eine besonders verhängnisvolle Rolle spielt, weil sich der moderne Bildungdrang und die moderne Unzufriedenheit mit der gottgewollten irdischen Stellung nirgend in so blindfanatischer Weise äußert, nirgend so zerstörend wirkt, so viel Fa- mflienglück vernichtet. Das weiß jeder, der sich nicht an Theorien klammert, sondeni Menschen und Dinge nach ihren Früchten beurteilt. Ebenso genau weiß er aber freilich auch, daß mit bloßem Mahnen und Wo men um so weniger erreicht wird, als e3 sich hier um eine internationale Strömung handelt, die überall mit gleicheiStärke wütet und vielleicht beftimmt ist, das Antlitz der Welt zu ändern.
Umschau.
Die Reden de« Reichskanzlers.
Der Minister des Innern hat an die Land- räte und ersten Bürgermeister der Stadtkreise nachstehende Verfügung erlasien:
„Es erscheint erwünscht, die von dem Herrn Reichskanzler in den Reichstagssitzungen vom 10. und 14. dieses Monats gegen die Sozialdemokratie gehaltenen Reden zur Kenntnis möglichst weiter Bolkskreije zu bringen. Von der hiesigen Verlagsbuchhandlung E. S. Mittler und Sohn wird Ihnen eine Anzahl von Exemplaren einer diese Reden auszugsweise enthaltenden Broschüre zugehen. Weitere Exemplare können von der genannten Firma zum Preise von 4 Mk. für 100, 16 Mk. für 500, 28 Mk. für 1000, 250 Mark für 10000 Abdrücke bezogen werden. Die Art der Verteilung im einzelnen Ihnen überlastend, ersuche ich dafür Sorge zu tragen, daß die Verbreitung baldigst erfolgt und bei derselben jede Gemeinde (auch die zum Kreise gehörigen Städte) berücksichtigt wird."
Vom industriellen Deutschland.
Wie sehr in den letzten dreißig Jahren die industrielle Entwickelung Deutschlands zugenommen hat, geht unzweideutig aus dem Wachstum der in der Eisenindustrie beschäftigten Arbeiterschaft hervor. Im Jahre 1873 waren darin 183 874 Arbeiter tätig, wovon 39 941 aus den Eisenerzbergbau, 28129 auf den Hochofenbetrieb und 116254 aus die Eifenverarbeitung kamen; im Jahre 1902 waren eS 310048 wovon 39202 dem Eisenerzbergbau, 32399 dem Hochofenbetriebe und 238447 der Elsenver- arbeitung angehörten. Der weitaus größte Teil der Arbeiterzunahme entfällt also auf die Eisenverarbeitung. — Nach den Ermittelungen des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller belief sich die Roheifenproduktion des Deutschen Reichs (einschl. Luxemburgs) im Monat November 1903 auf 842 830 t, darunter Gießereiroheisen 147 017 t, Bestemerroheisen 38901 t, Thomasroheisen 536 958 t, Stahl- und Spiegeleisen 51 467 t und Puddel-Roheisen 68487 t. Di- Produktion im Oktober 1903 betrug 869 463 t, im November 1902 730928 t. Vom 1. Januar bk 31. November 1903 wurden produziert 9 236 886 t gegen 7 648665 t im gleichen Zeiträume des Vorjahres.
Reich
Berlin, 22. Dezember.
— Seine Majestät der Kaiser ist am Samstag Abend von Hannover wieder im Neuen Palais eingetroffen. Ihre Majestät die Kaiserin wohnt-, wie nachträglich berichtet wird am Samstag ver- schiedeiien Weihnachtsfeiern wohltätiger Veranstaltungen bei. Der Kaiser hörte am gestrigen Montag die Vortäge des HandelSministerS Möller und des Chefs des Zivilkabinetts von Lucanus.
— Die Weihnachtsspende der Stadt Thorn für das Kaiserpaar und und dm Kronprinz«,
traf in Potsdam ein. Es sind drei Kisten mit Thorner Lebkuchen, Katharinchen und Thorner Honigkuchen.
— Fast gleichzeitig mit der Anwesenheit des Kaisers in Hannover erfolgte die Ueberreichnng einer Festgasie der Welfen an das Herzozpaar von Cumberland, das am heutigen Montag in Gmunden seine Silberhochzeit feiert Dabei soll bemerkt worden fein, daß es die „Festgabe deS Landes Hannover" fei. Der Aufsatz stellt ein Schiff auf stürmischer See dar, an dessen Bug die „Hoffnung" lehnt, während am Steuer die „Gerechtigkeit" steht. Der Herzog gab bei lieber- reichung des Geschenkes feiner Freude über die Art Ausdru, wie die Gelder hierfür aufgebracht seien. Die Herren wurden auch von den greifen Königin Marie empfangen. Der Herzog von Cumberland ist jetzt 58 Jahre alt, feine Gemahlin Thyra, eine Tochter des Dänenkönigs, ist acht Jahre jünger. Für die eventuelle Thronfolge in Braunschweig kommt des Herzogs ältester, jetzt dreinndzwanzigjährige Sohn Georg Wilhelm in Betracht.
— Die Ausschüsse des Bundesrats haben gestern noch eine Sitzung abgehalten, in der der @e- setzentwurf betr. die Kaufmannsaerichte zum Abschluß getaugte. In der ersten Plenarsitzung des Bundesrats nach Neujahr soll der Entwurf dann veraschiedet und alsbald dem Reichstage unterbreitet werden. Tie neuen Sondergerichte sollen nach einer Angabe des „B. L.-A." den bereits be- stehendm Gewerbegerichten angegliedert worden esin.
— Für die Reichstagserfatzwabl in Osnabrück an Stelle des verstorbenen Freiherrn von Scheele ist seitens der Nasionalliberalen der frühere Abgeordnete Wamhoff nunmehr endgültig ausgestellt worden. Eine Kandidatur Basiermanii ist nie in Frage gekommen. Die Sozialdemokraten haben ihren bisherigm Kandidaten Schrader wieder ausgestellt, der jedoch nur als Zählkandidat fungiert.
— Für eine technische Hochschule in Breslau sollen in dem neuen Staatshaushalt 350 000 M. als erste Rate gefordert werden
— Der Deutsche Ostmarkenverein hat be- schlosse», seine Tätigkeit auch nach Ostpreußm auszudehnen. Es geschieht das angesichts der zuuehimiideuden Versuche, die großpolnische Bewegung auch nach Ostpreußen hineinzufragen.
— Der Krimmitschauer Weberstreik beschäftigte am Montag auch die Erste sächsische Kammer. Sie erkannte den Standpunkt der Regierung an, wünschte aber absolute Unparteilichkeit. Die geforderten 10 000 Mk. für das Gendarmerieaufgebot wurden bewilligt. — Die Stimmung unter den Ausständigen wird, wie man der „Tägl. Rdsch." aus Krimmitschau schreibt, immer erregter und gereizter. Arbeitswillige werden häufiger verhöhnt, in einzelnen Fällen angegriffen und angespuckt 200 Weber, Familienväter mit Frau und Kindern, haben ihren Austritt aus der Landeskirche dem Pfarramt angezeigt. Wie es heißt, erhalten die Ausständigen als Weihnachts- gabe den Betrag einer Wocheminterstützung.
— Der hohe Orden vom Schwarzen Adler ist im abgelaufenen Jahre siebenmal verteilt worden und zwar an den früheren Präsidenten des preußischen Abaeorduetenhauses v. Koeller, an die Prinzen Karl und Harald von Dänemarck, an den Prinzen Ludwig von Italien, an den Prinzen Friedrich Karl von Preußen, an den Erbprinzen von Kohenzollern und an den Erzherzog Leopold von Toskana. Von Rittern des Schwarzen Adlerordens sind im Laufe des Jahres gestorben: Staatsminister Dr. v. Delbrück. Herzog Nikolaus von Württemberg und König Alexander von Serbien.
— Der neue Kreuzer „Hamburg", in Stettin gebaut, traf in Kiel ein. Bei 11 000 Pferdestärken fuhr er 23% Seemeilen in der Stunde.
— Noch dem „Berl Tagebl." hat sich in Berlin anläßlich des 100 Todestages Herders eine Herder-Gefellschaft unter dem Präsidium des Kultusministers Studt gebildet. Die Gesellschaft will Arbeiten und Unternehmungen im Sinne Herders an regen und fördern und sich der Goethe- Gesellschaft angliedern.
— Nach der „Münch. Medizinischen Wochenschrift werden am 1. Januar insgesamt im Deutschen Reich etwa 3000 Aerzte im Kamps mit .Krankenkassen stehenf Es ist daher natürlich, daß sich beide Parteien auf Kongressen mit diesen Konflikten befassen wollen. Arn 25. Januar findet ein allgemeiner deutscher Krankenkasientag statt, um für die Stellung der Kaffen zu den For- berungen der Aerzte Normen zu geben, und der nächste Aerztetag, der im Sommer in Rostock abgehalten werden soll, wird mit mit derselben Frage beschäftigen.
Ausland.
Oesterreich»u«8ar«. Die österreichischen Delegationen verhandeln gegenwärtig über daS Budgetprovisorium. Für Deutschland ist dabei von Interesse, was der Berichterstatter Marquis de Baequehem über die Zoll- und Handelsver-
tragSsragen ausführte. Bezüglich einer Zollunion mit dem Deutschen Reiche, bemerkt« Redner, wenn darunter verstanden werde, daß zwischen Oesterreich-Ungarn und dem Deutschen Reiche ermäßigte oder gar keine Zölle bestehe« sollen, daß Oesterreich-Ungarn mit Deutschland aber sich durch höhere Zölle gegen daS Ausland abschließen solle, so sei dieser Gedanke schon wegen einer Bestimmung deS Frankfurter Friedensvertrages undurchführbar. Der Referent führte weiter aus, Deutschland habe, trotzdem es bereits einen Zolltarif habe, bisher gewartet, bis Oesterreich - Ungarn hoffentlich auch in kürzester Zeit gerüstet fein werde in Verhandlungen einzutreten. Diese freundschaftliche Haltung der deutschen Regierung fei um fo höher einzufchätzen, als im Deutschen Reich auch eine mächtige Partei bestehe, welche die Regierung dahin dränge, neue Verträge anstelle der alten zu setzen. — Im ungarischen Abgeordnetenhaus kam eS am Sonnabend zu einem scharfen Zusammenstoß zwischen den Anhänger« Kosintbs und den Obstruktionisten.
Amerika. In amtlichen Kreisen in Washington verlautet, Panama lehne jede Verbindlichkeit ob, einen Teil der kolumbianischen Staatsschuld zn übernehmen, wolle aber aus freien Stücken und gewissermaßen aus Höflichkeit einen Anteil übernehmen, der ihm nach eigenem Dafürhalten angemessen erscheine. Ueber die Absicht Kolumbiens, feine Truppen in Panama einfallen zu lassen, gehen die Ansichten auseinander, ob es wirklich dazu kommen werde. Die Vereinigten Staaten haben jedoch Vorkehrungen getroffen. Ein Telegramm aus Panama besagt, daß amerikanische Seesoldaten mit vier Feldgeschützen in Javisa, an der Ostspitze des Golfes von San Miguel, statio- inert sind, 100 Seesoldaten mit Feldgeschützen in Real Santa Maria, zehn Meilen von Javisa. Beide Abteilungen haben sich an den Ufern deS Tuiraflusses gelagert. In beiden Orten liegen auch je 100 Mann Truppen der Republik Panama. Diese haben Ausklärungsmärfche nach dec kolumdianischenGrenze unternommen, bisher aber keine Anzeichen davon festgestellt, daß kolumbianische Truppen auf dem Gebiet der Republik sich befinden. Die den amerikanischen Schisss- kommandanten in den Jsthmusgewässern vom Marinesekretär telegraphierte Richtschnur lautet: „Kolumbianern überlassen, Initiative zu ergreifen." Es heißt, daß die Lage, wenn auch keineswegs beunruhigend, doch heikel genug fei, um eine fehr vorsichtige diplomatisch? Behandlung zu bedingen. — In der Miilafteurepnblik San Domingo ist schon wieder eine Revolution aus- gebrochen. Nach der „Agence Havas" haben Banden von Anhängern des früheren Präsidenten Jimenez in der Gegend von Civao wieder einen Aufstand vorbereitet; in der Nacht zum Sonntag näherten sie sich der Hanvistadf. Die regulären Truppen haben dann die Aufständischen bei San Cristobal geschlagen.
Vom Balkon. Der Druck Oesterreichs auf Serbien scheint doch nicht ohne Wirkung geblieben zu fein. Wie aus Belgrad gemeldet wird, soll König Peter bei seinen Bemühungen, die Königsmörder zum freiwilligen Rücktritt aus ihren einflußreichen Stellen zu veranlassen, einige Erfolge erzielt haben. Oberst Maschin, der eigentliche Urheber des Blutbades im Konak, soll sich den Vorstellungen Peter? zugänglich gezeigt haben und bemüht fein, seine Mitgeschworenen von der im Interesse des serbischen Staates liegenden Notwen digkeit, Belgrad zu verlassen, zu überzeugen. Wenn sich dies betoabrheitet, hätte der König ziemlich schnell Erfolg gehabt denn wenn die Verschwörer einmal aus Belgrad entfernt sind, dürste es nicht allzu schwer fallen, sie bauemb von der Hauptstadt fernzuhalten unb' ihren Einfluß allmählich unschädlich zu machen. — Die Fortsetzung der Reformen stößt in der Türkei auf allerlei Schwierigkeiten. Wie der „Franks. Ztg." ans Konstantinopel gemeldet wird, treten die Gerüchte von einem bevorstehenden Wechsel im Großvezirat auf? neue mit verstärkter Bestimmtheit auf. Als Nachfolger des gegenwärtigen Großveziers werden der Minister der öffentlichen Arbeiten sowie der Mali von Smyrna genannt. In Monastir fanden neuerdings Versammlungen von Muselmanen, deren Beschlüsse sich gegen die Christen richteten, in der Haupt- m^schee des Ortes statt. Der türkische Generalinspektor von Mazedonien. Hilmi Pascha, li-h die Moschee durch zwei Kompagnien Infanterie besehen und 30 Rädelsführer verhaften. Er ließ ferner bekannt geben, daß bei der geringsten Ruhestörung mit vollster Strenge eingeschritten ewrden würde. Diese energische Haltung verfehlte nicht, die Ruhe wiederherzustellen. Zur mazedonischen Frage wird ferner berichtet, daß die Botschafter der Ententemächte die Pforte unter Hinweis auf die bevorstehende Ankunft der beiden Zivilagenten ersucht haben, entsprechende Instruktionen für die Provinzbehörden der drei Wilajets auszuarbeiten, und auf die Ernennung des Kommandanten für die mazedonische Gendarm .'rie gedrungen haben; für diesen Posten