mit dem Kreisblatt für btc Kreise Marburg und Kirchtz^iu.
Sonntagsbeilage r Jllustrirtes Sonntagsblatt. .
M 325
Vierteljährlicher Bezugspreis; btt der Erpcdition 2 3RL, bei allen Postämtern 2,25 Mk. <q;cL Bestellgeld).
JnserttonSgebühn die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Psg.
Rcclamcn: die Zeile 25 Pfg.
Marburg
Sonntag, 20. Dezember 1903.
Erscheint wöchentlich Reben mal.
Druck und Verlag' Iah. Lng. Loch, Unwmrtätr-Buchdruckerei 38« JUhlg«
Marburg, Markt 21. — Telephon ob.
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Drittes Blatt.
Tie heutige Nummer umfaßt zwölf Seiten.
Entstehung und Wesen der Sozialdemokratie.
Man schreibt uns: Der ungeheure Sprung nach vorwärts, den die Sozialdemokratie in den letzten Jahren gemacht bat, und der durch eine I Vermehrung um fast eine Million Stimmen gegen die Wahlen im Jahre 1898 bewiesen wird, ist nichts Auffälliges für die, die den Sozialismus als eine ernsthafte Klassenkooveration betrachten, er wird aber unverständlich sein für jene, die man gemeinhin mit „Mauserungspolitikern" bezeichnet, und die Sozialdemokratie als eine ungefährliche, durch ihr Gebaren sich selbst aufreibende große Anzahl Jdeoloaen binzustellen belieben. Der wissenschaftliche Sozialismus, der Marxismus, feierte im Juni einen unbestrittenen Sieg, und feine Gnind- und Hauptgedanken sind jetzt noch ebenso lebensfähig wie 1875, als auf dem Gothaer Kongreß die „Sozialistisch? Arbeiterpartei Deutschlands" gegründet wurde. Ein objektiver Blick auf die Entwicklung und Erstarkung der Sozialdemokratie in Deutschland zeigt ihr unaufhaltsames Anwachsen, und man ist überrascht von der siegenden Kraft der Marxistischen Idee, die die Menge mit fortreißt, und sie nicht klar werden läßt, daß sie nur Dünger sind für den „Zukunftsstaat", von dem man, nach Bebel, „nicht weiß, ivann er kommen wird."
Den ersten Entwurf „sozialistischer Menschen- Tcrfac" legte Baisse! 1793 im ^akobinerklub zu Paris vor, ohne daniit den gerinasten Anklang zu finden, lleberhaupt läßt sich bei den Leitern der französischen Revolution eine Bewegung im Sinne des Sozialismus nickt erkennen. Die erste sozialistische Bewegung wurde durch ftran<;oiä Babeuf entfacht, der im Mai 1797 in Bendome hingerichtet wurde wegen einer Verschwörung gegen die Direktorialregieruna. Zweck der Verschwörung war, sich durch einen bewaffneten Aufstand der Hauptstadt zu bemächtigen, das Direktorium zu stürzen und die Verfassung von 1793 wieder einzuführen. Neben der politischen Gleich, beit sollte auch di? wirtschaftliche Gleichheit her- gestellt werden. Mit dem Mißglücken des Anschlags verschwindet der Sozialismus und Kam- niunismus von der Bildfläche, und erst 1834 feierten die Babeuf'schen Lehren ihre Auferstehung. Es entstand der „Babouvismus" unter der Führung von Barbds und Blanoui. Neben dieser die gewaltsame Verwirklichung seiner konimunisti- schon Ordnung fordernden Strömung ergoß sich zwischen 1830 und 1848 eine ganze Flut von Systemen und Proiekten. die das gleiche Ziel di- rekt oder indirekt aus friedlichem Weae erreichen wollten, über Frankreich. Aber das allgemeine Stimmrecht hatte eine große antisozialistische
19 «Nachdruck verboten.)
Frau Hadwig.
Eine Strandgeschichte von Ella Lindner.
'Storffebnna.'
Sie rafft Hut und Blumen zusammen und Wendet sich zum Geben.
„Nicht so schlecht, wie Frau Hadwig glaubt," giebt er in berbklingendem Ton zurück. „Nur -ines hat er noch nicht gewußt bis jetzt: daß man auf dem Hobenttviel bisweilen anders spricht, als man denkt und fühlt!"
Sie beugte sich, tief erschrocken über seine Worte zu ihren Blumen nieder.
„Ich will nicht hoffen," fährt er fort, „daß alles, war vordem geschah, nur Laune war — ein flüchtiges Spiel vielleicht — Ekkehard läßt nicht mit sich spielen!"
Sie steht mit trotzig aufeinandergepreßten LiPPem In ihr schluchzt und jauchzt es zugleich. Sie möchte ihm zürnen ob so harter Worte und vermag es doch nicht. Denn gerade so liebt sie ihn ja, so stolz und so selbstherrlich muß der sein, dem sie sich zu eigen geben kann. Sie will seine starke Faust im Nacken spüren, nickt wie ein Sklave soll er ihr zu Füßen liegen. Aber er darf nicht darum wissen — darf nicht ahnen, daß in ihrer .Seele nur ein Gedanke, ein Name, ein Bild lebt i~~ Ekkehard! Eine fast mädchenhafte Scheu ist es, die sie abhält, ihm offen ihr Empfinden zu -eigen. Sie,findet kein Wort der Erwiderung — ein gleichgiltiges noch viel weniger — und darum schweigt sie, obgleich sie fühlt, daß Jürke Allmers auf eine Antwort wartet. Sie läßt ihn warten. Sie kann nicht anders. Trotz des Jubels steckt ihr das Weinen in der Kehle. Endlich geht sie. Er folgt ihr tief verssimmt. Nun wandern sie schweigend aus den Dünen nach dem Strand.
Mehrheit in die Nationalversammlung entsendet, die den entschiedenen Willen kundaab. keinerlei Nachgiebigkeit gegen den Sozialismus zu, zeigen und mit allem aufzuräumen, was an ihn erinnerte. Ein Handstreich Barbds und Blanguis am 15. Mai 1848 geaen die Nationalversammlung wurde unterdrückt und -der Sozialismus in Frankreich auf lange Zeit hinaus vernichtet.
In Deutschland hat von 1850 eine ernsthafte selbständige proletarische Beweauna mit sozialisti- schem Charakter nicht exissiert, was sich aus seiner im Vergleich mit Frankreich sehr rückständigen politischen und wirtschaftlichen Entwickelung leicht erklärt. Was sich hier an sozialistischen Ideen und Arbeiterbewegungen fand, war nichts weiter als der getreue Abklatsch der jeweiligen Geschehnisse in Frankreich. So lange sich hier bürgerliche und soziale Demokratte vereinigt fand, finden wir sie auch in den damaligen deutschen Verbindungen ungetrennt, und als sich der französische Republi- kanismus spaltete, vollzog sich dieselbe Trennung auch innerhalb des „Bundes der Geächteten". — Es kommt 1836 zur Bildung des Geheimbundes der Gerechten, und nach dem 1847 erfolgten Eintritt von Marxs und Engels in diesen Bund wandelt sich diese Verschwörergesellschaft in einen Verein revolutionärer Propaganda unter dem Namen „Bund der Kommunisten" um. Das Programm war in dem von Marr und Engels ausgearbeiteten „kommunissischen Manifest" niederge- legt. Das Ziel war der Kommunismus und als Mittel zu dessen Erreichung die Erwerbung der polisischen Herrschaft (durch das allgemeine geheime Wahlrecht) durch das Proletariat, um der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Stäuben des Staates, d. h. des als herrschende Klasse erklärten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren. Als llebergangsmaßreaeln wurden folgende despotische Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Vroduktionsverhnli- nisse empfohlen: „Expropriation des Grundeigentums und Verwendung der Grundrente zuStaats- ausgabeu; starke Progessivsteuer: Abschaffung des Erbrechts: Konfiskation des Eigentums aller Emigranten und Rebellen: Zentralisation des Kredits in den Händen des Staates durch eine Nationalbank mit Staatsmitteln und ausschließliches Monopol, Zentralisation des Transportwesens in den Händen des Staates. Vermehrung der Nationalfa briken und Produktionsinstrumente, Urbarmachung und Verbesserung des Landes nach einem gemeinsamen Plan, gleicher Arbeitszwang für alle, Errichtung industrieller Armeen besonders für den Ackerbau und die Industrie: Hinwirkeu auf die allmähliche Beseitigung des Unterschiedes zwischen Stand und Land öffentlich? und unentgeltliche Erziehung aller Kinder ufto."
So wichtig auch das „kommunistische Manifest" fürdie weitere Entwicklung der Sozialdemokratie ist, hat es doch in der Revolution von 1848/49 und in den späteren 10 Jahren keine Rolle ge- svielt. Erst in dem Programm der „Soziosisti- schen Arbeiterpartei" tritt in allem wesentlichen der Marxismus siegreich hervor. Die Agitation dos Lassalleschen „Allgemeinen DeutschenArbeiter-
Dort kommt ihnen Anne entgegen. Sie erkennt sofort, daß es zwischen den beiden etwas gegeben hat, ist aber taktvoll genug, sich dies nicht merken zu lasten.
„Es soll gesegelt werden." verkündet sie, „eine Stunde noch, bis Sonnenuntergang. Du tutst sicher mit, Hadwig, und Sie doch auch, Herr All- mers? Herbart und der Professor sitzen bereits im Boot."
„Danke," sagte Jürke frostig, „ich verzichte auf das Vergnügen."
„Ach nein," wehrte Anne, „wenn wir doch alle von der Parsie sind! Hadwig, bitte Du Herrn Allmers. Ich muß noch schnell nach meinem Strandkorb. Wir treffen uns unten. Auf Wiedersehen!"
Damit laust sie weg, und läßt Hadwig und Jürke allein. Sie hat nicht das mindeste in ihrer Burg zu suchen. Es tvar ein bloßer Vorwand. Nur, weil sie nicht stören will, weil sie sich überflüssig fühlt, ging sie. Aber ibr ist dabei so weh ums Herz. Warum nur muß die MenschenseAe so glückshungrig fein! Warum es ihr so schwer wird, das Entsagen! »
„Gnädige, Frau," Hadwig schluckt an etwas, das ihr heiß im Halse aufsteiat bei der ungewohnten und gehaßten Anrede, „ich darf Sie wohl nach dein Boot bringen?" Er spricht es mit kühler Höflichkeit, und sie nickt, ohne die Lider zu heben. So schreiten sie stumm nach der kleinen Landungsbrücke. Brennend gern möchte sie ihm ein bitten- des Wort sagen — und er wartet darauf mit Sehnsucht, und sie kriegt es nicht ferttg. Sie ist das Bitten so wenig gewöhnt. Und nun sind sie ganz nahe am Ziel. Sie hören bereits Herbarts ©timme. Der Kleine unterhält sich in dem leise schaukelnden Boot plattdeutsch mst dem rothaarigen Schiffer, wofür ihm dieser - nach echter Friesen- art — die wunderbarsten Bären aufbindet. Jürke
Vereins" und der Liebknecktschen „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei" hatte den Erfolg, bei der Reichstagswahl am 10. Januar 1874, begünstigt durch das allgemeine Wahlrecht, 9 Kandidaten der Arbeiterparteien-mit einer auf sie vereinigten Stimmenzahl von 351 081 durchzubringen. 1877 erzielte die „Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands" schon 486 813 Stimmen. Durch das Sozialistengesetz wurde zwar ein vorübergehender kleiner Rückgang in der Stimmenzahl erreicht, 311 961 im Jahre 1881, aber schon in der darauf- folgenden Wahl stieg ihre Zahl auf 549 990. 1887 auf 763128. 1890 auf 1427 298, 1893 auf 1786 000, 1898 auf rund 2 100 000 und 1903 über 3 000 000 Stimmen.
Mit diesem Anschwellen ihrer Reihen vollzog sich in der deutschen Sozialdemokratie ein? höchst bedeutungsvolle Entwicklung, die ihren Ausdruck findet in der Erkenntnis, praktisch tätig sein zu müssen, um so die große Maste fest an ihre Fahne zu knüpfen. Die positive Arbeit d?r Sozialdemokratie beschränkt sich aber auf das Einbringen von Initiativanträgen, die zwar der großenMaste die Augen blenden, aber undurchführbar sind, weil sie zum Teil vlötzliche und gewaltsam? Eingriffe in das Wirtschaftsleben und in das Selbst- bestimmungsreckt des einzelnen bedeuten. Sie alle sollen in Wirklichkeit nickt positiven, gesetzgeberischen Zielen dienen, sondern sind im wesentlichen dazu bestimmt, aufreizend und Unzufriedenheit erregend in denjenigen Kreisen zu wirken, aus deren Gewinnung für ihre Propaganda die Sozialdemokratie den meisten Wert legt.
So sehr es ferner scheint, daß die Partei ihren Höhepunkt noch nicht erreicht hat, so ist es doch auch zweifellos, daß ihr? Weiterentwicklung in der zum größten Teile bereits erfolgten Gewinnung des industrieellen Proletariats ihre natürlichen Grenzen finden mnß, wenn sie fortfäbrt, eine nur industrieelle Partei zu bleiben. Das erklärt ibr Bestreben, auch di? ländlich?. kleinbäuerliche und Arbeiterdevölkerung, sowie di? kommunalen und staatlichen Subalternbeamten zu gewinnen. So erklärt sich auch die stärkere Betonung der Notwendigkeit eines Ausbaues der Arbeiterschulige- setzgebung und ihrer Ausdehnung auf die länd- lichen Arbeiter, und so auch die Einsetzung eines Agrarausschusses durch den Frankfurter Partei- tag mit der Aufgabe, „ein besonderes agrarpoliti- sches Programm aufzustellen". Der Aussckuß hat auch 1895 auf dem Breslauer Kongreß seine Anttäge voraelegt. Sie beziehen sich teils auf den Bauern- teils auf den Landarbeiterschutz. Die auf den Bauernsckutz bezüglichen Anttäge wurden allerdings unter Hinweis auf die privateigentumserhaltende Tendenz und ihre Ilnvereinbarkeit mit der marxistischen Doktrin abgelehnt.
Diese Stellungnahme zu den verschiedenen Produktionszweigen und die Ausgestaltung des Parteiprogramms in dem Rahmen der herrschenden Wirtschaftsordnung, bei steter Betonung des Vergesellsckaftuugsprinzivs, hat den Anhang der Partei auch in rein ländlichen Kreisen bedeutend vergrößert. Zugleich aber ist dadurch die sozialdemokratische Partei in weit höherem Maße von gemäßigten Elementen durchsetzt worden, und ihre sozialrevolutionäre Tendenz ist verblaßt. Daß die Bekämpfung des Sozialismus auf dem bisher
empsiehlt sich, und sie läßt ihn ruhia aeben. Und dann grollt sie mit sich, daß sie es getan. Anne fragt nicht, weshalb Jürke nickt teilnimmt, aber wie der Kahn schon auf der glitzernden Wasserfläche schwimmt, beugt sie sich einmal über Bord, so daß die übrigen ihre Worte nicht verstehen können und sagt: „Laß die Sonne nicht untergehen über Deinen Groll!"
Hadwig kraust die Stirn, ohne etwas zu erwidern.
ES ist ein selten schöner Sonnenuntergang. Glutrot sinkt das Tagesgestirn ins Meer, als letzten Gruß all seinen Goldreichtum in die Fluten gießend, daß ein Flimmern ist auf dem Master und ein Glänzen — überirdisch fast. An den weißen Segeln trieft das Gold hernieder, und an der Bootswand rieselt eS entlang, und in märchenhafte Gewänder hüllt es die Menschen, vor deren Blicken sich das Wunder vollzieht.
„Ich weiß nicht." Herbart sieht forschend zu Hadwig hinüber, „Allmers ist doch sonst solch ein Naturschwärmer, warum er gerade heute weg- bleibt, wo doch ein außergewöhnlicher Sonnenuntergang zu erwarten war."
Der Professor sagt aus Höflichkeit irgend etwas sonst reagiert niemand auf des Schriftstellers Bemerkung. Dann stimmt Anne ein Volkslied an, und Hadwig ist ihr im stillen dafür dankbar. Die Weiche, dunkle Stimme tut ihr wohl.
Es dämmert berefts stark, als das Boot end- sich wieder anlegt. Hadwig aebt mit Herbart voraus, Anne und der Professor folgen.
„Sie sind ja so schweigsam, liebe Freundin," meint Herbart beiläufig. „Haben Sie sich über Ihren Kourmacher geärgert? So was muß man sich nicht zu Herzen nehmen — pah — Kleinigkeiten!"
Sie machte nur eine unwillige Bewegung.
(Fortsetzung folgt.)'
verfolgten Wege ohne jeden Erfolg geblieben ist, wind "auch der freundlichste Optimist nunmehr wohl anerkennen, und diese Wege werden auch in Zukunft erfolglos bleiben. Es gibt nur zwei Wege, die Sozialdemokratie zu bekämpfen, bei eine ist die weitestgehende positive Reformtätigkest auf sozialem Gebiet, um aller Agitation von vornherein den Boden abzugraben, den anderen hat seinerzeit: Bismarck mit dem „Sozialistengesetz* gewiesen. Hohe Zeit ist es für die Regierungen, sich für einen dieser beiden Wege endlich energisch zu entscheiden. Lothar Wende.
(Nachschrift der Redaktion: Wir haben hinsichtlich der Schlußfolgerungen unseres Mitarbeiter- eine etwas abweichende Ansicht, namentlich, Wadas angebliche Nachlassen der revolutionären Tendenz angeht. So lange die Arbeitermasten einem Bebel und Singer folgen, die ausgesprochene Revolutionäre sind, müffen sie auch unter diesem Gesichtspunkte betrachtet werden. Qualis rex, talis grex.) ’
# Umschau.
Gegen das „Todesurteil" der Schwurgerichte.
Im Kwilecki Prozeß hatte bekanntlich bei Staatsanwalt Dr. Müller in seiner Rede gesagt, daß die Geschworenen sich selbst dal Todesurteil sprechen würden, falls sie zu eine» Freispruch kommen sollten. Diese auffallend! Aeußeruug hat nun auch von einem Richtei eine entschiedene Zurückweisung erfahren. Bei» Schluß der diesjährigen Sitzungsperiode bei Schwurgerichts in Dresden sagte der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Becker, in der üblichen Dankesrede an die Geschworenen: „Bei einem auswärtigen Gericht ist beim einem jüngst verhandelten größeren Prozesse von einem Beamten deS Gerichts die Bch ruptung aufgestellt worden, daß die heutigen Schwurgerichte geeignet feien, sich selbst und der deutschen Rechtsprechung das Grab zu graben. Die Auffassung, daß die Geschworenen an einen bestimmten Spruch gebunden sind, kann ich nicht testen. Eine andere Frage ist, ob das jetzige SchwurgerichtSverfahren einer Aenderung bedarf, du es zum großem Teste auf französischem Rechte basiert und Anlehnungen an altgermani- sche RechlZanschouungen enthält. Aufgabe einer Straiprozeßreformkornmission wird es sein, eint Form zu finden, die eine größere Fühlung und Verbindung der Geschworenenbank mit dem Gerichtshöfe herbeiführt. Aber geleitet von dem Inhalt und Geist, nicht von der Form bei Gesetzes, haben die Geschworenen sicher in jede» Falle eineg Spruch gefunden, den sie vor Gob und ihrem Gewissen verantworten können."
Warenvertrieb durch Ausspielung.
Das Reichsgericht hat bekanntlich durch Urteil des I. Strafsenats vom 14. Februar 1901 entschieden, daß der Warenvertrieb im Wege des Schneeballverfahrens (auch Lawinen-, Hydra-,
Wissenschaft, Kunst und Leben.
S e b a st i a n Hensel*).
„Ein Lebensbild aus Deutschlands Lehrjahren'' lautet der Untertitel dieses soeben erschienenen, ungemein amüsanten Buches, das einen hochbe- deutsamen Beitrag zur neueren deutschen Sultur- geschichte bildet. Sebastian Hensel ist vor wenigen Jahren gestorben; die Familie hat sehr wohl daran getan, diese Aufzeichnungen in geschickter Auswahl bcr Oeffeutlichkeit nunmehr zu übergeben; denq Sebastian Hensel, der Urenkel von Moses und Neffe von Felix Mendelssohn, hat viel erlebt, und was noch wichtiger ist, er besitzt die Gabe lebendigster Schilderung; den Beweis dafür hatte ei schon in seiner „Familie Mendelssohn" erbracht, diesem wahrhaft klassischen Familienbuche, das zu gleicher Zeit in 11. Auflage erscheint. Die Erinnerungen von Sebastian Hensel bstdeu in ihrem ersten Test eine Fortsetzung der „Familie Mendelssohn": so ist den» endlich der Wunsch aller derer erfüllt toorben, welche den schrillen Abschluß dieses Buches beklagten. In ihrem . zweiten Test aber werden wir in eine ganz andere Welt entrückt: die Revolution von 1848, das Leben auf verschiedenen Gütern, die Schilderungen ostpreußischer Verhältniste, und endlich das schonungslos aufgedeckte Treiben aller Kreise zur Gründerzeit in Berlin nehmen einen breitenRaum ein, und wir gewinnen hier aus dem Berichte eines objektiven Zeugen, der mitten darin stand, ein Bild von anschausichster Klarheit, wie wir es nirgends sonst her erhalten können. Darauf
*) Sebastian Hensel. Ein Lebensbild aus Deutschlands Lehrjahren. M. e. Vorwort v. Prof. Paul HensÄ. Behrs Vertag, Berlin.) Geh 6 Mk., geb. 7 Mk. (soeben in 2. Auflage in der Elwert'schen Verlagsbuchhandlung erschienen. Sebastian Hensel,st der Vater des 8Ra«i bürget Univ^ProfefforS Hensel.)