mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
SonnlagsVeilag« Jllustrirtes Sonntagshlatt.
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Bierteljährttcher Bezugspreis; bet bet Expedition 2 DL, bet allen Postämtern 2,25 Mk. kejtu Bestellgeld).
JnserttonSgebühr: die gespaltene Zeile over deren Raum 10 Pfg.
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Marburg
Sonntag, 13. Dezember 1903.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Job. Äug. Koch, UmversitätS-Duchdruckere! 38. Jahrg.
Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
Zweites Blatt.
Umschau.
Heraus mit dem Eisernen Kreuz!
Unter dieser Ueberschrift erläßt?in alter Offizier in der ,,Kreiszeitung" nachstehenden Mahnruf an alle mit dem Eisernen Kreuze ausgezeichneten Veteranen:
Es sind jetzt über 40 Jahre vergangen feit meiner Kadettenzeit. Jedesmal, wenn ich Urlaub erhielt oder wenn ich mit meinen Kameraden in der Umgegend von Potsdam unter Aufsicht unserer Offiziere und Lehrer Spaziergänge machte und es begegneten uns ältere Männer, die auf der Brust das Eiserne Kreuz trugen, so blieben wir ehrfurchtsvoll stehen und sahen ihnen nach, mit Begeisterung im Herzen. Waren eS doch die Männer, die 1813, 1814 und 1815 für ihren König und für die Freiheit des Vaterlandes gekämpft hatten. Mit Stolz trugen diese alten Soldaten das schöne Ehrenzeichen am bürgerlichen Rock und am Arbeitskittel. Wie steht cs heute damit. Selten sieht inan das Eiserne Kreuz auf der Brust und am Nocke des Zivilisten. Nur bei ganz besonderen Veranlassungen, bei Aufmärschen von Kriegervereinen oder bei Festlichkeiten, ivo der betreffende im Frack erscheint, sieht man ein Eisernes Kreuz. Auf meine Frage an Kameraden: „Warum tragen Sie das Kreuz nicht?" erhielt ich die Antwort: „Es trägt es ja niemand", oder: „Es ist nicht Mode." Einer der Herren ant- tooriete mir: „Wenn ich erst 70 Jahre alt bin, werde ich es auch tragen." Meine Herren Kameraden, ich halte diese, ich will mal sagen, Bescheidenheit, nicht für richtig. Tragen Sie das schöne Ehrenzeichen bei jeder Gelegenheit. Zeigen Sie unserer Jugend, die von den großen Zeiten, von 1864—1870/71 nur noch»vom Hörensagen weiß, daß noch viele Männer leben, die im letzten Kriege gegen Frankreich ebenso für ihren König und ihr Vaterland gekämpft haben, wie diejenigen vor 90 Jahren. Die Ehrfurcht vor dem Alter, die Be- geisterung in der jugendlichen Brust wird gefördert und erhöht. Also heraus aus den Kästen mit dem Eisernen Kreuzen und auf die alte Sol- datenbrnst geheftet.
Einen bemerkenswerten Aufruf hat der Provinzialuorsitzende des Bundes derLand- wirte für Ostpreußen veröffentlicht, worin gesagt wird:
„In den nächsten Wochen werden in Deutschland Hunderttausende ausgegeben werden zu Weihnachtsgeschenken und be! dieser Gelegenheit möchten wir unsere Berufsgenossen wieder daran erinnern, daß es eine Pflicht ist, bei unseren Einkäufen die kleinen Läden und womöglich die Handwerker zu berücksichtigen. Namentlich die letzteren leiden schwer unter der Konkurrenz der großen Warenhäuser imd Ramschbazare. Wenn viele von uns leider auch dort ihre Einkäufe machen, so ist e? meist Bequemlichkeit oder Mangel an Nach
ts iNachdrnck verboten.)
Frau Hadwig.
Einr Strandgefchichte von Ella Lindner.
lForttehimg.)
Anne hörte von drüben das Lachen und Jubeln, und es tat ihr fast Weh. Sie schalt sich selbst darum, sie wollte sich freuen über das Glück der beiden frohen Menschen, und versuchte es krampfhaft, aber es wollte und wollte ihr nicht gelingen! Es war zu schwer.
„Anne! Anne!" rief Hadwig und legte die Hände an den Dkuud, damit der Wind den Laut nicht verwehe. „Anne!" Sie stand im vollsten Sonnenschein und winkte, als die Freundin auf- schaute, eifrig zu ihr hinüber. Anne sollte kommen und Burg Hohentwiel bewundern. Aber Anne wollte nicht. Später vielleicht, jetzt habe sie keine Lust, aufzustehen. Sie säße eben so wundervoll bequem, und übrigens könne sie von ihrem Strandkorb aus alles prachtvoll übersehen. Hadwig gab sich zufrieden und kletterte fröhlich auf die Plattform. Von da konnte sie über sämtliche Burgen hinwegschauen, denn die ihre überragte alle und lag auch zumeist nach vorn.
..Jetzt ist tiefe Ebbe, aber bei Hochflut werden die Wellen gewiß bis an den Wall spülen," besorgt guckte sie hinunter. „Es wäre ein Jammer, wenn das Wasser meinem Berg Schaden zufügte."
Jürke Allmers tröstete sie. Ekkehard wird den Hohentwiel schützen und verteidigen."
Tann bat er Mitbewohner der Burg sein zu dürfen. „Auf der Plattform haben gerade zwei Strankdörbe Platz."
Im ersten Augenblick war ihr seine Bitte nicht recht. Eine Kühnheit sondergleichen erschien fit ihr. Und die Leute am Strand, die anderen ftwt«
denken. Denn ein Kleidungsstück — ein Hans- haltungsgegenstand, der beim Handwerker auf Bestellung angefertigt wird, pflegt solider und dauerhafter zu sein, als die Fabrikware aus dem Warenhaus. Auch kann der persönliche Geschmack des Käufers bei der aus Bestellung angefertigtenWare viel mehr zum Ausdruck kommen. Vor allem aber sollen wir bedenken, daß wir einem Stande, der vielleicht am schwersten in seiner wirtschaftlichen Existenz unter der Konkurrenz des Auslandes und des Großbeft'iebes leidet, aus patrioti- schen und allgemein menschlichen Rücksichten,, soviel an uns liegt, zu helfen haben. Aber es liegt auch in unserem, der Landleute, Interesse,, wenn wir den Handwerkern und dm Geschäften in den kleinen und Provinzialstädten möglichst viel Verdienst zu wenden. Denn die Bewohner derselben sind auch die Abnehmer für unsere Erzeugnisse aller Art. Auch tragen sie mit uns gemeinsam die Lasten und Steuern, welche auf den ländlichen Kreisen ruhen. Je blühendere, wohlhabendere Städte in einem Kreise sich befinden, umsomehr wird sich die finanzielle Lage desselben günstig gestalten, lind die Provinzial- und Landstädte können mir gedeihen, wenn sie in uns ihre Abnehmer finden, wie wir von ihnen erwarten müssen, daß sie auch uns bei ihrem Bedarf bevorzugen. Also noch einmal zum Weihnachtsfeste die Bitte: Verücksichftgen wir bei unseren Einkäufen die Handwerker und die Geschäfte in der Heimats- Provinz!" —
Man kann nur wünschen, daß diese Mahnung auch anderweit berücksichtigt wird und daß sie Erfolg hat. ____________
Zur Bekämpfung der Mißstände im Ausverkaufswesen
ist aus der konservativen Frakfton ein Antrag Rettich und Genossen im Reichstage eingebracht worden. In diesem Anträge wird die Regierung ersucht, nach in der laufenden Session einen Gesetzentwurf über das Äusverkaufswssen vorzu- legeu, durch den 1. die Anmeldepflicht für alle Ausverkäufe festgesetzt, 2. die Veranstaltung von Scheinausverkäufen und 3. jeder Nachschub von Waren zu einem Ausverkäufe unter Strafe gestellt wird. _____________
Sie Gold- und Silberproduktion in den verschiedenen Ländern der Welt während deS Jahres 1902 ist soeben durch die „Administration des monnaies des Etats-Unis" veröffentlicht worden. Hinsichtlich des Goldes stellt die Verwaltung eine stetige Tendenz in der Ent- Wickelung der Produktion fest, selbst für Süd- Afrika. Das Total der Gewinnung auf der ganzen Erde belief sich auf 14 313 660 Unzen mit einem Werte von 295 889 600 Dollars, gegen 12 696 809 Unzen in 1901 und 262 492 900 Dollarrs, d. h. also mehr 1 616 851 Unzen im Werte von 33 396 700 Dollars. Die Silberproduktion hat sich andererseits wiederum im Jahre 1902vermiudert. Dieselbe betrug nur 166 955 639 Unzen mit einem Werte von 215 861 880 Doll, gegen 173 Oll 283 Unzen und einem Werte von 223 691 300 Dollars im Jahre 1901.
gäsie, die würden nett Stoff zum Klatschen haben, wenn Jürkes Korb so dicht neben dem ihren zu stehen käme. Doch dann schämte sie sich der flein- lichen Gedanken. Sie war ja frei, sie stand über dem Urteil der Menge — weshalb also auf etwas verzichten, das ihr selbst Freude bereiten würde? Nur weil es gegen die sogenannten Schicklichkeitsgesetze der guten Gesellschaft verstößt — derselben Gesellschaft in deren tugendhafter Mitte unbeanstandet so viel des Unschicklichen geschieht? Nein, sie — Hadwig Otten — wollte sich diesem tranrig- lächerlicheu Ztvang nicht fügen! Und wenn sie nun Jürke Allmers — die Kühnheit hafte sie ihm verziehen — gestattete, feinen Strandkorb auf ihre Burg zu bringen, so wußte sie genau, was sie tat, wußte und fühlte, daß damit Anstand und edle Sitte noch keineswegs verletzt wurden, auch wenn die „gute Gesellschaft" zeterte und die Sünderin in Acht und Bann tat. Es lag ihr nicht viel an der Meinung der großen Menge.
Und so saßen Hadwig und Jürke Allmers denn wirklich beisammen aus dem glitzernden Sandhügel. Man wunderte sich naftirlich sehr über Frau Ottens „Unvorsichtigkeit", wie man sich zartfühlend ausdriickfe, man zuckte auch spöttisch die Achseln, und hier und da fiel eine hämische Bemerkung, aber im ganzen entschuldigte man sie eher. Sie war eben eine Künstlersfrau, denen mußte man schon etwas nachsehen. Die hatten so ihre eigenen Ansichten, und Otten zumal, der soll ja in dieser Beziehung ein Absonderlicher gewesen sein. Man ließ sie also gewähren und begüngte sich damit, „unter sich" seiner Mißbilligung Worte zu verleihen. Das ist ja immer so: ins Gesicht Freund, hiuterm Rücken Feind! O ihr ehrlichen Menschen!
Inzwischen scherzten Hadwig und Jürke, daß sich bet ihnen alles so programmmäßig vollziehe. Ekkehard als Gast auf dem Hohentwiel!
»Hoffentlich erscheint ab« niemals der Tag,
Ein Denkzettel für die Freisinnige Vereinigung.
In der vorigen Reichstagssesion war der Fraktion der Freisinnigen Vereinigung eine Schrift- führerstelle zugestanden worden. Nachdem aber dieses Fraktiöncheu die Obstruktion bei den Zoll- tarifverhandlimgen unterstützt und Barth als „junger Mann von Singer" auch späterhin sich bemüht hatte, die Geschäfte der Sozialdemokratie zu betreiben, mußten die Wadelstrümpfler auch <iuf gleicher Stufe mit der Sozialdemokratie behandelt werden. Es wurde ihnen also diesmal die eine der acht Schriftführerstellen, die sie bisher inne hatten, versagt: sämtliche Parteien desReichs- tags lehnten die Wahl eines Wadelstrümvflers ab. Das ist nicht nur ein guter Denkzettel für die Vereinigung selbst, sondern ein nicht unbedeutsamer Vorgang, der nach außen hin Klarheit zu schaffen geeignet ist und der Wählerschaft über das innere Wesen der durch die Naftonalsozialen „verstärkten" Wadelstrümpfler Aufschluß geben wird.
Parlamentarisches
Reichst««. .
(Eigenbericht.) ■■■'>• J , Betin, 11. Dezember.
5. Sitzung vom 11. Dezember 1 Uhr.
Am Bundesratstisch: Graf Bülow, Graf Posa- dowsky, Frhr. v. Stengel, von Einem, v. Tirpitz und zahlreiche Kommissare.
Zunächst wird eht schleuniger Antrag der So« sialdemokraten auf Einstellung der schwebenden Strafverfahren gegen die Abg. Schöpflin, Goldstein, Kunert und Geyer ohne Debatte angenommen.
Darauf wird die erste Lesung des Etats in Verbindung mit oer Beratung der Reichsfinanzreform fortgesetzt.
Die Debatte nahm heute zunächst der Sprecher der Nationalliberalen Dr. Sattler auf. Man erwartet von ihm wenigstens im Reichstage keine Sensationen, und so war das Haus nicht voll. Oben saß wieder Prinz Albrecht und an der Ministerbank plaudcrteMinister Budde mit dem Abgeordneten v. Kröcher. Der Redner äußerte sich günstig über das Finanzgesetz, führte einige Hiebe gegen die Polen und Welfen, bedauerte den niedrigen Stand der preußischen Kon- sols, schwieg über die äußere Politik, „da sich darüber nicht viel Kluges sagen läßt", und schloß mit der beifällig aufgenommenen Aufforderung, daß wir uns die Freude an dem frisch auftretenden Leben in Deutschland nicht verbittern lassen sollen.
Die weitaus bedeutendste Rede des Tages war dann die des neuen Kriegsmini st ers von Einem. Wer von ihm in Analogie seines letzten Auftretens Witze erwartet hatte, war enttäuscht. Die Materien, welche Herr von Einem besprach, waren zu ernst, nur derartigen Ansputz zu ertragen. Ruhig und sachlich fesselte er mit feinem sympathischen Organ das gesamte Haus, ohne von irgend einer Seite unterbrochen zu toer-
wo ihn der Herzogin von Schwaben Ungnade wieder verbannt!"
Hadwig wollte von Ungnade nichts wissen.
„Der Mönch ging aus eigenem Antrieb," sprach sie.
„Ja, weil sie ihn nicht liebte! Ist das nicht genug der Ungnade?"
„O, er hatte sich ihre Liebe verscherzt!"
„Ich werde mir Mühe geben, in dieser Beziehung klüger zu sein, als Mönch Ekkehard war."
Sie batte die Hände über den Knieen gefaltet und schaute mit sinnenden Augen ins Weite.
„Wollen Sie vor ihm etwas voraus haben?" „Sicher," antwortete er fest.
Sie nickte. „Eines hattte der Mönch ja auch vor Jvnen voraus."
„Das träte?"
Sie wandte sich ihm voll zu. „Die Bescheidenheit!"
Wenn sie aber vielleicht geglaubt hatte, ihn damit in die Enge treiben zu können, so irrte sie gewaltig. Jürke klopfte sich in aller Gemütsruhe ein Sandkörnchen vom Aermel und wurde nicht einen Augenblick verlegen.
„Natürlich, diese Bescheidenheit ziert den Mönch — doch eines schickt sich nicht für alle. Den Sohn der freien Hanfastadt dürfen Sie nicht mit dem gleichen Maße messen, wie den frommen Bruder —"
„Das weiß ich nicht! Bescheidenheit steht jedem wohl an."
„Gewiß," stimmte er bei, „nur nicht am un- rechten Orte. Und das ist bisweilen der Fall." Er hatte sich bei den letzten Worten erhoben und stand nun vor ihr — sehnige Kraft in jeder Muskel.
„Unseres Hauses Wahlspruch heißt: „Wag' es!" Dem Jünger deS heiligen Gallus wäre besser gewesen, wenn ihm dieser stolze Wagemut Mt so ganz gefehlt hätte." —
den. In würdigster Weise gab er die Tatsachen der Falles Forbach und der Soldatenmißhandlungen zu. Die Beteiligten würden die Folgen tragen müssen. Die Forbacher Offiziere seien innerlich nie Offiziere gewesen: Schwächlinge «nd Schlimmeres, die gegen Dienst und Moral verstoßen hätten. Natürlich wies der Minister eine Generalisierung weit von der Hand, sowohl waS die Liebschaften der Leutnants, als was die Tugend der Offiziersdamen angehe. Ein zweites Forbach sei unmöglich. Ebenso gab er zu, daß ein Kompagniechef von fortgesetzten Mißhandlungen in seiner Kompagnie wissen müßte. Die Mißhandlungen würden und müßten aus der Armee herauskominen: das wolle auch der Kaiser. Uebri- gens sei es nicht so schlimm, wenn hier und da mal ein Schlag falle, das passiere auch anderswo. Die beantragten Zulagen wären geeignet, das Unteroffizierkorps qualitativ zu heben. Erfreulich war auch die Versicherung des Kriegsministers, daß er unser Geschütz von 1896 dem französischen vorziehe. Ferner müsse mit allen Mitteln danach gestrebt werden, daß auch den Offizieren ihre Autorität gewahrt wird. (Lebhafter Beifall.)
Mit bekannter Schärfe setzte nach dem Kriegsminister Eugen Richter ein, indem er den Ausführungen des Ministers die luxuriösen Lre- besmahle in den Kasinos und die Exklusivität bet der Offizierswahl entgegenstellt, wobei weniger auf die Person des Anwärters, als auf Stand und politische Anschauungen der Eltern desselben gesehen werde. Dann wurde er sachlich. Er ging auf die Materien über, die seit langem fein eigenstes Revier find: der Landwirtschaftetat, Matrikularbeiträge und Ueberweistmgen. Steuern und Aversuin. Die Positionen für Kiantschon und Deutsch-Südwestafrika hätte er am liebsten ganz gestrichen. Die Brenusteuererträge würden durch die Liebesgaben aufgezehrt, und die Bayern könnten ihren schönen Durst zum Wollle der Allgemeinheit etwas höher versteuern. Hinter dem Finanzgeietz ständen neue Steuern und Frhr. v. Stengel, wenn er überhaupt etwas mehr sein wollte als Reichsoberbuchhalter, sei der Minister dieser Steuern.
Dem widersprach Reichsschatzsekretär v. S t e n- gel sofort. In dem Gesetz liege kein Anreiz zu neuen Abgaben.
Zuletzt kam Herr v. Kardorff (Rp.): Es war ein schwerer Fehler, daß die Handelsverträge nicht gekündigt worden sind. Wäre das geschehen, dann hätten alle Staaten, die eine aktive Handelsbilanz gerat uns haben, ein dringendes Interesse auf Abschluß neuer Verträge. Bei der gegenwärttgen Lage sind die Verhältnisse für Hnn- derttausende von Landwirten außerordentlich ernst geworden. Die Soldatenmißhandlnngeit miß- billigeit auch wir, mittelbar werden sie zum Grunde die Einführung der zweijährigen Dienst- zeit haben. • (Beifall rechts.)
Sonnabend 1 Uhr: Fortsetzung und Handels- Provisorium mit England.
Schluß 6y4 Uhr.)
Hadwig war mit einem alten ^Bekannten zu- fammenactroffen, einem Freund ihres Mannes, dem Schriftsteller Herbart, der auf Langeoog auch ein wenig Seeluft zur Erholung schlucken wollte, wie er vorgab. Herbart war ein kleiner, verwachs euer Mann mit häßlichem, aber geistvollem Gesicht. Nichts an ihm war schön im landlau- figen Sinne des Wortes, selbst seine Stimme entbehrte jeden Wohllaut. Sie klang heiser, rauh — und der blinde Professor behauptete, noch nie eine derartig unmelodische Menschenstimme gehört zu haben. Aber trotz alledem war Hadwig mehr als angenehm überrascht, als der Schriftsteller eines Morgens mit langen Schritten über den Strand stiefelte und Jie halb verlegen, halb glückstrahlend begrüßte. Es lag etwas so Rührendes in ferner Freude! Und sie hatten sich ja auch so lange nicht gesehen! Seit Werner Ottens Tod hatte sich Her- bart nicht mehr um Frau Hadwig gekümmert. Damals war er plötllich aus der Stadt verschwunden und ließ nicht das geringste wieder von sich hören, trotzdem er und Ottens Weib fo „gute Freunde geworden waren. Aber Hadwig zürnte ihm nicht seines Schweigens wegen. Sie wuße, er war ein komischer Kauz, den man am besten ruhig gewähren ließ. Einmal würde er sicher wieder auftauche!!. Und nun war das auch wirklich geschehen. Sie hatte immer eine Schwäche für den häßlichen Menschen gehabt — vielleicht eben darum, weil er so häßlich war, vielleicht auch, weil er sie so innig verehrte und ihr ferne Huldigungen auf eine ganz absonderliche Weise darzubringen wußte, aber auch um seiner Klugheu willen und weil er so ganz eigene Ansichten von Welt und Leben batte, anders, als alle die, mit denen sie verkehrte. Sie wurde — unbewußt a— feine Schülerin, und sie war gelehrig- dankte sie ihm.
(Fortsetzung folgte