Sonntagsbeilage» Jllnstrirtes SonnLagsblatt
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Vierteljährlicher Bezugspreis: btt oer Expedition 2 Mk., bet allen Postämtern 2,25 Mk. <erci. Bestellgeld).
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Marburg
Dienstag, 1. Dezember 1903.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, UmversitätS-Buchdruckerek Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
38. Jahrg
K < Bestellungen
für den Monat Dezember auf die
^Oberheffifche Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirchhain und Neustadt, sowie von allen Postanstalten und LandbriestrSgern entgegengenommen.
Unsere Unteroffiziere.
Wie im Laufe der veraanaenen Woche ofsi- ziös mitgeteilt wurde, sollen im diesjährigen Militäretat auch Forderungen zur Besserstellung der Unteroffiziere erscheinen, da die Geldbezüge der letzteren nicht mehr den gesteigerten Ansprüchen, der Lebenshaltung entsprechen, andererseits aber auch eine rückgängige Bewegung in der Zahl und Güte der Unteroffiziere droht, wenn inan, ihr nicht bald entgcgenwirkt. Die Notwendigkeit eines brauchbaren Unteroffizierkorps wird um so klarer, lvenn man berücksichtigt, daß bei der deutschen Infanterie gegenwärtig eine nicht geringe Anzahl Leutnants am Sollbestande fehlt und ihre Stellen durch Unteroffiziere versehen werden muffen.
Mit der Ausführung dieser Ankündigung wird ein Wunsch erfüllt, der von denen, die die Schlag- Fertigkeit und Leistungsfähigkeit unseres Heeres zum mindesten auf der alten Höhe erhalten wissen wollen, der Heeresverwaltung wiederholt unterbreitet worden ist. In den letzten Jahrzehnteit hat sich der Wohlstand nahezu aller Klassen der Bevölkerung, namentlich auch der Arbeiterbevölkerung, nicht unbeträchtlich gehoben. Nur unsere Uittcroffizicre muhten es sich gefallen lassen, daß ihre recht bescheidene Löhnung dieselbe blieb und daß doch gleichzeitig immer wachsende. Anforderungen an ihren Geist und Körper gestellt tour- den. In des Königs Rock widmen sie ihre besten Kräfte dem Dienste des Vaterlandes, und wenn dann in fpäteren Jahren ihre Leistungsfähigkeit zu sinken beginnt, müssen sie sich nach einer Zivil- stellung umseheu, die in der Regel andere Fähigkeiten und Leistungen verlangt, als der Militär- bicnft vorauSsehte. In der Presse ist ans diese Verhältnisse immer wieder aufmerksam geworden. Hier schlug man vor das System der Zivilversorg- ung überhaupt aufzugeben und die Unteroffiziere durch Dienstalterszulagen und durch Pensionsfähigkeit bis zu dreiviertel ihres Einkommens so lange wie irgend möglich an die Truppe zu fesseln. Dort verlangte man die Einrichtung Don Feld- webcllcutnants-Stellen und die Verleihung des Offiziersrangs an diejenigen Unteroffiziere, die eine lange und einwandsfreie Dienstzeit hinter sich haben.
Solche Vorschläge atmen zweifellos Wohl- wollen für unseren Unteroffiziersstand. Allein man wird die Interessen der Unteroffiziere mehr fördern, wenn man sich zu ihrer Besserstellung auf Forderungen beschränkt, die in der Sache zweckmäßig und zugleich ohne erhebliche Schwierigkeiten ausführbar sind. Ob z. B. bei dem an- streitgenden Dienste bei der Infanterie Unteroffi
ziere zwanzig oder gar dreißig Jahre in der Front bleiben können, darf bezweifelt werden, und ob bei der gegenwärtigen Finanzlage des Reiches Pensionsfähigkeit des Einkommens und Dienst- «llterszulagen gegeben werden können — wio haben jetzt über achtzigtausend Unteroffiziere — erscheint gleichfalls fraglich. Eine mäßige Erhöhung der Löhnungssätze ist daher unter den vorliegenden Verhältnissen noch immer das Beste, und es wird daher nur mit Genugtuung aufzunehmen fein, daß der neue Etat eine solche Besserstellung unserer Unteroffiziere bringen soll. Daneben wolle man aber an maßgebender Stelle auch noch eine andere Forderung beachten, deren Erfüllung keinen Pfennig kostet und doch gleichfalls dazu beiträgt, uns dauernd einen guten Stamm von Unteroffizieren zu sichern, die ihren Dienst mit Lust und Liebe tun: eine gute Behandlung. Die Erfüllung dieser Forderung hängt, in erster Linie von den Kompagniechefs ab. Wie diese den Unteroffizieren gegenübertreten, so werden in dec Regel die Unteroffiziere auch die ihnen untergeordneten Mannschaften behandeln.
Im norddeutschen Reichstage war es noch, als die Hebung der Lage dec Unteroffiziere verlangt wurde, sowohl itach der finanziellen wie nach der sozialen Seite und ausdrücklich betonte, man damals, daß die Unteroffiziere gewiß Subalterne, aber doch immer (Unter)-Osfiziere seien. Sie erhielten dann bessere Beköstigung, besondere Unteroffizierskasinos, bessere Bekleidung, besondere Unteroffiziersstuben und dergleichen mehr. Seitdem sind viele Jahre inS Land gegangen, ohne daß etwas Wesentliches für den wichtigen Stand der Unteroffiziere geschehen ist. Wenn man jetzt im Reichstag diese immerhin itoch bescheidene Äuf- bess-rung des Gehaltes der Unteroffiziere beschließen wird, so werden das die Westesten Kreise unseres Volkes, denen an der Erhaltung eines tüch- tigen Unteroffizierkorps etwas gelegen ist, nut mit Genugtuung begrüßen.
Umschau.
Ein neuer Hilferuf für die Buren.
AuS Südafrika kornntt die Nachricht, daß die Burenbevölkerung der beiden Kolonien Transval und Oranje dem Hungertode nahe sei! Die Mehrzahl der Familien, welche früher wohlhabend mären, haben keine Häuser mehr und sind jetzt auf Almosen angewiesen l Krankheiten erfordern große Opfer unter der Bevölkermtg. Die Zustände sind schlimmer als während des Krieges — selbst ein Delarey leidet Not!
Diese Tatsachen veranlassen den Wiesbadener Burenhilfsbund, sich vor dem Weihnachtsfeste erneut an die Oeffentlichkeit zu wenden mit der herzlichen Bitte, den Buren, welche dem Hunger- tode nahe sind, zur Hilfe zu eilen. Er bat in den Monaten Juli bis Oktober rund 5000 Mark gesammelt und nach Pretoria gesandt an die Adresse des dortigen „Generale Boerenhiilppfonds-Ko- mitee" mit der Anweisung, diese Gelder für die notleidenden Witwen und Waisen der Buren zu verwenden. So klein diese Summe erscheint, nichtsdestoweniger wird sie viel nutzen. Denn die Buren sind ein außerordentlich genügsame? und zugleich findiges Volk. Man hat vielfach behauptet, die Gaben des Festlandes wären nur ein Tropfen auf einem heißen Stein. Das ist aber
hier nicht der Fall, weil das Burenvolk auch mit den einfachsten Mitteln viel anzufangen versteht. Viele haben sich Hütten aus Lehm und einigen Stöcken gebaut. Haben sie erst einige Säcke Kartoffeln, so arbeiten sie sich bald aus dec ersten schlimmen Lage heraus. Darum bittet der Wiesbadener Burenhilfsbund itm weitere Gaben. Gelder wolle man an den Vorschußverein zu Wiesbaden, Friedrichstraße 20, senden, mit dem Ver- merk: „Für den Burenhilfsbund." Guterhaltene Kleider werden mit Dank angenommen und sind an den Schriftführer Grafen A. von Bothmer, Wiesbaden zu adressieren.
Das neue preußische Abgeordnetenhaus
hat durch die Wahlen keine wesentliche Veränderung erfahren, denn der so prahlerisch ange- kündigte Ansturm gegen die „Reaktionäre' endete mit einer Blamage der vereinigten Linksliberalen und ihrer Genoffen Sozialdemokraten, wie sie größer nicht gedacht werden kann. In dem, im Januar zusammentretenden Hause, weisen die verschiedenen Parteien folgende Mitglieder
zahlen auf:
Konservative 148 gegen bisher 143
Freikonservative 64 , ,57
Zentrum 97 , ,99
Nationalliberale 79 , . <5
Freisinnige Volkspartei 28 , ,25
Freisinnige Vereinigung 8 , , 10
Polen 13 , , 13
Dänen 2 , , 2
Reformpartei lAntijemiten) 2 , , 1
b. keiner Pattei (darunter auch 2 Ver -
treter des Bundes der Landwirte! 7 , , 8
Deutsches Reich
Berlin, 30. November.
— Seine Majestät der Kaiser empfing am Freitag den deutschen Botschafter in St. Petersburg, von Alvensleben. Abends fanden wieder, musikalische Vorträge tm Neuen Palais statt. Am Samstag hätte der Kaiser Mattnevorttäge.
— Das Befinden Se. Majestät ist ausgezeichnet, die Heilung der Stimmlipenwunde eine vollständige, sodaß Professor Schmidt schon seit Ende vottger Woche wieder in Frankfurt a. M. weilt. Die noch nötige Massage des Kehlkopfes führt, wie bereits erwähnt, Dr. Spieß jetzt ganz selbstständig aus, ebenso leitet er die Sprechübungen, denen sich der Kaiser noch immer unterzieht. Wie gut das Befinden unseres Kaisers ist und wie völlig unbegründet jede Besorgnis, es könnte noch irgend etwas nachfolgen, geht daraus hervor, daß der Monarch trotz des 'kalten Wetters die gewohnten Spaziergänge regelmäßig wieder unternimmt. Man glaubt auch mehr und mehr, daß er persönlich die Thronrede zur Eröffnung des Reichstages verlesen werde.
—Prinz Adalbert trifft in diesen Tagen tn Schanghai ein. Zu seinem Empfang hat auf der Reede von Schanghai der große Kreuzer „Hertha" bereitzuliegen, der bereits von Nagasaki aus in See ist. Ehe der Prinz feine Kreuzfahrten in den chinesischen Gewässern antritt, wird er Kiau- tschou einen ersten Besuch abstatten.
— Da am nächsten Donnerstag die Eröffnung des Reichstages stattfindet, so tritt der Bundesrat bereits heute oder am Mittwoch zu einer Plenar
sitzung zusammen, um die noch ausstehenden Etats zu erledigen, damit der Etat als Ganzes dem Reichstage sofort nach seinem Zusammentritt vorgelegt werden kann. Auch der Entwurf über die Kaufmannsgerichte soll in dieser Sitzung erledigt werden.
— Der Bundesrat stimmte in seiner letzten Sitzung den Ausschußberichten über die Vorlage betreffend den Paragraph 12 Absatz 3 des Gesetzes betreffend Schlachtvieh- und Fleischbeschau vom 3 Juni 1900 und über den Entwurf des Etats des Reichsheeres zum Neichshaushalts-Etat für 1903/4 zu.
— Aus München meldet die „Korrespondenz Hoffmann halbamtlich: Wie bereits mitgeteilt, wurde, entbehren die verbreiteten Gerüchte über die Erkrankung des Prinzregenten jeder Begründung.
— Dem neuen Landtage wird eine bett. Vorlage über die Stellung der Kreistierärzte zugehen. Es ist nach einem Bescheid des Landwirtschaftsministers an die Zentralvertretung der. tierärztlichen Vereine geplant, den Kreistierärzten die Pensionsberechtigung zu verleihen und ihre Dienstbezüge unter Aussiebung des Gesetzes vom 9. März 1872 anderweitig zu regeln. Die Gehälter der Kreistierärzte sollen durch den Staatshaushalts-Etat erhöht werden.
—Eine Erhöhung des Anfangsgehalts der Landbriefträger von 700 auf 800 Mark bringt nach der „Deutsch. Verkehrsztg." der neue Reichspostetat.
— Aus Deutsch-Südwestafrika meldet ein Neutertelegramm, daß in dem letzten Gefecht in der Nähe von Sandfontein die Hottentotten geschlagen wurden und in die Berge flüchteten. Di« weitere Verfolgung werde fortgesetzt.
— Für die Weltausstellung in St. Louis wird auf Veranlassung des preußischen Unterrichtsmi- nisteriums ein Werk vorbereitet, das eine zusam, enfassende Darstellung des deutschen Untrerrichts- wesens in allen Zweigen enthalten soll.
— Der neuernannte Präsident des Evcmgeh Oberkirchenrats, Voigt, wird bereits am 1. Dez, sein Amt übernehmen.
— Die Nachricht der „Rundschau", daß Bischof. Komm abdanken wolle, erklärt die „Trierischs Landeszeitung" als jeder tatsächlichen Unterlage entbehrend.
— Der Reichstagsabaeordnete von Glebocki (Pole) ist infolge eines Schlaganfalls plötzlich gestorben. Glebocki gehörte dem Reichstage als Vertreter des Wahlkreises Schrimm-Schroda seit 189& an, Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses war er als Vertreter desselben Kreises seit 1893. Bei der notwendig gewordenen Ersatzwahl ist den Polen der Sieg sicher.
— Bei der bevorstehenden Reichstagseröffi nung wird der konservative Abgeordnete v. Win- terfeldt-Menkin, der am 2. März 1823 geboren ist, als Alterspräsident fungieren, wofern er nicht am 3. Dezember am Erscheinen verhindert fein sollte. Dem Abg. v. Winterfeldt folgen im Alter die Abgg. Dr. Rintelen, Graf Hompesch, Fürst z uJnn- und Knypphausen, Spinola, Träger, von Strvmbeck. Der jüngst; Reichstagsabgeordnete ist das Zentrumsmitglied Enzberger, der erst 28 Lebensjahre zählt. — Das Präsidium im, Reichstage wird allgemeiner Annahme zufolge wiederum dem Grafen "Ballestrem übertragen werden, als erster Vizepräsident dürfte Graf Stolberg-Weni-
2 "'körnet verboten.)
Frau Haowig.
Eine Srrandgeschichte von Ella Lindner. iFottfetznno.
„Ja — jp — ja —"nickte Ursula. „Das hast Du von Deinenr Vater. Das war auch so einer. Nur wandern — wandern —hinaus in die Welt — da war er glücklich. Und Du bist ebenso. Das steckt im Blut. Ich dachte freilich in der letzten Zeit. Du scheinst so wenig Sehnsucht hinaus zu haben, und man bat ja Beispiele, wo sich dergleichen legt mit den Jahren —"
„Aber nicht bei mir! Die Sehnsucht hat nur geschlafen, Ursel — und jetzt ist sie ausgemacht und ich kann sie nicht wieder zur Ruhe bringen, und ich will es auch gar nicht," setzte sie mit leiser Entschlossenheit hinzu.
Das wußte die alte Fran. Sie kannte Hadwig gut genug.
„Und wohin also?" fragte sie nur.
„Wohin?" In Hadwigs Augen kam ein stiller Glanz. „An die See! Meeresrauschen! O Ursel, Ursel — wie fange hab' ich es nicht hören dürfen!"
„Wie lange! Und mancher lebt, der es nie hört und vielleicht ebenso heftig darnach sehnt," dachte Ursel. Daun strich sie leicht über Hadwig? weiches Haar. „Also — wenn es Dich so fort« treibt. Du weißt doch — ich halte Dich nickst -—"
Nein, das wutzte sie, gewiß. Und sie würde sich auch nicht halten lassen. Sie war eine durch und durch selvständige Natur. Sie war also daran gewöhnt, eigenmächtig zu handeln, aber hatte sie dabei einen Mißgriff getan, so erging sie sich auch
nicht in nutzlosen Klagen, sondern trug stolz die Folgen. In diesem Stolz machte Wohl das friedliche Glück ihrer kurzen Ehe seinen Gmnd gehabt haben.
Frau Hadwig schmiedete nun vom Morgen bis zum Abend Reisepläne. Mächtige Atlanten schleppte sie herbei und allerlei Bücher, und mit einem wahren Feuereifer fuhr der rosige Zeigefinger auf den Sanbfarien hin und her. Sie wollte kein großes Seebad au fünften.
„Ich möchte nur wenige Kleider mitnehmen, Ursel. Ich möchte einmal ganz frei fein! Und das kann ich doch nicht, wenn ick zehnmal des Tages Toilette machen muß. Auf eine kleine, stille Insel will ich — die Hauptsache ist das Meer — und nicht so viele Menschen, von denen hab' ich hier übergenug. Ich will mich einmal recht ausruhen — ach —" sie dehnte die jungen Glieder — „solch ein leeres Dasein macht doch entsetzlich müde! Traurig, daß ich so gar kein Talent für irgend etwas besitze! Vielleicht fällt mir an der See ein gescheiter Gedanke ein. Oder waS meinst Du, soll ich nach meiner Rückkehr Krankenpflegerin werden?"
Ursel konnte sich das nicht gut vorstellen.
„Wenn man doch noch nicht s» alt wäre!"
„Kind, mit fünfundzwanzig Jahren ist man noch nicht alt.,,
„Zll manchen Dingen sicher. Geliebtes. Kann ick zum Beispiel jetzt noch einmal mit lernen anfangen?"
„Lernen?" Ursel schob ihre Brille auf die Stirn. „Liebe Zeit! Was willst Du Kluge denn noch lernen?"
„„Alles! Wäre ich jetzt jung, dann besuchte ich ein Mädchengymnasium, «nb dann würde ich
studieren — Medizin — und Kinderärzttn werden — ja — Kinderärztin —" sie schaute still vor sich hin, und auch Ursula schwieg. Sie kannte zur Genüge Hadwigs Kummer. Das .Kindl Das war der wunde Punkt ihres Lebens. Ihr fehlte solch ein kleines Wesen, auf welches sie den ganzen Reichtum ihrer Seele hätte ausschütten, können. Niemand wußte besser als Ursula, wie viel Mut- terzärilichkeit in diesem Frauenherzen aufgespeichert lag — und alles umsonst — ganz umsonst. Hadwig fuhr sich langsam mit der Hand über die Stirn. „Erschrick nur nicht. Geliebtes, wenn ich mir vielleicht ein blondes Friesenkind von der Reise mitbringe —" ihre Stimme zitterte ein wenig — „nur damit ich endlich etivaS hätte, für das ich sorgen könnte."
Ohne der alten Frau Antwort abzuwarien, vertiefte sie sich wieder in das Studium der deutschen Nordseekilste.
„Du mußt das alles ja nun bald auswendig wissen, Hadi."
„Das tu’ ich auch. Wie man dabei seine halbvergessenen Schnlkenntnisse auffrischt, das ist fa- brihaft. Geographie war nie meine Stärke, we- nigstenS früher nicht beim alten Helm. War daS langweilig! Ich konnte mir nie merken, wie viele Onadratmeilen ein Land hatte und tote viele Einwohner diese oder jene Stadt, und eS interessierte mich anck gar nicht. Aber wenn Vater mit mir auf der Landkarte herum reifte, da? mochte ich gern. Vater konnte so nett erzählen, da hab' ich tausendmal mehr dabei gelernt, als in Helms Geographiestunden."
Sie hatte sich auch einen „Führer durch Bremen" gekauft, denn in der Hansastadt wollte sie übernachten imd bann anderen Tages nach den
ostfriesischen Inseln Weiterreisen., Langeoog hatte sie nach kurzem Iteberlegen gewählt.
„Ich bin ja nicht gebunden. Wenn es mtc dort nicht besagt, suche ich vielleicht Wangeroog auf oder sonst eine Insel." , .
Und bann nimmt sie eines Tages Abschied von Ursula, Babette bringt ihre Herrin nach dn: Bahn, hilft ihr bas Gepäck unterbringen und wünscht der gnädigen Frau zmn Schluß eine glückliche Reise. Das Mädchen geht und Hadwig macht es sich in den Polstern beguein. Sie ist allein im Wagenabteil, aber nicht lange.
„Bremen — Nichtraucher!" hört sie eine wohlklingende Männerstimme sagen. Der Schaffner öffnet mit einem „Hier!" die Kupeetür, und der Besitzer jener wohlklingenden Stimme wird Frau. Hadwigs Reisegefährte. Sie nimmt vorerst wenig. Notiz von ihm. Eigentlich ist sie etwas verstimmt, über die Gesellschaft, sie wäre viel lieber allein geblieben. Das Reisen besitzt für sie fast den ReiL der Neuheit, und sie hat es sich so nett ausaedachtj von einem Fenster zum andern laufen zu können, um nur ja nichts zu versäumen von a lldem Schönen, das sich rechts und link? begeben wird. Untj nun sitzt da drüben einer und verkümmert ibn ben Genuß. Zwischen ben feingesckwungeneu Brauen vertieft sich ein; kleine trotzige Falte. 63 ist ja zu schön! Der Himmel so leuchtend, wie n „ zuvor, in den Lüsten jubelnde Lerchen und an bet, Felsrändern blauer Wegwarf und roter Sie hat schon oft Wegwart gesehen, aber sich nv etwas dabei gedacht, und nun plötzlich erinnen er sie an eine glücksdurstige Menschenseele, bi; shtt Arme mit derselben Sonnenfehnsucht emporstreckd wi- die Blume ihre schlanken Zweige.
(Fortsetzung folgt.)'