Deutsches Reich
Berlin, 27. November.
— Seine Majestät der Kaiser hörte am gestrigen Mittwoch die Vorträge des Kriegsministers und des Chefs des Generalstabes der Armee. Am Mittwoch Nachmittag unternahmen beide Majestäten eine Spaziergang in der Umgebung deZ Neuen Palais.
— Der Kaiser hat dem Verein deutscher Leh rcrinnen in England ein Gnadengeschenk vor 2500 Mk. überwiesen.
— Wie die „Rundschau" initteilen kann, vollzieht die Nackbehandlnng des Kaisers mit Massag» und Stimmübungen nicht Exzellenz Schinidt per sönlich, sondern ein Schüler desselben, Dr. med Gustav Spieß, der 12 Jahre lang Mitarbeiter des Professor Schmidt gewesen ist und sich dur«t zahlreiche Schriften auf dem Gebiete der Hals und Naseukrankheiten einen Namen gemacht hat. In den letzten Jahren hat Dr. Spieß sein besonderes Interesse den Erkrankungen des Stimmorgans bei Sängern und Offizieren zugewendct und als Ergebnis dieser Studien vor kurzeni eint Anleitung zum Gebrauche der Stimme beim Kommandieren den obersten Militärbehörden eingereicht.
— AuS Deutsch-Südwestafcit'a ist über Kapstadt eine Nachricht eingetroffen, wonach die Hot- tentottenhäuvtlinge Hendrik Witboi, Beersiba uni Bethani in Keetmaushoop die Ankunft des deut scheu Gouverneurs Oberst Leutwein erwarten, un die ganze Angelegenheit zu regeln. Man erwartet, daß eine befriedigende Regelung erfolgen werde. Es wird gemeldet, daß mir in Warmbad ein Aufstand gewesen ist.
— Der „Hamb. Korresp." schreibt: „Gegenüber anders lautenden Vermutungen und Behauptungen erfahren wir aus unanfechtbarer Quelle,
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„Ja," hauchte Frida in seligem Entzücken, „ich bin feine Braut, und nichts wird mich abhalten, feine Frau zu werden. Mein Herz hat längst gesprochen, und Titel und Würden, die mir ein anderer bietet, können mich nicht von ihm reißen."
Sie hatte sich Ihrem Verlobten genähert, der sie mit beiden Armen umschloß.
„Sei ruhig, mein Lieb, auch die gnädige Frau lvird Deine Wahl gutheißen."
„Niemals," entgegnete Frau Horsten. „Aber, was sagst Du dazu, Alex? Du tust gerade so, als ob Dich da-Z alles nichts anginge."
Horsten hatte während der ganzen Zeit mit gemischten Gefühlen und Empfindungen dagesesien und bald auf Helmut, bald auf die Damen geschaut. Er hielt seinen Brief noch immer in der - Hand.
„WaS soll ich atich dazu sagen, Ella! Frida ist selbständig genug, um ihr Herz sprechen zu lassen, und wir haben kein Reckst, uns in ihre Herzensangelegenheiten zu mischen. Sie bat ihre' Wahl getroffen, und ich kann sagen, das; sie recht gewählt bat. Herr Kraft ist un? aller Retter geworden. und wir sind ihm großen Dank schuldig/ Ich bitte Dich. Ella, laß Deine Abneigung gegen ibn fahren und fei ihm freundlich gesinnt."
Frau Horsten tat, als hörte sie nichts. Stumm und still saß sie da. Sie wusste, das; auf Beistand von ihm nicht zu rechnen war.
„Uebrigens," fuhr Horsten fort, „ist der Graf von Eichseld ein Manu, dem man alle Hochachtung entgegenbringen muß, und der dazu b;« rufen zu sein scheint, mächtig in unser aller Schicksal einzugreifen. Sonderbar . . ich habe ihm Eichfeld zum Kauf noch nicht angeboten, und doch kommt er nun selber in diesem Brief und fragt' an, ob ich ihm Eicksteld mit allen Rechten und Pflichten überlassen würde. Er selbst will beiste erscheinen und persönlich mit mir darüber ver«
mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
SsnutagSVeilager Jllustrirtes Sonntagsblatt.
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Marburg
Sonnabend, 28. November 1903.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
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38. Jahrg.
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Dr. v. Nottenburcfs Tischrede.
Der in der Amtszeit des Fürsten Bismarck als Chef der Reichskanzlei vielgenannte und jetzt als Kurator der Bonner Universität tätige Dr. von Rottenburg hat bei dem jüngst in Bonn abgehal- tenen Rektoratsessen, ein politisches Allerlei zum Besten gegeben, das in der linksliberalen Presse mit großer Befriedigung angenommen wurde, in der gesamten konservativen Presse aber die gebührende Kritik erfahren hat.
Der Kurator der Bonner Universität beginnt mit einigen Gemeinplätzen über die Freiheit der Wissenschaft und wendet sich dann zur Bekäpfung der konfessionellen Volksschule und zu einer Verherrlichung der Simultauschule. Er verurteilt also, die Schulpolitik, die in Preußen von jeher betriebeit wurde imb nach den Erklärungen der verantwortlichen Minister dort auch weiter betrieben werden soll. Ein freisinniges Blatt zieht au? diesem Teil der Rede die Folgerung: „Wenn der Kultusminister seinem ersten Gefühl bei der Rede des Herrn v. Rottenburg folgen wollte, wäre der blaue Brief vielleicht schon fertig." Mit einem kühnen Sprung kommt der Redner zu einer Charakterisierung der Bismarck'scheu Politik, wie sie unzutreffender selten geboten wurde. Er spielt an auf den Streit mit Spanien in der Karolinen- froge, der bekanntlich nachher durch den Schieds- svruch des Papstes beigelegt wurde und meint, Bismarck habe Seiner Majestät den Appell aus Schwert nur deshalb nicht empfohlen, weil der Gegner ihm zu minderwertig erschien, „gefahrloses Kämpfen sei rühmloses Kämpfen". In Wirklichkeit sah der eiferne Kanzler voraus-, daß ein Krieg mit Spanien dieses Frankreich in die Arme treiben müsse, und zu diesem Preise glaubte er die Karolinen nicht eiukausen zu sollen. Noch unziitreffeuder aber sind Dr. v. Rottenburgs Ansichten über die Stellung Bismarcks zur Sozialdemokratie. Der Bonner Kurator bringt eS allen Ernstes fertig' den Altreichskanzler als einen Gegner staatlicher Abwehrmaßregeln — der Redner sagte geschmackvoll des Polizeiknüppels — gegen den Umsturz hmzustelleu, den Altreichskanzler. der die Sozialdemokraten „Räuber und Diebe" nannte, „die zermalmt werden müssen", der weiter sagte: „Die Sozialdemokratie lebt mit uns im Kriege und wird losgeschlagen gerade so gut wie die Franzosen, sobald sie sich stark genug dazu fühlt" und der sogar befürchtete, daß der Knüttel der Polizei gegenüber dem Umsturz vielleicht durch
"3 «Nachdruck verboten.)
Im Schlosse der Ahnen.
Öliginal-Roman von Otto König. Liebt Hai.
'Rott'ebitng.!
„So wollen Sie auch von liier fort!" rief der Inspektor verwundert aus. „Aber wo bleibt das gnädige Fräulein?"
„Die gebt natürlich mit uns," erwiderte Horsten. „Aha, setzt errate ich den Grund Ihres so Mählichen Entschlusses. Sie können also ruhig .hier bleiben, da mir gehen und sie auch."
Erleichtert atmete der Inspektor auf.
„Ja, wenn es so steht, dann kann ich ja bleiben, wenn der neue Herr mich behalten will."
„Ich werde Sie empfehlen." sagte Horsten, „doch das gnädige Fräulein schlagen Sie sich aus dem Sinn, meine Verwandte ist bereits glückliche Braut. Wer ihr Verlobter ist, werden Sie wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen erfahren."
„Ich kau» es mir schon denken," entgegnete Wegener und verabschiedete sich.
Auf dem Flur traf er Helmut, der eben von einem Spasteraang zu rückgekehrt war.
„Ich gratuliere!" rief er ihm zu und schüttelte kräftig die Hand des Bräutigams.
„Wozu?" fragte Helmut belustigt.
„Na, verstellen Sie sich nur nicht. Ihnen gönne ich sie von Herzen, Sie iverbi.t sie glücklich machen."
„Das freut mich." entgegnete Helmut, der von der Werbung des Inspektors wußte, „daß Sie üch so bald q.sträsikt haben. Und so hoffe ich. daß wir in Zukunft gute Freunde bleiben loerben."
„Herr Horsten will Eichseld verkaufen, wie er mir eben sagte, und den Ort verlassen, ba werde» Sie dach mitgehen."
„Neti!," jagte Helm!!' hkitimmt, „tch bleibe."
die Flinte des Soldaten ersetzt werden müsse. „Die soziale Frage hätte einst durch Polizeimittel gelöst werden können, jetzt wird man militärische Mittel anwenden müssen!" Kein Wunder, daß zu diesen merkwürdigen Auslassungen des Bonner Redners selbst die freisinnige „Vossische Ztg." schreibt:
Was Herr von Rottenburg von der Politik des Fürsten Bismarck gegenüber der Sozialdemokratie berichtet, spiegelt mehr die Gesinnung des Festredners als die seines früheren Chefs wieder. Wenn er versichert, Fürst Bismarck, der über viele Formeln in der Behandlung der Menschen ver- fiigte, habe für die Knüttelformel niemals Vorliebe gehabt, so steht damit nicht nur die Geschichte des Sozialistengesetzes in Widerspruch."
Nun erhofft der Kurator der rheinischen Universität Erfolg in der Bekämpfung der Sozialdemokratie durch „Abhilfe der Schäden und Erhöhung der Bildung". Zunächst sollen die Besitzenden zugunsten der Besitzlosen noch höher belastet werden. Aber die sozialpoliische Gesetzgebung des letzten Jahrzehnts, die dem Reiche ungezählt- Millionen kostete und den Besitzenden schwere, dem Mittelstände fast unerträgliche Lasten brachte, hat ein immer stärkeres Anwachsen der Sozialdemokratie nicht verhindert, unb ber Bonner Redner, der so gern als Interpret Bismarck- scher Staatskunst dafiehen möchte, vergißt auch, daß er in dieser Frage gleichfalls nicht die Ansichten des Fürsten Bismarck iviebergegeben hat, denn dieser sprach es offen aus: „Die den Sozialdemokraten gewährten Zugeständnisse werden sie nicht bekehren; sie können nur dazu beitrogen, die Zahlen jener Stimmen zu vermehren, die ihnen bereits zur Verfügung stehen."
Unb dann die Erhöhung der Bildung. Ge- iviß wird jeder wünschen, daß alle Teile unseres Volkes ans ein immer höheres geistiges Niveau gelangen. Aber wird dadurch die Sozialdemokratie an Boden verlieren? Ancki hier macken wieder freisinnige Blätter am lebhaftesten Bedenken geltend. Das „Berliner Tageblatt" macht darauf aufmerksam, wie eifersüchtig die Sozialdemokratie darüber wacht, auch die Bildung zu monopolifieren, und die „Vossische Zeiwmg" meint: „Hinsichtlich der Erhöhung der Bildung rühmt Dr. von Rottenburg volkswirtschaftliche Vorträge und Kurse. Die Sozialdemokratie würde schwerlich von diesen Einrichtungen viel Gebrauch machen. Sie schickt ihre Zöglinge in andere politische Schulen als zu den Professoren der Bourgeoisie. Ein Vortrag des Herrn Bebel über die Notwendigkeit, den Staat zu untergraben und, wenn möglich, umzustürzen, wirkt auf die „Genossen" kräftiger als alle Vorträge und Kurse aller bü rgerlicher Präses so reu."
Aus alledem erhellt jedenfalls, das; Dr. von Rottenburg einmal die Berufung auf Fürst Bismarck in feinem eigenen Interesse besser unterlassen hätte und das; fein eifrigstes Streben hätte fein sollen, eine Verbreitung feiner Rede durch den offiziösen Draht zu verhindern. Das Kovf- schüttel» brauchte sich vorn Bonner Rektoratsessen schließlich nicht über das ganze deutsche Reich zu verbreiten.
„Das verstehe ich nicht," entgegnete ber Inspektor unb ging kopfschüttelnd zur Tür hinaus.
„Er muß auck bleiben," sagte sich Helmut, „einen besseren Inspektor kann ich nicht bekommen. Er wird mir Pbilippstal gut verwalten." —
Mit Sehnsucht erwartete Helmut heute den Postboten, der zwei Briefe bringen mußte, die er selber geschrieben unb mit „Graf von Eichfeld" unterzeichnet hatte. Der eine war für Horsten, der zweite für Fräulein von Kultig bestimmt. Er hatte lauge darüber nackgedacht. wie er sich zu erkennen geben sollte; diese zwei von ihm selbst geschriebenen Briefe sollten nun das Mittel dazu sein. Unb wie er sich's gedacht hatte, so kam es auch.
Die Herrschaften saßen noch am Frühstückstisch, als der Bote erschien und die bewußten Briefe auf den Tisch uiederlegle, dazu noch einen für Helmut, der von Schwabenstein war und worin er feine Verlobung mit Henriette von Weberstein anzeigte, und einen für Frau Horsten von ihrer Freundin Mathilde von Ebert.
„Nun." sagte Horsten lächelnd, „da hat ja jeder etwas bekommen unb wir brauchen imS gegenseitig keinen Zwang aiiszulegen."
Er erbrach seinen Bries unb vertiefte sich in dessen Inhalt, worauf die anderen ein gleiches taten.
Fräulein von Kullig war die erste, die mit dem Lesen fertig war. Sie legte den Brief erregt auf den Tisch und stieß beim AuUeheu den Stuhl um. Ihre Hände zitterten, und ihr Gesicht überzog sich mit einem glühenden Rot. Helmut saß still ans feinem Platze und beobachtete mit stiller Freude feine Brant.
Jetzt sah Fra« Horsten auf.
„Was hast Dn denn, Frida?" fragte sie und griff »ach ihrem Briefe. „Darf ich?"
Frida nickte und sandte einen liebeglühenden Blick nach Helnmt hinüber.
Umschau.
Fürsorge für die notleidenden Provinzen.
Der Hauptvorstand des Vaterländischen Frauen- Vereins hat feinen Verbänden in bett von den Ueberschwemmnngen betroffenen Provinzen im Verfolg früherer Geldsendungen weitere 84 000 Mark überwiesen. Davon erhalten, entsprechend den Vorschlägen einer mit Vertretern ber beteiligten Verbände abgehaltenen Konferenz: Schlesien 45 000 Mark, Posen 21 000 Mark, West- Preußen 4000 Mark, Ostpreußen 4000 Mark, Brandenburg 10 000 Mark einschließlich 5000 Mark, welche der Berliner Zweigverein des Vaterländischen Frauenvereins dorthin gelangen lassen wird. Diese Gelder sollen beitragen, die jetzt bei Beginn des Winters in verstärktem Maße sich geltend machende Not ber ärmsten, von bett Heber- schwemmungen in ihrem Nahrungsstande geschädigten Kleinbesitzer, Pächter, Anlieger zu lindern. Die Verwendung erfolgt durch die Zweigvereine des Vaterländischen Frauenvereins in den Ueberschwemmungsbezirken, überall nach Verständigung und im Einvernehmen mit den Behörden, deren eigene Hilfstätigkeit hierdurch in willkommener Weise ergänzt wird. Die gedachten Beiträge rühren her aus: denjenigen 30 000 Mk., welche das Reichskomitee aus den allgemeinen Santmekgeldern dem Vaterländischen Frauen- Verein überwiesen hat, da dieser sich unter Verzicht auf eigene Aufrufe den allgemeinen Sammlungen angeschlossen hatte, aus 81000 Mark, welche trotzdem noch nachträglich in sehr dankenswerter Weise seitens der Vaterländischen Frauen- vereine aller Landesteile bei dem Schatzmeister des Hauptvereins, Bankier von Krause, Leipziger- straße 45 eingegangen sind und 16 000 Mark, welche der Berliner Zweigverein gesammelt hat. Diese Santmlungen wurden veranstaltet, nachdem die Kaiserin aufgrund ihres Besuchs in den lieber« schwemmungsgebieten und in Voraussicht des jetzt eingetretenen Bedürfnisses dem Vaterländischen Frauenverein den Wunsch nach Fortsetzung der Samiulnngen ausgesprochen hatte. Da das Bedürfnis den Winter über andauern wird, so ist auch noch der Eingang weiterer Gelder erwünscht.
W e h r st e u e r.
Im Zusammenhang mit ber im Reichstage zu erwartenden Vorlegung und Beratung des Militärpensionsgesetzes wird von der nämlichen Seite, die dies schon früher tat, angeregt werden, dem Gedanken der Einführung einer Wehrsteuer näher zu treten. Besonders in Süddeutschland hat derselbe viele Anhänger. Das kommt zum Teil daher, daß dort früher die Wehrsteuer bestand. Süddeutsche sachverständige Militärs, wie ber toürt- tembergische Oberstleutnant Schmib, glauben Nachweisen zu können, die Wehrsteuer werde mit Leichtigkeit 30 bis 40 Millionen erbringen. Das wäre allerdings mehr, als das verstorbene Mitglied des Preußischen Finanzministeriums, ber Geh. Oberfinanzrat Marcinowski, berechnete, ber zur Zeit, als v. Miguel Finanzminister war, einen Wehrsteuer-Vorschlag mt«gearbeitet hat.
„WaS?" sagte nun Frau Horsten erstaunt. „Der Graf von Eichfeld hält um Deine Hand au?" Und als sie sah, daß ihre Kusine jetzt Tränen vergoß. fuhr sie fort: „Du lveinst? Freuen mußt Du Dich. Bedenke, ein Graf bietet Dir fein Herz und feine Hand an. Das ist doch ein großes Glück für Dich. Bedenke, eineGräfm kannst Du werden, und Du kannst nicht im Zweifel darüber sein, >vaS Du ihm zu antworten hast. Der Graf von Eichseld soll mir als Verwandter willkommen sein."
„Nein," entgegnete Frida und trocknete ihre Tränen, ich bin nicht im Zweifel, was ich zu tun habe. Wie kann sich der Graf überhaupt erlauben, mir seine Hand zü bieten. Ich kenne ihn nicht, unb er mich nickt."
„Das schadet doch nichts," sagte Frau Horsten erregt „weise Dein Glück nicht von Dir, Du könntest es später bereiten."
„Ja, dieses Glück weite ich von mir," erwiderte Frida bestimmt. „Es ist mir schon einmal genabt, und das habe ich festgehalten."
Mit seligen Blicken sah sie Helmut an, und dieser wusste nun, was er zu tun hatte. Er stand auf und, indem er sich zu Fran Horsten wandte, sprach er:
„Gnädige Frau, Fräulein von Kullig ist m e i ii e Brant, kann also die eines anderen nicht werden."
Mit starrem Blicke unb weit geöffnetem Munde schaute Frau Horsten auf den kühnen Sprecher. Dann sprang sie auf. Mit drohenden, finsteren Ange» stand sie vor Frida.
„Unsere Wege trennen fick, wenn Du diesen Grasen von Eichseld nicht heiratest. — Und Sie, Herr Kraft, scheinen sich im großen Irrtum zu be- ‘ finde», meine Cousine als Ihre Brant zn betrachten."
„Durchaus nicht, gnädige Fron, Fräulein von Kultig wird Ihnen selbst sagen, baß es kein Irrtum und Anmaßung meinerseits ist."
DaS Fiasko ber Sozialdemokratie gibt nun Kautsky in ber „Neuen Zeit" offen zu. Er schreibt u. a., ein jeder Anhänger der Wahlbeteiligung habe eine erhebliche Stärkung ber Linken erwartet. Es lasse sich nicht verhehlen, baß in biesem Punkte die Wahlen den Verfechtern der Beteiligung eine große Ent- j täuschung gebracht habe. Ferner hätten die Genossen auf die Anwendung stärkster PresfionS- mittel gegen den Freisinn große Hoffnungen gesetzt und sich davon Mandatgewinne versprochen. Auch dieses Resultat sei nicht erreicht worden. WaS sodann daS „Moment der agitatorischen Aufwühlung und Beeinflussung der Massen" betrifft, so bekennt Bernstein, daß auch auf diesem Gebiete nicht viel zu holen war, weil die Landtags- Wahlen die Massen weit kühler lassen als etwa eine ReichstagSwahl oder selbst eine Stadtow ordneterwahl. Mit einem Mort, die „Genosser? haben vor den Wahlen den Mund ungeheuer voll genommen und sehen nun, wieweit die Grenzen ihrer Macht reichen, sobald es sich für die Wählerschaft darum handelt, ehrlich Farbe zu bekennen.