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mit dem Kreisblatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
Sonntagsbeilager JUustrirtes Sonntagsblatt«
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Marburg
Sonnabend, 7. November 1903.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag- Joh. Ang. Koch, Umvcrsitäts-Buchdnickcrri Marburg, Markt 21. — Telephon 55.
38. Jahrg.
Eine juristische Betrachtung über das Urteil im Prozeß Dippold.
Der Prozeß Dippold hat 'eine wahre Hoch- tlut Dort Abhandlungen, Broichüken und sonstigen Betrachtungen hervorgerufen, die den „Fall" unter allen niöglichen Gesichtspunkten beleuchteten und erörterten. Bielfach wurde auch die Auffassung vertreten, daß die Strafbemessung eine zu niedrige sei. lieber dieses Thema findet sich in der neuesten Nummer der „Dtsch. Juristenzeitung" ein Artikel von Prof. v. Rohland in Freiburg i. B., dem wir, unter vollster Billigung unsererseits Nachfolgendes entnehmen: Das Urteil, welches auf 8 Jahre Zuchthaus lautete, hat hi weitesten Kreisen überrascht und lebhafte Mißbilligung hervorgerufen. In seltener Einmütigkeit haben Publikum und Presse dasselbe für zu milde erklärt. In der Tat kann kein Zweifel darüber bestehen, daß das Urteil sich in Widerspruch zum allgemeinen Nechtsbewußtsein gestellt hat .... Auch vom Standvunkt des Gesetzes aus ergeben sich Bedenken gegen das Strafmaß. ES muß bezweifelt werden, daß die erkannte Strafe den Absichten des Gesetzgebers entspricht. Wenn derselbe für die vorsätzliche Körperverletzung mit tätlichem Ausgang als Höchstbetrag der Strafe 15 Jahre Zuchthaus festgesetzt hat, so ist er doch von der Anschauung ausgegangen, daß dieses höchste Strafmaß für die schwersten Fälle einer solchen Körperverletzung bestimmt sei und daß, je schwerer das Verbrechen, umsomehr seine Strafe sich diesem Maximum zu nähern habe. Die,Strafe, welche den Verbrecher getroffen hat, beträgt aber bloß 8 Jahre Zuchthaus, sie liegt also in dec ,Mitte des Strafrahmens von 3—15 Jahren, während doch das Verbrechen zu den schwersten Fällen gehört. Es ist in der Tat kaum ein schwererer Fall der Körperverletzung mit tätlichem Ausgang denkbar, und deshalb hätte die Strafe den Höchstbetrag von 15 Jahren erreichen sollen, mindestens aber fick ihm nähern müssen. Es ist indessen nicht zu übersehen, daß Staatsanwalt und Richter das Vorhandensein von Mildernngs- gründen angenommen haben. Mit Rücksicht auf diese hat der Staatsanwaltdavon Abstand genommen, das höchste Strafmaß zu beantragen, und von der gleichen Erwägung hat sich der Gerichtshof bei ^der Strafzumessung leiten lassen. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, stellt sich die Verhängung einer niedrigeren Strafe als durchaus folgerichtig dar. Aber die -Umstände, welche Staatsanwalt und Gericht als Milderungsgründe erachtet haben, Unbeslraftheit des Verbrechers und jugendliches Alter desselben, haben mit Recht Befremden erregt. Ist denn in der Tat Unbe- straftheit in jedem Fall ein Umstand, der als Milderungsgrund berücksichtigt werden muß? Nicht mit Unrecht ist die Frage aufgeworfen worden, ob denn Dippold erst ein zweites derartiges Verbrechen habe begehen müssen, damit ihn die volle Schwere des Gesetzes treffen könne. Und was sein jugendliches Alter anbetrifft, so handelt es sich nicht.um 18 oder 19 Jahre, sondern 11115 24 Jahre, eilt Alter, das doch höchstens dann in Betracht käme, wenn es sich um ein Delikt, bc- gangcu in jugendlicher Aufwallung oder inLricht-
(Nachdruck verboten.)
Im Schlosse der Ahnen.
Original-Roman von Otto König-Liebthal.
Fortsetzung.)
. »Eben Habe ich sie erhalten," sagte Helmut inst zitternder Stimme. „Ich kann den nächsten Zug noch erreichen, wenn ich mich beeile."
Horsten hatte schnell die Depesche gelesen. Er sah nach der Uhr, viel Zeit war nicht mehr übrig. Unmöglich konnte er jetzt noch die Angelegenheit regeln, wenn er Helmut nicht aushalten wollte.
„Ja," sagte er deshalb, „reisen Sie sogleich, ich werde den Wagen anivannen lassen. Bleiben Sie, so lange Sie es für nötig befinden. Hoffentlich ist es nichts Ernstes, was Sie nach Hause ruft." .
Daun reichte er Helmut die Hand.
„Empfehlen Sie mich, bitte den Damen," bat Helmut noch, „da ich sie jetzt nicht mehr auf- suchen kann. Ich komme bald zurück, wenn es geht."
... ^"ch^einmal verneigte er sich, dann ging er eiligen Schrittes davon. Als er die Freitreppe betrat, hielt der Wagen schon. Der Kutscher schnalzte mit dec Zunge, und die Pferde jagten dahin.
Herr Horsten war nicht der Mann, der, was beute geschehen kann, gern auf morgen verschiebt: aber diesmal freute er sich doch, daß die Aussprache mit Helmut Kraft noch unterblieben war.^ Er hatte Zeit gewonnen, und konnte sich die Sache noch reiflicher überlegen. Rasch setzte er sich nieder und schrieb einige Zeilen.
. -Gut, daß ich seine Adresse weiß," sagte er beledigt, „Schwabenstein muß mir den Namen lener Dame mitteilen, die Kraft so schändlich betrogen haben soll. Tut er es nicht, nun — dann
sinn handelte. Im Falle Dippold werden aber jene beiden Moniente mehr als ausgewogen durch alle jene so erschwerenden Umstände der Tat und können daher bei der Strafausmessung nicht in die Wagschale fallen. Es ist immer bedauerlich, wenn ein Urteil mit den allgemeinen Rechtsanschauungen in Widerspruch tritt — und an solchen Fällen hat es in letzter Zeit nicht gefehlt — es bedeutet aber eine Schädigung des Ansehens der Rechtspflege, wenn das in einem Falle geschieht, der so allgemeines Interesse erweckt tmd die Gemüter so erregt hat, wie der Prozeß Dippold. Die Rechtspflege kann ohne das Vertrauen des Volkes nicht bestehen, und sie vermag sich dieses nur zu erhalten, wenn sie mit seinen Nechtsaiüchantmgen im Einklang bleibt.
Umschau.
Für die Krieger vereine bricht Generalleutnant v. Bogulawski eine Lanze, in dem er sich gegen den von Sudermann im „Tag" gebrauchten unschönen Ausdruck „Krieger- Vereinsmeierei" wendet. „Wir wissen, so schreibt er, daß die Kriegervereine der Sozialdemokratie und ihren demokratischen Mitläufern ein Dorn im Auge sind. Wie sind sie entstanden? Aus dem Bedürfnis alter Soldaten, die Erinnerung an die Militärzeit in Krieg und Frieden und die dort gefundene Kameradschaft weiter zu pflegen, sich gegenseitig zu unterstützen. Daß dabei die Treue zum Kriegsherrn und der vaterländische Gedanke in die erste Linie traten, war selbstverständlich. Das war aber genügend, nm den Haß der Demokratie aller Schattierungen zu erregen. Die Kriegervereine haben iw ihren Satzungen allerdings geschrieben, daß sie sich von Politik fernhalten sollen. Jetzt aber, !vo man sie seit Jahren in schnöder Weise angegriffen hat, wo die Sozialdemokratie in ihrem übermütigen weiteren Fortschreiten auch die Absicht ausspricht, die entlassenen Soldaten vom Eintritt in die Krieger- Vereine abzuhalten, ist es ihre Pflicht, ebenfalls in den Kampf durch treues Festhalten an ihrer Farbe bei jeder passenden Gelegenheit einzutreten. Und sie bilden eine mächtige Organisation. Sie könnte aber noch mächtiger sein, wenn nicht der Partikularismus sich dem ersten Gedanken des allgemeinen deutschen Kriegerbundes widersetzt hätte. Daß diese Verbände Opfer zu bringen verstehen, haben sie kürzlich durch ihre Gaben für die schlesischen Ueberschwemmten und früher durch Errichtung des Kpffhäuserdenkmals be- iviesen. Sie werden auch ferner feststehen als ein Damm gegen die Feinde des Königtums und die Vertreter eines wüsten Internationalismus. Die Gleichheit, welche die Demokrasie immer so stark im Munde führt, findet man bei den Versammlungen der Kriegervereine im besten Sinne ausgeprägt. Da sitzt der Arbeiter mit seiner Gattin neben der Familie des Kaufmanns. Die Kameradschaft macht sie gleich. Hier findet man keine Streberei wie in den geistreichelnden Zirkeln gewisser Kreise, aus denen man die Parole mit dem Blick nach oben deutlich heraushärt: „Ote-toi qne je m’y mettel"
weiß ich, was ich von ihm zu halten habe. In ivenigen Tagen kann seine Antwort hier sein. Trifft jedoch keine ein — dann ist er ein Schwindler und ich werde ihn zur Rechenschaft, ziehen. Sollte es so kommen, dann braucht Herr Kraft niemals zu erfahren, welche niederträchtige Verleumdung über ihn' ausgesprochen war. Ja, das ivöre die glücklichste Lösung!"
Beim Mittagessen waren die Damen sehr ver- ivundert, Herrn Kraft nicht zu sehen. Von dec schleunigen Abreise desselben hatten sie keine Ahnung.
„Herr Kraft ist abgereist," sagte Horsten.
„Das ist gut!" rief Frau Horsten aus. „Nun sind wir ihn los."
„Noch nickst, Ella," entgegnete Horsten und erzählte nun, daß es zu einer Aussprach nicht ge- fomineit sei, da Herr Kraft sofort abreisen mußte.
„Dann schreibe ihm, daß er nicht mehr zucück- zukehren braucht," sagte Frau Horsten enttäuscht. „Meinst Du nicht auch, Frida?"
Fräulein von Kullig schien die Frage überhört zu haben, denn sie antwortete nicht, sondern ihre Finger spielten nervös mit dem Serviettenring weiter.
„Nein," sagte Horsten energisch, „das geschieht nicht. Geschrieben habe ich ihm allerdings schon, aber an Schwabenstein, daß er mir den Namen jener Dame mitteilen solle."
„Aber, Alex! Er wird daraus den Schluß ziehen, daß Du ihm mißtraustt" entgegnete Iran Horsten erregt.
er das," sagte Horsten verächtlich, „ich ziehe auch den meinigen, wenn er schweigen sollte. Im übrigen möchte ich Euch bitten, Herrn Kraft gegenüber Euch nichts merken zu lassen und unbefangen zu sein, solange die Antwort nicht eingetroffen ist. Schweigt er, um so besser für Herrn Kraft, der dann von der ganzen, Sache
Frauenkrieg.
Jetzt wird es ernst! Tie Frauenrechtlerinnen unter Anita AugSpurgs Führung marschieren gegen die „Reaktion." In dem Organ der genannten Dame, die „Frauenbewegung", heißt es am Schluffe eines Artikels über die Landtagswahlen: „Geschloffener Kampf auf der ganzen linken Seite ist das einzige erfolgver- heißende Mittel; wo die Männer sich zu dieser Taktik nicht verstehen können oder wollen, sei es Aufgabe der Frauen, ihr zu dienen und zu ihr zu überreden. Wo der bürgerliche Liberalismus zwischen Reaktion und Sozialdemokratie die Aussichtslosigkeit eigenen Erfolges zu erkennen glaubt und passiv dem Kampfe der beiden extremen Mächte zuzuschauen gedenkt, da mögen die Frauen ihm vor Augen halten, daß solche Hoffnung Verrat an der eigenen Sache ist, daß er der Reaktion Vorspann leistet, wenn er nicht alles tut, um ihren Sieg zu verhindern. Wo bei den Wahlführern das Wort von Frauen gehört wird, sei es ihr Streben, das grundsätzliche Zusammenhalten aller freiheitlichen Elemente gegen die Reaktion zu fördern; wo sie ohne solchen Einfluß sind, hat wenigstens die einzelne Frau das Recht, auf den einzelnen Wähler in jenem Sinne einzuwirken und ihn zu bedeuten, daß unsere einzige und schlagendste Wahlparole lauten muß: kein Mandat verlieren nach rechts, möglichst viele erobern nach links." Die armen Liberalen, die ohnedies schon vor einem so schweren Dilemma stehen, werden sich nun der „lieber* redungen" der Frauen zu erwehren haben. Wie wäre es, toenn die „Frauenbewegung" Aufseherinnen in die Wahllokale abordnete, oder wenigstens die Wühler bezw. Wahlmänner bis an das Wahllokal begleitete, um den Fraueneinfluß noch bis zum letzten Moment auszuüben? Der „Vorwärts" freilich fürchtet, daß die freisinnigen Philister diesmal den Damen nicht folgen würden. Da sind wohl die braven „Genossen" folgsamer?
Bekämpfung der Arbeitslosigkeit durch die Gemeinden.
Die Bautätigkeit der städtischen Gemeinden hat in den Jahren der Krise viel dazu beigetragen, die aus der gewerblichen Krise her- rührende Arbeitslosigkeit zu mildern. Je größer die Stadt, desto reicher kann sich die öffentliche Bautätigkeit entfalten. Der neueste Jahrgang der „Statist. Jahrb. deutscher Städte" beziffert für 50 Städte den Betrag, der im Rechnungsjahr 1900 (resp. 1900/01) für Neubauten, bauliche Unterhaltung und Reparaturen ausgegeben worden ist auf 214,9 Millionen Mark. Am höchsten war absolut der Betrag in Hamburg 23,3, dem erst in einigem Abstand Berlin mit 16,5 Millionen Mark folgt. Relativ am stärksten war indes die Bautätigkeit der Gemeindeverwaltung in Mannheim, wo auf den
nichts zu erfahren braucht. Ich hoffe, daß Herr Kraft aus dieser fatalen Geschichte rein und ohne Makel hervorgehen wird!"
Ein dankbarer Blick Fridas traf Horsten. „Ich hoffe und wünsche es auch," dachte sie und ihr Gesicht wurde wieder heiterer. Frau Horstes aber blickte finster auf ihren Teller nieder, kein Wort sprechend. Das Mahl war bald beendet. Der Glücklichste von allen aber schien Werner zu sein.
„Ei, nun habe ich doch keine Schule mehr!" rief er aus und sprang in den Park hinaus.
VIII.
Helmut Kraft hatte nach einer zweistündigen Eisenbahnfahrt seinen Heimatsort erreicht. Während der ganzen Zeit war er allein im Wagenabteil gewesen, und so konnte er ungestört seinen Gedanken nachhängen. Er war noch nicht lange im Hause des Rittergutsbesitzers und doch hatte er schon so mancherlei gesehen, erlebt und erfahren, was ihm Freude und Schmerz bereitete. Mit seiner tiefen Beobachtungsgabe war es ihm bald gelungen, die Verhältnisse in diesem Hause und dieser Familie zu ergründen, was ihm allerdings um so leichter war, als Herr Horsten ihm gegenüber aus seiner Lage kein Hehl machte. Freilich konnte er ihm keine Hilfe bringen, er selbst war ja „arm wie eine Kirchenmaus", wie er sich oft ausdrückte; aber dennoch tat es ihm unendlich leid, daß ein Mann wie Horsten mit solchem weichen Gemüt und gutem Herzen so schwer zu kämpfen hatte. Und daß nicht einmal feine Frau ihn verstand, nicht seine Sorgen mit ihm teilte, betrübte ihn sehr. Ec selbst allerdings hätte es nirgends besser haben können. Herr Horsten behandelte ihn mit aller Hochachtung und Freundlichkeit und ließ ihm in der Erziehung seines Sohnes vollständig freie
Kopf der Bevölkerung die Ausgaben für Baute« 96,4 Mark ausmachten, Lübeck steht mit 66,1 Mark an zweiter Stelle, dann folgen Bremen, Karlsruhe, Königsberg. Auffallend gering im Verhältnis zur Größe der Stadt und zur Arbeitslosigkeit während der Krise waren die Ausgaben in Chemnitz. Sie betrugen nur 1,8 Millionen Mark oder pro Kopf der Bevölkerung 8 8 Mark. In Städten wie Leipzig, Dresden, Plauen und Zwickau waren die Ausgaben relativ und mit Ausnahme von Zwickau auch absolut bedeutend höher.
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Auftreten der sozialdemokratische» Primadonna.
Bebel wird demnächst ein Gastspiel in Breslau absolvieren. Die Reklametrommel war für die „Primadonna" mächtig gerührt worden. Schon lange vorher waren die verfügbaren Karten „in festen Händen". Wie der „Vorwärts" in dem Ton amerikanischer Jmpresarii mitteilt, haben sogar organisierte .Genoffen" ihren Austritt aus dem sozialdemokratischen Verein erklärt, weil sie keine Karten für das Bebelsche Gastspiel erhalten konnten. Wenn nur keine Selbstmorde vorkommen!
Deutsches Reich
Berlin, 6 November.
— Seine Majestät der Kaiser erledigte am gestrigen Vormittag verschiedene Regierungsgeschäfte und machte in Begleitung des Reichskanzlers Grafen Bülow einen längeren Spaziergang im Schloßgarten. Nach 11 Uhr reifte der Kaiser von Wiesbaden ab zum Besuch des Zaren in Wolfsgarten, wo die Ankunft um %1 erfolgte. Seine Majestät wurde von dein Zaren, dem Großherzog von Hessen und dem Prinzen Heinrich von Preußen empfangen. Graf Bülow fuhr nach Darmstadt weiter, wo ec mit dem Grafen Lams- dorff konferierte. Nachmittags fand Familientafel im engsten Kreise statt. Zu dec Galatafel am Abend waren die Minister Grafen Bülow und Lamsdorff, sowie das weitere Gefolge von Darmstadt wieder eingetroffen. Die Abfahrt Kaiser Wilhelms nach Berlin erfolgte nach herzlichem Abschied abends um %10.
— Das Zarenpaar verläßt mit morgigen Sonnabend Darmstadt. Der Großherzog von Hessen und sein Töchterchen begleiten die Zarenfamilie nach Rußland. Der Großherzog wird an den Hofjagden in Russisch-Foleu teilnehmen und 10 Tage lang Gast des Zarenpaares fein.
— Zu der soeben erfolgten Eröffnung der Akademie in Posen ließ dec Kaiser an den Ober- präsidenteit v. Waldow ein Telegramm richten, worin gesagt wird: Dec Kaiser werde der nett- begründetenHochschule sein besonders freundliches Interesse auch in Zukunft bewahren und hoffe, daß die Lehrer wie die Studierenden sich bei der Pflege der deutschen Wissenschaften auch die Pflege dec deutschen Tugenden, voran der Treue gegen Gott, König und Vaterland, allezeit ange-
Haud. Daß er Frau Horsten nicht sipnpathisch zu fein schien, war ihm zwar unangenehm, doch nicht zu ändern; er selbst ließ es ihr gegenüber an der nötigen Hochachtung und Ehrerbietung nicht fehlen. Fräulein von Kullig blieb ihm in ihrem Wesen immer noch ein Rätsel; aber dennoch fühlte er sich zu ihr hingezogen, so daß er sehr erfreut war, weint ec sie im Parke traf. Das geschah nicht oft, trotzdem Fräulein von Kullig ebenfalls gern unter den schattigen Bäumen lustwandelte; aber es schien ihm, als ob die Daine absichtlich jede Begegnung mit ihm vermied so gut sie es vermochte. — Er liebte sie, das war ihm ini Lauf der wenigen Monate klar zum Bewußtsein gekommen, aber er lieble hoffnungslos. Ob sie Herrn von Schwabenstein erhört hatte? Er wußte es ja noch nicht. Immer wieder verscheuchte ec die trüben Gedanken, er hoffte auf ein glückliche Lösung. Doch mußte er alles gehen lassen, ohne irgend einmal eingreifen zu können.
Mit eiligen Schritten verließ Helmut den Bahnhof, um so schnell als möglich feine Mutter umarmen zu können. Weshalb sie ihn gerufen, danach hatte er sich vergeblich gefragt; doch hatte er ohne Besorgnis um die Gesundheit seiner geliebten Mufter die Reise angetreten, die, wie sie erst gestern schrieb, wohlauf, war. Der Inhalt der Depesche war vielmehr so abgefaßt, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein mußte. Und' er sollte darüber nicht mehr lauge im Unklaren bleiben.
Mft Freudentranen in den Augen begrüßten sich Mutter und Sohn und hielte» sich lauge um- schlungen. Endlich entwand er sich sauft ihreii Arme» und blieb dickst vor ihr stehen, fragend in das geliebte Antlitz feiner Mutter schauend.
(Fortsetzung folgt.)'