Einzelbild herunterladen
 

SBSKBS353S&

Sonntagsbeilcrger JUustrirLes Sonntagsblatt

Jo 284

Vierteljährlicher Bezugspreis, de, ocr Expedition 2 Mk bei allen Postämtern 2,25 Ml. .erd. Bestellgeld).

Jnsertionsgebiihr: die gespaltene Zeile oder deren Raum 10 Psg.

Ncclamen: die Zeile 25 Pfg.

Marburg

Sonntag, 1. November 1903.

Erscheint wöchentlich sieben mal.

Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Uruvcrsitäts-Bc^druckerei Marburg, Markt 21. Telephon 55.

38. Jahrg.

Erstes Blatt.

Bestellungen

für die Monate November und Dezember auf die

Oberheffifche Zeitung" nebst ihren Beilagen werden von unserer Expedition (Markt 21) unseren Ausgabestellen in Kirch­hain und Neustadt, sowie von allen Post­anstalten und Landbriefträgern entgegen­genommen.

Allerlei Pädagogisches aus Marburgs Vergangenheit.

Die Schulordnungen des Großherzogtums Hessen. HeräuSg. v. Lic. Dr. Wilhelm Diehl, ev. Pfarrer zu Hirschhorn am Neckar. T. die höheren Schulen der Landgrafschaft Hessen- Darmstadt. 1. Teil: die Texte. (Monumenta Germaniae Paedagogica. XXVII). Berlin. A. Hoffmann u. Komp. 1903. Preis 12 Mk.

Die jüngst veröffentlichte Schrift des ver­dienstvollen hessischen Kirchenhistorikers, Pfarrers Lic. Dr. Wilhelm Diehl, verlangt, trotzdem sie in erster Linie für das Großherzogtum berechnet ist, gleichwohl auch die lebhafteste Beachtung kur­hessischer Lehrer. Denn unter den 108 Schul­ordnungen des Darmstädtischen Gebietes befindet sich auch eine Anzahl solcher, welche speziell Mar­burg angehe. Sie stammen aus den Jahren 16241629, also aus dec traurigen Zeit, wäh­rend welcher cs den: lutherischen Hessen-Darm­stadt gelungen war, die konfessionellen Wirren in Hessen-Kassel politisch auszunntzen. Durch das katholische Kaiserhaus dazu autorisiert und von liguistischen Truppen unterstützt, besetzte Lud­wig V. Marburg, um es bald darauf an seinen Sohn Georg II. zu vererben, dec Stadt und Land erst durch die Kapitulation von 1646, und den bald darauf folgenden Westfälischen Frieden wie­der verlor. Ein jammervolles Bild, der evange­lische Vetter Arm in Arm mit den Jesuiten sucht dem mit Gustav Adolf zusammcnhstehenden Hessen-Kassel den Garaus zu niachen. Dazu eine Sonderpolitik, die ihre Berechtigung aus, dem bis auf die Spitze getriebenen Gegensatz zwischen Lutheranern und Reformierten glaubt, nehmen zu dürfen. Und doch war Georg II. kein übler Fürst, vielmehr fromm und erschlossen für alle kulturellen Interessen. Einen Lichtblick, in den Tagen der Darmstädtischen Okkupation bietet vor pllem die fortgesetzte Fürsorge der Regierung für das höhere Schulwesen in Oberhessen. Die Uni­versität Marburg, der Stolz des Landes und das von beiden Linien mit Eifersucht überwachte Kleinod, besaß von jeher als wichtigen Unterbau das in zwei Abteilungen (Lateinschule und Gym­nasium) zerfallende Marburger Pädagogium, das aber seit den mit der Einführung der Verbesser-

Allerseelen.

Nach Sommertagen und nach frohen Festen Ein stiller Tag, der stillste wohl im Jahr! Da sammelt auf dem Friedhof sich von Gästen Beut' eine ernste, tiefbewegte Schar;

Denn treue Liebe kein Vergessen kennt. Und selbst kein Tod den Bund der Herzen trennt.

Hier Blumen, Palmen, goldne Engelsflügel, Gestein und Erz, zu stolzem Bau geeint;

Dort, frisch bekränzt, ein schlichter Grabeshügel, An dem die Sehnsucht heiße Tränen weint; Kann doch das arme Herz es nimmer fassen, Daß ihm sein Gott das Liebste nicht gelassen.

Auf allen Wegen dreht in lust'gen Tänzen Sich dürres Laub um Kreuz und Leichenstein; Der Herbstwind raschelt in den Totenkränzen, Und lautlos bricht die frühe Nacht herein; .

Doch Liebe sorgt, daß jeder armen Seele Am heut'gen Abend nicht ihr Lichtlein fehle.

Wo aber dennoch beut ein Grab blieb dunkel. Weil kalt die Hand, die es geschmückt, erhellt Sieh, von des Nachbargrabes Lichtgefunkel Ein Strahl auf die verwaiste Stätte fällt;

Don oben aber strahlt das ew'ge Licht . . < In alle Gräber, darum weine nicht!

E. Greiner.

ungspunkte verbundenen Wirren fchlimm zurück­gegangen war. fodaß sich bereits ein Privates Konkurrenzunternehmen daneben aufgetan hatte. Es spricht nur für den Eifer des neuen Landes- Herrn, daß er noch im Jahre der Besitzergreifung durch den ehemaligen Marburger, jetzt Gießener Professor Balthasar Mentzer ein Gutachten über die Reform des Marburger Pädagogiums aus- arbeiten ließ, dem sich noch ein genauer Stunden­plan anschließt (Diehl S. 313) Wir verfolgen wie die Schüler beten lernen, dann Buchstaben malen, Silben und Wörter zusammensetzen, Neun- Zeit- und Beiwörter unterscheiden, ruensa dekli­nieren und amo konjugieren, aus dem lateinischen ins deutsche übersetzen, im Gegensatz zu derschäd­lichen Unordnung, die in allen Schulen einge­rissen, daß man den Knaben etwas deutsches vor­schreibt, daß er es ins Latein bringen soll" und so weiter bis zu Cicero und Vergil, Logik und Rhetorik, Lingua, Gracca und Hebraea. Bei der engen Verbindung von Kirche und Schule parti­zipiert letztere selbstverständlich auch an des Land­grafen Sorge für die reine Lehre. Wie Pfarrer und Diakonus so muß auch jeder Lehrer den Re­ligionsrevers unterschreiben, durch den er sich von den Verbesserungspunktcn lossagt und sich zur unveränderten AugSburgischen Konfession, der Apologie, Wittenbergischen Concordie, Schmal- kaldi scheu Artikel und Katechismus Luthers be­kennt (S. 1315). Eingehende Bestimmungen gelten der Wahl, Prüfung und Verpflichtung der Lateinlehrer. Wir sehen die Definitoren, Ver­tretern der Universität und des Pfarramtes, in der Lateinschule am lutherischen Kirchhof zusam­mentreten und mit umständlicher Fürsorge die Besetzung der vakanten Stelle vornehmen. Be­zeichnend für die verwilderte Zeit drängen sich viele, die eine zeitlang auf der Universität herum­gebummelt sind ohne sich um die humanistischen Fächer gekümmert zu haben, zur Theologie. Georg II. will dem gewehrt wissen; nur wer das Magisterexamen bestanden, soll zum Kirchen- und Schuldienst zugelassen werden; alle andern mögen zurStraf ihrer eigenen Verschuldung"ohn- befördert" bleiben (S. 5357). Das Gutachten Mentzers hat sich im Verlauf von fünf Jahren zu detaillierten Bestimmungen über das Päda­gogium und die Marburger Stadtschule ausge­wachsen (S. 5882). Sie handeln von den Pflichten des Direktors und der übrigen Lehrer, vom Lehrplan, den Prüfungen, dem Verhalten der Schüler. Unsere Gymnasiasten von heutzu­tage können froh fein, daß die alten Bestimm­ungen nicht mehr durchweg in Kraft stehen. Zwei und zwei stillschweigend in die Kirche geführt wer­den, wie ein Töchterpensionat, der Lehrer voran, der Herr Direktor hinterdrein; im Winter nicht Schneeballen und Schlittschublaufen, im Sommer nicht in der Lahn baden dürfen, weil beides zu gefährlich sei, das sind harte Dinge. Doch gabs wenigstens Mittwoch und Sonnabend Nachmittag schon frei. Wer sich schließlich noch für die Lehrer­gehälter von damals interessiert, findet mancherlei Materialien in späteren Abschnitten u. and. auch über Kirchhain und Rauschenberg, Frankenberg, Wetter und Marburg.

Bis jetzt liegen nur in einem ersten Teile die Texte der Schulordnungen vor, Diehl will be­reits in einigen Wochen die zusammenfassende

«Nachdruck verboten.)

Komödie.

Erzählung aus dem Großstadtleben vor W. Schönau '(Schluß).

Seufzend schleicht sie zum Tische inmitten der Stube, dreht den Blendschirm der Lampe so, daß das Licht den Schläfer nicht belästigt und setzt sich, mit dem Rücken gegen ihn gewendet, nieder, um bei dem kargen Licht große rote Monogramme in seine Taschentücher zu sticken. Ab und zu nimmt sie aus einem braunen Henkeltöpfen einen Schluck Kaffee und beißt in die trockenen Brotschnitte.

Während sie, tief auf die mühselige Arbeit ge­neigt, fleißig die Nadel handhabt, fliegen die Ge­danken in die Vergangenheit zurück und sie sieht sich mit dem Manne dort vor dem Altar der Petri- kirche stehen, glaubt deutlich die Worte des alten Pfarrers zu hören, der so schlicht und eindring­lich von den Pflichten der Gatten, von nie auf- hörender Liebe und Treue sprach. Und dann die ersten Wochen im eigenen, bescheidenen, aber ach so trauten Heim! Die Geburt des Stammhalters! Was waren das für glückliche, felige Zeiten ge­wesen, und wie rasch waren sie verflogen. Der erst so fleißige, nüchterne Mann geriet in schlechte Gesellschaft, die unzufrieden mit ihrem beschei­denen, aber auskömmlichen Lose an der bestehen­den Ordnung der Dinge zu rütteln versuchte und auch ihn zum Streik aufreizte. Wie hatte sie ge­beten und gefleht, diesen Verkehr zu meiden, wie ihn ermahnt, mit seinem Lose sich zu begnügen! Umsonst, er war weiter gegangen aus der ab­schüssigen Bahn; bald gehörte er zu den Rädels­führern, und als der Streik einen ungünstigen Verlauf nahm, verlor er die Stellung und sank nun rasch tiefer und tiefer. Die Polizei hatte bereits ein wachsames Auge auf ihn, er zählte zu

Darstellung in einem zweiten folgen lassen. Das ergiebige Werk, das die in Frage kommenden öffentlichen und privaten Archive gründlich aus­geschöpft hat, sei allen Freunden hessischer Kirchen- Schul- und Kulturgeschichte hiermit aufs wärmste empfohlen. Fr. W.

Umschau.

Alkohol und Wohnungsfrage.

Die Rede, welche der Staatssekretär des Innern, Staatsminister Graf Posadowsky in der 20. Jahresversammlung des Vereins gegen Miß­brauch der geistigen Getränke gehalten hat, er­öffnet neue fruchtbare Gesichtspunkte für die wirk­same Bekämpfung des an dem Marke unseres Vol­kes zehrenden übermäßigen Genusses alkoholischer Reizmittel. Er wies mit Recht auf den engen Zusammenhang dieses Volksichaden mit der Woh­nungsfrage hin. Zweifellos liegt in den unbe­friedigten Wohnungsverhältnissen eines großen Teiles der ärmeren Bevölkerung der großen Städte und industriellen Zentren eine der wich­tigsten Ursachen des übermäßigen Wirtshauslebens und des damit eng zusammenhängenden allzu­vielen Genusses von Alkohol. Wer sich in seiner Wohnung nicht wohl und heimisch fühlen kann, wird naturgemäß dazu angereizt, feine Erholung außerhalb und im Wirtshaus zu fuchen und so ge­radezu unter den Trinkzwang des Wirtshaus­lebens gedrängt. Dasselbe gilt, soweit es sich um ledige Mitglieder dieser Schickten der Bevölkerung handelt, auch von dem Mangel an Gelegenheit zu anderweiter Erholung und an Räumen, in denen sie sich Wohl und heimisch fühlen können. Zur Lösung dieser Fragen kann der Staat nicht allzu­viel beitragen. Er kann, soweit nicht seine Arbeiter und gering besoldeten Beamten in Frage kommen, durch Wohnungsgesetzgebung und Wohnungs­polizei nur den Boden für eine positive schaffende Tätigkeit ebnen. Diese selbst aber soll auf dem Wege gemeinnützigen Wirkens entfaltet werden. Hier bietet sich fowohl den Gemeinden wie der freiwilligen Hikfstätigkeit des prakttschen Christen- ttims ein weites und fruchtbares Feld. Gerade die wohlhabenden gebildeten Schichten der Be- vöflerung werden es sich, tvenn es ihnen ernst um die Bekämpfung des Mißbrauchs alkoholischer Ge­tränke ist, angelegensein lassen müffen, im Wege freier Selbsttätigkeit durch Genossenschaften und andere ähnliche Einrichtungen für eine wesent- liche Verbesserung der Wohnungsverhältnisse der breiten Schichten der Bevölkerung, namentlich der Arbeitecklaffe in den großen Städten, zu sor­gen und zugleich auf Einrichtungen Bedacht zu nehmen, durch welche insbesondere den nichtver­heirateten Mitgliedern dieser sozialen Schichten, Gelegenheit geboten wird, Erholung und Erfrisch­ung anderwärts als im Wirtshause zu finden. Wie es die unabweisbare Pflicht der Gebildeten un­seres Volkes ist, inbezug auf die Trinksitten und ihre Reinigung von Mißbräuchen mit gutem Bei­spiel voranzugehen, so müssen sie es auch alr eine dringende Aufgabe ansehen, durch posittve Ein­richtungen auf dem Gebiete der Wohnungsfrage und Schaffung von Erholungsheimen zur wirk- samen Bekämpftrng der schweren materiellen, sitt­lichen und gesundheitlichen Schäden nach Kräften

den gefährlichen, aufreizenden Elementen, welche das Wohl der Bürger bedrohen. Die Nächte durch­trank er, die Tage durchschlief er und bürdete den schwachen Schultern der Frau die Sorge für die Erhaltung der Famllie allein auf. In ihrer Herzensangst war sie eines Tages zu dem Pfarrer gelaufen und hatte seinen Beistand erfleht. Der alte Herr war auch gekommen und hatte den Ver­irrten auf den Weg der Pflicht zu lenken versucht. Schweigend waren seine Vorstellungen angehört worden und er verließ hoffnungsvoll das Haus, dieses Schweigen als Zerknirschung deutend.

Schaudernd denkt die stille Frau an die Miß­handlungen, die ihr. nach dem Fortgänge des Pfarrers wurden, und da, an diesem Abend hatte das Elend erst recht begonnen. Er hatte sie zu Boden gestoßen, und bei dem Falle war ihr das Portemonnaie aus der Tasche geglitten. Gierig hatte er es an sich gerissen und gefragt, woher das Geld wäre. Da hatte sie zögernd gestanden, daß sie auf der Rückfahrt vom Pfarrer in der Elektri- fchen von ihrem Elend erzählt und mitleidige Fahr­gäste ihr das Geld geschenkt. Furchtsam hatte sie sich niedergeduckt, neuer Mißhandlungen gewärtig. Aber der Unhold war in lautes Lachen äusge- brochen und hatte gemeint, daß das ja ein sehr einträgliches Geschäft fei und gewiß noch lohnender würde, wenn sie sich als von dem Manne verlassen hinstellte. Den größten Teil des Geldes hatte er noch in derselben Nacht verjubelt und unter den rohesten Mißhandlungen zwang er das wider­strebende, unglückliche Weib, dieses einträgliche Ge­schäft fortzusetzen.

Mft Zittern und Zagen, in steter Angst vor Entdeckung hatte sie es wieder und wieder getan und immer andere Linien der Straßenbahn be­fahren. Man hätte meinen sollen, daß diese Ko­mödie, wie sie es nannte, ihr immer geläufiger

beizutragen. Möge die Mahnung, welche in den Worten des Grafen Posadowsky für die gebildeten und wohlhabenden Bürger unseres Volkes liegt, auf fruchtbaren Boden fallen! ,

Das Drohen der Sozialdemokratie mitderRevolution.

wird feit kurzer Zeit ganz systematisch betrieben. Augenscheinlich haben die führendenGenossen" Angst, daß eine kräftige und konzentrische Aktion gegen die sozialdemokratische Bewegung unter­nommen werden könne, und dav^c suchen sie durch Drohen mit Gewalt abzuschrecken. So schreibt derVorwärts":

Wenn wir voraussetzen, daß die sozialdemo­kratische. Stimmenzahl sich in dem bisherigen Tempo vermehrt, so wird in zwei bis drei Jahr­zehnten der Zeitpunkt eintreten, wo die starke Majorität des Volkes sozialistisch geworden ist. Unsere Presse, unsere Organisationen auch die gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen Organi- fationen werden dann eine ganz andere Macht repräfentteren, als heute. Dagegen wird die Macht der herrschenden Klassen um so geringer ge-, worden sein. Auch auf das stehende Heer wird dann kein Verlaß mehr sein, besteht es doch zur Mehrzahl aus Angehörigen des sozialistischen Volkes. Die herrschenden Klassen werden dann also nicht daran denken können, dem Volke Rechte zu eskamotteren, sie werden int Gegenteil Zuge­ständnisse machen müssen, ttnd ob sie noch so sehr davon überzeugt sind, sich selbst damit den Ast abzusägen, auf dem sie sitzen. Versuchen sie's dennoch mft einem Gewaltstreich, so wäre das nur ein rascheres Mittel, dieDiktatur des Prole­tariats" herbeizufiihren, die im andern Falle lang­sam und nattirlich, auf ganz legalem Wege, der sozialistischen Arbeiterklasse zufallen müßte.

Indes wäre es auch möglich, daß die besitzen­den Klassen es schon mit Gewaltmitteln versuchte, bevor die Sozialdemokratie die Volksmehrheit er­langt hätte. Wir bekämen es dann also mit einer Wahlentrechtung, Ausnahmegesetzen usw. zu tun. Um den propagandistischen Erfolg dieser Mittel für uns brauchten wir nicht besorgt zu sein. Die Zahl unserer Anhänger wurde wachsen auch Zensus- und Dreiklassen-Wahlen würden noch einen Maßstab dieses Wachstums bilden und fchließlich würde doch wieder die Zwangsjacke der Knebelgesetzgebung zersprengt werden. Dec Poli­tik der Peitsche würde dann wieder die des Zucker­brotes folgen. Mit dem schließlichen Erfolg wie oben."

Denherrschenden Klassen" muß doch die Schamröte ins Gesicht steigen, wenn sie so etwas lesen. Es wird hier auf die Unzureckmuiigsiäbig- feit und auf unbedingtes Geschcheulasien dec Re­volutionierung offen spekuliert. Wie Hohn klingt es, wenn benherrschenden Klassen" zugemutet wird, nach und nach den Ast abzm'ägen, auf dem sie sitzen, um die Diktatur des Proletariats etlvas hinauszuschieben. Ist der Hohn aber und der Hinweis aus die Politik des Zuckerbrotes nicht verdient? Die Sozialdemokratie aber wird sich täuschen, tvenn sie meint imstande zu sein, auf ganz legalem" Wege zur Diktatur des Prole- tariats zu gelangen. Wenn es denherrschenden" Klassen an den Kragen gehen wird, werden sie

werden müsse, aber im Gegenteil, immer schwerer und schwerer wurde sie ihr. Es war da Awas in ihrem Innern, was gewaltsam aufschrie gegen diesen Erwerb; sie schämte sich vor ihren Kindern. Wähnte sie doch die unschuldigen Augen ihres Aeltesten in banger Frage auf sich gerichtet zu sehen, wenn sie von dem bavongelauftnen Vater erzählte. Sie, die stets die Lüge als Todsünde ge­haßt hatte, mußte nun fast täglich diesem Laster sröhnen und tvas so unsagbar schwer war, vor den Augen ihrer Kinder.

Fiebernd lag sie nachts im Bette und zermar­terte sich das Hirn nach einem Ausweg aus dieser Qual. Endlich kam ihr ein rettender Gedanke. Eine Bekannte, deren Mann gestorben, erwarb sich den Lebensunterhalt für sich und ihre vier Kinder mittelst einer Strickmaschine und zwar ver­hältnismäßig leicht. Heimlich erkundigt sie sich nach dem Preise einer solchen und erfuhr, daß eine gebrauchte, aber gute Mafchine für 70 Mark ver­käuflich fei und bei 50 Mark Anzahlung ihr ge­geben würde.

Fünfzig Mark! Ein Vermögen für die Aermstek Sie beschloß, von nun an von demeinträglichen Geschäft" jedesmal heimlich ein Sümmchen weg- zustecken, bis sie eine größere Summe beisammen. Tann tvürde vielleicht der Verkäufer mit sich reden lassen und ihr auch für weniger als 50 Mark An­zahlung die Maschine leihen.

Als die eifrig stickende Frau bei diesem Punkte ihres Gedankenganges angekommen ist,, läßt sie die Arbeit sinken und steht leise auf. Ein Heikes Verlangen, den ersparten Schatz zu sehen, erfaßt sie. Auf den Zehen läuft sie zu der Kommode, zieht einen Schub auf und entnimmt einem Paar zusammengerollter Strümpfe eine kleine runde Schachtel. Mit dieser kehrt sie, einen prüfenden, flüchtigen Blick auf den noch immer Schnarchenden