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M dem KniMatt für die Kreise Marburg und Kirchhain.
SonnlagsVeilager JUuftrirtes Sonntagsblatt.
Bicrtcljährlicher Bezugspreis, bet der Expedition 2 2Td,
Jo 279
bei allen Postämtern 2,25 Mk. ^cxcl. Bestellgeld). Jusertionsgeb uhr: die gespaltene Zeile oder dcrm Raum 10 Pfg.
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Marburg
Dienstag, 27. Oktober 1903.
Erscheint wöchentlich sieben mal.
Druck und Verlag' Joh. Aug. Koch, Umversitäts-Buchdruckerei Marburg, Markt 21. — Telephon 55,
38. Jahrg.
Die komulenden Handelsverträge.
Vor dem Jahre 1879 haben wir in Deutschland hauptsächlich MeistbegünstigungSoerträgs gehabt. Fürst Bismarck bat daitu die Zölle stark erhöht und damit den Weg beschritten, aus welchem die deutsche Industrie und, wenn auch nur in lehr bescheidenem Maße, die Landwirtschaft zu besserer Entwicklung gekommen sind, Nach Ab- schlusi der Caprinischen Handelsverträge trat dann der schwere Rückschlag ein, dessen Folgen nur zu bekannt sind. Die Meistbegüiistigungsklausel hat nur eine negative Bedeutung und ermöglicht es denjenigen Staaten, welche keinen Vertrag schließen,Errungenschaften ohne Zugestänbnifse einzuheimsen. Aus diesem Grunde ist es außerordentlich bedauerlich, daß wir den amerikanischen Ge- weideausfuhrläiideru gegenüber unsere ganze Meistbegünstigung aufrecht erhalten haben, anstatt niis wenigstens auf den Standpunkt genauer Reziprozität zu stellen.
Gerade die Vereinigten Staaten und Argen- finicit überschwemmten infolge dieser kurzsichtigen Politik Deutschland mit ihren landwirtschaftliche» Produkten, ohne Gegenleistung zu biete», und diese Uebcrschlvenimung wird sich noch in steigendem Maße geltend machen, wenn durch die neuen Verträge kein Riegel vorgeschoben ivird. Dagegen schließen diese beiden Staaten unsere Industrie- Produkte in immer schärferer Weise von ihren Absatzgebieten aus; Argentinien z. B. erhebt Eingangszölle bis zu 50 pCt. des Wertes, wobei die Zollwerte je nach Belieben angesetzt werden, sodaß immer neue Erschwerungen entstehen. Was die Getreideausfuhr anbelangt, so ist cs natürlich, daß ein Land wie Argentinien, dessen Anbaufläche rapid wächst, immer größere Getreidemafscn nach Deutschland werfen muß. Die argentinifche Weizenernte hat sich im Jahre 1890/91 auf 8-18 000 Tonnen bemessen, während im Jahre 1899/1900 seine Ernte bereits 2 750 000 Tonnen betrug! Rechnet man dazu, daß der argentinische Bauer um ungefähr 40 pEt. billiger produziert als der deutsche, daß die Wasserfracht verhältnismäßig wenig kostet, so ist in die Augen springend, daß die einheimische Landwirtschaft gegen eine solche Konkurrenz nicht anfkommen kann. In bezug aus die Bereinigten Staaten muß es auffallen, daß die Landwirte im Osten der Union vorteilhafte Geschäfte machen konnten, obschon im Jahre 1867- -94 die Getreidepreise ohne Unterbrechung bis zu 38 pEt. gefallen sind. Betrachtet mair aber die Tatsache, daß die Fracht von Cbikago in diesem Zeitpunkt um 53 pEt. ermäßigt wurde, so läßt sich auch bierfiir eine Erklärung finden. Die Vereinigten Staaten erportierten nach Europa 1860—69 6,2 Millionen Hektoliter Weizen jährlich, während vom Jähre 1890—96 allein 50,6 Millionen aus- geführt wurden! Im Jahre 1899/1900 über* stieg die deutsche Einfuhr die Ausfuhr um mehr als 30 pCt., während die Handelsbilanz Amerikas sich immer glänzender gestaltete. Die Ausfuhr übersteigt die Einfuhr um nahezu das Doppelte, während die Ausfuhr deutscher Fabrikate im Verhältnis zu der Gesamtausfuhr Deutschlands seit 1893 nicht 'gestiegen ist.
G (Nachdruck verboten.)
Im Schlosse der Ahnen.
Original-Roman von Otto König-Liebthal.
----- «Fortsetzung.)
Sie stellte sich vor-den Spiegel. Ruhig hob und senkte sich ihre Brust, nichts mehr verriet die fürchterliche Aufregung, in der sie sich noch vor wenigen Stunden befunden hatte.
Es klopfte. Ihre Kusine, Fran Horsten trat ein.
„Störe ich auch nicht?" fragte sie, indem sie auf einem Stuhl Platz nahm. Doch sprang sie so- fort wieder auf.
„Aber, Frida, Du bist ja noch im Neitkleide!" rief sie verwundert aus und schlug die Hände zusammen. „Willst Du Dich denn nicht umkleiden, es ist die höchste Zeit! Du weißt doch, daß der Hauslehrer heute gekommen ist. Bist Du denn gar nicht neugierig?"
„Neugierig!" rief Fräulein Frida lachend. "„Nein, nicht im geringsten.,, An einem Hauslehrer finde ich nichts Interessantes. Er wird mir vollständig gleichgültig sein."
„Aber wenn er nett ist!" scherzte Frau Horsten.
„Ist er das?" fragte Fräulein Frida errötend.
„Das weiß ich auch nicht, denn auch ich habe ihn noch nicht gesehen," entgegnete Frau Horsten. „Doch werden nur ihn ja gleich kennen lernen. Mach' Dich fertig, Frida, es ist hohe Zeit." —
IV.
$Bci bent Essen sah Helmut die beiden Damen zum ersten Male. Frau Horsten war eine stattliche Frau, doch fand Helmut schon bei der oberflächlichen Betrachtung derselben nichts Besonderes an ihr, was ihn gefesselt hätte. Anders war es aber bei Fräulein von Kullig. Sie war nicht groß, aber doch von schlanker Gestalt. In weißem Kleide,
Die schutzzölluerische Mehrheit in Amerika wird als etwas selbstverständliches angesehen, während bei uns das Freihändlertum immer noch Prinzipien anbetet, die anderswo längst in die Rumpelkammer politischer Antiquitäten geworfen wurden. In der Tat giebt cs keinen Kulturstaat mehr, in dem noch ernsthaft von dem Freihandels- Prinzip die Rede ist. Selbst Großbritannien hat seit der Kündigung seines Meistbegünstigungs- verlrages und mit Herbeiführung der Differenzierung in den englischen Kolonien den Freihandel prinzipiell verlassen, ohne daß noch die Chamberlainschen Pläne Wirklichkeit , geworden sind, die in dieser Hnisicht noch viel weiter gehen. Sogar Holland hat schon Zölle bis zu 6 pEt. eingeführt. Man hat eben allerwäts eingcsehen, daß die Natur die Wirtschaft der einzelne» Nationen verschieden ausgcstattet hak, und infolge dessen sich jede vernünftigerweise nach ihren eigene» Interessen richten muß. (Daraus ergibt sich nebenbei auch, daß die Vereinheitlichung und der Kommunismus der Sozialdemokratie in das Gebiet utopistischer Pläne zu verweisen ist.)
Die merkantilistische Theorie, wonach die Land- wirtschaft der Industrie zu opfern sei, darf glücklicherweise als überwunden angesehen werden, denn die wenigen unklaren Köpfe, in denen diese Ideen noch spucken, sind ohne Einfluß. Sie glauben nationale Sozialpolitik zu treiben, besorgen aber nur — vielleicht vhne zu wissen ■— die Arbeit für das Ausland, indem sie für Handelsfreiheit eintreten, d. h. mit anderen Worten,- sie schützen die Ausfuhr der „industriellen Arbeit", und bekämpfen die Maßregeln zum Schutze der Landwirtschaft. Die schwere Arbeit der deutschen Landwirte gilt den Herren, die so die Geschäfte des Handelsvertragsvereins besorgen, nicht als na- tiionale Arbeit! Ausländisches Getreide darf fo viel hereinkommen, als nur möglich, wenn die Landwirtschaft ruiniert wird, so macht das nichts. Und das nennt sich nationale Sozialpolitik. =**
Bon feiten des Freihändlertums wird immer als letztes Schreckgespenst die Gefahr der Zollkriege angeführt, tvelche dem Abschluß von Han- delsverträgeir schädlich seien. Wenn auch Zollkriege tunlichst zu vermeiden sind, so können sie im gegebenen Falle doch auch das Ihrige zmn Abschluß eines günstigen Handelsvertrages beitragen. Zollkriege haben stattgefunden im Jahre 1886 zwischen Oesterreich und Rußland, zwischen der Schweiz und Frankreich, 1894 zwischen Deutschland und Spanien. Alle diese Zollkriege haben vorübergehend große Unzuträglichkeiten gebracht, die Folge war aber doch die, daß man schließlich allerseits zu gewissen Ausgleichen gelangte. Nur Amerika ist seither ungerupft durchgekommen, weil niemand feinen poli- tifchen Machenschaften gegenüber tatkräftig aufgetreten ist. Fanden die Pankees einen energischen Gegner, sie haben sie noch stets beigegeben, iveil sie in wirtschaftlicher Beziehung doch auf den europäischen Kontinent Rücksicht nehmen müssen. Und Deutschland hat am wenigsten Ursache, bei den neuen Handelsverträgen ein übergroßes Entgegenkommen bem Auslande gegenüber zu zeigen. * *
mit einer Rose int Gürtel, saß sie ihn: gegenüber. Eine heitere Freude strahlte in ihrem durchsichtig lieblichen Gesicht, in welchem die feingeschwungene Linie der roten Lippen und die bläulich Pulsierenden Adern der Schläfen allein verrieten, daß Blut unter der zarten Haut rolle. Wenn sie aber fühlte, wie die Blicke des jungen Mannes an ihr hängen blieben, dann lief eine rosige Blutwelle, langsam verfolgbar, ihr über Gesicht und Nacken. Und immer wieder sah er zu ihr hinüber, wenn er es auch unbeachtet zu tun glaubte. Welch' reine Seele mußte in diesem Mädchen wohnen! Welche hingebende Innigkeit schimmerte aus den halb gesengten Augen! Die Lippen umspielte ein träumerisches Lächeln und ein Hauch innerer Glückseligkeit verklärt das Gesicht mit rührendem Reiz.
Sonderbar! Es war ihm, als sähe er dieses Mädchen zum ersten Male, und doch wieder mußte er sich sagen, daß er diese Gestalt, dieses Gesicht schon einmal gesehen habe müsse. Und bald war sein innerer Zwiespalt gelöst, und nun hatte er die Gewißheit, daß sie es war, die heute morgen unter den Händen des Zigeuners bebte und durch ihn gerettet ward. Ob sie auch ihn erkannte! Fast schien es so; aber doch erzählte sie von ihrem,heutigen Spazierritt so unbefangen, so ruhig, wie sie es einem völlig Fremden gegenüber nur tun konnte. Und Helmut lvar glücklich darüber. Auch er erwähnte nichts von feinem Erlebnis, um der jungeit Dame jede Unannehmlichkeit zu ersparen.
Das Gespräch bei Tische floß in konventionellen Bahnen dahin. Werner, sein Zögling, verhielt sich- sehr ruhig und aittwortete nur, wenn er gefragt wurde. Helmut erhoffte das beste von seinem Schüler.
Nach Beendigung der Mahlzeit zogen sich die beiden Damen zurück, tvährend die Herren noch eine Zigarre rauchten und vor der Freitreppe auf und ab gingen.
„Nun, welchen Eindruck haben Sie von
Umschau.
Zur E it t w i ck l u u g der Reichs- ' e i n u a h m e n.
Für die Entwicklung der Reichseinnahmen im latifenden Etatsjahre ist es einigermaßen wichtig, daß sich die Eimtahmen aus den Getreidezöllett dauernd auf einer Höhe gehalten haben, die in früheren Jahren nie erreicht worden ist. Ob sie auch während der Herbst- und Wintermonate teilten Rückgang erleiden, muß abgewartet werden. Bei der Bier- und Branntweinsteuer dauert der nicht erhebliche, immerhin aber entsprechende Rückgang in den Erträgen an. Er hängt wahrscheinlich mit der wirtschaftlichen Lage zusammen und berührt, soweit die Biersteuer in Betracht kommt, nicht nur bas Gebiet ber Brausteuergemeinschaft, sondern auch bett außerhalb berselben befindlichen Süden des Reiches.
Wirtschaftliche Krisis in den Vereinigten Staaten.
Vor einigen Tagen brachten wir einen Artikel über die amerikanischen Trusts, deren Gefährlichkeit für das eropäische Wirtschaftsleben überschätzt worden war, wie jetzt auch die neuesten Nachrichten aus Amerika bestätigen. , In den Vereinigten Staaten haben sich an einem der letzten Tage nicht weniger als 11 Trusts fallit erklären müssen. Mit diesen Vorgängen, die deutlich für die ungeschwächte Fortdauer ber wirtschaftlichen Krisis sprechen, hängt es offenbar zusammen, daß mehrere der größten Eiseubahngesellschaften, deren Aktien bekanntlich ganz enorme Verluste erlitten haben und int August dieses Jahres teilweise um 50 Prozent ihres Wertes zurückgegangen waren, sich genötigt gesehen haben, für alle Angestellten eine Lohnherabsetzung von 1.0 Prozent eintreten zn lassen. Der wirtschaftlichen Lage in den Vereinigten Staaten, die durch den Zusammenbruch großer, für durchaus sicher gehaltener Unternehmungen schwer erschüttert worden ist, kann also auch für die nächste Zukunft fein günstiges Prognostiken gestellt werden.
E n t l a st n n g des Reichsgerichts.
Aus Juristenkreisen wird ber „Soz Praxis" geschrieben: „Wie bie „Berl. Pol. Nachr." Mitteilen, werden die verbündeten Regierungen schon in der nächsten Session des Reichstages einen Gesetzentwurf vorlegen, dessen Zweck es ist, dcisReichs- gericht auf dem Gebiete der zivilrechtlichen Recht- fprechung zu entlasten. Mit dem Zweck dieses Vorgehens wird man allenthalben einverstanden fein, da ein Bedürfnis in dieser Beziehung zweifellos vorhanden ist. Anderseits muß aber auch jetzt wieder betont werden, daß es nicht angängig ist, diesen Zweck durch eine Erhöhung der Revisions- summe zu erreichen, iveil alsdann das Reichsgericht zu einem Gerichtshof würde, dessen Anrufung in bürgerlich,en Rechtsstreitigkeiten nur den Reichen möglich wäre. Dies muß aber heute ebenso verhütet werden, wie es früher verhütet worben ist, unb wir hoffen bieserhalb, daß die zu entwerfende ......— — ~ '■ Werner bekommen?" fragte Herr Horsten, indem er stehen blieb. .'
„Ich möchte mir noch kein Urteil über ihn erlauben," entgegnete Helmut ruhig. „Jedenfalls scheint er ein aufgeweckter Junge zu fein, der mir, was bas Lernen ^betrifft, ein guter Schüler zu werben verspricht."
„Das hoffe ich auch!" erwiderte ber Vater des Jungen erfreut: „Sie werden hoffentlich auch in anderer Beziehung mit ihm zufrieden sein können. Doch man kann es nicht wissen. Auf alle Fälle gebe ich Ihnen die Ermächtigung, keine Unart, welcher Art sie auch sein möge, ungestraft dahin gehen zn lassen und nötigenfalls den Stock zu gebrauchen. — Haben Sie Ihre Stunden schon gewählt ?"
„Ja, Herr Horsten. Ich schlage von 9 bis 11 Uhr vor, wenn es Ihnen recht ist," erwiderte Helmut.
„Selbverständlich!" Morgen fangen Sie also an?"
Helmut bejahte und befriedigt nickte Herr Horsten.
Doch nun muß ich Sie allein lassen," sagte der Rittergutsbesitzer, „ich halte auch gern nach dem Essen ein kleines Schläfchen. Sie nicht?" ,
„Nein," entgegnete Helmut lachend, „die Zeit ist mir zu kostbar, auch fühle ich gar kein Bedürfnis dazu."
„Hm!" machte Herr Horsten. „Sie haben eigentlich recht, es ist eine dumme Angewohnheit." —
Helmut war wieder allein. Da die Sonne jetzt hinter den Bäumen hervorkain, so war es nicht angenehm, hier weiter zu verweilen. Auch er ging in sein Zimmer und schrieb seiner Mutter den ersten Brief aus Eichfeld, den er, als er ihn beendet hatte, sofort nach dem Briefkasten trug, der an einem der Arbciterhcmfer angebracht war.
Nach dem Kaffee ging Helmut mit Werner in den Park; bald aber sah er sich allein, denn Wer-
Novelle keine Vorschläge enthält, welche sich nach dieser Richtung bewegen; die Stellung des Reichsrats im Jahre 1899 hat angezeigt, daß die Mehr« desselben von einer derartigen Abänderung des bestehenden RechtSzustandes nichts wissen will, und es besteht kein Grund zu der Annahme, daß die Mehrheit heute anders denkt wie vor wenigen Jahren."
Der sorgsame Freisinn.
Regelmäßig wie bas Mädchen aus der Fremde stellen sich, wenn politische Wahlen bevorstehen, in der freisinnigen Presse Artikel für die Unterbeamten sowohl im Reichs- wie im preußischen Staatsdienste ein, in denen Versprechungen in reicher Fülle geboten werden. Da wird selbstverständlich rein ans gutem Herzen und sachlichem Interesse, — nicht wegen der Wahlstimmen der Beamten! — bald eine Erhöhung der Gehälter, bald eine Aenderunq unb Ausbesserung des Wohnungsgeldzuschusses, bald eine Gewährung von Teuerungszulagen und was bet guten Dinge sonst noch sind, an die Wand gemalt. Aber, während so aus reichem Füllhorne Zukunftsgaben auf die Unterbeamten ausgestreut werden, wird sorgfältig vermieden, daran zu erinnern, daß zur Erfüllung solcher Verheißungen es sowohl im Reiche wie auch in Preußen der Zuführung neuer Mitte! für die Reichs- und Staatskasse bedarf. Wann aber hätte jemals gerade die freisinnige Partei sich bereit gefunden, dem Reiche oder dem Staate eine Vermehrung seiner Einnahmen zu gewähren?! Ist es nicht die freisinnige Partei immer gewesen, welche gerade auf diesem Gebiete sich noch stets absolut negierend verhalten hat! Versprechungen aber, hinter denen nicht der ernste und ehrliche Wille steht, aber die zur Erfüllung derselben notwendigen Mittel zu gewähren, haben in Wirklichkeit nicht den mindesten praktischen Wert. Sie sind nichts als Köder, um bie Stimmen ber Unterbeamten für bie nächsten Wahlen zu gewinnen.
Deutsches Reich
Berlin, 26. Oktober.
— Sein Majestät bet Kaiser wohnte am Samstag Mittag der Enthüllung ber Fiirsteu-Denk- rnäler in Käst rin bei. Am gleichen Abend war Seine Majestät Gast des Reichskanzlers in Berlin. Gelaben waren u. a. Professor Haruack, Professor N. Begas, sowie der durch feine drahtlose Telegraphie bekannte Dr. Slaby.
— Die Enthüllung der Fiirsten-Denkmäler in Küstrin verlief programmgemäß. Die Stadt war festlich geschmückt, auf den Wällen standen um« kränzte Kanonen, in den Straßen bildeten Schulen, Gewerke, Vereine und die Garnison Reihen. Auf dem Platze vor der Schloßkaserne bei benv Denkmal des Markgrafen Johann von Küstrin
ner war verschwunden, nm feine Spielkameraden aufzusuchen. Plötzlich hörte er Werners Stimme wieder; er Hern inte seinen Schritt unb horchte gespannt auf, denn was er jetzt vernahm, erfreute ihn nicht.
„Was?" schrie Werner, „Du willst nicht mein Pferd sein?"
„Nein," sagte Paul kurz und trotzig.
„Warum nicht?" klang's herrisch zurück.
„Weil Du mich immer schlägst!"
Werner lachte höhnisch auf. „Ein Pferd fonn man doch schlagen," sagte er beslinimt, „und Du bist doch jetzt mein Pferd."
„Ja — aber ich habe doch nichts getan," erwiderte Paul.
Ehe sich's Paul versah, hatte er wieder einen derben Hieb weg. daß er laut anfsckrie. Er streifte sich die Leine von seinen Armen und warf sie zur Grbe.
„Du dummer Tagelöhncriunge!" schimpfte Werner und fuchtelte mit ber Peitsche durch die Lust.
Jetzt trat Helnint vor. Vor Schreck ließ Werner bie Peitsche fallen und wollte entfliehen.
„Hier bleiben!" befahl Helmut zornig.
„Nein!" gab Werner trotzig zurück und machte Miene, sich zu entfernen.
Helmut batte ihn am Arm gepackt. „Weißt Du, wer ich bin?" fragte er mit ernster Stimme.
„Mein neuer Lehrer," schluchzte Werner.
„So — nun geh' hin zu Paul und sage ihm: Ich habe Dich geschimpft, ich will's nicht mehr wieder tun, sei wieder mit mir gut!"
Werner rührte sich nickt unb war nicht zn be- toegen, ben Befehl feines Lehrers auszuführen. Helmut bitrfte diesen Ungehorsam nicht ungestraft lassen. Hier galt es, bom ersten Augenblicke an, Strenge zu üben. Er nahm die Peitsche x>om Boden auf unb züchtigte Werner mit bem L-tock derselben. Dann ließ er ibn laufen.
(Fortsetzung folgt.)